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Genau zugehört

aus DER SPIEGEL 17/1949

Ich erwarte Protest!« sagte Fritz Kortner während der Dreharbeit zu seinem Film »Der Ruf«. Die Uraufführung im Berliner Marmorhaus erfüllte die Erwartung Kortners noch nicht.

Fritz Kortner, der Franz Moor und Mortimer, Macbeth und Marquis von Keith aus der großen Zeit des Berliner Theaters unter Reinhard und Jessner, kehrte im Dezember 1947 aus der kalifornischen Emigration nach Deutschland zurück. Ohne jeden Auftrag der Besatzungsmacht, als Privatmann also und als deutscher Schauspieler.

Er mußte seine Reise selbst bezahlen und konnte dennoch nicht auftreten. Daß er im sowjet-sektoralen Deutschen Theater spiele, wünschten die Amerikaner nicht. Das Hebbel-Theater im amerikanischen Sektor blieb ihm aus vielumrätselten Gründen verschlossen. Er hat bis heute noch nicht wieder als Schauspieler auf einer deutschen Bühne debütiert.

Nur der Autor Fritz Kortner erschien bisher auf einer deutschen Nachkriegsbühne. Mitte Februar wurde in den Münchner Kammerspielen seine in England geschriebene Komödie »Donauwellen« uraufgeführt. Im Mittelpunkt steht der Friseur Duffeck, Typ des Wiener Spießbürgers, der - »mir kann nix gescheh'n« - von einem Regime ins andere rutscht.

Nun erscheint auch der Filmschauspieler Fritz Kortner - unvergessen aus der Stummfilmzeit - wieder auf der deutschen Leinwand. Kortner, der in Amerika erfolgreiche Drehbücher verfaßt hat ("Der brennende Busch«, »A foreign affair"), schrieb ebenfalls zu seinem deutschen Nachkriegsfilm »Der Ruf« das Drehbuch selbst. Unter der Regie von Josef von Baky spielt er auch die Hauptrolle in seinem Film.

Kortner ist der jüdische, nach Kalifornien emigrierte deutsche Professor Mauthner. Trotz aller Erfolge in der neuen Heimat kehrt er auf den ersten Ruf einer deutschen Universität hin in das Nachkriegsdeutschland zurück. Eifersucht intrigierender Kollegen und die Reaktion der Studentenschaft lassen ihn diesen Schritt bald bereuen.

Damit gibt Kortner ein halbes Selbstporträt. Bei einem Interview in München erklärte er früher einmal, eine große Anzahl junger Deutscher habe ihm seit seiner Rückkehr nach Deutschland Mut gemacht, auch wieder an die Jugend zu glauben. Dann habe er aber sehen müssen, daß die Universität noch »eine Brutstätte antisemitischer Tendenz« sei.

Trotz des tragischen Ausgangs verklingt der Film nicht in Resignation und Skepsis. Professor Mauthners Opfer ist nicht umsonst gewesen. Selbst sein eigener Sohn, der, in Nazi-Deutschland aufgewachsen, für arisch erklärt wurde und stark antisemitisch gesinnt ist, spürt in der Nähe des vielangefeindeten Professors das eigene Brett vor dem Kopf. Daß dieser Professor sein Vater ist, weiß er gar nicht. Als Mauthner an den Aufregungen zerbrochen ist, folgen seinem Sarge viele ehemalige Nationalsozialisten.

Die alten Pg's reden in diesem Film manchmal so, als wollten sie schon morgen in SS-Uniform Amerika besetzen. Aber das ist die einzige Uebertreibung des Drehbuches. Kortner hat während der kurzen Zeit seines bisherigen Aufenthalts in Deutschland sehr genau zugesehen und zugehört. Es gibt kaum einen anderen Filmschriftsteller, der die Sprache mit so viel Witz und, Phantasie handhabt.

Hinter dem Autor tritt der sichere Schauspieler Fritz Kortner fast zurück, vielleicht, weil er zu nahe am Selbstporträt bleibt. Seine Partnerin aber spielt durchaus nicht das eigene Schicksal. Johanna Hofer, Kortners Gefährtin während der Emigration, ist im Film die in Deutschland zurückgebliebene geschiedene Frau, die ihrem früheren Mann verlegen und doch stolz, nervös und schließlich doch mit Festigkeit entgegentritt.

Die junge Assistentin, die Mauthner sich aus Amerika mitbringt, wird von Rosemarie Murphy, der Tochter von General Clays früherem politischem Berater, dargestellt. Dem Film gibt sie gemeinsam mit ihrem Bruder Michael die bunte amerikanische Farbe und die deutsch-englische Zweisprachigkeit. Ob die junge Dame eine Schauspielerin ist, bleibt abzuwarten.

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