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ZARENANLEIHE Geld an der Wand

aus DER SPIEGEL 31/1965

In der »Corbeille«, dem korbartigen

H Rondell der Pariser Börse, notierten

in der vergangenen Woche Wertpapiere zu Höchstkursen, die jahrzehntelang als Nonvaleurs galten: Anleihen, die Zar Nikolaus II. um die Jahrhundertwende in Frankreich aufgenommen hatte.

Reußen-Zertifikate über 500 Goldfranken, die noch vor einem Jahr zum Stückpreis von 80 Pfennig zu kaufen waren, kosten heute das Achtfache.

Die Kurse begannen erstmals zu klettern, als Frankreichs Finanzminister Valéry Giscard d'Estaing und Rußlands Außenhandelsminister Nikolai Patolitschew am 30. Oktober 1964 einen neuen Handelsvertrag unterzeichneten, der - unter Bruch von Nato-Absprachen - den Sowjets Kredite mit sieben Jahren Laufzeit einräumt.

Als eine der Gegenleistungen erhofften sich die Franzosen, daß die Sowjet -Union wenigstens einen Teil des alten Romanow-Pumps in Höhe von 16 Milliarden Goldfranken zurückzahlen werde.

Außenminister Couve de Murville überreichte Botschafter Sergej Winogradow ein Memorandum und erinnerte die Sowjets daran, wie Frankreichs Bürger den Russen einst halfen, Stahl- und Walzwerke zu errichten, 65 000 Eisenbahnkilometer zu bauen (Donez-, Dwinsk- und Transkaukasische Bahn, Eisenbahn Kursk - Charkow - Asow und Orel-Griazi) sowie über die »Kaiserlich russische Bodenbank für den Adel« Mißernten auszugleichen.

Insgesamt 1,6 Millionen Franzosen zeichneten damals drei- bis vierprozentige kaiserliche Goldanleihen, »ausgegeben aufgrund dero Höchsten Ukas«.

Nachdem die Sowjets das rote Banner über dem Kreml aufgepflanzt hatten, weigerten sie sich generell, die Schulden der zaristischen Feudalherren zu übernehmen. Die Zaren-Wechsel platzten.

Erst der jüngste politische Ostflirt des Karolinger-Charles brachte die Zarenkurse in Bewegung. 120 Deputierte unterzeichneten eine Eingabe an die Nationalversammlung. Darin forderten sie die Regierung auf, »alle Anleihegläubiger zu registrieren und in Moskau eine schnelle und endgültige Regelung der russischen Schuld« auszuhandeln.

Der Run auf die Reußen-Papiere verstärkte sich, als bekanntwurde, daß die »Banque Commerciale pour l'Europe du Nord«, die französische Hausbank des Kreml, heimlich selbst Zaren -Papiere aufkaufte. In der vergangenen Woche stieg der Umsatz an der Pariser Börse bis auf 20 000 Stück pro Tag.

Tatsächlich spricht das Aufkaufmanöver für die Absicht der Sowjets, sich Wenigstens eines Teils ihrer Schuld zu entledigen, die einschließlich Zins und Zinseszins mittlerweile 40 Milliarden Mark beträgt. Mit jedem Papier, das die Kreml-Bankiers vorzeitig zu niedrigem Kurs zurückkaufen, vermindert sich ihr Obligo.

Überdies kann der Schuldner annehmen, daß die meisten Effekten verlorengegangen sind. Ein französischer Regierungsbeamter, der selbst einen Koffer voll Zaren-Papiere geerbt hat: »Viele Franzosen haben sogar ihre Wände damit tapeziert.« Kreml-Hausbank in Paris

Run auf Reußen-Papiere

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