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GENICKSCHUSS IM ERHOLUNGSHEIM

aus DER SPIEGEL 19/1965

Der Exilpole J. K. Zawodny, Professor für politische Wissenschaften an der Universität von Pennsylvania, kämpfte während des Krieges im polnischen Untergrund. Er ist Autor der Dokumentation »Der Tod in den Wäldern«, die als Standardwerk über die Massenmorde an Gefangenen im Wald von Katyn gilt.

Vor 25 Jahren, knapp nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, kam es zum größten Massenmord an Kriegsgefangenen seit Dschingis Khan. Im Frühjahr 1943 entdeckten deutsche Soldaten im Gebiet eines ehemaligen Erholungsheimes der sowjetischen Geheimpolizei im Wald von Katyn bei Smolensk in Massengräbern 4400 bis 4800 Leichen von vermißten polnischen Kriegsgefangenen. Sie waren durch Genickschüsse getötet worden. Vielen waren die Hände auf dem Rücken zusammengebunden; manche wiesen Bajonettwunden auf.

Deutschland machte sofort die Sowjet -Union für das Verbrechen verantwortlich. Die Gräber wurden geöffnet. Eine internationale Kommission - Ärzte aus neutralen Ländern und deutschbesetzten Gebieten - sowie eine deutsche Ärzte- und Juristen-Abordnung untersuchten die Leichen, um den genauen Zeitpunkt des Massakers festzustellen.

Die Deutschen behaupteten, die Polen seien 1940 von den Russen ermordet worden, bevor die deutschen Armeen in Rußland einmarschierten. Die Sowjet-Union dagegen bezichtigte sofort die Deutschen der Tat.

Nach den russischen Angaben waren die Polen vom Frühjahr 1940 bis Juli 1941 in der Nähe von Smolensk beim Straßenbau eingesetzt gewesen. Danach seien die Gefangenen von den Deutschen gefaßt und erschossen worden. Die Polen selbst glaubten damals keiner der beiden Seiten. Polen war im September 1939 gleichzeitig von den deutschen und sowjetischen Armeen überfallen worden. Beide Angreifer hatten sich auf polnischem Gebiet des Völkermordes schuldig gemacht.

Nachdem Deutschland im Juni 1941 die Sowjet-Union angegriffen hatte und die Russen eo plötzlich zu Verbündeten Polens wurden, erließ Moskau eine Amnestie für alle polnischen Bürger, »die bisher ihrer Freiheit beraubt waren«. Ein polnischer Offizier, General Wladyslaw Anders, der durch diese Amnestie die Freiheit wiedererlangte, erhielt den Auftrag, aus freigelassenen polnischen Gefangenen eine Armee aufzustellen.

Als diese Truppe stand und die Soldatenzahl mit den Gefangenenziffern verglichen wurde, stellte sich heraus, daß 15 000 Mann fehlten, davon 8300 bis 8400

Offiziere - etwa 45 Prozent des polnischen Offizierskorps.

Nachforschungen ergaben, daß die Vermißten bis zum Frühjahr 1940 in drei russischen Kriegsgefangenenlagern festgehalten worden waren. Dann waren die Lager geräumt worden. Ein kleiner Teil der Gefangenen wurde in ein viertes Lager oder in Spezialgefängnisse übergeführt. Die übrigen waren seither verschwunden.

Die Männer aus dem vierten Lager - ungefähr 400 - gaben später zahlreiche Hinweise, die Aufschlüsse über das Schicksal der Gefangenen vermittelten.

General Anders eröffnete ein Büro, das nach den vermißten Soldaten suchen sollte. Dort wurden alle Informationen zusammengetragen. Nachforschungen bei sowjetischen Stellen brachten widersprechende Auskünfte. Stalin ließ durchblicken, die Männer seien möglicherweise in die Mandschurei entwichen.

Die Leichen im Wald von Katyn wurden von den Männern des Generals Anders sämtlich als Insassen des Lagers von Koselsk identifiziert - eines der drei schon erwähnten sowjetischen Gefangenenlager für polnische Soldaten.

Eine Rotkreuz-Kommission aus dem deutschbesetzten Teil Polens wurde zur gleichen Zeit, als die internationale Kommission in Katyn tätig war, zu den Untersuchungen zugelassen. Der polnischen Untergrundbewegung gelang es, Vertrauensleute in dieses Gremium einzuschleusen, um so zu einem eigenen Urteil zu kommen.

Als sich die deutschen Truppen später zurückzogen und das Gebiet wieder von den Russen besetzt wurde, untersuchte eine sowjetische Kommission die Gräber. Die internationale, die deutsche und die polnische Rotkreuz-Kommission hatten als wahrscheinlichen Tatzeitpunkt den Winter 1940 angegeben. Der sowjetische Ausschuß behauptete, die Männer seien im August oder September 1941 von den Deutschen umgebracht worden.

Die Sowjets wollten weiter festgestellt haben, daß die Deutschen die Leichen 1943 wieder ausgegraben, alle Spuren, die ihre Schuld bewiesen, vernichtet und anschließend die Toten erneut in die Gräber gelegt hätten. In Gegenwart der verschiedenen Kommissionen seien dann die Leichen von den Nazis noch einmal ausgegraben worden, um die Tat den Sowjets in die Schuhe zu schieben.

Die Auswertung aller vorhandenen Beweise ergibt jedoch:

1. Seit 1941 suchten die Polen nach ihren vermißten Soldaten. Erst als die Gräber entdeckt wurden, erklärten die Sowjets, die polnischen Gefangenen seien in deutsche Hände geraten. Vorher hatten sie alle Anfragen mit Ausflüchten beantwortet.

2. Schwere, zugeknöpfte Wintermäntel, mit denen fast alle Leichen bekleidet waren, sowie das Fehlen von Insekten in den Gräbern machen die russische Behauptung unglaubwürdig, daß der Mord im Sommer 1941 stattgefunden habe.

3. Der ausgezeichnete Zustand der Schuhe der Toten - die Sohlen waren kaum abgetreten - macht es mehr als unwahrscheinlich, daß die Leute ein Jahr lang Straßen gebaut hatten. Vielmehr läßt es darauf schließen, daß sie kurz nach ihrer Gefangennahme ermordet wurden.

4. Die polnische, die internationale und die deutsche Kommission gaben einstimmig an, die Leichen seien durch Druck und Verwesungssekrete miteinander verkittet gewesen und seit ihrem Tod sicher nicht mehr berührt worden. Damit wurde die spätere sowjetische Behauptung widerlegt, daß die Deutschen vor der offiziellen Ausgrabung Beweisstücke aus den Gräbern herausgeholt hätten.

5. Schriftstücke, die in den Taschen der Leichen gefunden wurden - Briefe, Tagebücher, die Lagerzeitung aus Koselsk -, trugen als letztes Datum den 6. Mai 1940.

6. Auf den Gräbern wuchsen junge Rottannen. Mikroskopische Untersuchungen ergaben eindeutig, daß sie drei Jahre vorher gepflanzt worden waren.

7. Die Männer lagen in der gleichen Reihenfolge in den Gräbern, in der sie das Lager Koselsk im Frühjahr 1940 verlassen hatten. Sie waren in 20 Gruppen abmarschiert. Die Zurückbleibenden mußten jeweils Listen der Abrückenden aufstellen. Diese Listen wurden später aus der Sowjet-Union herausgeschmuggelt. Hätten die Soldaten, wie behauptet, ein Jahr lang Straßen gebaut, dann hätte sich die Gruppierung in der Zwischenzeit sicherlich geändert.

8. Die Stricke, mit denen einige der Toten gefesselt waren, stammten unzweifelhaft aus Rußland. Die Wunden an einigen jüngeren Toten rührten von vierkantigen Bajonetten her, die zu dieser Zeit nur von den Russen verwendet wurden.

9. Die sowjetische Regierung widersetzte sich einer unabhängigen Untersuchung durch das Internationale Rote Kreuz, die Deutschland verlangt hatte.

10. Alle Kommissionen, mit Ausnahme der sowjetischen, kamen aufgrund der Autopsien zu dem Schluß, daß sich die Leichen mindestens drei Jahre in den Gräbern befunden hatten - wiederum ein Beweis dafür, daß der Massenmord im Spätwinter 1940 stattgefunden hatte.

11. Die benutzte Munition war deutscher-Herkunft, doch war Munition dieses Typs vor 1939 nach Polen, den baltischen Ländern und in die Sowjet -Union exportiert worden.

Die Punkte 6 bis 10 wurden im sowjetischen Bericht überhaupt nicht behandelt. Kein ausländischer Experte durfte an der Untersuchung teilnehmen. Sogar polnische Kommunisten waren ausgeschlossen.

Die Russen wollen bei den Leichen Dokumente gefunden haben, die nach dem Juni 1941 datiert waren. Alle diese Dokumente waren jedoch, wie ein Bericht der polnischen Exilregierung in London nachweist, von sowjetischen Behörden ausgestellt oder waren durch deren Hände gegangen. Sie betrafen

ausschließlich Personen, die in Koselsk unbekannt waren.

Im Nürnberger Prozeß wurden die Deutschen von der Sowjet-Union angeklagt, die für die Verfolgung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Osteuropa zuständig, aber selbst von dem Verdacht, dieses Verbrechen begangen zu haben, keineswegs frei war. Es kam zu keinem Urteil, und der Fall Katyn verschwand von der Verhandlungsszene. Ebenso verschwand die streng geheime Katyn-Akte aus den Archiven des amerikanischen Geheimdienstes.

Und das Schicksal der übrigen 10 000 polnischen Gefangenen, die in der Sowjet-Union verschwanden? Sie sind nie wieder aufgetaucht. Was mit ihnen geschehen ist, läßt sich aus dem Los der Männer von Koselsk erahnen.

Der amerikanische Kongreß griff die Angelegenheit später noch einmal auf. Ein Untersuchungsausschuß des Repräsentantenhauses befragte 200 Personen und studierte von 1951 bis 1952 das Beweismaterial. Der Ausschuß kam einstimmig zu dem Schluß, das Verbrechen sei von der sowjetischen Geheimpolizei begangen worden.

Das Motiv für den Mord wird wahrscheinlich nie ganz geklärt werden. Viele Anzeichen deuten darauf hin, daß die Polen ermordet wurden, weil sie sich einer kommunistischen Indoktrinierung widersetzten. Als Angehörige der polnischen Elite waren sie nach der damaligen Denkart des Sowjet-Regimes automatisch Feinde der Sowjet-Union.

25 Jahre sind seither vergangen. Die gegenwärtige Sowjetregierung sollte, als Beweis für ihren guten Willen und als Beweis, daß sie sich von den Verbrechen Stalins und Berijas wirklich distanziert hat, den sowjetischen Massenmord eingestehen. Sie sollte bekanntgeben, wo die restlichen 10 000 Männer begraben sind, sollte die Überführung aller 15 000 nach Polen und ein würdiges Begräbnis erlauben, die Angehörigen der Opfer entschädigen und die Schuldigen für dieses Verbrechen zur Rechenschaft ziehen.

Massengrab im Wald von Katyn: Verräterische Schuhsohlen

Polnische Katyn-Untersucher, Fundstücke

Rottannen unterm Mikroskop

J. K. Zawodny

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