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VERBRAUCHER Genfood vom Mississippi

Der Festtagsbraten kann es in sich haben: In deutschen Ställen wird gentechnisch verändertes Futter eingesetzt - der Verbraucher erfährt nichts davon.
aus DER SPIEGEL 50/1999

Die nächtliche Seeschlacht im Hamburger Hafen begann kurz nach drei Uhr. Neun Schlauchboote der Umweltorganisation Greenpeace preschten vor und versuchten, den Frachter »Unison« zu stoppen - ein wildes Getümmel, denn drei Polizeischiffe schützten den schwarz-weißen Koloss.

Mit Ankerwurf blockierte schließlich das Greenpeace-Schiff »Beluga« die Fahrt des Frachters zum vorgesehenen Entladeplatz. Die Umweltschützer entrollten ein Transparent mit der Aufschrift »Gen-Food: Europe says No!« - denn in den Laderäumen der »Unison« liegt gentechnisch veränderter Mais aus den USA.

Noch am Vortag hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder auf dem SPD-Parteitag ein Bekenntnis zu »Gen- und Biotechnologie« abgelegt, damit die deutsche Industrie den Anschluss bei der Modernisierung der Wirtschaft nicht verpasse. Ganz anders jedoch denken die Verbraucher über gentechnisch veränderte Lebensmittel. Nach Umfragen lehnen drei Viertel der Deutschen Genfood ab. In Futtermitteln aber werden die hochfrisierten Pflanzen massenhaft genutzt - ohne dass die Verbraucher etwas davon erfahren.

Auch in über 20 000 Nahrungsmitteln, von Backwaren bis zur Tiefkühlkost, finden sich Gentech-Produkte. Doch für Lebensmittel hat die Europäische Union bereits 1997 eine »Novel Food-Verordnung« erlassen: Hersteller müssen sie kennzeichnen, sofern sich im Endprodukt fremde Gene oder Proteine wiederfinden - was dem Absatz massiv schadet: »Vorläufig hat sich der Markt gegen Gentechnik entschieden«, urteilt Christiane Toussaint vom Bonner Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde.

»Wir finden diese Diskussion spannend«, sagt Andreas Seiter von der Deutschlandzentrale des Saatgutherstellers Novartis, »nur muss endlich der Sachdialog geführt werden.« Mit gentechnisch veränderten Pflanzen, resistenter gegen Schädlinge und mit höherer Ertragskraft, lasse sich die wachsende Weltbevölkerung ernähren, argumentieren viele Produzenten.

Doch gegen Gentechnikkritiker wie den Biolandwirt und britischen Thronfolger Prinz Charles kommen selbst Agrarmultis nur schwer an. Analysten der Deutschen Bank schrieben in einer kritischen Einschätzung der Wachstumsbranche Biotechnologie: Seien »gentechnisch veränderte Organismen« einst »Zugpferd für diesen Wirtschaftszweig« gewesen, könnten sie »bald als Paria gelten«.

Die Greenpeace-Aktion sollte zeigen, dass die Gentechnik jedoch auch »durch die Hintertür« zum Käufer kommt. Denn die 35 000 Tonnen grünlich-grauer Maispellets im Rumpf des Frachters »Unison« sollen von der Raiffeisen-Genossenschaft Nord als Tierfutter verkauft werden.

Für Futtermittel mit diesem eiweißhaltigen Gentech-Maiskleber - Abfallstoff der Ethanolproduktion in den USA - gibt es keinerlei Kennzeichnungspflicht. »Hier besteht eine Gesetzeslücke«, urteilt Klaus-Dieter Jany von der Karlsruher Bundesforschungsanstalt für Ernährung: »Eine Überprüfung der eingesetzen Futtermittel ist äußerst schwierig.« Ob denn ein Steak tatsächlich mit solchen Futtermitteln produziert wurde, sei »analytisch nicht nachweisbar«.

Auch wenn nach Genuss eines solchen Sonntagsbratens niemand tot umfallen wird, ist die Agrarbranche beunruhigt. Die Bauern fürchten die Rache des Verbrauchers. »Wir fordern endlich eindeutige Kennzeichnungen für Futtermittel«, sagt Michael Lohse vom Deutschen Bauernverband. Wenn schon gentechnisch veränderte Produkte in globalisierten Märkten »nicht zu vermeiden« seien, sagt auch Experte Jany, dann sollten »entsprechende Etikette« Klarheit schaffen.

Seit drei Jahren wird zwar in Brüssel über eine entsprechende »Novel Feed«-Verordnung für Genfuttermittel verhandelt. Immer wieder aber konnte die einflussreiche Lobby der Futtermittelhersteller eine Verabschiedung torpedieren.

»Unsere Bauern werden doch gefragt, woher die Produkte kommen«, kritisiert Lohse. Schon häufen sich beim Bauernverband Anfragen nach inländischen Futtermittellieferanten, die »garantiert genfreies Schrot« anbieten können.

Doch der Weltmarkt ist fest in amerikanischer Hand. Mit 250 Millionen Tonnen Mais liegt der Jahresertrag US-amerikanischer Farmen siebenmal höher als der aller EU-Betriebe. Ein Drittel davon ist Gen-Mais, der vorwiegend vom Mississippi aus weltweit verschifft wird.

Greenpeace-Agrarexperte Martin Hofstetter unterstellt der Industrie, das »heimliche Untermischen« in deutschen Silos sei »kein Einzelfall«. Auf jeden Fall will die Raiffeisen die Genkritiker nicht beim Verarbeiten der Maispellets von der »Unison« zuschauen lassen.

Nur gegen amtliche Kontrolleure konnte sich das Unternehmen schlecht wehren. Experten der Hamburger Umweltbehörden inspizierten den Mississippi-Mais. Um in Europa verbotene Maisgene im »keimfähigen Material« aufzuspüren, müssen nun Proben möglicherweise in ein US-Labor verfrachtet werden. »Werden wir fündig«, sagt Hamburgs Umweltsenator Alexander Porschke, »gibt es richtig Krach.« SEBASTIAN KNAUER

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