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ENGLAND Geistiger Zwerg

Wirtschaftskrise, Währungskrise, Fuhrungskrise: Ein Drama zwischen Premier Callaghan und der Labour-Linken stürzte das Pfund noch tiefer.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Die Warnung war ernst gemeint, doch sie kam nicht an: »Denk« dran, du bist nicht der liebe Gott«, erinnerte in der vergangenen Woche lan Mikardo, linker Flügelmann im Vorstand der Labour-Partei, seinen Vorsitzenden und Premierminister James Callaghan.

Der aber tat so, als wäre er es doch. Als ihn Barbara Castle, die frühere Gesundheitsministerin, auf derselben Sitzung kritisierte, schnauzte er sie an: »Du kannst dich mit meinem Stuhl unterhalten.« Dann stand er auf ("Die sind ja doch gegen mich") und ging.

So drückte sich James Callaghan, 64, davor, in einer Woche harter Niederlagen einer weiteren beizuwohnen: Mit 13 zu 6 Stimmen beschloß der Vorstand seiner Partei, am 17. November vor dem Parlamentsgebäude eine -- von dem Gewerkschaftsverband TUC abgelehnte -- Protest-Demonstration gegen weitere Haushaltskürzungen der eigenen Regierung zu unterstützen.

Darauf angesprochen, daß bei dieser Veranstaltung wahrscheinlich Sprech-Chöre seinen Rücktritt fordern würden, entgegnete der bedrängte Premier trotzig: »Dann stimme ich mit ein.«

Den meisten Briten wäre es wohl recht, auch wenn nicht alle in ihrem Urteil so hart sind wie der konservative »Daily Express«, der wütete: »Der moralische und geistige Zwerg von Downing Street ... ist seinem Amt nicht gewachsen.« Selbst der Labour-nahe »Daily Mirror« schrieb mißbilligend: »Jim und die Labour-Partei zittern.«

Grund für Schimpf und Schande Callaghans war der rüde Ton, mit dem er in einer Sendung des britischen Fernsehens massive Finanzhilfe von der Bundesrepublik gefordert und -- anderenfalls -- mit dem Abzug der britischen Rheinarmee gedroht hatte -- nicht zum ersten Mal.

Schon 1966, als das Pfund noch 11,20 Mark wert war, hatte Callaghan, damals Finanzminister im Kabinett Wilson, ähnlich aufgetrumpft.

Doch damals »tröpfelte die Drohung von Bonn ab wie Wasser vom Federkleid einer Ente«, erinnerte sich die »Times« jetzt. Und diesmal wiederholte Callaghan gar nicht erst, was er 1966 noch zur Glaubhaftmachung hinzugefügt hatte: daß die Rheinarmee nach dem Abzug zur Not »in Zelten untergebracht würde«. Festunterkünfte auf der Insel aber würden nach Schätzungen britischer Experten mehrere hundert Millionen Pfund kosten -- für Englands wankenden Staatshaushalt eine untragbare Belastung.

Dafür drohte Callaghan diesmal, daß in England politische Unruhe entstehen könnte, die den ganzen Westen gefährde. So konnte denn Oppositions-Führerin Margaret Thatcher dem Premier vorwerfen, er habe mit seinen Drohungen »das Land erniedrigt« -- nicht so sehr weil er solche Forderungen an die Verbündeten stellte, sondern wegen des Tons, in dem er dies tat.

Denn unter den Briten ist das Gefühl durchaus weit verbreitet, daß sie ein selbstverständliches Recht auf grenzenlose Hilfe haben, und gar nicht erst darum ersuchen müßten. Vor allem Teile der Labour-Linken und der Gewerkschaften sind da ganz einer Meinung mit ihrem Premier:

* Len Murray, Generalsekretär des Gewerkschafts-Dachverbandes TUC, der gegen den Beitritt Englands zur EG gekämpft hatte, forderte von den Partnern auf dem Kontinent: »Geld auf den Tisch."> Der Labour-Abgeordnete Jeff Rooker bezeichnete es im Unterhaus als »unverschämt und fast verräterisch«, daß die Bundesrepublik Titanbleche für die Produktion des deutsch-britisch-italienischen Gemeinschafts-Flugzeugs MRCA aus der Sowjet-Union und nicht aus England importiere.

* Landwirtschaftsminister John Silkin lehnte in Luxemburg eine Angleichung des »grünen Pfundes« an den tatsächlichen Wert des Pfundes mit der Begründung ab: »Das ist überflüssig.«

Durch die im Verhältnis zum tatsächlichen Kurs des Pfundes überbewertete Verrechnungseinheit müssen die übrigen Staaten der Gemeinschaft die britischen Agrarpreise 1976 mit 3,9 Milliarden Mark unterstützen eine Milliarde davon bezahlt allein die Bundesrepublik.

Es gibt in der britischen Öffentlichkeit auch Stimmen, die dergleichen Leistungen nicht für selbstverständlich halten. Die europafreundliche »Times« etwa kritisierte »den perversen Enthusiasmus (des Kabinetts Callaghan) bei der Verteidigung unhaltbarer Forderungen« -- etwa die Hartnäckigkeit, mit der London auf einer exklusiv britischen Fischerei-Zone von 50 Meilen rund um die Britischen Inseln besteht.

Verwundert fragte »Times« in Erinnerung an den britischen Kabeljau-Krieg mit Island, ob das Kabinett Callaghans beabsichtige, deutschen und französischen Hochseefischern die Fangleinen zu zerschneiden.

Der Konflikt der Labour Party und umlaufende Neuwahl-Gerüchte versetzten dem seit Wochen absackenden britischen Pfund einen neuen schweren Schlag: Es fiel allein am vergangenen Montag um 18 Pfennig auf 3,82 DM: Der Bankrott des einst so mächtigen Landes, oft vorhergesagt, war wiederum nähergerückt.

Und Premier Callaghan sah sich selbst von vermeintlichen Freunden verlassen. Nachdem er eine weitsichtige Analyse des Bankers und ehemaligen Regierungs-Beraters Roy Bridge gepriesen hatte, antwortete der ungerührt: »Wir müssen Callaghan aus dem Amt jagen.«

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