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VERBANDE / FALKEN" Gemischte Zelte

aus DER SPIEGEL 34/1969

Berlins »Falken« - die Mitglieder der SPD-nahen »Sozialistischen Jugend Deutschlands« - rupfen sich, daß die Federn fliegen.

Auf einem Falken-Treff im Schöneberger Jugendheim »Die weiße Rose«, am Mittwoch letzter Woche, schrien sie sich gegenseitig nieder, pfiffen gemeinschaftlich einen Vertreter des Frankfurter Bundesvorstands aus.

Das Falken-Gezänk war Echo des Lamentos in der Presse über die unorthodoxe Regie beim diesjährigen Sommerlager des Jugendverbandes. Denn Berlins Falken hatten, so Zweiter Vorsitzender Heinz ("Micky") Beinert, 39, Konsequenzen aus dem Vers des DDR-Poeten Wolf Biermann gezogen: »Keiner tut gern das, was er tun darf, was verboten ist, das macht uns gerade scharf.«

1700 jugendlichen Teilnehmern ihres Ferienlagers in Norraharomar bei Jönköping (Südschweden) war freigestellt worden, in reinen Jungen-, in reinen Mädchen- oder in Gemeinschaftszelten zu schlafen. Die ältesten Teilnehmer waren 23, die jüngsten 8; es gab Kinderdörfer (8- bis 11jährige), Jugenddörfer (12- bis 14jährige) und Oberdörfer (ab 15). Rund die Hälfte der Jugendlichen entschied sich für gemischte Lager.

Die Aufhebung der Geschlechtertrennung ist für Falken allerdings nichts Neues. Sie wurde bei der sozialistischen Jugend schon in den zwanziger Jahren praktiziert. Erst seit Mitte der fünfziger Jahre wurden Jungen und Mädchen wieder getrennt untergebracht - hauptsächlich deshalb, weil seitdem viele Nichtmitglieder an den Sommerlagern teilnahmen. Auch diesmal waren von 1700 Schweden-Reisenden nur 300 echte Falken.

Vor ihrer Abreise diskutierte eine »Projektgruppe« monatelang über eine neue Lager-Konzeption, die neben politischen Vorträgen, etwa über Vietnam, auch eine »sexualpolitische Beratungsstelle« im Lager vorsah. Linksstehende Ärzte und Psychologen aus Berlin sollten den Teilnehmern mit Rat und Tat - unter anderem in Form von Antibabypillen - beistehen. Ob auch gemischte Zelte zugelassen werden sollten, wurde allerdings nicht festgelegt.

»Mein Freund und ich haben erst im Zug gefragt«, erzählt die Nicht-Falkin Margarethe Radomski*, »ob wir in einem Zelt schlafen könnten. Da hieß es: »Ja, könnt ihr machen.« In der ersten Lagerwoche, so die 18jährige Margarethe, »ergab es sich dann so«. Es ergab sich so manches:

Die Duschen, ursprünglich für Jungen und Mädchen an entgegengesetzten Lagerenden installiert, wurden vergemeinschaftet. Ein zwanzig Minuten dauernder »harter Porno« -Film, so Teilnehmer Horst Tomayer, wurde Auserwählten vorgeführt und »in einer sehr guten Diskussion« als Dokument bürgerlichen »Voyeurismus« entlarvt.

Im Lager gab es Bier, einige Jugendliche hatten sich aus Berlin ihr gewohntes Haschisch mitgebracht, und auf den Vorwurf, Geschlechtsverkehr sei selbst am hellen Tag im Sand ausgeübt worden, räumt Berlins Erster Falken-Vorsitzender Peter Bischoff, 29, ein: »Ein Körnchen Wahrheit ist schon dran.«

Nun ermittelt die Kriminalpolizei wegen Verdachts des unerlaubten Rauschgiftbesitzes, der Unzucht mit Kindern' der Verführung Minderjähriger und wegen Verletzung der Aufsichtspflicht.

»Fehler, Versäumnisse und Versagen« (Beinert) - die bei einem so großen Lager mit so unübersichtlicher Teilnehmerzahl, ohne straffe Disziplin, allerdings voraussehbar gewesen wären - wurden namentlich von Axel Springers Blättern so hochgespielt, daß nicht nur den Eltern der Ferienkinder bang wurde. »BZ« schon Mitte Juli: »Die 15jährige Erika schrieb ihrer Mutter, daß sie täglich Haschisch rauche.« Oder: »Ein 13jähriger Schüler aus Neukölln an seinen Vater: »An jeder Ecke wird geraucht, geliebt, gesoffen.«

Aufgrund solcher Kinder-Erzählungen leitete Berlins Senator für Familie, Jugend und Sport Horst Korber (SPD) eine Untersuchung ein und sperrte Ende Juli vorerst 95 000 Mark öffentliche Gelder für das Falken-Lager. 80 000 Mark waren bereits ausgezahlt.

Inzwischen steht fest, daß nicht jede Ecke genutzt wurde, die meisten Jugendlichen vielmehr nach kurzem Austoben viel friedfertiger lagerten als sonst Zeltgemeinschaften. »Die Aggressionen ließen zusehends nach«, formuliert eine katholische Oberschülerin, deren Eltern nicht wissen durften, daß sie mit ihrem Freund zusammen geschlafen hat.

Der Bundesvorstand der Falken in Frankfurt erklärte bußfertig, die Falken »werden auf ihrer nächsten Sitzung ... sicherstellen, daß sich derartige Vorfälle nicht mehr im Namen der Falken wiederholen können«. Als eines von drei »unverzichtbaren Kriterien« künftiger Lagerführung nannte er: »Getrennte Unterbringung von Jungen und Mädchen.«

Der Berlin-Kreuzberger Falken-Vorsitzende Alfred Tennstedt beharrt zwar, »was der Bundesvorstand sagt, ist für uns nicht ausschlaggebend«. Doch ist abzusehen, daß die Falken zu dem zurückkehren, was der Berliner Psychologe und Falken-Berater Helmut Kentler »Verhütungspädagogik« nennt: »Es soll ... dafür gesorgt werden, daß nichts »passiert'.«

*·Der Name wurde von der Redaktion geändert.

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