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RATTEN Geliebte Bestien

Ratten sind in. Das kahlschwänzige Nagetier verliert seinen schlechten Ruf und kommt an: bei Kindern als Spielgefährte, bei Punks als Maskottchen, bei Künstlern als Kulttier. *
aus DER SPIEGEL 37/1984

Brehms Tierleben« beschreibt sie als »häßliche, langgeschwänzte Hausdiebe«, die »gierig« über »alles Genießbare« herfallen. »Das Zerstören der Wohnungen, das abscheuliche Zernagen der Wände« sei noch »das geringste Unheil, welches die Ratten anrichten«.

»Sehr fetten Schweinen«, berichtet der Zoologie-Klassiker, »fressen sie Löcher in den Leib, dicht zusammengeschichteten Gänsen die Schwimmhäute zwischen den Zehen weg.« Und es seien sogar »verbürgte Beispiele bekannt, daß sie kleine Kinder bei lebendigem Leibe angefressen haben«.

Die Horror-Biester verbreiten Tod und Not. Als 1347 vom Orient heimkehrende Gewürzschiffe im Hafen von Genua festmachten, schleppten Schiffsratten die Pest in Europa ein - binnen fünf Jahren wurden 25 Millionen Menschen, ein Viertel der Bevölkerung, von der Seuche hingerafft.

Zwar hat der Schwarze Tod, dank verbesserter Abwasserhygiene, weithin

seinen Schrecken verloren. Aber noch immer sind die Nager als Wirtstiere der Rattenflöhe so etwas wie ein wandelnder Hort für die Pestbakterien und Herd anderer Ansteckungskrankheiten, die kaum weniger lebensbedrohend sind - die Weilsche Gelbsucht etwa, Tollwut oder Maul- und Klauenseuche.

Und durch ihre Freßsucht und den existentiellen Drang, die rapide wachsenden Nagezähne zu wetzen, bringen die Ratten Elend über ganze Kontinente: Weltweit vernichten sie jedes Jahr zwanzig Prozent der Ernte - Millionen hungernder Menschen könnten damit gesättigt werden. »Seit der Mensch seßhaft wurde«, resümiert Horst Sterns Umweltmagazin »Natur«, »behauptet sich an seiner Seite als verhaßter und gefürchteter Untermieter die Ratte.«

Neuerdings aber holen die Menschen das Ekeltier in die gute Stube. Ratten kommen als Haustiere in Mode - das stellt, nomen est omen, in ihrer August-Ausgabe auch die Zeitschrift »Ein Herz für Tiere« fest.

Erst waren es die Punks, die sich mit den Ratten anfreundeten. Sie legten sich die Nager als Maskottchen zu, ließen sie auf ihren Köpfen herumtanzen und unter ihren Lederjacken krabbeln. Den grauen Gefährten aus den Müllhalden maßen sie wohl Symbolwert zu: Schmutz und Schutt entsprechen der vermeintlichen Lebenssituation der Punks.

Doch mittlerweile werden die Ratten auch in gutbürgerlichen Familien heimisch. Allerdings wandern die Langschwänzigen nicht durch Gullys und Abflußrohre ein, sie stammen aus Zoohandlungen und von Züchtern.

Hamburgs größtes Spezialgeschäft, der »Nager- und Vogelshop« in Barmbek, verkauft, so Geschäftsführerin Angelika Blöcker, »jeden Monat fünfzig bis sechzig Ratten an Private«, Labor-Bedarf sowie Futtertiere für Schlangen und Reptilien nicht mitgerechnet, zum Stückpreis von acht Mark.

Das sind »etwa zehnmal soviel wie noch vor einem Jahr« und »wesentlich mehr« als die billigeren Hamster (6,50 Mark das Stück), die als Spielgefährten der Kinder nicht mehr so begehrt seien, weil sie »doch nur den ganzen Tag schlafen« und obendrein die Kleinen beißen.

Das »Zoohaus City« in Frankfurt rühmt die »Anhänglichkeit« der Ratten, aber auch ihrer Besitzer: »Wenn einer mal eine Ratte hatte, kommt er immer wieder darauf zurück.« Als »Liebhaber« bezeichnet die Verkäuferin Maria Fauser vom »Kölle-Zoo« in Stuttgart die Ratten-Kunden, die dort ihr Haustier während des Urlaubs auch in Pflege geben dürfen.

»Dreißig bis fünfzig Stück« setzt der »Zoo im Forum Steglitz«, eine der größten Berliner Tierhandlungen, jeden Monat ab; das Käuferpublikum ist »gemischt, Punks überwiegen«. Ebenso schätzt das »Heimtierfachgeschäft Royal« in Düsseldorf seine Kundschaft

ein: »Eltern schrecken wohl doch noch ein bißchen davor zurück, ihrem Kind eine Ratte als Spieltier zu kaufen.«

»Wir empfehlen«, sagt hingegen die Hamburgerin Angelika Blöcker, Ratten für Kinder »ab acht Jahren«. Die zahmen Kahlschwänze, versichert die Zoohändlerin, seien »nicht gefährlicher als andere Nagetiere«, und »man kann sicher sein, daß sie keine Krankheiten übertragen« - sie sind aus Laborratten gezüchtet, die mit ihren wilden Vettern, den Wanderratten aus der Kanalisation, nur die Ahnen gemeinsam haben.

Vererbt wurden allerdings jene faszinierenden Eigenschaften, die auch an wildlebenden Ratten, bei allem Abscheu, Bewunderung finden: ihr ausgeprägtes geselliges Verhalten und ihre erstaunliche Lernfähigkeit. Aus der Verhaltensforschung sind zahlreiche Geschichten überliefert, die so sehr ans Märchenhafte grenzen, daß der Amerikaner Robert Hendrickson zu dem Schluß kam, Ratten seien »in mancherlei Hinsicht höher entwickelt als der Mensch«.

Berühmt ist beispielsweise ihr Vorkoster-System, das von Menschen ausgelegte Giftköder fast wirkungslos macht: Sie können zwei Gramm Gift in einer Tonne Futter schmecken, wobei zunächst nur eine Ratte testet, ob der Rest der Gruppe davon fressen kann. Fallen und vergiftetes Futter markieren sie mit ihrem Kot, so daß nachfolgende Artgenossen gewarnt sind.

Sie sind auch erfinderisch. So wurden Ratten beobachtet, die lebende Krebse sammelten: Sie bissen ihnen die Beine ab und stapelten sie in ihren Nestern als Nahrungsvorrat für karge Zeiten.

Die verblüffende Frischhaltemethode läßt auf eine hohe Intelligenz schließen, die, gerade auch in ihrer barbarischen Ausdrucksform, dem menschlichen Wesen durchaus verwandt erscheint.

Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz hat denn auch erkannt, worin »die Schwierigkeit« liegt, »den erfolgreichsten biologischen Gegenspieler des Menschen, die Wanderratte, wirklich erfolgreich zu bekämpfen«. Der Hauptgrund sei, »daß die Ratte mit grundsätzlich ähnlichen Mitteln arbeitet wie der Mensch, mit traditionsmäßiger Überlieferung von Erfahrung und ihrer Verbreitung innerhalb einer eng zusammenhaltenden Gemeinschaft«.

»Sie verwandeln sich«, beschreibt Lorenz den »Parteihaß zwischen den Rattensippen«, »in wahre Bestien, sowie sie es mit Angehörigen einer anderen als der eigenen Sozietät zu tun haben.« Aber sie sind geradezu »Vorbilder in allen sozialen Tugenden«, wenn Mitglieder des eigenen Clans hilfebedürftig sind - scheinbar menschliche Züge.

Wenn eine Rattenmutter umkommt, sorgt ein anderes Weibchen aus der Sippe für die verwaisten Rattenkinder. Blinde Tiere werden von gesunden Verwandten geführt. Und wenn eine Ratte mal in eine Falle tappt, beißt ihr ein Artgenosse

notfalls den eingeklemmten Schwanz ab, um sie zu befreien.

Die Paarung von Klugheit und Geselligkeit erklärt wohl auch, warum Ratten als Kuscheltiere beliebt werden. »Ihren Besitzer«, schwärmt »Ein Herz für Tiere«, »lieben sie und halten sich vorzugsweise auf ihm auf« - mit einer zahmen Ratte im Ärmel »kann man einkaufen oder ins Kino gehen«.

Ratten sind zudem leicht zu dressieren: Sie lernen sehr schnell, auf ihren Namen zu hören, und für eine Belohnung vollführen sie kleine Kunststücke. Mit der Erkenntnis, daß Laborratten auf Lichtsignale und Töne reagieren, hatte der amerikanische Verhaltensforscher Burrhus Frederic Skinner bereits vor fünfzig Jahren seine Theorie vom programmierten Lernen und Lehren begründet.

Gleichwohl ist der neue Kinder-Liebling den meisten Eltern noch suspekt. Für sie sind Ratten eben noch Ungeziefer, die Boten des Bösen, wie sie Albert Camus in seiner Parabel »Die Pest« beschreibt - nützlich allenfalls als Versuchstiere in Pharma-Labors, wo jedes Jahr mehr als eine Million Ratten ihr Leben für die Wissenschaft lassen.

In Europa galt die Ratte seit jeher als teuflische Kreatur, als Schimpfwort und Metapher für Schädlichkeit. In ihrer ursprünglichen Heimat hingegen, in Asien, wurde die Ratte stets mit Sympathie betrachtet. So kennt der buddhistische Kalender das Jahr der Ratte, das im Zwölf-Jahres-Zyklus immer wiederkehrt - 1984 steht unter diesem Tierkreiszeichen. Die Eigenschaften, die das chinesische Horoskop den Ratte-Menschen zuschreibt, sind eindeutig positiv: Charme, Intelligenz, Ausgeglichenheit, Tatkraft, Ehrgeiz, Sparsamkeit, Ehrlichkeit.

In Indien gar, das rattengeplagt ist wie kein anderes Land der Welt (auf 700 Millionen Einwohner kommen mehr als vier Milliarden Ratten), gilt der Schädling als heiliges Tier.

Doch auch in der westlichen Gesellschaft nistet sich neuerdings die Ratte als eine Art Kulttier ein, Pendant zum possierlichen Spielpartner von Punks und Bürgerkindern. Sie tummelt sich als Titelheld im Comic ("Paul, die Ratte") wie in der Kriminalliteratur ("Die tapferste Ratte von Venedig« von Patricia Highsmith). Günter Graß hat, als Fortsetzung zur »Blechtrommel«, einen Roman unter dem Titel »Die Rättin« angekündigt, der, wie die »Zeit« vermutet, von der »Pest der Emanzipation« handelt.

Was da alles derzeit auf den Büchermarkt drängt, stellte die alternative »Tageszeitung« unlängst unter der Überschrift »Rat Art« vor. Die Schreckensherrschaft Londoner Kanalratten schildert, ganz konventionell, »Rattus Rex« des schottischen Erzählers Colin McLaren. Von aktueller Brisanz hingegen ist das Thema des amerikanischen Kultautors William Kotzwinkle ("E.T."): Er

läßt seine Titelfigur »Doctor Rat«, Überlebende der raffiniertesten wissenschaftlichen Experimente, über das Labor-Leben und -Sterben erzählen - eine ätzende Satire auf die Grausamkeit des Menschen.

Auch in Filmen treten Ratten nicht mehr bloß als blutgierige Monster auf wie etwa in dem Klassiker »Willard«, wo eine abgerichtete Meute von Nagern auf Menschen gehetzt wird. Schon 1978 brachte Hark Bohm in seinem Schülerleid-Drama »Moritz, lieber Moritz« eine Ratte als putziges Requisit in einer feinen Hamburger Elbchaussee-Villa unter; die Liebe zum Ekeltier signalisierte damals freilich noch Protest gegen ein bankrottes, bourgeoises Elternhaus.

Mittlerweile weiß die »Tageszeitung« von »Jungfilmern, die sich kaum noch trauen, einen Film zu drehen, in dem nicht mindestens ein Dutzend dressierter Ratten vorkommen«.

Allerdings vermehren sie sich in der Kunst lange nicht so rasend wie in der Realität - und die ist sagenhaft: Bei einem Wurf in jeweils knapp zwei Monaten mit durchschnittlich zehn Jungen, die ihrerseits nach acht Wochen geschlechtsreif sind, kann es ein Rattenpaar im Jahr auf 15 000 Nachkommen bringen.

Auf diesen Umstand weist denn auch die Tierhändlerin Blöcker ihre Kundschaft vorsorglich hin, wenn ein Kamerad fürs Kinderzimmer angeschafft werden soll. Wohl gibt sie, wegen des Familiensinns der Ratten, die Tiere »lieber paarweise« ab. Aber sie berät auch, wie unerwünschte Folgen vermeidbar sind: »Zwei Gleichgeschlechtliche kaufen oder das Männchen kastrieren lassen.«

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