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BUNDESWEHR Gelb, rot und schwarz

Die Bundeswehr entwickelt sich zur Multikulti-Armee. Deutsche, die in Russland, Ghana, Vietnam oder Polen geboren wurden, stellen die Toleranz der Truppe auf die Probe.
Von Susanne Koelbl und Alexander Szandar
aus DER SPIEGEL 44/2000

Der Wachsoldat am Tor der Blücher-Kaserne in Berlin-Kladow grüßte seinen Bataillonskommandeur in formal korrekter Haltung und mit ängstlichem Blick. Oberstleutnant Heiner Kindinger, 45, erwartete eine zackige Meldung über besondere Vorkommnisse, aber der Gefreite stotterte nur: »Darf ich melden auf Russisch?«

Bataillonskommandeur Kindinger war baff - und fand heraus, dass der radebrechende Gefreite keine exotische Ausnahme darstellt. In seiner Truppe, so weiß der Chef des Jägerbataillons 1 »Berlin« jetzt, dienen deutsche Rekruten aus zehn Nationen: Dazu gehören Türken und Iraner, Vietnamesen und Ghanaer, Russen, Polen, Ukrainer, Kasachen und Usbeken. Sie alle haben einen deutschen Pass und müssen wie die anderen Deutschen zum Bund.

In Heer, Luftwaffe und Marine salutieren zurzeit Soldaten aus insgesamt 82 Ländern, ermittelte das Koblenzer Zentrum Innere Führung. »Die Bundeswehr«, sagt der Wehrbeauftragte Willfried Penner, »ist viel internationaler, als die Leute denken.«

Die größte Gruppe - etwa 6500 - bilden Spätaussiedler aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion oder aus osteuropäischen Ländern wie Rumänien, Polen, Ungarn oder Tschechien. Ungefähr 1000 Soldaten haben eine doppelte Staatsbürgerschaft: Ihre Eltern oder Großeltern sind als Gastarbeiter aus der Türkei, aus Ex-Jugoslawien, aus Portugal oder Spanien, aus Asien oder arabischen Staaten eingewandert und in Deutschland geblieben.

Nach einer Hochrechnung wird in zehn Jahren jeder Achte, der zum Grundwehrdienst herangezogen wird, ausländischer Herkunft sein - jährlich etwa 12 000 junge Männer. Während an Stammtischen und auf der politischen Bühne noch mit dem Thema Einwanderung Stimmung gemacht wird, gehört multikulti in der nationalsten aller deutschen Staatseinrichtungen zur Normalität.

Kim Huynh, 21, in Vietnam geboren, absolviert gerade die Grundausbildung in Kindingers Bataillon. Der Rekrut hat seinen Wehrdienst freiwillig verlängert, um demnächst für Deutschland als Friedenssoldat im Kosovo zu dienen. Die anderen, sagt er, gingen ganz normal mit ihm um: »Ich bin ein Kamerad, ob gelb, rot oder schwarz, das ist völlig egal.«

Huynh, Sohn vietnamesischer Flüchtlinge, hat es vergleichsweise leicht: Er lebt seit 15 Jahren in Deutschland, hat Abitur, und Deutsch ist ihm längst zur zweiten Muttersprache geworden.

Der Obergefreite Philip S., 21, in Ghana geboren, in Deutschland aufgewachsen, sieht sich wegen seiner kaffeebraunen Haut durchaus als »Exot«. Aber auch seine Erfahrung lehrt, die Farbe sei den Kameraden egal - Hauptsache, der Mann spreche akzentfrei Deutsch. S. ist Offiziersanwärter.

Weit mehr Probleme haben europäisch aussehende Rekruten, wenn sie - wie Kindingers Wachgefreiter aus Russland - nur gebrochen Deutsch sprechen, aus dem Osten kommen und zumeist in die Bundeswehr eintraten, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen. Sie sind viel öfter, so Paul Klein, Vizechef des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, »Objekt von Vorurteilen und Ausgrenzungen«. So versuchten Berliner Soldaten, einen Kameraden polnischer Abstammung aus der Stube zu werfen: »Wir wollen dich hier nicht haben.«

Wenn er einmal Hilfe brauche, sagt der junge Mann aus Polen, der sein Abitur in der Nähe von Aachen abgelegt hat, finde er die allenfalls bei 2 von 20 deutschen Kameraden - oder bei »den Russen« in seiner

Kompanie. Und auch da nicht immer. Die

vermeintlichen russischen Verbündeten gebärdeten sich gern auch mal herablassend. Sie stellten dem Kameraden die Stiefel zum Putzen hin: »Du weißt doch, Polen sind Sklaven.«

Zwei dieser »Russen«, einer aus Krasnojarsk in Sibirien, der andere aus dem Gebiet von Tschernobyl in der Ukraine, sitzen in der Kantine häufig abseits von den Deutschen. »Wenn die anderen merken, dass du Ausländer bist, wirst du geschnitten«, klagt einer der Gefreiten, die ihre Namen aus Furcht vor den Kameraden lieber nicht gedruckt sehen möchten. Das Zentrum Innere Führung bringt das Dilemma der Spätaussiedler auf den Punkt: In der alten Heimat seien sie als Nazi-Deutsche diffamiert worden, jetzt würden sie als »Russen-Mafia« beschimpft.

Die kulturellen Unterschiede führten immer wieder zu Reibereien, stellen die Fachleute für Innere Führung in Koblenz fest. In einem eigens angefertigten »Arbeitspapier Aussiedlerdeutsche« raten sie den Truppenführern zu verschärfter Dienstaufsicht und Kontrolle.

In Kompanien mit größeren Gruppen von Spätaussiedlern gebe es Tendenzen zur Abkapselung, zu »exzessivem« Alkoholkonsum, Drogenmissbrauch, gewalttätigen Auseinandersetzungen und Disziplinlosigkeiten. Der Anteil der Aussiedler in einer Einheit solle daher ein »Limit« von zehn Prozent nicht übersteigen.

In Zukunft wird die Truppe noch etwas bunter werden. Von den 82 Millionen Menschen, die in Deutschland leben, sind 7,4 Millionen Ausländer. Bis zum Jahr 2002, rechnet das Essener Zentrum für Türkeistudien vor, werden rund 700 000 Türken durch Einbürgerung die deutsche Staatsangehörigkeit erlangen. Schon jetzt dienen etwa 500 Muslime in der Bundeswehr. Bald werden es mehr als 5000 sein, schätzt Forscher Klein.

Bei den »Neudeutschen«, wie eingebürgerte Ausländerkinder im Amtsjargon heißen, spielen Sprachprobleme kaum eine Rolle. Eher befürchten die Militärs Schwierigkeiten, wenn es darum geht, Muslimen die Ausübung ihrer Religion samt fünfmaligem Gebet am Tag und das Einhalten der Speisevorschriften zu gewährleisten.

Wie soll sich der Vorgesetzte verhalten, wenn Muslime im Ramadan fasten und zum Ende der Fastenzeit, wie es eben Tradition ist, drei Tage lang feiern? Müssen muslimische Militärgeistliche her? Was tun, wenn Anhänger rivalisierender Imame und Mullahs Unruhe in die Truppe tragen?

Kindinger hat in seinem Jägerbataillon bislang kaum Zwischenfälle registriert. Allenfalls murren Soldaten, wenn Schweinegulasch auf dem Speiseplan steht und für Muslime eine »Extra-Wurst« gebraten wird - aus Putenfleisch. Die Truppe ist offenbar etwas sensibler geworden, seit die frühere Wehrbeauftragte Claire Marienfeld im vergangenen Jahr »ehrverletzende Äußerungen« eines Küchenmeisters gegenüber einem moslemischen Rekruten anprangerte: »Ihr Molukken, oder wie heißen sie gleich noch, ach ja, ihr Moslems, tut euch doch zusammen und gründet eine eigene Kaserne.«

Der rauen Wirklichkeit begegnen die Vordenker aus dem Koblenzer Zentrum Innere Führung gern mit hehrem Idealismus: »Das Phänomen des Fremdseins muss von der Gesellschaft bewältigt und das Fremde nicht als Gefahr, sondern als Bereicherung erfahrbar gemacht werden.« Für den »Umgang mit besonderen Gruppen« gelte zudem: »Den anderen in seinem So-Sein zu akzeptieren ist für den Soldaten ein Gebot der Kameradschaft.«

Ob Rudolf Scharpings Männer sich daran halten? »Die Bundeswehr muss besonders aufmerksam sein«, meint der Wehrbeauftragte Penner. Er sieht die Armee auf Grund ihrer straffen Führung und des Umgangs mit Waffen als »begehrtes Ziel« Rechtsextremer, gegen die eine »Brandmauer« errichtet werden müsse.

Wie tolerant die Truppe wirklich ist, wird sich vor allem beim Umgang mit einer anderen religiösen Minderheit zeigen. Nach bisheriger Praxis bleibt den Enkeln von jüdischen Opfern des Nazi-Regimes der Wehrdienst erspart. Die Urenkel indes sollen wieder zu den Fahnen gerufen werden, die ersten stehen zur Einberufung an. Zehn jüdische Soldaten dienen schon, verteilt auf ausgewählte Standorte, in denen es koschere Verpflegung gibt.

Isaak Behar, 77, der den Holocaust im Untergrund in Berlin überlebte und in Kindingers Bataillon regelmäßig als jüdischer Zeitzeuge zu Referaten und Diskussionen mit Soldaten gebeten wird, sieht einem Zwangsdienst für Juden in der deutschen Armee mit gemischten Gefühlen entgegen. Wenn sie dagegen freiwillig einrücken und Karriere machen dürften, hätte Behar nichts einzuwenden: »Ich wäre stolz, Juden mit goldenen Generalssternen zu sehen - nicht bloß in der israelischen Armee.« SUSANNE KOELBL, JELENA SCHESTOPALOWA, ALEXANDER SZANDAR

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DAS JÄGERBATAILLON 1

ist eine Art Renommier-Einheit der Bundeswehr. Es gibt sich gern besonders bürgernah, stellt Ordner für die Skate-Night in Spandau oder hilft am Umwelttag den Bezirk säubern. Zeitsoldaten des Bataillons »Berlin« dienen im Kosovo bei der Friedenstruppe. Von den rund 800 Soldaten stammen fünf aus Kasachstan, vier aus der Türkei, drei aus Polen und je einer aus Algerien, Ghana, Iran, Russland, der Ukraine, Usbekistan und Vietnam. Ein Soldat hat türkisch-kroatische Eltern.

* Beim Gelöbnis neuer Rekruten in der Berliner Blücher-Kaserneam 5. Oktober.

Jelena Schestopalowa
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