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UMSIEDLER Geld zurück

aus DER SPIEGEL 10/1966

Die Sprengladung in Schacht 8 des estländischen Kohlekombinats Estonslanets detonierte mitVerzögerung. Sprengmeisterin Serafima Frolowitschen, 26, die sich schon aus der Deckung hervorgewagt hatte, wurde unter dein herabstürzenden Gestein begraben. Rettungstrupps bargen sie mit gebrochenen Beinen und schweren Hüft- und Hirnverletzungen.

Der Betriebsunfall am 22. Mai 1954 beendete die Unter-Tage-Karriere der Sowjet-Bürgerin: Genossin Serafima wurde als Invalidin arbeitsunfähig geschrieben. Sie heiratete und wechselte Wohnort und Staatsangehörigkeit.

Aber die Sowjet-Sozialisten vergaßen ihre Arbeitsheldin nicht. Letzten Monat schickten sie der Versehrten die unterdes aufgelaufene Rente nach. Neue Adresse: Gerhart-Hauptmann-Straße 8 in Barsinghausen am Deister, Bundesrepublik Deutschland.

Daß die Russen ihre Rubel bis ins Hannoversche rollen lassen, ist das Verdienst von Karl-Heinz Nax, dem niedersächsischen Landesgeschäftsführer des »Bundes hirnverletzter Kriegs- und Arbeitsopfer«, der im März vergangenen Jahres vom Los der Aussiedlerin erfuhr. Nax: »Ich sagte mir, man müßte einfach mal versuchen, in Moskau eine Unfallrente lockerzumachen.«

In einem Brief an die Konsularabteilung der Deutschen Botschaft in Moskau schilderte Nax, wie es der ehemaligen Sprengmeisterin, die zuletzt ein Spitzengehalt von 110 Rubel im Monat bezogen hatte, ergangen war: Serafimas volksdeutscher Ehemann Otto Wegert, den sie unter Tage in Estland lieben gelernt hatte und der zwei Jahre nach der Hochzeit durch einen Verkehrsunfall gleichfalls Rentner geworden war, hatte im Herbst 1963 die Erlaubnis erhalten, mit Frau und Tochter Olga nach Westdeutschland umzusiedeln. In Barsinghausen lebte die Familie seither von monatlich 447,90 Mark deutscher Rente. Sechs Monate lang lief das Nax -Schreiben durch die Instanzen. Obwohl zwischen Bonn und Moskau keine Rentenabmachungen bestehen, bekam Ende 1965 der Hirnverletzten-Bund von der Konsularabteilung der Sowjet-Botschaft in Rolandseck den Bescheid, »daß Frau Wegert ihre Rente weiter bekommen wird«. Und am 14. Januar dieses Jahres konnte die ehemalige Sowjet-Bürgerin der Konsularabteilung auf einem Formular bestätigen, »daß ich die Rente ... der UdSSR ... für den Zeitabschnitt vom 1. Oktober 1963 bis 13. Juni 1964 im Betrage von 883,07 Mark erhalten habe«. Daß Moskau eine Rente ins westliche Ausland zahlt, hat in Bonn Erstaunen ausgelöst. Nach Ansicht von Renten-Experten im Bundesarbeitsministerium hat es das »noch nie gegeben«. Dazu Nax: »Das liegt wohl auch daran, daß es meines Wissens vorher noch niemand aus dem Westen in Moskau versucht hat.«

Wann der Barsinghausener Geldbriefträger Frau Wegert die nächste sowjetische Renten-Rate bringt, ist noch offen. Sicher hingegen ist, daß die Bergbau-Berufsgenossenschaft in Clausthal-Zellerfeld der Umsiedlerin ihre deutsche Rente - bisher 89,90 Mark monatlich nicht länger zahlen will. Mehr noch: Die Genossenschaft beruft sich auf den Paragraphen 11 des Fremdrentengesetzes der die Rückerstattung deutscher Renten vorsieht, wenn nachträglich eine Auslandsrente gezahlt wird - und verlangt von Serafima Wegert 703,20 Mark zurück.

Rentnerin Serafima Wegert, Tochter: Rubel aus Moskau

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