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PRESSE Geld fürs Getto

Nur eine Stimme mehr für »Publik« fehlte in der Konferenz der katholischen Bischöfe, dann hätte die Wochenzeitung überlebt.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Noch am Totenbett heuchelten die höchsten deutschen Priester, jedenfalls die meisten.

Als die Deutsche Bischofskonferenz am vergangenen Montag das Ende der Wochenzeitung »Publik« beschloß und verkündete, täuschte sie Eintracht vor. Und sie versuchte den Eindruck zu erwecken, das vor drei Jahren von allen Bischöfen der Bundesrepublik gegründete und bislang mit 28 Millionen Mark geförderte Blatt sei am Geld gescheitert. Und eine »unvermeidliche Konsequenz« nannte Prälat Karl Forster, ausscheidender Sekretär der Bischofskonferenz, den Tod von »Publik« in einer amtlichen »Verlautbarung«.

Nichts davon ist wahr. Bischöfe, die für die Zeitung selber ohnehin schon seit langem keinen einzigen Pfennig mehr bewilligt haben, konnten am Montag vergangener Woche im »Haus der Begegnung« zu Königstein (Taunus) in einer fast sechsstündigen streng geheimen Sitzung eine Minderheit der Bischöfe nur mühsam daran hindern, die Existenz von »Publik« zumindest bis 1976 mit alljährlich sechs Millionen Mark Zuschuß zu sichern. Schon deshalb war die tödliche Konsequenz keineswegs unvermeidlich.

Welche Bischöfe für den Tod und welche Bischöfe für das Überleben von »Publik« waren, ist bislang das Geheimnis der Oberhirten geblieben. Allesamt wollen sie vermeiden, ihren Gläubigen das noch immer ungewohnte Bild zerstrittener Bischöfe zu bieten.

Und einige würden überdies riskieren, die in vielen Jahren entwickelte landläufige Vorstellung über ihre Welt-Sicht zu zerstören. In der Kernfrage, ob ein zwar katholisches, aber modernes Blatt wie »Publik« der Kirche nützt oder schadet, denkt zum Beispiel der weithin als weltoffen geltende Ruhrbischof Franz Hengsbach ebenso wie der als Rechtsaußen unter den Bischöfen bekannte Regensburger Rudolf Graber. Beide gehören zu denen, die das Todesurteil fällten.

Einig sind sich Deutschlands Bischöfe über »Publik« nur gewesen, bevor die erste Ausgabe erschien. Damals bewilligten sie 15 Millionen Mark als Starthilfe*. Als sich schon 1969 diese Summe als unzureichend und »Publik« sich nicht als bischofsfromm erwies, verweigerten bereits zehn der 21 Bischöfe jede weitere Zahlung. Zu diesen entschiedenen Gegnern gehörten die Kardinäle Lorenz Jaeger (Paderborn) und Joseph Höffner (Köln). Elf Bischöfe erklärten sich hingegen bereit, weitere 13 Millionen Mark zu zahlen.

Aber von der Rentabilitätsgrenze (mindestens 150 000 verkaufte Exempla-

* Das finanzschwache Bistum Berlin wurde am »Publik«-Unternehmen nicht beteiligt.

re) war »Publik« auch 1971 mit 91 000 Exemplaren noch weit entfernt, zumal die Fluktuation hoch war: Neben 12 000 Kioskkäufern und 35 000 Dauerabonnenten gab es 44 000 Leser, die durch massive Werbung umherziehender Kolonnen oder durch Patenschaftsabonnements gewonnen worden waren.

Ein Dauer-Zuschuß mußte ins Auge gefaßt werden. Er wurde auf sechs Millionen Mark jährlich selbst dann beziffert, wenn auf kostspielige Werbeaktionen verzichtet und als Folge ein erhebliches Absinken der Auflage in Kauf genommen würde.

In den letzten Wochen wechselten vier weitere Bischöfe auf die Seite der Geldverweigerer über. Seither können die Fronten beinahe auch geographisch gezogen werden. Alle Bischöfe Bayerns und Nordrhein-Westfalens stimmten für den Tod von »Publik«. Einzige Ausnahme war Münsters Heinrich Tenhumberg, der zusammen mit den Bischöfen von Limburg, Mainz, Osnabrück, Rottenburg, Speyer und Trier fürs Überleben weitere Millionen aufbringen wollte.

Um diese Spaltung der Bischöfe in zwei Lager nicht publik werden zu lassen, enthielten sich die »Publik«-Gegner jeder öffentlichen Kritik. Vertuscht wurde sogar, daß die Bischöfe die absoluten Herren über Leben und Tod von »Publik« waren.

Offiziell zuständig ist die Vollversammlung des »Verbandes der Diözesen Deutschlands«, doch deren Mitglieder sind niemand anders als die 21 Bischöfe der bundesdeutschen Diözesen. Und eher irreführend als orientierend ist auch die amtliche Mitteilung Forsters« daß von den Verbands-Mitgliedern »die Beschlüsse der für finanzielle Fragen zuständigen diözesanen Gremien respektiert werden müssen«. Zwar haben die meisten Bischöfe das »Publik«-Problem daheim ihrem Kirchensteuerausschuß, ihrem Domkapitel und ihrem Verwaltungsrat unterbreitet. Doch die Bischöfe können die Beschlüsse dieser Beratungsgremien umgehen, indem sie andere Finanzquellen anzapfen.

Und so fragwürdig wie diese Ablenkungsmanöver ist auch die bischöfliche Behauptung, für »Publik« seien keine Mittel aus der Kirchensteuer verwendet worden. Das galt lediglich für das Startkapital. So hatten die Erzdiözesen München und Köln dafür Grundstücke verkauft. Andere Diözesen speisten die »Publik«-Umlage aus Kollekten und Gewinnen, die kirchliche Brauereien und Verlage abwarfen. Doch um die nächste Subvention von 13 Millionen Mark aufbringen zu können, mußten die elf hilfswilligen Diözesen bereits Kirchensteuer abzweigen.

Doch aus welchen kirchlichen Quellen »Publik« auch unterhalten wurde -- unglaubwürdig ist die Behauptung, eine weitere Unterstützung von »Publik« sei finanziell nicht zu verantworten.

Angesichts der gegenwärtig 1,5 Milliarden Mark, die in der Bundesrepublik jährlich als Kirchensteuer in katholische Kassen fließen, fallen den Bischöfen Ausgaben in der Höhe, wie sie für »Publik« notwendig gewesen wären, für andere Zwecke nicht schwer. In der Erzdiözese Köln zum Beispiel werden jährlich allein für Pfarr- und Jugendheime fünf Millionen Mark ausgegeben.

Als »Publik« wegen der angeblichen Zahlungsschwierigkeiten seiner bischöflichen Geldgeber in Bedrängnis geriet, wurde denn auch in richtiger Einschätzung der materiellen Möglichkeiten ein vor allem von Bischof Tenhumberg befürworteter Plan erörtert (und erst spät zu den Akten gelegt), dessen Verwirklichung die katholischen Bischöfe jährlich sogar 14 Millionen Mark gekostet hätte: Neben »Publik« sollten aus diesem Fonds auch andere katholische Wochenblätter und weitere publizistische Medien subventioniert werden.

In der Öffentlichkeit fanden sich in den letzten Wochen Hunderte prominenter Verteidiger des gut gemachten »Publik«-Blattes. Dazu zählten CDU-Größen wie Helmut Kohl in Mainz und Heinrich Köppler in Düsseldorf ebenso wie das Zentralkomitee (der Dachverband aller katholischer Verbände) und 89 führende Theologieprofessoren.

Insgeheim hielten unterdes »Publik« und etliche Anhänger nach potentiellen Geldgebern Ausschau, um womöglich die Bischofs-Zuschüsse vermindern zu können.

Katholik Georg Leber versprach. »Publik« in den Verteilerplan für Anzeigen der Bundespost und Bundesbahn aufzunehmen. Bemühungen von CDU-Kohl und SPD-Wischnewski um finanzstarke Inserenten, die ihren Parteien nahestehen, waren freilich nicht sonderlich erfolgreich. Insgesamt standen -- nach Aussagen von Chefredakteur Alois Schardt -- Anzeigen in Höhe von einer Million Mark für die nächste Zeit ins »Publik«-Haus.

Eine Chance schien sich abzuzeichnen, als eine Annäherung an das zwar evangelische, aber »Publik« geistesverwandte »Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt« sondiert wurde. Es wird bei einer verkauften Auflage von 110 000 Exemplaren seit kurzem von der Evangelischen Kirche mit jährlich einer Million Mark (1972 sogar dem doppelten Betrag) unterstützt. Die Verlagschefs beider Blätter einigten sich darauf, daß eine Zusammenarbeit bis hin zum Aufbau eines gemeinsamen Anzeigenteils zu wünschen sei. Und bei einer Fusion, so ließ man die katholischen Bischöfe wissen, würden sie ihre Zuschüsse auf etwa die Hälfte, also drei Millionen Mark jährlich, reduzieren können.

Doch vergebens drängte in Königstein der Limburger Bischof Wilhelm Kempf auf eine Gnadenfrist von einem halben Jahr, um alle Vorstellungen und Vorschläge für die Rettung durchrechnen und besprechen zu können.

Um diesen Antrag durchzubringen, war nach der Verbands-Satzung eine Zweidrittelmehrheit vorgeschrieben. Es kam aber nur eine einfache Mehrheit zustande. Hätte ein einziger Bischof anders gestimmt und den Aufschub befürwortet, so hätte »Publik« vorerst überlebt.

Deutschlands bedeutendster katholischer Theologe, der Jesuit Karl Rahner, sieht in dem schon vollstreckten bischöflichen Todesurteil über »Publik« mehr als nur eine negative Entscheidung über eine Zeitung. In einem für den SPIEGEL geschriebenen Nachruf auf »Publik« warnt Rahner davor, daß der deutsche Katholizismus sich offenbar »innerhalb der deutschen Gesellschaft in ein Getto zurückziehen will« (siehe Kasten).

An Geld wird es im Getto nicht fehlen. Just in der Woche, in der die Bischöfe »Publik« sechs Millionen Mark Überlebenshilfe verweigerten, erfuhren sie aus dem Bundesfinanzministerium« daß sich infolge der bevorstehenden staatlichen Steuerreform ihre Einnahmen aus der Kirchensteuer um jährlich 250 bis 750 Millionen Mark erhöhen werden.

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