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JUGENDAUSTAUSCH Generöse Spritze

Mit zehn Millionen Mark will die Bundesregierung eine Reisegesellschaft für Jugendliche fördern -- ein zweifelhaftes Projekt.
aus DER SPIEGEL 15/1980

Der sonst so sparsame Haushaltsausschuß mochte weder feilschen noch streichen. Die Parlamentarier legten trotz knapper Finanzen sogar noch 1,5 Millionen Mark zu, um mit zehn Millionen Mark eine sieche Organisation zu sanieren.

Die Steuergelder saßen diesmal so locker, weil zwei einflußreiche alte Herren es wollten: der 63jährige Bruno Heck, Vorsitzender der christdemokratischen Konrad-Adenauer-Stiftung, und der 73jährige Alfred Nau, Vorsitzender der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung.

In einem gemeinsamen Brief an die Mitglieder des Bundestagsausschusses hatten sie zur »Rettung« der Gemeinnützigen Deutschen Gesellschaft für Internationalen Jugendaustausch (GDG) aufgerufen, ein Unternehmen, an dem seit 1977 auch die liberale Friedrich-Naumann-Stiftung und die CSUeigene Hanns-Seidel-Stiftung als Gesellschafter beteiligt sind. Ziel der Organisation: die Veranstaltung von Reisen für junge Leute.

In aller Stille und äußerst großmütig folgten die MdBs aller Fraktionen dem Appell von Heck und Nau und ließen die Regierungsvorlage passieren. Mit fünf Millionen Mark kann der Bund danach die Schulden der GDG abbezahlen; weitere fünf Millionen soll es in diesem Jahr für Personal und Verwaltung geben, sobald die Gesellschaft ein Organisationskonzept vorgelegt hat.

Andere Institutionen hingegen werden nicht so prompt bedient. Der Bundesjugendring etwa, die Dachorganisation der westdeutschen Jugendgruppen, hat mit 3,1 Millionen Mark für die internationale Arbeit auszukommen. Das Geld müssen 17 Verbände untereinander aufteilen. Josef Homberg, Vorsitzender des Bundesjugendringes, der alljährlich meist vergebens um höhere Subventionen ficht, empört S.120 sich denn auch: »Wenn es Geld für alle Parteien gibt, dann ist die Lobby stark. Dann wird einfach nicht nachgehakt.«

Die generöse Finanzspritze für die GDG könnte, so fürchtet Homberg, »den Wettbewerb völlig verzerren« und zu einer »absoluten Monopolstellung« der jährlich vom Innenministerium schon mit 68 Millionen Mark unterstützten parteipolitischen Stiftungen beim Jugendaustausch führen.

Das Unbehagen über die Parlamentarier-Entscheidung sitzt freilich noch tiefer. Denn die GDG gilt unter den Jugendfunktionären als nicht gerade seriös. Schon vor Jahren war der aus Bundesmitteln finanzierte Jugendreisedienst -- damals als »Deutsche Gesellschaft für Internationalen Jugendaustausch« -- ins Zwielicht geraten.

1971 hatte die Zeitschrift »Test« enthüllt, daß trotz jährlicher Zuschüsse von zwei Millionen Mark das »fahrmit«-Programm des Unternehmens »keine Preisvorteile gegenüber den großen kommerziellen Reiseveranstaltern« biete. Das Geld ging drauf für eine aufgeblähte Verwaltung und für den Kauf von Immobilien an der Cote d'Azur oder auf Mallorca. Das wurden dann auch attraktive Urlaubsziele für die Vorstandsmitglieder, zu denen der damalige CDU-Abgeordnete Dietrich Rollmann, die SPD-Parlamentarier Hans Hermsdorf und Werner Buchstaller und der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, zählten.

Selbst am Erwerb von zehn Reitpferden aus den Mitteln des Bundesjugendplans hatte der Haushaltsausschuß damals nichts auszusetzen. Kein Wunder: Der Präsident der Gesellschaft, Hermsdorf, war zugleich auch stellvertretender Vorsitzender der Etatkontrolleure.

Trotz der wohlwollenden Protektion wirtschaftete sich die Gesellschaft schließlich zugrunde. 1977 übernahmen die politischen Stiftungen einen Schuldenberg von vier Millionen Mark und zehn Jugendhotels im Wert von rund 15 Millionen Mark. Von nun an wurde das Wort »gemeinnützig« im Titel geführt und großgeschrieben. Doch trotz der neuen Eigentümer und staatlicher Subventionen -- pro Urlaubstag und Twen 24 Mark -- verbesserten sich weder Ferienangebote noch Bilanzen der Gesellschaft. Zwei Wochen im Todtmooser Jugendhotel kosten zum Beispiel 634 Mark, bei kommerziellen Reisegesellschaften ist das bis zu hundert Mark billiger.

Nach eigenem Bekunden schloß die GDG 1977 mit einem »leicht negativen Betriebsergebnis« ab, 1978 nahm sie immerhin 10 000 Mark ein -- im Vergleich zu den Zinsen für die von den Stiftungen gewährten Kredite in Höhe von 300 000 Mark ein Klacks. »Jedes andere Unternehmen«, so ein Jugendfunktionär, »hätte da schon längst Konkurs anmelden müssen.«

Die Geschäftsführer der GDG arbeiten mittlerweile an einem neuen Organisationskonzept, damit sie die ihnen versprochenen fünf Millionen aus dem Bundeshaushalt kassieren können. Rund 150 Mitarbeiter wird danach die Reisegesellschaft bekommen, teilweise vorzüglich besoldet. Ein Hausleiter soll nach dem Angestelltentarif BAT IIa -- 3700 Mark im Monat -- bezahlt werden, einer der beiden Geschäftsführer erhält nach dem Entwurf mit 10 000 Mark monatlich sogar fast das Gehalt eines Staatssekretärs.

Dies indes scheint selbst den spendablen MdBs zu hoch gegriffen. »Sobald sie mit einem solchen Konzept kommen«, so der SPD-Haushaltsexperte Carl Ewen, »gibt es Ärger.«

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