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Europäische Union Gelbes Rückgrat

Von Martinique bis zu den Azoren bangen Europas Bananenpflanzer um ihre Zukunft: Die USA klagen gegen die Brüsseler Quotenregelung.
aus DER SPIEGEL 35/1996

Léon Polomat kennt das Unheil beim Namen: »Iris, Luis, Marylin« hießen die Wirbelstürme, die seine Bananenpflanzung im Nordosten der Antilleninsel Martinique verwüsteten.

Jetzt aber sieht der Farmer, der auf knapp fünf Hektar 127 Tonnen Bananen pro Jahr produziert, sein Überleben nicht mehr nur durch Naturgewalten gefährdet. Er fürchtet politische Unbill aus Übersee: »Brüssel und Genf sind derzeit die schlimmsten Feinde des Pflanzers.«

Rund 2000 Produzenten auf Martinique, aber auch die Bananenbauern auf Guadeloupe, in Spanien, Portugal und Griechenland haben Existenzangst. Seit 1995 sind die Preise für ihre Früchte in der Europäischen Union gefallen, weil die Brüsseler Agrokraten Billigimporte aus der Karibik und Afrika zuließen, die den Markt überschwemmen. Es kann aber noch schlimmer kommen für die Erzeuger aus den französischen Überseedepartements: Die USA versuchen, mit einer Klage vor der Welthandelsorganisation in Genf die gerade drei Jahre alte Europäische Bananenordnung zu beseitigen. Bis November soll die Entscheidung vorliegen.

»Für uns wäre das der Ruin«, sorgt sich Polomat, und Gilles de Reynal, Präsident der wichtigsten Pflanzerorganisation von Martinique, beschwört die Apokalypse: »Wenn in Genf die Bananenordnung fällt, wäre das für unsere Insel der Untergang.«

Die Landwirte an der »Ultra-Peripherie Europas«, wie die Antillen im EU-Jargon genannt werden, haben eine Menge zu verlieren. Das Regelwerk, mit dem Brüssel seit drei Jahren den europäischen Bananenhandel dirigiert, ließ ein Füllhorn von Regional- und Strukturhilfen auf die Inseln niedergehen. Und der komplizierte Paragraphendschungel schirmt die EU-Pflanzer gegen mächtige Konkurrenz ab - er schützt sie vor Großproduzenten in Südafrika, die Europa mit formschönen Jumbo-Bananen beliefern, und den preiswerten »Dollar-Bananen« aus Mittel- und Südamerika.

»Die Banane ist für uns das gelbe Rückgrat, ihr Anbau ist für Martinique so wichtig wie für Deutschland die Autoindustrie«, sagt Agrarpolitiker Miguel Laventure. Angesichts von 30 Prozent Arbeitslosen unter den 380 000 Inselbewohnern seien Zuckerrohr, Ananas, Rum und sogar der Tourismus bloß ein Nebengeschäft: »Die Banane verlieren heißt sterben.«

Weil die Kleinpflanzer zwischen Karibik und Mittelmeer (Jahresproduktion etwa 700 000 Tonnen) im Wettkampf mit den lateinamerikanischen Großerzeugern (rund 8 Millionen Tonnen) keine Chance hatten, zog die Brüsseler Kommission - wie bei Milch, Wein und Getreide - einen Schutzwall. Die EU-Verordnung 404/93 schuf die »Bananenfestung Europa«.

In den Plantagengebieten Süd- und Mittelamerikas blieben Pflanzer daraufhin auf ihren Bananenkisten sitzen. Händler in Bremen und Hamburg mußten sich bei ausländischen Konkurrenten die knappen Importgenehmigungen dazukaufen. Die Extrakosten trieben den Endpreis zunächst kräftig in die Höhe. Deutschlands Verbraucher aßen prompt ein Drittel weniger von ihrem Lieblingsobst, woraufhin der Preis wieder fiel.

Die Bananen-Planwirtschaft erwies sich als kostspieliges Unternehmen. Allein 1994 zahlte der EU-Steuerbürger fast 250 Millionen Mark Ausgleichsbeihilfe. Die Inselbewohner von Martinique sehen in den Fördermitteln einen selbstverständlichen Solidarzuschlag. »Schließlich sind wir hier in Europa«, betont Yves Discors von der Landwirtschaftsverwaltung im stilvollen Kolonialbau der Präfektur. Deshalb werde auf Martinique und Guadeloupe - 8000 Kilometer vom französischen Mutterland entfernt - Bananenanbau unter EU-Bedingungen betrieben. »Wir leisten uns Umweltschutz und Arbeitsrecht, vom Mindestlohn bis zum Mutterschutz.«

»Menschenwürde hat ihren Preis«, ereifert sich auch Inselpolitiker Laventure. »Wissen die Europäer überhaupt, daß in den Bananenrepubliken Mittelamerikas die Saisonarbeiter wie Sklaven schuften? Wer solches Obst ißt, macht sich zum Komplizen der Ausbeuter.«

Immerhin: Dank EU-Hilfen und einheimischem Fleiß sind die Bananen aus Martinique inzwischen nicht mehr kurz, krumm und fleckig. Jedenfalls nicht die Früchte von Polomat, der zweimal den Qualitätspreis der Sonderklasse »Banina« gewonnen hat. Er verpackt am Fungizid-Tauchbad seiner Plantage nur ausgewählt makellose Exemplare in die Kartons - Mindestlänge 17 Zentimeter.

Nicht nur schlank und kerzengerade seien die Tropenfrüchte, lobt Bananenfunktionär de Reynal, ihr Geschmack habe auch ein »einzigartiges Parfüm«. Und mit dem ganzen Stolz eines Pflanzeraristokraten, dessen Familie sich schon vor über 300 Jahren auf der Insel niederließ, verkündet der Großgrundbesitzer: »Unsere Produkte gehören zur Spitzenklasse.«

Das haben auch die Amerikaner erkannt. Ein Teil der Bananen von Martinique wird bereits unter dem blauen Gütesiegel des US-Früchtemultis Chiquita vermarktet.

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