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GESELLSCHAFT / HOMOSEXUELLE Geld vom Milchmann

aus DER SPIEGEL 6/1967

Die Klubmitglieder tanzen, zelten und kegeln zusammen, und alle haben ein Attest, daß sie nicht geschlechtskrank sind. Es sind die 600 Freunde der »Gesellschaft für individuelle Rechte« (SIE) im kalifornischen San Francisco. Die Freunde sind ausschließlich Männer und anders als die andern: Sie sind homosexuell.

In mehr als zwölf Organisationen haben sie sich in den vergangenen Jahren in den USA zusammengeschlossen. »Homosexuelle brauchen einen Platz«, so begründete der Koch und SIR-Präsident William Beardemphl, 39, den Drang zum Zusammensein, »wo sie sich als Menschen und nicht als sexuelle Gegenstände treffen können.« »Time« nannte die Massenbewegung in der »Gay World« (Fröhliche Welt), wie sie im Homosexuellen-Jargon genannt wird, »ein neues Phänomen«.

Um neue Mitglieder sorgen sich die Gesellschaftsvereine nicht. Etwa 1,2 Millionen amerikanischer Männer, so errechnete der New Yorker Psychoanalytiker und Sex-Forscher Dr. Irving Bieber, fühlen sich vom eigenen Geschlecht mehr angezogen als von dem der Frauen. Sein kalifornischer Kollege Dr. Judd Marmor glaubt gar, daß zwei bis vier Millionen US-Bürger Anhänger des gleichgeschlechtlichen Liebesspiels sind.

Wie kaum ein Land der westlichen Welt verabscheute Amerika einst seine Homosexuellen. Puritanische Gesinnung und die Sorge der Siedler, das Land zu bevölkern, machten die Homos zu verderbten, nutzlosen Essern. Noch vor 100 Jahren wurden im US-Bundesstaat North Carolina Anhänger des Andersseins gehängt. Bis vor wenigen Jahren wurden sie dort zu 20 bis 30 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Aber die Puritaner schwanden dahin, und Amerika erreichte auch ohne die unproduktiven Bürger 198 Millionen Menschen.

Heute werden homosexuelle Künstler und Autoren, wie etwa der Negerschriftsteiler James Baldwin ("Eine andere Welt"), von der Gesellschaft geduldet. Allein in Hollywood, so bemerkte der New Yorker Theaterproduzent David Merrick ("Irma la Douce"), leben so viele Homosexuelle, »daß man sie von der Decke kratzen könnte«.

Auch Soldaten, Beamten und Politikern werden gleichgeschlechtliche Neigungen verziehen, sofern kein öffentlicher Skandal entsteht. Eine Polizeistreife traf Walter Jenkins, einen Freund Präsident Johnsons, auf einer als Homosexuellen-Treffpunkt bekannten Herrentoilette in Gesellschaft an. Er mußte seinen Dienst als Berater des Präsidenten quittieren. 1965 wurden 28 Beamte des Außenministeriums wegen homosexueller Neigungen aus dem Staatsdienst entlassen.

Oft nutzen Gangster die Schwächen der Homos zu Erpressungsversuchen. In den vergangenen zehn Jahren, so ermittelte unlängst die New Yorker Justizbehörde, nötigte eine einzige Verbrecher-Organisation über tausend Bürger, darunter zwei Universitätsdekane, zur Zahlung von mehreren Millionen Dollar. In Chicago mordeten in einem einzigen Jahr 13 Menschen im Zusammenhang mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen.

Bunte Homo-Magazine -- so die »Mattachine Review« in San Francisco, das »One Magazine« in Los Angeles und »Gay« in New York -- zeigen Bilder entblößter Jünglinge, vermitteln Freundschaften, preisen Perücken, Dessous und Parfums an.

Die Außenseiter der Gesellschaft suchen Zuflucht unter Gleichgesinnten. Sie bevölkern ganze Stadtviertel, die sie selbst »Boys' Town« (Stadt der Jungen) nennen. Dort essen sie in Restaurants, tanzen in Klubs und trinken in Bars, die nur von ihresgleichen besucht werden. Und dort leben sie in Häusern, in denen nur Gleichfühlende wohnen.

Allein in New York fühlen rund 100 000 Männer gleich. Laut »New York Times« ist das »die größte Homosexuellen-Ansammlung der Welt«. Beliebtester Treffpunkt für die männlichen Prostituierten New Yorks: die 42. Straße unweit des Times Square; beliebtestes Wohngebiet: das Künstlerviertel Greenwich Village.

In Chicago können wohlhabende Homosexuelle sich auch in privaten Klubs treffen. Aufnahmegebühr: 4000 Mark.

In einem Park im nördlichen Teil der Stadt warten männliche Prostituierte ab zehn Uhr morgens -auf Kundschaft. »Ihre ersten Klienten«, so beobachtete der Kriminalbeamte John Garber, »sind die Milchleute, nachdem sie ihre Milch geliefert haben. In der Mittagspause kommen die Büroangestellten und nachmittags die Handelsvertreter.«

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