Zur Ausgabe
Artikel 17 / 69

DDR Geistige Leere

Mit der Festnahme Rudolf Bahros verschaffte die SED-Führung ihrem Kritiker genau die Publizität, die er sich erhofft hatte.
aus DER SPIEGEL 36/1977

Schweigend hörten die SED-Genossen auf der Parteiversammlung des VEB Gummikombinats Berlin der Rede ihres Funktionärs zu.

Acht Minuten lang referierte Rudolf Bahro, Mitglied der Parteileitung im Betrieb, am Montagabend vergangener Woche Ungeheuerliches. Seit fünf Jahren -- so trug der 41jährige Abteilungsleiter für wissenschaftliche Arbeitsorganisation den Kollegen vor -- habe er insgeheim an einer programmatischen Abrechnung mit dem DDR-Sozialismus gearbeitet. Das fertige Buch erscheine jetzt unter dem Titel »Die Alternative« in einem bundesdeutschen Verlag; Auszüge habe der SPIEGEL soeben im Vorabdruck veröffentlicht (SPIEGEL 35/1977).

Auch als Bahro die wichtigsten Thesen seines Buches resümierte, regte sich kein Widerspruch. Nach dem Vortrag wollten lediglich zwei Genossen wissen, warum er sein Werk »nicht hier bei uns herausgebracht« habe. Bahro erwiderte, das habe er vergeblich beim Ost-Berliner Dietz Verlag versucht.

Am nächsten Morgen stand der Fall Bahro auf der Tagesordnung des SED-Politbüros, das routinemäßig am Dienstag jeder Woche zusammentritt. Nach kurzer Debatte beschloß das Spitzengremium der Einheitspartei, den Abweichler festnehmen zu lassen.

Vergeblich hatte Kurt Hager, im Politbüro zuständig für Kulturpolitik, eine weichere Gangart vorgeschlagen. Die sogenannte Sicherheitsfraktion um Werner Lamberz, Paul Verner und den Chefredakteur des »Neuen Deutschland«, Joachim Herrmann, setzte sich am Ende durch -- wie schon bei der Ausweisung des SPIEGEL-Korrespondenten Jörg R. Mettke, des Fernsehjournalisten Lothar Loewe und der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann.

Bahros Festnahme begründete die SED mit der zugleich härtesten und unwahrscheinlichsten Anschuldigung: dem Verdacht »nachrichtendienstlicher Tätigkeit«.

Von diesem perfiden Schachzug erhofft sich die Parteiführung doppelte Wirkung. Zum einen soll jede Diskussion der für das Regime so explosiven Thesen unterdrückt werden -- was kaum zu vermeiden gewesen wäre, wenn die Politbürokraten Bahro als ideologischen Abweichler oder Konterrevolutionär hingestellt hätten. Zum anderen will die SED, indem sie den Kritiker als West-Spion brandmarkt, alle potentiellen Gesinnungsgenossen Bahros in der DDR einschüchtern. Zugleich soll es den eurokommunistischen Parteien in Frankreich und Italien schwergemacht werden, sich mit dem Festgenommenen und seiner Kritik am Ostblock-Kommunismus zu solidarisieren.

Die harte Reaktion der Partei, der er seit 23 Jahren angehört, hatte sich Bahro womöglich gewünscht: Er wollte die Provokation -- mit allen Konsequenzen. Vor seiner Festnahme sagte er dem SPIEGEL: »Für die Wirkung meines Buches wäre es am besten, wenn sie mich einsperrten.«

Die Partei tat ihm den Gefallen. Unklar bleibt nur, warum der Staatssicherheitsdienst nicht früher zugriff. Bahro selber ging davon aus, daß er seit einigen Wochen schon von den Sicherheitsbehörden beobachtet wurde. Gleichwohl warteten die Stasi-Beamten, bis der SPIEGEL am vergangenen Montag seine Thesen publik gemacht und das bundesdeutsche Fernsehen auf beiden Kanälen am Tag darauf Interviews mit ihm ausgestrahlt hatte.

Offenbar wollten der Staatssicherheitsdienst und seine Vertrauensleute im Politbüro die Fernsehauftritte nicht verhindern, um auch ihre zaudernden Führungsgenossen zu einem harten Durchgreifen zu bewegen.

Selbst in den oberen Rängen der Parteihierarchie wächst jedoch die Erkenntnis, daß Polizeimaßnahmen allein nicht mehr ausreichen, um der Opposition Herr zu werden. Denn Bahro mag ein Einzelgänger gewesen sein, ein Einzelfall ist er sicher nicht.

Nach der vor allem von Künstlern und Schriftstellern getragenen Protestwelle gegen die Verletzung von Menschenrechten in der DDR markiert Bahro jetzt den Beginn einer innerparteilichen, marxistisch fundierten und daher um so gefährlicheren Kritik an der Ideenlosigkeit der bürokratisch verkrusteten SED-Spitze.

Die Verantwortung für diese Entwicklung lasten nachdenkliche SED-Funktionäre nicht zuletzt dem Partei- und Staatschef Erich Honecker an: Ohne klare politische Konzeption versuche er, zwischen dem Abgrenzungs- und Sicherheitsbedürfnis der DDR sowie der Notwendigkeit wirtschaftlicher Kooperation mit der Bundesrepublik hin und her zu lavieren.

Sein Vorgänger Walter Ulbricht habe es immerhin noch verstanden, einen Rest von Glauben an kommunistische Ideale lebendig zu erhalten. Unter Honecker hingegen sei das Leben in der DDR »völlig merkantilisiert«, Hebung des Lebensstandards einziges politisches Ziel. Folge dieses Vorrangs der Ökonomie vor der Ideologie müsse eine geistige Leere sein, in die nun innerkommunistische Kritiker wie Bahro hineinstießen.

Doch selbst der Versuch, die Opposition durch Festnahmen oder Abschiebung in den Westen mundtot zu machen, gelingt dem unsicher gewordenen Parteiapparat nur unvollkommen. Während er am Tag der Bahro-Verhaftung seinen prominentesten Dissidenten, Robert Havemann, wieder unter verschärften Hausarrest stellte, durfte der Leipziger Reclam-Verlag einen neuen Gedichtband der Lyrikerin Sarah Kirsch ausliefern, der in den DDR-Buchhandlungen sofort zum Bestseller wurde.

Die Biermann-Sympathisantin sitzt in Ost-Berlin auf gepackten Koffern -- mit einem schon genehmigten Ausreiseantrag in die Bundesrepublik.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 17 / 69
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.