Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 24 / 52

Gelbes Stalingrad

aus DER SPIEGEL 45/1948

Menschenfleisch stark gefragt

Die vereinigten Generalstäbe in Europa diskutieren, ob der Bolschewismus an Elbe, Rhein oder Kanalküste abzuwehren sei. Zur gleichen Zeit verloren die Westmächte an der asiatischen Front die erste Schlacht des dritten Weltkrieges: die Mandschurei, so groß wie Westdeutschland, Holland, Belgien, Frankreich, die Schweiz und Westösterreich zusammen, fiel an den östlichen Gegner.

Der Fall Mukdens am letzten Sonntag war das Fanal. Die Kommunisten vereinnahmten Tagebaugruben, aus denen sich 32 Millionen Tonnen Kohle im Jahr abbauen lassen. In Europa aber wird über die Luftbrücke sackweise Vorratspolitik getrieben.

Mukden wurde zum Stalingrad der nationalchinesischen Republik. Nicht nur China stellt die Schuldfrage.

Die seit 1926 vom Generalissimo Tschiang Kai-schek bis westlich Tschungking gejagten Kommunisten gewannen 1937 durch den chinesisch-japanischen Krieg neue Existenzberechtigung und treue Anhängerschaft. US-sowjetische Verbrüderung machte sie 1941 salonfähig.

Als fünfte Kolonne liquidierten sie 1945 Japans Position in der Mandschurei. Zusammen mit den sowjetischen Truppen demontierten sie das blühende Kaiserreich. Sie verwandelten es in ein nacktes Trümmerfeld.

Dem Generalissimo verwehrten sie die Uebernahme seiner äußeren Provinzen. Washingtons schwankende Politik riet einerseits dem Generalissimo zum Kampf gegen die Kommunistenführung Mao Tsetungs. Dann aber auch dem Kommunisten Mao zur Vertreibung des »reaktionärfaschistischen« Generalissimo. Dann beiden zur Aussöhnung. Und schließlich dem Nationalhelden Tschiang zur Vernichtung der kommunistischen Armee.

Verwirrt bat der Generalissimo die USA um Anleihen. Washington drahtete: »Erst Taten, dann Geld.« Mao und sein Kampfgefährte Tschou En-lai verstanden es, Waffen aus dunklen Quellen zu besorgen. Sie eroberten Schantung, Hopei und Schensi. Damit war einer ganzen Reihe nationalbesetzter Städte der Nachschub abgeschnitten.

Der tatenversprechende Generalissimo wurde am 19. April dieses Jahres von der chinesischen Nationalversammlung mit 2430 zu 269 Stimmen zum Präsidenten gewählt. Drei Wochen später versprach ihm Amerikas Paul G. Hoffman als leibhaftiger Dollarengel eine 36-Millionen-Anleihe. Inzwischen fielen trizoniengroße Gebiete in rote Hände. Der Nationaldollar entglitt ins Bodenlose.

Auf dringende Kabelsprüche von Nanking gab der amerikanische Kongreß am 2. August 125 Millionen Dollar für Waffen frei. Der Jahresgesamtkredit wurde auf 275 Millionen erhöht. ECA-Hilfsplandirektor Roger D. Laphans flog Chinas Kampffront ab. Sein Fazit lautete: »Mukdens Bedeutung als Sammelpunkt der Weltgeschichte ist für mich eine große Ueberraschung.« Der Chor der chinesischen Nationalgenerale untermalte volltönend: »Mukden wird ewig chinesisch bleiben.«

Mao Tse-tungs kommunistische Truppen drangen vor bis an die Tore von Tsingtau am Gelben Meer und bis knapp vor Hankau am Jang-tse-kiang. Sie gaben jedem Bauern vier Mou (2400 qm) eigenen Boden und allen chinesischen Kapitalisten eine gelbe Gänsehaut.

Seine Anstrengungen verdoppelnd, verbot der Generalissimo kurz und bündig die Korruption. Sein Befehl war militärisch einwandfrei. Die Durchführung erwies sich als mangelhaft. Luxus-Exzesse wie Nylon-Strümpfe und Haifischflossen-Suppe wurden konsequent untersagt. Tschiang spendete seinen nach Süden fliehenden Landsleuten christliche Ratschläge. Am 20. August führte er eine Währungsreform ein. Noch einmal versprach er, die roten antidemokratischen Kräfte auszuradieren. Es kam anders.

Ab September erlangte der chinesische Wehrmachtsbericht orientalische Undurchsichtigkeit. Der Name von Tsinan, der Hauptstadt der Schantung-Halbinsel, wurde blumenreich umschrieben. Berichte aus Mukden über die Einweihung von Penicillin-Fabriken und neue Spielzeit-Einteilungen in Kinos sollten ernste militärische Befürchtungen zerstreuen. Das Fiasko ließ sich dadurch nicht aufhalten.

General Mac Arthur in Tokio traute den chinesischen Sirenenklängen nicht. Er begann eine anti-rote Japan-erwache-Politik. Den chinesischen Ex-Premier Tschang Tschun lud er nach Japan ein und versah ihn mit einer groß-ostasiatischen moralischen Rückenstärkung.

In Nanking wurde unterdessen erfolgreich weitergenebelt. General Tschiang Tsching-kuo, der Sohn des Generallissimos, ließ den schwarzhandelnden Millionär Wang Tschun-tscheh in Schanghai propagandistisch wirkungsvoll erschießen (vgl. Spiegel Nr. 42). Der abschlitternde Gold-Yüan stockte, rückte von 16:1 wieder dem offiziellen 4:1-Dollar-Kurs näher.

Gebannt schauten die leidgeprüften Chinesen auf das Mirakel in gelber Finsternis. Das aber wollte nicht kommen.

Die rote Fackel im Norden überstrahlte Tschiang Kai-scheks schwächer werdenden Stern. Am 14. September fielen Kohlengruben mit 14 Millionen Jahresleistung den Kommunisten zu. Sie verbanden ihr südliches Besatzungsgebiet mit der Mandschurei. Dort waren seit drei Jahren die nationalen Truppen um Tschangtschun (früher Hsinking) eingeschlossen.

In der ehemaligen Kaiserstadt kostete Menschenfleisch trotz der täglichen 500 Todesfälle umgerechnet bereits 4 D-Mark das Pfund. 200000 Zivilisten und 100000 Soldaten waren gleichermaßen am Kauf interessiert. 30 Grad Winterkälte ließen die Riesenstadt frühzeitig holz- und freudelos werden. Des Generalissimos vier Luftbrückenflugzeuge täglich reichten nicht einmal zum Reistransport aus. Am 12. Oktober gab Tschiang Kai-schek den Befehl: »300 Kilometer nach Süden absetzen«.

General Tschang Tung-kuo versuchte den Durchbruch mit der US-ausgebildeten, in Burma erprobten 7. Armee. Verrat und Erschöpfung warfen ihn zurück. Tschang funkte aus seinem Gefechtsstand in der stark betonierten Zentralbank: »Unser Versagen ist eine große Schande für die Revolution (von 1911). Der Feind ist jetzt zehn Schritte vor dem Gebäude. Die Lage ist hoffnungslos.«

Chinas Seele war schwer erschüttert, die westliche Weltöffentlichkeit unangenehm berührt. Präsident Tschiang Kai-schek feierte seinen 62. Geburtstag still mit Besprechungen und zeitgemäßer Kriegstorte hinter der Chinesischen Mauer im südlicher gelegenen Peiping (Peking).

Nach dem ersten Schreck stärkten 52 Nationalsender und -senderchen mit optimistischen Meldungen den Glauben an den Endsieg. Mukdens Kommandant Wei Lihuang verkündete auf weite Sicht geplante Sparmaßnahmen, eröffnete Wärmestuben für Mukdens frierende Kulis und ließ über die Luftbrücke eingeflogene US-Waffen auf der breiten Kasugacho-Straße paradieren. Vor Mukden, dem Chicago der Mandschurei mit Riesenschlacht- und Gefrierhäusern, sollte die rote Welle zerbrechen. Sie zerbrach nicht.

Am 1. November war nach nur zweieinhalb Kampftagen die traditionsreiche, mauerumwehrte Millionenstadt gefallen. Kommandant Wei Li-huang floh, Bürgermeister General Tung Wen-tschi setzte sich nach Hulutao am Gelben Meer ab. 250000 Nationalsoldaten fielen der kommunistischen Winteroffensive zum Opfer. Die Mandschurei mit 46 Millionen fleißigen Bauern und Facharbeitern wurde durch kommunistische Genossen vom Kapitalismus befreit.

Nanking blieb nicht untätig. Der nationale Kriegsrat trat zusammen. Tschiang Kai-schek urteilte unter Tränen: »Zu wenig Hilfe und zu spät«. Seine Zuhörer waren erschüttert. Dann begann ihr Angriff. Gegen den Generalissimo.

Julu, der 70jährige Delegierte aus der inneren Mongolei, erklärte unmißverständlich: »Der Präsident ist müde. Er sollte sich ein Jahr in den Staaten ausruhen.« Vor einem Jahr wäre dieser Satz einem Todesurteil gleichgekommen. Für den Sprecher.

Abgeordnete aus dem frontnahen Peiping meldeten eine allgemeine Flucht der wohlhabenden Bevölkerung. Jahrtausendealte Kunstschätze aus der verbotenen Kaiserstadt wurden ausgelagert.

Militärische Beobachter gaben Peiping acht Wochen Galgenfrist. Während Nankings Zeitungen leitartikelten: »Bürgerkrieg in drei Monaten entschieden«, machte die Regierung Fahrzeuginventur zwecks Verlegung zur 2000 Kilometer den Jangtse-kiang aufwärts gelegenen Kriegsmetropole Tschungking.

Nicht unberechtigt. Rote Truppen stehen 250 Kilometer vor Nanking, eine Entfernung wie von Braunschweig bis zum oft zitierten Rheinufer. Ueberläufer brachten ungünstige Meldungen aus roten Gebieten. Die Kommunisten belassen neuerdings aus Personalmangel national-chinesische Beamte in ihren Aemtern. Sie sichern sich so die Mitarbeit der lese- und schreibkundigen Intelligenz.

Sie bemühen sich, die kapitalistischen Spekulationen mit dem Hunger zu unterbinden, um dadurch der Masse ein primitives Auskommen zu sichern. Propagandakluge Sender locken: »Kommt zu uns, wir garantieren euch das Doppelte des unter der Kuomintang-Partei üblichen Lebensstandards.«

Aus Washington kamen zunächst gute Nachrichten. Am 15. November soll ein Teil der 125-Millionen-Waffenlieferung in amerikanischen Häfen zur Verschiffung kommen.

Dann aber entführten die Meldungen über die US-Präsidentenwahl den letzten Hoffnungs-Strohhalm aus der Reichweite der verzweifelt gegen die rote Flut anschwimmenden Nationalchinesen. Sie hatten auf eine aktivere Chinapolitik unter Dewey gesetzt.

Am Mittwoch trat das chinesische Kabinett zurück. Der Grund: katastrophaler Zusammenbruch von Wirtschaft, Währung und Wehrmacht.

Zur Ausgabe
Artikel 24 / 52