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Otto Köhler GEKILLT, VERHEIZT, GEFRESSEN

aus DER SPIEGEL 48/1967

»Quick«, die Zeitschrift »für einen Leser moderner Prägung«, wird außerdem noch gekauft von »einer modernen Leserfamilie«. Um diesen großen Leserkreis zu erhalten, präsentiert »Quick«, »aufgeschlossen und aktuell«, ein »Spiegelbild des Zeitgeschehens«.

Das ist kein leeres Versprechen. In einem nachprüfbaren Zeitraum von acht Wochen (Nr. 31 bis Nr. 38) bot »Quick« dreimal auf dem Titelbild nüchterne politische Information:

> »Augenzeugen berichten von der Metzelei im Kongo: Erschieß mich, bevor uns die Nigger fressen.«

> »Neger-Aufstand in den USA: »Jetzt killen wir die weißen Frauen.'«

> »Banden-Terror in China: Lebendig in der Lok verheizt.«

Der China-Bericht klärte »Quick«-Leser darüber auf, daß Maos Rote Garden Vergnügen daran empfinden, Lokführer und Heizer lebendig in die Feuerung der eigenen Lokomotive zu werfen und dort zu verbrennen.

Der US-Neger-Bericht informierte »Quick«-Leser, daß »übertriebene Güte sich ins Gegenteil verkehrt«. Die US-Regierung hatte nämlich »Millionen Dollar in die sogenannten Anti-Armuts-Projekte« hineingepumpt« und »der Erfolg war lediglich, daß die Neger Appetit auf diese Goldgrube entwickelten« und zusätzlich noch in Detroit ausriefen: »Jetzt killen wir die weißen Frauen.«

Der Kongo-Neger-Bericht schließlich belehrte »Quick«-Leser: »Die Kongolesen neigen noch heute zum Kannibalismus. Sie mögen weißes Menschenfleisch.« Einer, der -- laut »Quick« -- »die Schwarzen kennt«, verrät, was sie samt und sonders sind: »schwarze Teufel«.

Bedeutendster Beitrag der »Quick« zur internationalen Politik: eine Reportage des »Quick«-Reporters Bruno Arnold aus Vietnam. Arnold, der mit amerikanischen Fallschirmjägern im Kugelhagel der Vietcong abgesprungen sein will, berichtet über seine journalistische Tätigkeit: »Drei Tage lang »reinigen« wir den Urwald.« Dabei sollen 42 Amerikaner gefallen und 300 verhungerte und erschlagene Vietnamesen aufgefunden worden sein. Die Nachrichtenagenturen wußten nichts dergleichen zu berichten.

Auch bei der Beschreibung von Vietcong-Greuel läßt Arnold seine Kollegen weit hinter sich: »Sie prügelten ihn durch die Dorfstraße« bis er zusammenbrach, dann schlitzten sie vor seinen Augen seiner Frau den Bauch auf und traten auf der Sterbenden herum.«

Das Frankfurter »Büro für Vietnam«, das unter dem Patronat von Professor Dr. Jürgen Habermas die bundesdeutsche Vietnam -- Berichterstattung kritisch sichtet, ist der Meinung: »Offenbar wurde hier eine mangelhafte Agentur-Meldung zur Crime- und Sex-Story aufgeblasen ... Was dem »Völkischen Beobachter, ein jüdischer Ritual-Mord war, ist dem »Quick'-Journalismus ein vom Vietcong aufgeschlitzter Bauch. Die redaktionelle Perversion ist heute so konform wie damals.«

Dieses Urteil veröffentlichte das Vietnam-Büro in seinem Pressedienst zusammen mit einer ausführlichen Analyse des »Quick«-Berichtes und dem widersprechenden Nachrichtenmaterial über den gleichen Zeitraum. Provozierende Überschrift: »Wie »Quick' lügt.«

Gelassen und ohne Widerrede nahm »Quick« den Vorwurf hin, sie lüge und bausche eine mangelhafte Agenturmeldung zur Crime- und Sex-Story auf. Der Vergleich aber mit dem Zentralorgan der NSDAP, dem »Völkischen Beobachter«, störte die Illustrierte

so sehr, daß sie dagegen eine einstweilige Verfügung bemühte.

Zu Recht, denn von »redaktioneller Perversion« kann schon deshalb nicht die Rede sein, weil die Redaktion bei der »Quick« nicht mehr allein zu entscheiden hat. Was in der Münchner »Quick« steht, bestimmt nicht zuletzt ein nüchtern rechnender Computer im fernen Hamburg. Er ist unschlagbar bei der Auswahl der publikumswirksamsten Titelthemen und sorgt mit den -- wie der Verlag erklärt -- »Mitteln moderner Marktforschung« dafür, daß die »Quick« leserwunschgerecht gestaltet ist.

Redakteure, die noch eigene Meinung entwickeln, werden bereits mit dem Befund abgefertigt: »Aber der Computer hat gesagt..

Wer also könnte schon die bedauernswerten »Quick«-Redakteure dafür verantwortlich machen, wenn ihr Computer ganz offensichtlich programmiert ist auf: aufgeschlitzte Bäuche, verheizte Lokomotiv-Führer, gekillte weiße Frauen, gefressenes weißes Menschenfleisch und dazu passende schwarze und gelbe Schurken.

Otto Köhler
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