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VERBÄNDE AKTION WIDERSTAND Gelöste Schwingen

aus DER SPIEGEL 44/1970

In Münchens Nacht- und Neppviertel Schwabing, wo in diesem Jahrhundert Lenin Untergrundschriften verfaßte, Hitler mit Vorliebe vegetarisch speiste und dem Metzgerehepaar Strauß ein Sohn namens Franz Josef geboren wurde, wird die Welt schon wieder einmal umgekrempelt.

Georgenstraße 58, 1. Stock, rechts, hinter einer gurkengrün gestrichenen Tür, nistet In der Bude des Studenten Gerald Gollob eine »Aktion Widerstand«. Erich Kernmayr, ehedem SS-Mitglied und heute als Erich Kern den Lesern der rechtsradikalen »Deutschen Wochen-Zeitung« vertraut, in bewährtem Jargon: »Unsere Kommandostelle.«

Das Widerstandsnest ist zwei Monate jünger als der von ihm befehdete »Moskauer Unterwerfungsvertrag«. Anfang Oktober marschierten zehn Widerständler (Kernmayr: »Vier alte und sechs junge") zu einem Münchner Notar, um ihre Ziele rechtsverbindlich markieren zu lassen. Und schon am Sonnabend dieser Woche wollen die Münchner Aktionisten ihre Gründungskundgebung in der Würzburger »Frankenhalle«, Fackelzug inklusive, zelebrieren: »Widerstandswille regt sich überall im Lande. Dieser Widerstandswille muß jetzt zusammengefaßt und aktiviert werden.«

Die Aktivisten stehen für Zirkel wie »Aktion Oder-Neiße«, »Aktion Deutschland e. V.« »Arbeitsgemeinschaft volkstreuer Verbände« oder »Aktionskreis Mut«. Gründungsmitglied Kernmayr: »Zweckehe von Gruppen und Verbänden der sogenannten heimatlosen Rechten, etwa wie die Apo der heimatlosen Linken.«

Außer dem Rechts-Literaten Kernmayr ("Herz im Stacheldraht") gehören zu den Ehe-Partnern beispielsweise Peter Kleist, vormals Leiter der Hauptabteilung Ost im NS-Außenministertum und heute Journalist ("Chruschtschow 50 km vor Hamburg"); Herbert Böhme, ehedem SA-Poet und heute Europa-Prosaist (« ... mit gelösten Schwingen"); Arthur Ehrhardt, einst SS-Sturmbannführer und heute Schriftleiter in Coburg ("Der Junker und der deutsche Traum"); Waldemar Schütz, damals SS-Hauptsturmführer und heute Verleger rechtsradikaler Schriften ("Waffen-SS im Einsatz").

»Wer weiß«, so die Schwabinger Rechts-Kommune in ihrem ersten Aufruf, »daß mit der Ratifizierung des Moskauer Vertrages die Hälfte Deutschlands dem sowjetischen Imperialismus und der brutalen Gewaltdiktatur geopfert wurde?« Daher: »Widerstand gegen die selbstmörderische Zerstörung der deutschen Nation und das Lebensrecht unseres Volkes ist das Gebot der Stunde.«

Mit Bedacht formulieren die Widerständler »über alle Parteigrenzen hinweg«. Ostland-Kleist hat bereits eine große Zielgruppe im Visier: »die Menschen bei der CSU«. Aber außer 30 Jahre alten Phrasen hat der neue Freundeskreis an Texten noch nichts bekanntgemacht. Kernmayr: »Alles andere ist vorläufig noch nicht druckreif.«

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