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ALMA WERFEL Genies im Ziergarten

aus DER SPIEGEL 1/1960

Mit eisernen Klauen kralle ich mir den Weg zu meinem Nest empor. Jedes Genie ist der rechte Halm für mich, an den ich mich klammern kann, die rechte Beute, mein Nest mit ihm zu schmücken.«

Die Frau, die auf der Höhe ihres Lebens diesen und manchen ähnlichen Satz in ihr Tagebuch schrieb, war mit dem Komponisten Gustav Mahler, dem Architekten Walter Gropius und dem Schriftsteller Franz Werfel verheiratet, sie war in einem Intervall zwischen der ersten und zweiten Ehe drei Jahre lang die Geliebte des Malers Oskar Kokoschka und außerdem Freundin, Vertraute oder Salongefährtin fast der gesamten schreibenden und komponierenden Prominenz, die kunstträchtige Jahre vor und nach dem Ersten Weltkrieg in Wiener Salons zusammentrieben.

Alma Mahler-Werfel ließ jetzt, 80jährig, in London die Geschichte ihres Lebens unter dem Titel »And the Bridge ist Love« ("Und die Brücke ist Liebe") als Buch erscheinen, eine deutsche Ausgabe will der Frankfurter S. Fischer Verlag im Herbst 1960 veranstalten. In ihrem Memoirenwerk, das sich auf Tagebuch-Notizen stützt, hat die gegenwärtig in New York wohnende Witwe Mahlers und Werfels die zum Teil sehr bewegten Abschnitte ihres Daseins mit einem nicht gewöhnlichen Freimut beschrieben, aber auch nicht ohne Stolz auf die Attraktion, die sie immer und immer wieder auf Künstler ausübte.

Alma war die Tochter des in der Donaumonarchie recht angesehenen Landschaftsmalers Emil Schindler, dem ein fürstlicher Scherz einen verhältnismäßig frühen Tod bereitete. Der Maler starb an den Folgen eines unerwarteten kalten Wassergusses, den der bayrische Prinzregent Luitpold aus einer versteckten Kaskade seines Parks über ihn stürzen ließ.

Tochter Alma, musikalisch für mehr als den Hausgebrauch begabt, zeigte schon bei ihrem Kompositionslehrer, dem Wiener Alexander von Zemlinsky - der gleichzeitig den späteren Musikrevolutionär Arnold Schönberg unterwies -, ihre später noch oft erkennbare Großzügigkeit, äußerliche Mängel in Kauf zu nehmen, sofern die begünstigten Männer nur einen Funken Genie ahnen lassen: »Was ich wirklich an einem Mann liebe, ist seine Leistung. Je größer seine Leistung ist, desto mehr muß ich ihn lieben.«

Ihren Musiklehrer beschreibt Alma zwar als einen kinn- und zahnlosen, ungewaschenen Gnom, aber seine Leistung scheint ihr imponiert zu haben. »Und doch«, so sagt sie, »machte ihn sein wacher und starker Geist ungeheuer attraktiv. Die Stunden verflogen im Nu, wenn wir bei der Arbeit waren.« Besonders schnell verflogen jene Stunden, in denen er ihr - während sie am Piano lehnte - Passagen aus Richard Wagners »Tristan«

vorspielte. »Meine Knie schwankten, wir sanken einander in die Arme. Das gräßliche türkische Wohnzimmer von Freunden, bei denen ich damals wohnte, sah mich um ein Haar fallen. Aber ich war viel zu feige, um den vorletzten Schritt zu wagen.«

Im Hause des Wiener Anatomie-Professors Zuckerkandl lernt die 22jährige Alma - 1901 - bei einer Abendgesellschaft Gustav Mahler kennen, den damals schon namhaften Komponisten und Direktor der Wiener Hofoper. Schon wenige Tage nach der ersten Bekanntschaft macht Mahler ihr bei einem Spaziergang durch das verschneite Döbling - bei dem sein Stiefelband sich ständig löst, so daß er sich immer bücken und es wieder zuschnüren muß ("seine kindliche Unbeholfenheit war rührend") die Mühsalen klar, einen Mann wie ihn zu heiraten. »Ich brauche volle Freiheit zum Leben. Ich kann keine materiellen Verpflichtungen übernehmen. Meine Stellung bei der Oper geht von heute auf morgen.« Jedoch die Künstlertochter spürt, daß »dies der Mann war, der mein Leben formen würde«.

Ein Vierteljahr später heiraten sie. Alma: »Mahler, der Asket, stand im Ruf, ein Wüstling und Verführer aller jungen Frauen seines Ensembles zu sein. In Wirklichkeit war er jedoch ein Kind ...« In neunjähriger Ehe gebar Frau Alma dem berühmten Komponisten zwei Töchter. Eine Tochter starb früh an Diphterie, die andere, Anna, wurde später vorübergehend die Ehefrau des Komponisten Ernst Krenek.

Zu den »aufregendsten« Zeiten ihrer Ehe mit Mahler zählt Alma die Wochen, in denen sie die Entstehung eines Werks von der ersten Konzeption bis zur - von Mahler dirigierten - Uraufführung aus nächster Nähe miterleben konnte. Und obwohl sie sonst getreulich und fast freudig Bemerkungen zitiert, wie die Frage einer Gesellschaftsdame: »Wie kann eine so schöne Frau wie Sie einen alten, häßlichen und unmöglichen Mann wie Mahler heiraten?« - sie gesteht ihrem musikalisch-genialen Mann zu: »Wenn er dirigierte, war sein Gesichtsausdruck von göttlicher Schönheit.«

Über den ehelichen Alltag mit dem älteren Mann - »Aus dem anbetenden Liebhaber ist ein Erzieher geworden« - beklagt sich Alma Mahler aber doch bald in ihrem Tagebuch, und ihre Bemerkungen werden immer deutlicher. »Er wedelt vor Madame X, er tanzt um Fräulein Y, und hier zu Hause ist er der uninteressierte, müde Ehemann, für den ich sorgen muß«, notiert sie.

Immerhin ist diese Zeit der Ehe nicht gar so unglücklich und verzweifelt gewesen, wie es sich in den jüngst erschienenen Memoiren der Frau Alma liest. Mahler, der in jenen Jahren zeitweilig auch in New York wirkt und an der legendären Metropolitan Oper dirigiert, vollendet zunächst seine fünfte bis achte Symphonie und das Orchesterwerk »Das Lied von der Erde«. »Er hatte Furcht«, kommentiert Alma, »es eine Symphonie zu nennen. Es wäre damals seine neunte gewesen, und weder Beethoven noch Bruckner hatten ihre Neunte überlebt.« Mahler hat später sogar eine zehnte Symphonie geschrieben.

Für die junge Ehefrau mögen die Jahre angestrengter künstlerischer Produktion Mahlers aber doch weniger behaglich gewesen sein, und so sucht sie, »abgenutzt durch die gigantische Maschine Mahler«, Erholung in einem Sanatorium, wo man auf die heiltätige Wirkung von Tautreten, Buttermilch und grünen Kräutern vertraut. Als die grünen Kräuter keine segensreiche Wirkung zeigen, versucht es der lebenserfahrene Arzt mit einem Heilmittel, das bei der schönen Frau Alma sofort besser anschlägt. Der Arzt verordnet ihr, im Sanatorium mit jungen, fröhlichen Männern um die Eßtische zu tanzen.

Unter den verordneten Tänzern ist auch ein »ungewöhnlich gutaussehender Deutscher, der gut als Modell für Walther von Stolzing aus den 'Meistersingern' dienen könnte«. Er ist ein junger Architekt. Sein Name: Walter Gropius. »Bald konnte kein Zweifel sein, daß er in mich verliebt war.«

Die Verliebtheit bringt den jungen Stolzing dazu, seine Ferien-Alma im Haus der Eheleute Mahler aufzusuchen, wo der Komponist seinem Rivalen ins Auge sehen muß. »Plötzlich fühlte sich Mahler schuldig«, erinnert sich Frau Alma. »Er, dessen Gleichgültigkeit fast verletzend war, wurde jetzt auf alles eifersüchtig.«

Mahler küßt bewegt die Pantoffeln seiner Frau, er wirft sich weinend auf den Fußboden seines Studios, er kramt sogar die Liedkompositionen hervor, an denen sich Frau Alma in ihrer Mädchenzeit versucht hatte - als Ehemann hatte Mahler ihr das Komponieren verboten -, und ruft aus: »Diese Lieder sind wunderbar. Mein Gott, war ich denn blind!« Er war »bis ins Innerste hinein erschüttert. Alle Ausbrüche und all sein Flehen an mich schrieb er in seine zehnte Symphonie hinein«

Der verzweifelte Komponist Mahler konsultiert sogar den Wiener Arzt Dr. Sigmund Freud, der seine Psychoanalyse nicht zu bemühen braucht, um den Sachverhalt zu durchschauen. Freud tadelt seinen Patienten: »Wie kann ein Mann in Ihrer Verfassung eine junge Frau an sich binden?«

Freud kann diese Ehe nicht retten, und Mahler kann es noch weniger: Alle verspäteten Bemühungen des großen Komponisten - er überschüttet das Zimmer seiner Frau mit Rosen, er widmet ihr sogar seine achte Symphonie - können Alma nicht täuschen: »Plötzlich wußte ich, daß meine Ehe keine Ehe und daß mein eigenes Leben völlig unerfüllt war.«

Trotz dieser Erkenntnis nimmt Alma den Tod ihres Mannes - Mahler starb 1911 - zunächst alles andere als gefaßt auf. Die dreißigjährige schöne Witwe trägt aber keine Trauerkleidung. »Mahler hatte es verboten ... Ich sollte unter Menschen gehen ... Bald war ich wie früher von bedeutenden Männern umgeben.«

Der erste Mann, der Alma eine neue Heirat anträgt, ist ein Dr. Joseph Fraenkel, der den kranken Mahler in Amerika aufopfernd behandelt hatte. Mit ihm fährt Alma per Schiff nach Korfu, aber die beschwerliche Reise lohnt sich für den emigrierten Landsmann, der »in Amerika ein Held, ein großer Name in der Medizin war«, nicht sonderlich. »In Europa war er ein ältlicher, kranker kleiner Mann, der völlig unheroisch an einem etwas fatalen Darmleiden herumdokterte.« Mit bemerkenswerter Roheit gibt ihm seine Reisegefährtin in einem Brief den Abschied. »Wenn es zum wirklichen Leben kommt, dann bist Du ein elender Versager. Das beste ist, Männer wie Dich zwischen Buchrücken, zu pressen und in unkenntlicher Form von späteren Generationen verschlingen zu lassen.«

Durch Tantiemen ausreichend versorgt, die ihr aus Aufführungen von Mahlers Werken zufließen, verwirklicht Alma nun systematisch den Traum ihrer Kindheit, »meinen Garten mit Genies zu bepflanzen«. Zu einer dieser Zierpflanzen wird der Komponist Franz Schreker, der eben (1912) durch die Uraufführung seiner hocherotischen Oper »Der ferne Klang« von sich reden gemacht hat. Alma: »Ich ging ein Stück neben ihm und verließ ihn zur rechten Zeit.«

Sehr viel länger dauern die Beziehungen zu einem jungen Mann in ausgefransten Hosen und zerrissenen Schuhen, den ihr der Stiefvater Moll, ein Malschüler ihres Vaters, als »armes, verhungerndes Genie« und als Porträtisten empfiehlt: Oskar Kokoschka, damals 26 Jahre alt.

Gleich bei seinem ersten Besuch zeichnet Kokoschka die Frau Alma, während sie Klavier spielt. »Plötzlich riß er mich stürmisch in seine Arme. Es war für mich eine seltsame, fast schockierende Umarmung. Ich erwiderte sie nicht im geringsten. Und genau das schien es zu sein, was auf ihn wirkte.« Stunden später hält sie einen Brief in ihren Händen: »Bringen Sie ein wahres Opfer und werden Sie meine Frau, heimlich, denn ich bin arm.«

Zwar widersteht sie der Versuchung, dieses arme Genie zu heiraten, aber sie stürzt sich mit Vehemenz in das Abenteuer, das Kokoschka ihr anbietet. »An einem stürmischen, zerquälten Tag, als er mich leidenschaftlich, aber ... selbstsüchtig liebte, schmolz die Welt plötzlich um mich hinweg, und ich bin seitdem überzeugt von einer Superwelt ... Die folgenden drei Jahre waren eine stolze Schlacht der Liebe.«

Wie alle Liebhaber und Verehrer Almas scheint auch Kokoschka, heute prominenter Prominenten-Porträtist in der Bundesrepublik, damals von fürchterlicher Eifersucht geplagt worden zu sein. Nach Almas Angaben bleibt er bis 4 Uhr morgens vor ihrer Wohnung auf der Lauer, bis er sicher sein kann, daß keine »Burschen« zu ihr in das Haus kommen. Um den bösen Drang in sich zu bekämpfen, küßt er auf den zahlreichen Photographien, die Alma pietätvoll um sich postiert hat, des toten Gustav Mahlers Gesicht. Alma: »Ich kann nicht sagen, daß es geholfen hat.«

In Mürren, im Berner Oberland, wo sich das Paar in den besten Zimmern des besten Hotels einquartiert, malt Kokoschka das berühmte Porträt der Alma Mahler. »Er malte mich, mich, mich, er kannte keine anderen Gesichter mehr.« Leider muß Frau Alma vorzeitig vom schönen Schweizer Bergland nach Wien zurückreisen. »Ich dachte, ich wäre schwanger, und hatte Angst vor dem, was in mir wachsen könnte ... Später stellte sich heraus, daß es eine falsche Annahme war.«

Beruhigt fährt Alma zu ihrem Maler zurück, dessen Begabung sie höher einschätzt als sein Äußeres: »Kokoschka war groß und schlank, aber seine Hände waren rot und neigten dazu, anzuschwellen. Seine Ohren, obwohl klein und feingemeißelt, standen etwas ab. Seine Nase war ziemlich breit und neigte auch dazu, anzuschwellen.«

In Neapel verspricht die schöne Witwe, ihn zu heiraten, »wenn er ein Meisterwerk geschaffen habe«. Als dieses Meisterwerk bezeichnet Kokoschka sein Bild »Windsbraut«, das die beiden in einem sturmgeschüttelten Boot wiedergibt. Kokoschka: »Almi, glaube mir, ... du bist die Frau und ich bin der Künstler.« Aber Almi hält ihr Versprechen nicht. »Aus Selbstschutz löste ich allmählich die Bande.« Der Maler schenkt ihr noch sieben mit erotischen Szenen bemalte Fächer und zieht dann - 1914 - in den Krieg.

»Keines Mannes Hand in meiner Hand«, klagt Frau Alma während der Kriegsjahre in ihrem Tagebuch. »Warum brauche ich die männlichen Quäler?« Die wenigen Abende, die sie mit dem Komponisten Hans Pfitzner verbringt - er spielt ihr den Entwurf seiner Oper »Palestrina« vor -, geben ihr nur wenig Trost. »Aus Mitleid mit dem armen Nervenbündel küßte ich ihn auf die Stirn ... Da sagte dieser polierte Poet und Musiker: 'Ja - und was jetzt? Soll ich den Liebhaber spielen oder nicht?' So sind die großen Künstler. Dilettanten im Leben, ein jeder von ihnen!«

Überhaupt möchte Frau Alma nun dem Boheme-Dasein entsagen. »Ich warne meine Seele: Verstecke die emotionalen Silberlöffel - die Künstler kommen.« Aber kaum berichtet ihr Berta Zuckerkandl, bei der sie schon ihren ersten Gatten Mahler kennengelernt hat, von den Erfolgen eines gewissen Walter Gropius auf einer Werkbund-Ausstellung in Köln, da gerät Kokoschkas Almi wieder in Bewegung.

In einem Glückwunschbrief an ihren Sanatoriums-Kavalier spart Alma nicht mit deutlichen Hinweisen. »Ich sehne mich nach einem Willen, der mich weise von dem wegführt, was ich erworben habe, hin zu dem, was mir eingeboren ist. Ich weiß, ich könnte auch allein dorthin gelangen, aber ich möchte so gern zu jemandem 'danke' dafür sagen.«

Leutnant Gropius liegt in einem Lazarett, als er den Brief bekommt. Ein Treffen in Berlin wird verabredet, und Alma ahnt schon wieder: »Ich glaube, daß er in meinem Leben etwas bedeuten wird.« Beide bleiben zwei Wochen in der deutschen Hauptstadt. »Die Tage verbrachten wir mit tränenvollen Fragen, die Nächte mit tränenreichen Antworten. Er konnte nicht über meine Beziehungen zu Kokoschka wegkommen.«

Gropius schaffte es dann aber doch; und es wird schnell geheiratet - aus der Ehe stammt eine Tochter namens Manon, die 18jährig an Kinderlähmung stirbt:

Doch die ständige Abwesenheit des Mannes bekommt der Soldatenfrau schlecht. »Was mich betrifft, so konnte ich eine Ehe auf lange Entfernung nicht aufrechterhalten.« Sie weiß nun, »wie es ist, ein Kind von einem schönen, geliebten Mann zu haben. Ich hatte meinen Willen. Meine Neugierde war zu Ende«.

Schon tritt auch ein neuer, ein »stämmiger Mann mit sinnlichen Lippen, großen, schönen blauen Augen und einer goethischen Stirn« auf den Plan. »Er war ungemein musikalisch und liebte Mahlers Werke. Er sagte, er hätte mich deshalb kennenlernen wollen.« Der Mann mit der Goethe-Stirn heißt Franz Werfel und ist 27 Jahre alt

»Es mußte geschehen«, schreibt die 38jährige Alma in ihr Tagebuch. »Es war unvermeidbar, ... daß unsere Lippen sich fanden Wohin wird dieses erhabene Erlebnis mich führen? ... Ich kann nichts bereuen. Diese wenigen Tage, erfüllt von Mahlers Musik ... waren ein Lied der Liebe.«

Zwar steht auch der Schriftsteller Werfel im Kriegsdienst, aber er hat dem Leutnant Gropius eines voraus: Er dient nach längerer Frontzeit bei einer Heeres-Pressestelle in Wien.

Als die schicksalsvollste Zeit ihres Lebens bezeichnet die damalige Frau Gropius den Sommer 1918 - um die Ereignisse recht präzise zu schildern, greift Alma in ihrem Buch auf Tagebuchnotizen Werfels zurück, die der 1945 gestorbene Dichter niemals veröffentlicht sehen wollte. Werfel beschreibt in seinem Tagebuch etwa sehr detailliert einen Besuch in der Sommervilla seiner Alma, die er einige Wochen nicht gesehen hatte und die bereits im siebenten Monat schwanger war.

Die Episode, die Werfel nicht publiziert sehen wollte und die der britische Verlag immerhin akzeptierte - einige andere Episoden konnten der Memoiren-Autorin wieder ausgeredet werden -, endet damit, daß Werfel im Morgengrauen vom Dienstmädchen geweckt wird. Er möge sofort einen Arzt für die Hausfrau holen, die an Blutungen leide.

Auf dem einstündigen Weg zum nächsten Ort leistet Werfel, vom Regen durchnäßt, von Schuldgefühlen gequält, zwei Gelübde: »1. Alma auf immer treu zu sein, nie mehr leichtfertig sexuelle Befriedigung zu suchen und meine Augen nicht auf sexuell aufregenden Objekten auf den Straßen ruhen zu lassen und 2. nicht mehr zu rauchen.« -

Bei einem Anruf in dem Wiener Krankenhaus, in das Alma transportiert worden ist, erfährt Werfel, daß sie nicht operiert zu werden braucht. »Nach dieser guten Nachricht ging ich zum Essen ins Café Herrenhof ... Seit ich das Gefühl habe, daß Alma die Krisis überwunden hat, rauche ich wieder.«

Werfels späterer Tagebuch-Notiz »Mittags brach ich mein Fasten« geht die Nachricht voraus, daß Alma einen Knaben geboren habe, dessen Zustand allerdings beunruhigend sei. Werfel schreibt das Gedicht »Geburt eines Sohnes«, denn es ist ihm der Gedanke gekommen, daß er der Vater dieses Kindes sein könne.

Später notiert Werfel in sein Tagebuch: »Gestern hat Walter Gropius alles entdeckt. Als Alma mit mir telephonierte, ... kam er dazu und hörte sie 'Franz' sagen.« Und Leutnant Gropius, der während der Krankheit am Bett seiner Frau saß, bittet den Schriftsteller: »Schonen Sie Alma. Das Schlimmste kann geschehen. Die Aufregung, die Milch - wenn unser Kind sterben sollte!« Schreibt Werfel: »Gerade der edle Anstand enervierte

mich ... Dieser wahre Edelmann!«

Der Knabe stirbt, und die Eheleute Gropius trennen sich: Der Architekt gründete in Weimar die Bauhaus-Schule, an der sich nach und nach die Elite der gesamten gegenwärtigen Architektur versammelte - der Österreicher Werfel freilich mokierte sich über die »persisch-sächsische Weltanschauung«, die am Bauhaus gepredigt werde.

Zehn Jahre lang spielt Frau Alma nun als Weggefährtin Werfels »die Rolle der großen ... glücklichen Liebe eines anerkannten Schriftstellers«, in Wien, in Venedig, auf Reisen nach Palästina, Damaskus, auf Vortragstournees. Die Schriftsteller Hermann Sudermann, Arthur Schnitzler, Herbert George Wells, Sinclair Lewis, Fritz von Unruh, Gerhart Hauptmann (Alma zu Hauptmann: »Im nächsten Leben müssen wir ein Liebespaar sein"), die Musiker Maurice Ravel, Arnold Schönberg, Eugene d'Albert, Alban Berg - er widmet Frau Alma seinen »Wozzeck« - kreuzen ihre Wege. Alma: »Nicht einen Tag war das Leben mit Werfel ermüdend oder zu klein.«

Bei alldem vergißt Alma keineswegs, daß sie die Witwe und Erbin Mahlers ist; sie macht sich Sorgen, weil Mahlers Werke nicht mehr so oft gespielt werden wie einst, aber sogar sie findet jetzt manchmal die Mahler-Musik »zu lang«, und sie hat das Gefühl, »als hätte man ständig den lieben Gott am Telephon«.

Die Bekundungen ihrer großen Liebe zu Werfel ("Unsere Übereinstimmung war unglaublich. Werfel fand ein Wort dafür: 'Panerotik' ») werden allmählich von Zweifeln angenagt. »Ich konnte, wollte und sollte ihn nicht zähmen. Warum sollte meine Zukunft ein einziges Zittern um seine Treue sein? Überall um ihn glitzerte es, überall suchte er - - - und fand. Er war so leicht verführbar. Er wollte mich heiraten, aber was dann?«

Dann aber rettet sich Frau Alma wieder in den Höhenflug. »Gewiß, ich liebte ihn, aber ... meine Seele reichte über ihn hinaus zu der Größe und Schöpfungskraft in allen Männern.«

Offenbar hat Frau Alma an der schriftstellerischen Produktion Werfels wenig Anteil. Allerdings ist es ihr Verdienst, ihm den Satz »Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig« übermittelt zu haben. Die provokatorische These, Titel des ersten Werfel-Romans, war das Lieblingszitat eines albanischen Mitreisenden auf dem Schiff, das Frau Alma und den darmkranken Dr. Fraenkel nach Korfu brachte.

Im allgemeinen aber geht Almas Teilnahme an Werfels Gedichten, Romanen und Dramen, deren Titel sie getreulich aufführt, selten über Sätze hinaus wie: »Ich finde den Spiegelmensch' großartig, und ich werde nicht ruhen, bis er ihn beendet hat.« Oder: »Franz ist so ernsthaft, daß es eine Freude ist, ihn zu beobachten.«

Sogar als Werfel seinen »Verdi«-Roman schreibt, ist ihm Alma, die Musikalische, keine Muse. »Ich stimmte keineswegs mit den Ansichten, die er in seinem Roman ausdrückte, überein. Für mich war und wird Wagner immer größer sein als Verdi.«

Deutlicher dagegen ist der Einfluß Ernst Kreneks, der als Mann von Almas Tochter Anna oft Hausgast ist, auf Werfels Verdi - Buch. Die Diskussionen mit Almas Schwiegersohn lassen Werfel in den Verdi-Roman die Figur eines modernen Musikers namens Fischböck einführen. Frau Alma: »Wir schätzten Krenek für seine ahnungslosen Dienste als literarisches Modell.« Für Werfels poetische Kraft findet Alma keine andere Erklärung als diese: »Seine Augen hingen gierig an der Figur jeder Frau ... Aber natürlich fluteten seine Kunst, seine Energie und seine Imagination aus derselben Quelle.«

Alma, geborene Schindler, verwitwete Mahler, geschiedene Gropius, ist beinah fünfzig Jahre alt, als der Standesbeamte den Bund mit dem 38jährigen »Onkel Werfel, der bei uns wohnt« (Tochter Manon), legalisiert. Aber der Zeitpunkt der Heirat ist für Alma zugleich Zeitpunkt der Resignation: »Das Aufhören, jedes Aufhören ist schrecklich. Nie mehr mit der Furcht zu spielen, schwanger zu sein! Und was erhält man dafür? Ruhe, eine weisere An: sicht des Lebens, das Ende aller Wünsche? Nichts dergleichen.« Mit dem naturbedingten Ende der »Panerotik« sind für Frau Alma sogar »die Werke der Männer, die mir nahe waren, nicht mehr von größter Bedeutung. Sie brauchen mich auch nicht mehr«.

Die jungverheiratete Frau Werfel wendet sich deshalb nun dem Religiösen zu. »Ich fühlte, daß ich meinen natürlichen Platz gefunden hatte.« Begeistert wohnt sie der Inthronisierung des faschistischen Kardinals Innitzer zum Fürstbischof bei. Nur mit der Auswahl der Musik, die zu diesem Anlaß gespielt wird, ist sie nicht einverstanden. »Bei solchen Gelegenheiten könnte - und sollte man auch - Mahlers Musik spielen.«

Besonders hat es der resignierenden Alma der Pater Holinsteiner angetan, ein Theologieprofessor. »Ich fühlte mich sogleich mit ihm vertraut. Nach seinem dritten Besuch erschienen alle anderen wie graue Phantome. Hollnsteiner ist 38 Jahre alt und hat bis jetzt noch keine Frau getroffen. Er ist die Essenz eines Priesters.« Werfel, der schon »den ständigen Einfluß ... (der) alten Idole Nietzsche und Wagner übel vermerkte«, fördert auch Almas neue kirchliche Neigungen nicht. Sie deutet das auf ihre Art: »Franz macht jetzt Fehler. Heute wollte er mich nicht in die Kirche gehen lassen. Das ist die falsche Art von Eifersucht. Dort bin ich ihm nicht untreu. Oder vielleicht gerade dort?« Später, auf der Flucht durch Europa, vermag die Kirche sie allerdings nicht zu trösten, und Alma sitzt beim Gottesdienst »in einer Menge, die so wenig bewegt war wie ich«.

Als 1933 die Judenverfolgungen in Deutschland auch Werfel und seine Freunde in Österreich alarmieren, schreibt Frau Alma in ihr Tagebuch: »Franz hat jetzt eine Unglückssträhne. Über vierzig Jahre war er ein Kind des Glücks.« Aber sie notiert auch einen tragisch-edlen Ausdruck Werfels: »Die Juden sollten die andern durch Würde und Leistung, nicht durch Geschrei widerlegen.«

Die politische Kluft zwischen ihr, der passionierten Wagner- und Nietzsche-Verehrerin, und dem Schriftsteller Werfel, die nach Frau Almas Aussage immer größer geworden war, hat nun plötzlich keine Bedeutung mehr. Sie schreibt: »Wir waren beide zu Schaden gekommen. Als Jüngling hatte Werfel an die Weltrevolution geglaubt. Er konnte nicht wissen, was daraus wurde.«

In rußgeschwärzter Uniform hatte Werfel in der November-Revolution nach dem Ersten Weltkrieg bei der roten Garde auf den Wiener Barrikaden gestanden, und Frau Alma hatte dem müden Kämpfer mißbilligend ihre Haustür verschlossen. Sie ihrerseits hatte auf die »Weltrettung durch Mussolinis Werk« gehofft. Sie war sogar eigens nach Rom gefahren, um mit Mussolinis damaliger Geliebten, der Journalistin Margherita Sarfatti, Tee zu trinken. »Auch ich konnte nicht wissen, was Hitler daraus gemacht hat.« Jetzt »ist sie unlösbar mit dem Schicksal der Juden verknüpft« und »muß mit diesem seltsamen Volk bis ans Ende der Erde wandern«.

Diese Wanderung führt das Ehepaar Werfel in einen ausgebauten Wachtturm an der französischen Riviera, »weil Werfel verbohrt an der Idee 'eines letzten Fetzens Europa' hängt«. Die siebenwöchige Flucht vor den einrückenden deutschen Truppen - Werfel: »Tour de France« - zwingt das Paar in einen Unterschlupf im Wallfahrtsort Lourdes. Dort kauft Frau Alma Devotionalien und auch ein kleines Traktatbändchen mit der Lebensgeschichte der heiligen Bernadette. »Ich gab es Werfel, und er las es mit großem Interesse.« In Lourdes gelobte er: »Wenn wir gut nach Amerika kommen, werde ich ein Buch zu Ehren der heiligen Bernadette schreiben.«

Sie kommen gemeinsam mit Heinrich Mann und dessen Neffen Golo gut nach Amerika. Schon ein Vierteljahr später schreibt Werfel an der kalifornischen Küste seinen großen Erfolg »Das Lied von Bernadette«. Alma: »Er schrieb den neuen Roman in einer Art Taumel ... Am Ende sagte er, es ist, als hätte ich ein Diktat aufgenommen.« Bald darauf unterzeichnet er einen Filmkontrakt über 50 000 Dollar.

In der Komödie »Jacobowsky und der Oberst« - sie schildert die an skurrilen Erlebnissen reiche, gemeinsame Flucht eines polnischen Obersten und eines pfiffigen kleinen Juden vor den Deutschen - verwertet Werfel seine eigenen Erlebnisse und die Erzählungen eines polnischen Zufallsbekannten. Frau Alma: »Die Komödie war lustig, aber brauchte endlose Zeit und verursachte endlose Plagereien.« Der Prozeß, mit dem der Pole droht, und der Wechsel des Regisseurs (Max Reinhardt wollte das Stück inszenieren, fand aber keinen Finanzier) zwingen Werfel, das Stück viermal umzuschreiben, und nötigen ihm die Bemerkung ab: »Ich kann aus einer Zwiebel keine Rose machen »

Während der Arbeit an seinem letzten, dem Zukunftsroman »Der Stern der Ungeborenen« zwangen schwere Herzanfälle den Schriftsteller monatelang ins Bett. Vermerkt Frau Alma mit dem ihr eigenen Takt: »Er war so unglücklich, daß er während der Anfälle das Wasser nicht halten konnte, und sagte mir immer wieder mit den süßesten Worten, wie beschämt er darüber sei.« Auch das »Wiedererwachen seiner Sexualität« registriert sie besorgt. »Wenn ich ihn, aus Angst um sein Leben, abzuweisen suchte, sagte er verärgert: 'Ich werde in ein Bordell gehen.'«

Trotzdem muß der Schriftsteller Werfel auch noch andere Gefühle für seine Frau empfunden haben als jene, die Frau Alma in ihren Memoiren so bereitwillig entblößt. Denn er schickt ihr in Amerika von einer kurzen Reise die Verse:

Wie Ich dich liebe, hab ich nicht gewußt,

bevor mich überfiel dies rasche Scheiden ... Was gestern du berührt hast, starrt nun leer. Die Dinge sind wie tief gekränkte Tiere Mein Leben nicht, das deine war das ihre, und darum haben sie kein Leben mehr ...

Werfel stirbt 1945, neun Tage nach Vollendung seines Romans »Stern der Ungeborenen«, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, an seinem Schreibtisch. Anschaulich beschreibt die Witwe sein Begräbnis. »Bruno Walter spielte die Orgel, Lotte Lehmann sang. Ich ließ Werfel so begraben, wie er es im 'Stern der Ungeborenen' beschrieben hatte: im Smoking, mit einem neuen weißen Seidenhemd, mit der Brille in der Brusttasche, einem seidenen Ersatzhemd und mehreren Taschentüchern im Sarg ... Pater Moenius segnete mit Spezialerlaubnis des Erzbischofs den Leichnam Franz Werfels, eines ungetauften Juden.« Alma kennt jede Einzelheit; teilgenommen hat sie an der Beerdigung nicht.

»Ich bin nie dabei«, erläuterte sie dem Nachbarn Thomas Mann, der gekommen war, um von dem aufgebahrten Toten Abschied zu nehmen, und der - wie er in der »Entstehung des Doktor Faustus« berichtet - wegen dieses Ausspruches »nicht wußte, ob es Lachen oder Schluchzen war, was mir vorm Sarge die Brust erschütterte«.

Alma Mahler-Gropius-Werfel

»Stolze Schlacht der Liebe«

Eheleute Gropius, Le Corbusier: Tanz im Sanatorium

Komponist Mahler

Besuch bei Sigmund Freud

Kokoschka-Selbstporträt, Alma: Er malte mich, mich, mich!

Maler Kokoschka

Woche vor der Haustür

Komponist Schreker

»Ich kann aus einer Zwiebel ...

... keine Rose machen": Eheleute Werfel, Kokoschka-Wandschmuck

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