Zur Ausgabe
Artikel 40 / 85
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

KANADA Gemäßigte Besorgnis

Ein Eisbrecher der amerikanischen Küstenwache verletzte die kanadische Souveränität. Jetzt streiten sich die Nachbarn um die Nordwest-Passage. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Ein Sportflugzeug der Marke »Twin Otter« mit zwei kanadischen Studenten und zwei Eskimos an Bord umkreiste den Eindringling im Tiefflug. Aus gut 30 Metern Höhe gelang den Fliegern ein Volltreffer.

Ein mit Steinen beschwerter Pappzylinder, drapiert in eine kanadische Flagge und gefüllt mit bitterbösen Flugblättern, landete zwischen den Schornsteinen des amerikanischen Eisbrechers. »Ich denke«, freute sich der Student David Achtim, »wir haben gerade die kanadische Souveränität gerettet.«

Opfer dieses Luftangriffs war, vor nunmehr zwei Monaten, die »Polar Sea«, ein Eisbrecher der amerikanischen Küstenwache. Selbst zwei Meter dickes Eis kann der 60 000 PS starke Kraftprotz bei einer konstanten Geschwindigkeit von drei Knoten noch aufbrechen.

Die Frage allerdings, wessen Eis die »Polar Sea« auf ihrer Fahrt durchpflügt hat, kanadisches oder internationales, erregt seither die Gemüter am Polarkreis. Denn auf seinem Weg von der amerikanischen Marinebasis im grönländischen Hafen Thule nach Alaska war der Eisbrecher nicht, wie sonst üblich, durch den Panamakanal gefahren, sondern hatte die direkte Route genommen, die eisige Nordwest-Passage, 1500 Kilometer durch den Arktisarchipel.

Auf der berühmten, Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckten nördlichsten Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik schwimmen auch im Sommer Tausende von Eisbergen. An den wenigen warmen Tagen im Jahr versperrt zudem dichter Nebel die Sicht in der Durchfahrt.

Kanada betrachtet die ungemütliche Schiffahrtslinie als Binnengewässer innerhalb des eigenen Hoheitsbereiches und erwartet, daß jedermann, der die Passage trotzdem wagt, vorher um Erlaubnis einkommt. Das jedoch hatten die USA nicht für nötig erachtet. Zwei Monate vor der Fahrt der »Polar Sea« traf aus Washington ein Telex ein, in dem Ottawa das bevorstehende Ereignis lediglich angekündigt wurde, verbunden mit dem etwas vagen Vorschlag, das Ganze doch »auf kooperativer Basis« abzuwickeln.

Offiziell um eine Durchfahrtserlaubnis nachzusuchen, kam Washington jedoch nicht in den Sinn: Die USA erkennen die kanadischen Hoheitsansprüche auf die manchmal über 100 Kilometer breiten Wasserstraßen zwischen den Inseln nicht an. Amerikanischen Seeleuten gilt die

Nordwest-Passage deshalb als internationales Gewässer.

Die Fahrt der »Polar Sea« traf eine empfindliche Stelle bei den Kanadiern. Für den Oppositionsführer im Parlament, John Turner, war das Verhalten der Amerikaner ein »Affront«. Sein Fraktionskollege, Ex-Verteidigungsminister Jean-Jacques Blais, sah darin eine »Herausforderung unserer Souveränität über kanadische Inlandgewässer«.

Selbst Kanadas konservativer Premier, Brian Mulroney, der nach der Ablösung des widerspenstigen Pierre Elliott Trudeau angetreten war, das lädierte Verhältnis zum Nachbarn im Süden wieder zu flicken, äußerte »tiefes Bedauern« über die Eigenmächtigkeit der USA und nahm, so die offizielle Sprachregelung in Ottawa, »eine Haltung gemäßigter Besorgnis« ein: »Die Nordwest-Passage gehört Kanada und damit basta.«

Die Sowjets, die ihrerseits eifersüchtig über ihre Nordost-Passage wachen, halfen den Kanadiern. »Ob Nordost- oder Nordwest-Passage ist egal«, erklärte Botschaftssprecher Jewgenij Posdnjakow. »Das Wasser um die zu einem Land gehörenden Inseln gehört zu den internen Gewässern.«

Das Verhältnis zu den USA ist in Kanada für jede Regierung ein heikler Balanceakt. Auch der wirtschaftspolitisch an Ronald Reagan orientierte Mulroney muß darauf achten, daß die USA nicht einfach ihrer Neigung nachgeben, über kanadische Interessen hinwegzugehen.

Denn Nichtinteresse an Vorgängen im Norden ihres Kontinents ist bei den US-Bürgern weit verbreitet. »Selbst wenn Kanada auf einmal verschwände«, beklagt sich ein kanadischer Konsul, »wäre das nur eine Fünf-Zeilen-Meldung auf den Innenseiten der amerikanischen Zeitungen wert.«

Die landesweite Entrüstung über die eigenmächtige Fahrt durch die Nordwest-Passage wurde zum Anlaß für Mulroney, kanadische Eigenständigkeit zu demonstrieren. Unmittelbar vor Beginn der Herbstsitzung des kanadischen Parlaments lehnte er eine Beteiligung Kanadas am amerikanischen Raketenabwehr-Programm SDI ab.

Begründung: Kanada habe keinerlei Einflußmöglichkeit auf das Vorhaben. Kurz zuvor hatte er als leitendes Kriterium für eine Zusammenarbeit mit den Amerikanern die Frage gestellt, ob SDI Kanadas »Fähigkeit behindert, unabhängig zu handeln«.

Auch die Verletzung kanadischer Souveränität im arktischen Eis will die Regierung nicht länger hinnehmen, sondern in Zukunft ausschließen. Drei Tage nach Mulroneys SDI-Ablehnung legte Außenminister Joe Clark eine ganze Serie von Maßnahmen vor, welche Kanadas »volle Souveränität« sichern sollen, die er als »lebenswichtig für die Identität des Landes« empfindet.

Auf allen Seekarten der Welt sollen künftig um die Inseln des arktischen Archipels »Baselines« gezogen werden und alle Gebiete innerhalb dieser Verbindungslinien ab 1. Januar 1986 eindeutig als kanadisches Hoheitsgebiet ausgewiesen sein.

Außerdem genehmigte Clark den Bau des stärksten Eisbrechers der Welt, dessen Pläne zwar schon seit längerem in kanadischen Schubladen lagen, der aber erst jetzt für 500 Millionen Dollar gebaut werden und künftig kanadische Souveränität im arktischen Eis demonstrieren soll.

Auch die Luftüberwachung ihrer Polargebiete wollen die Kanadier verstärken. Für 1986 kündigte Clark gar »kanadische Marineaktivitäten in der östlichen Arktis« an.

Kanada müsse, so Clark, aus mehreren Gründen auf seine Souveränität in der Arktis bestehen. Etwa weil »viele Länder, darunter die USA und Westdeutschland, sich jetzt aktiv auf kommerzielle Schiffahrt in arktischen Gewässern vorbereiten«. Große japanische Firmen versuchten, den Markt für eisbrechende Tanker zu erobern.

So wollen sich die Kanadier wenigstens auf dem Wasser Hoheitsrechte sichern, die sie unter dem Wasser längst verloren haben. Denn die einsamen und überdies neun Monate im Jahr vereisten Wasserwege, ohne Eisbrecher für kommerzielle Nutzung durch die Schiffahrt weitgehend wertlos, sind seit jeher ein Tummelplatz für U-Boote aus Ost und West.

Sowjets, Briten und Amerikaner proben in den arktischen Gewässern U-Boot-Krieg, ohne sich um Kanadas Souveränität zu scheren.

[Grafiktext]

UdSSR NORDWEST-PASSAGE Beaufort-See Sommer-Packeis-Grenze GRÖNLAND Mc. Clure Strait Melville Sound Lancaster Sound Baffin Bay Barrow Thule POLARKREIS KANADA ALASKA (USA) 500 Kilometer

[GrafiktextEnde]

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 40 / 85
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.