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DENKSPIELE Gemolkene Hirne

aus DER SPIEGEL 17/1963

In einem Konferenzzimmer des amerikanischen Elektrokonzerns Westinghouse hatte sich eine Gruppe aufstrebender Angestellter versammelt. Firmenpsychologe Herb Reel eröffnete die Sitzung. Er verkündete: »Ich bin eine Termite!«

»Wie fühlen Sie sich dabei?« fragte ein Konferenzteilnehmer.

Reel: »Na, fabelhaft. Ich niste in einem Holzbalken. Ich habe ein Obdach und genug zu essen.«

Der Gesprächspartner war beeindruckt: »Das klingt nicht schlecht. Ich wollte, ich wäre auch eine Termite.«

Als die New Yorker Zeitung »The Wall Street Journal« unlängst von diesem Vorkommnis berichtete, hielt sie für ratsam, darauf hinzuweisen, daß »Mr. Reel und seine Mitarbeiter keineswegs meschugge sind«.

Was sich wie ein Sketch aus einem surrealistischen Bühnenstück ausnehmen mochte, war in Wirklichkeit ein psychologisches Planspiel. Die Westinghouse-Angestellten nahmen an einem Kursus teil, in dem sie »creative thinking« - schöpferisches Denken - üben sollten. Sie trainierten an einem wirtschaftlich bedeutsamen Problem: wie man Insekten am Holzfressen hindern könne.

So geartetes schöpferisches Denken gehört heute zum amerikanischen Industrie-Alltag. Namhafte Großunternehmen lassen den Firmennachwuchs systematisch in »creative thinking« unterweisen. Die Kursisten sollen auf diese Weise lernen, frische Ideen für die Forschung zu entwickeln, kostensparende Fertigungstechniken auszutüfteln und neue Verwendungsmöglichkeiten für die Firmenprodukte zu erschließen.

Der Westinghouse-Konzern beispielsweise, der die Lehrgänge 1960 einführte, hat im vergangenen Jahr 850 Arbeitnehmer ausbilden lassen. Das Zündkerzen-Werk von General Motors ist dabei, sein Programm auszuweiten; neben Facharbeitern und Ingenieuren sollen nun auch Verkäufer und Sekretärinnen zu schöpferischem Denken angespornt werden. Der »Burlington Industries«-Konzern hat den Denksport in 40 von insgesamt 130 Zweigwerken eingeführt. »Es ist nur eine Frage der Zeit«, sagt Personalchef Weddie Huffman, »bis er auch in den anderen Filialbetrieben geübt wird.«

Daß die Großfirmen das Zustandekommen von Verbesserungsvorschlägen kaum noch der mehr oder weniger zufälligen Anteilnahme ihrer Angestellten überlassen, geht auf den New Yorker Werbefachmann Alex F. Osborn zurück, der im Jahre 1939 verkündet hatte, daß Einfälle forcierbar und manipulierbar seien. Osborn entwickelte damals ein System zur Pflege des schöpferischen Denkens, das in seiner ursprünglichen Form so funktionierte:

Vor einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern präsentiert ein Fachmann ein bestimmtes Problem. Innerhalb von fünf oder zehn Minuten hat jeder der Konferenzteilnehmer alle Lösungsmöglichkeiten aufzuzählen, die ihm einfallen. Jede Idee wird vom Spielleiter sofort auf einer Tafel notiert.

Diese Methode wurde bald mit der Vokabel »brainstorming« gekennzeichnet, einer Schlagwort-Montage aus »brain« (Gehirn) und »storm« (Sturm), die schon im Jahre 1907 anläßlich eines sensationellen Mordprozesses aufgekommen und in den USA populär geworden war: als Metapher für den Zustand geistiger Umnachtung.

Der Ausdruck bezog sich auf die wichtigste der Osbornschen Spielregeln: Um möglichst viele und vor allem gänzlich neuartige Ideen zu ergattern, waren scheinbar absurde oder abwegige Vorschläge in der Runde der Problem -Knacker geradezu erwünscht.

Denn Osborn ging von der einfachen Überlegung aus, daß es leichter sei, aus zügelloser Phantasie geborene Vorschläge, die unbrauchbar sind, fallenzulassen, als nutzbringende Ideen neu zu entwickeln. Um angeborene oder anerzogene Hemmungen auszuschalten, erließ Gehirnstürmer Osborn ein striktes Gebot: Während der »brainstorming« -Sitzungen durfte niemand lachen oder einen anderen Teilnehmer kritisieren.

Osborns System kam der spezifisch amerikanischen Arbeitsmentalität des Zusammengluckens ("teamwork") so sehr entgegen, daß in den Nachkriegsjahren rund 6000 US-Firmen mit über 20 Millionen Beschäftigten den kollektiven Ideenfang einführten. Die »General Electric Company« zahlte in einem Jahr 160 000 Mark für Verbesserungsvorschläge, die in Gruppenspielen ausgebrütet worden waren. Bei »Eastman Kodak« nahmen in zwölf Monaten fast 10 000 Angestellte an Stürmer-Sitzungen teil.

Eine Welle schöpferischen Denkens überflutete die Nation. Beamte der Verkehrsbehörden bedienten sich des »brainstorming«-Rezepts, um neue Methoden der Unfallverhütung auszutüfteln. Polizisten marterten grüppchenweise ihre Schädel, um die Jugendkriminalität einzudämmen. »Brainstorming« wurde gesondertes Unterrichtsfach in der Ausbildung von Psychologen, die ihrerseits nach neuen Varianten der kollektiven Gedanken -Jagd forschten.

Mit wissenschaftlicher Akribie unterschieden die Amerikaner bald eine ganze Reihe von Spielarten, Hirne zu melken. Oft waren die Methoden nur den besonderen Problemen einer bestimmten Branche angepaßt. Angestellten der Möbelindustrie wurde beispielsweise auferlegt, nach dem System der »erzwungenen Verwandtschaft« ("forced relationship") alle nur erdenklichen Möbelstücke auf dem Papier zu kombinieren. Resultat solcher Bemühungen konnte sein, daß die Firma eine ideale Kombination von Stuhl und Lampe präsentierte.

»Morphologische Analyse« nannten US-Psychologen ein System, dem beispielsweise die »Aluminium Company of America« ("Alcoa") ein einträgliches Geschäft mit Altar-Ausstattungen aus Aluminiumblech verdankt.

Bei der Suche nach neuen Alcoa-Absatzmärkten war in einer Denkrunde das Stichwort Religion gefallen. Nach den simplen Gesetzen der »morphologischen Analyse« stellten die Teilnehmer eine Liste aller Religionen, eine Liste aller Einrichtungsgegenstände von Kirchen und Tempeln sowie eine Liste von Alcoa-Materialien auf. Altar und Aluminium schien die rechte Kombination zu sein: Nachdem eine Marktanalyse angefertigt worden war, begann Alcoa den Devotionalienmarkt zu erschließen.

Noch lukrativer verlief eine schöpferische Sitzung, bei der auf einer Liste alle nur erdenklichen Unterbringungsräumlichkeiten, Schuppen, Schutzräume und dergleichen, zu notieren waren, auf einer anderen Liste alles, was sich unterbringen läßt - gleichgültig, ob lebende Wesen oder Gegenstände. Bei der Durchsicht der Listen verknüpfte ein Denker die Stichworte »Käfig« und »Mäuse«. Nachforschungen ergaben, daß in Amerika monatlich vier bis fünf Millionen Mäuse für wissenschaftliche Zwecke gezüchtet werden: Seitdem hekken die US-Mäuse vornehmlich in Aluminiumbehältern von Alcoa.

Trotz solcher gelegentlich beachtlichen Erfolge blieb das »brainstorming« nicht unumstritten. In der amerikanischen Wirtschaftszeitschrift »Fortune« äußerte schon 1957 der angesehene Wissenschaftler Bernard S. Benson, ein Pionier der Raketen-Technik, Bedenken gegen die Hirnquetsche. »Statt die Probleme mit Intelligenz und Logik anzupacken«, rügte er, »läßt sich die Wirtschaft von Spielerei, Unfug und Phantasterei fesseln - in der Hoffnung, aus dem magischen blauen Dunst schmerzlos die Lösungen ernsthafter Probleme pflücken zu können.«

Skeptiker im US-Marineforschungsamt ließen schließlich die Brauchbarkeit der »brainstorming«-Methode vom Psychologischen Institut der Yale-Universität untersuchen. Kernfrage war, ob die bis dahin übliche Gruppenarbeit schöpferisches Denken erleichtert oder erschwert. Verschiedentlich hatte sich nämlich gezeigt, daß die Lösungsvorschläge von Hirnsturmtrupps durch eine ausgefallene Idee in eine bestimmte Richtung gedrängt Werden konnten.

Die Yale-Forscher formulierten drei Testfragen (Beispiel: »Welche Maßnahmen wären vorzuschlagen, um mehr europäische Touristen zum Besuch Amerikas zu veranlassen?"), die in verschiedenen Sitzungen insgesamt 96 Studenten vorgelegt wurden. 48 Studenten grübelten in zwölf Gruppen zu je vier Mann, 48 dachten allein über die Probleme nach.

Resultat: Die Kollektivdenker produzierten weitaus mehr Ideen als die Alleindenker. Origineller, nützlicher und leichter realisierbar aber war, was die Einzelgänger ausgetüftelt hatten.

Solche Erkenntnisse trugen zwar dazu bei, daß der Begriff »brainstorming« so gut wie verdrängt wurde von der seriöser anmutenden Bezeichnung »idea engineering« (Ideen-Fabrikation). Aber auf organisierte Anleitung zum schöpferischen Denken mochten die Amerikaner dennoch nicht verzichten. Die jüngste Masche verlangt von den Problem-Knackern, sich beim Durchdenken einer kniffiligen Sache mit den Objekten der zu überwindenden Schwierigkeit zu identifizieren, etwa - wie es die Westinghouse-Angestellten taten mit einer holzfressenden Termite.

Daß sich mit Hilfe dieser Methode technische Probleme mitunter lösen lassen, demonstrierte unlängst die »Synectics, Inc.« in Cambridge (US-Staat Massachusetts). Die Firma arbeitete an der Entwicklung eines Bolzenschießgerätes, das Nieten und Schrauben mit Hilfe eines explodierenden Benzin-Luft -Gemischs in Stahl oder Mauerwerk treiben sollte. Beim Betrieb des Versuchsmodells kam es jedoch zu Fehlzündungen.

So wurden schöpferische Denker bemüht: Nach dem Prinzip persönlicher Identifizierung-bildete sich ein Techniker ein, der Vergaser zu sein. Er schnaufte nach rechts und links, um Treibstoff und Luft in vermeintlich richtigen Dosen anzusaugen. Sein Kollege, ein eingebildeter Niet-Kanonier, hielt Zwiesprache mit dem Vergaser und kritisierte ihn.

Ergebnis der Denksportübung: ein »Einweg-Vergaser«, der für die Bolzen -Explosionen 500 Portionen fertiges Gasgemisch - nach Art von Aerosol-Dosen - abgibt. Fehlzündungen sind damit ausgeschlossen.

Sogar für den politischen Bereich ergaben sich »wichtige Anwendungsmöglichkeiten«, wie Professor Robert C. North von der US-Universität Stanford unlängst mitzuteilen wußte.

Der Gelehrte führte als Beispiel die Arbeit von Stanford-Psychologen an, die in einer. Untersuchung über internationale Konfliktsituationen herauszufinden versucht hatten, unter welchen Umständen friedliche und kriegerische Entwicklungen eintreten können. Studienobjekte waren verschiedene Gruppen von Studenten und Dozenten, die sich in die Rolle nuklear bewaffneter Nationen zu versetzen hatten.

Die Ergebnisse des Experiments waren unterschiedlich: Wurden die Länder - durchweg junge Atommächte - durch Naturwissenschaftler repräsentiert, zeichnete sich eine friedliche Entwicklung ab. Wurden Akademiker der politischen Wissenschaften eingespannt, endete das schöpferische Denkspiel im atomaren Chaos.

Gehirnstürmer Osborn

»Ich bin eine Termite!«

Gehirnsturm-Kritiker Benson

Zwiesprache mit dem Vergaser?

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