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»Genosse, wir wollten euch erledigen«

Die Davongekommenen von Jalta (l): Jugoslawien / Von SPIEGEL-Redakteur Siegfried Kogelfranz *
Von Siegfried Kogelfranz
aus DER SPIEGEL 3/1985

In Jalta stellten die Großen Drei vor vier Jahrzehnten die Weichen für das Schicksal Osteuropas nach dem von Hitler entfesselten Krieg. Endgültig entschieden wurde im Februar 1945 auf der Krim noch nichts, das Ringen um Länder und Provinzen dauerte bis lange nach Kriegsende an; erst Jahre später stand fest, wer zu den Opfern, wer zu den Davongekommenen von Jalta zählte.

Es war ein Spiel um einen halben Kontinent, wie auf einem riesigen Schachbrett, bei dem Bauern und Figuren bedenkenlos geopfert wurden. Und es ging nie um Remis, immer mußte es Matt sein.

Großmeister des Spiels war die überragende Figur des schlimmsten Krieges der Geschichte, Josef Stalin, jener Priesterzögling aus Georgien, der den neuen Glauben dieses Jahrhunderts, den Kommunismus, mit dem Gewehr zum Gipfel seines Erfolges führte.

Ihm war, so schien es, kein Gegenspieler gewachsen. Nicht Adolf Hitler, der ihn und seine Ideologie auslöschen wollte, der aber darüber Deutschland, Europa und sich selbst zerstörte. Nicht Winston Churchill, der gerissene und skrupellose Imperialist, auch nicht Amerikas Präsidenten Roosevelt und Truman, die letztlich vielleicht mehr Macht hatten, aber, wohl auch systembedingt, weniger Gebrauch davon machten.

Dann fand sich doch einer, der dem überragenden Spieler im Kreml Kontra bot, sich ihm weder unterordnete noch von ihm austricksen ließ, der das Spiel bis zum Ende spielte - und nicht verlor.

Für Stalin war es eine Niederlage, die er nie überwinden konnte, um so mehr als dieser Gegenspieler nicht zu den Großen der Welt zählte, in seinen Augen nur ein Winzling, ein Emporkömmling war - und zu alledem auch noch ein Genosse.

Stalin scheiterte, auf dem Höhepunkt seiner Macht, am kroatischen Bauernsohn Tito, die kommunistische Weltmacht Sowjet-Union an einer revolutionären Partisanenrepublik auf dem Balkan. Der Bruderstreit im Ostblock hatte vor dreieinhalb Jahrzehnten Folgen für Europa wie später der Konflikt zwischen Moskau und Peking für die Welt: Der Kommunismus sowjetischer Prägung befindet sich seither in einem Rückzugsgefecht, der Höhepunkt ist überschritten, der Elan gebrochen. Den Nachfolgern geht es nur noch um den Erhalt des von Stalin Erreichten.

Jugoslawien wurde nach den sowjetischen Erfolgen in Polen und Rumänien, Bulgarien und Ungarn, nach dem Umsturz in der Tschechoslowakei zu Stalins Waterloo, paradox, denn niemand war nach dem Krieg kommunistisch radikaler, ideologisch linientreuer, gegen den Kapitalismus aggressiver als gerade jene jugoslawischen Genossen.

Ihr einziger Fehler: Sie waren keine Schöpfung der Zentrale in Moskau - und »Stalin spürte instinktiv, daß das Entstehen revolutionärer Zentren außerhalb Moskaus seine und die sowjetische Vorherrschaft im Weltkommunismus gefährden werde«, so der jugoslawische Spitzenkommunist Milovan Djilas - jener Genosse, dem Stalin anvertraut hatte, die Sowjet-Ideologie würde so weit vordringen, wie seine Armeen im Gefolge des Zweiten Weltkrieges kämen.

In Jugoslawien waren sie offenbar nicht weit genug gekommen.

Das Verhältnis zwischen den kommunistischen Bewegungen der beiden Länder war von Anfang an gestört. Josip _(Rechts: Außenminister Molotow. )

Broz, der sich später Tito nannte, hatte, wie so viele andere osteuropäische Kommunisten, als k.u.k.-österreichischer Soldat Rußland und seine Revolution kennengelernt. Er war mit einer russischen Frau nach Jugoslawien zurückgekehrt - und entging Stalins Säuberungen, in denen das Gros der europäischen Spitzen-Genossen umkam.

Adolf Hitler überfiel Jugoslawien im April 1941. Einen Tag vor dem deutschen Einmarsch hatte die königliche Regierung in Belgrad noch einen Freundschafts- und Nichtangriffspakt mit Moskau abgeschlossen. Der kam nicht zum Tragen, Stalin war damals selbst noch mit Hitler verbündet.

Jugoslawien wurde zerstückelt: Deutschland nahm sich Slowenien, Italien weitete Istrien nach Osten aus, Ungarn holte sich die Batschka, Bulgarien Ostmazedonien, das italienisch beherrschte Albanien die Provinz Kosovo. Den Rest teilten sich drei Satelliten der Achse: das faschistische Kroatien sowie Montenegro, von Italien dominiert, und das deutschem Kommando unterstellte Serbien.

Am 22. Juni 1941 fiel Hitlers Millionenheer auch in Rußland ein. Und am gleichen Tag noch beschloß die jugoslawische KP unter Führung Titos, den Partisanenkrieg gegen die Nazi-Besatzung zu beginnen - durchaus kein Zufall, wie das Zentralkomitee ausdrücklich feststellte: »Der Eintritt in den bewaffneten Kampf gegen die Okkupanten ist eine Verpflichtung gegenüber dem Ersten Land des Sozialismus.«

Bereits in der Nacht vom 23. zum 24. Juni 1941 - zwei Tage nach Beginn des deutschen Rußlandfeldzuges - verübten Partisanen einen Anschlag auf die Eisenbahnlinie Zagreb-Belgrad.

Damit begann der dreieinhalbjährige Guerillakampf, mit dem Titos Partisanen, von Stalin nie ernst genommen, das erreichten, was er ihnen später nie verzeihen konnte: ihr Land selbst zu befreien.

»Das Seltsamste an diesem seltsamen Krieg der jugoslawischen Kommunisten war, daß er fast von Anfang an gegen den ausdrücklichen Wunsch Moskaus geführt wurde«, schrieb der Jugoslawien-Experte Ernst Halperin.

Die sowjetische Regierung ignorierte zunächst die Genossen, die da hinten auf dem Balkan aus Solidarität mit dem großen sozialistischen Bruder zum Gewehr gegriffen hatten. Moskau nahm vielmehr offizielle Beziehungen zur jugoslawischen Exilregierung auf, die der geflüchtete König Peter II. gründete, der zuvor ganze drei Wochen auf dem Belgrader Thron gesessen hatte. Als einzig ernst zu nehmende Widerstandsbewegung in Jugoslawien galt den Sowjets die »Tschetnik«-Guerilla des königlichen Obersten Draza Mihajlovic.

Titos rote Partisanen baten die Sowjet-Union vergebens um Hilfe. Die Sowjets verboten ihrer Propaganda sogar, die kommunistische Partisanenbewegung überhaupt zu erwähnen. Der österreichische Kommunist Ernst Fischer erinnerte sich: »Seit dem Juli 1941 als Kommentator am Moskauer Rundfunk tätig, erhielt ich keinerlei Informationen über Tito und seine Partisanen, sondern nur über die Tschetniks des serbischen Nationalisten und Monarchisten Mihajlovic.«

»Wenn ihr schon keine Hilfe schicken könntet, dann behindert uns wenigstens nicht«, funkte ein wütender Tito damals nach Moskau. »Warum hat der sowjetische Rundfunk der Welt nicht die Wahrheit über die Taten der Tschetniks gegen die Partisanen mitgeteilt?« Denn

Tito kämpfte nicht allein gegen die Deutschen, die einen Preis von 100 000 Reichsmark in Gold auf seinen Kopf ausgesetzt hatten, sondern fast noch entschlossener gegen diese königliche Widerstandsbewegung, auf die Stalin setzte.

Im Frühjahr 1942 versuchte die jugoslawische KP, Moskau endlich für ihre Ziele zu gewinnen. Als Antwort auf ein langes Memorandum erhielt sie einen Rüffel: Sie, die Jugoslawen, sollten die Richtigkeit ihrer Politik überprüfen und daran denken, »daß es sich um einen Befreiungskampf und nicht um eine Revolution« handele.

Stalins Interesse an den widerborstigen Genossen erwachte erst, als die Briten im Mai 1943 eine Militärmission ins Tito-Hauptquartier schickten. Churchill, dem längst aufgegangen war, daß Titos Partisanen den Nazis weit ärger zusetzten, als die königliche Guerilla es je vermochte, delegierte sogar seinen Sohn Randolph per Fallschirm nach Jugoslawien. Wenig später schickten auch die USA einige Offiziere, die vom Kampfgeist der Partisanen beeindruckt waren: Tito selbst wurde im Kampf verwundet. Einmal stellten ihn deutsche Fallschirmjäger in einer Höhle. Der Partisanenführer entkam im letzten Augenblick, die Deutschen erbeuteten nur seine Marschallsuniform und seine Stiefel.

Auf westliche Initiative hin wurde Titos »Befreiungsarmee« beim Treffen der Großen Drei in Teheran Ende November 1943 als alliierter Partner anerkannt - nun auch mit dem Segen Stalins.

Der fand freilich an den neuen Verbündeten gleich wieder was auszusetzen: Titos »Antifaschistischer Volksbefreiungsrat« hatte just zur selben Zeit im bosnischen Bergstädtchen Jajce eine vorläufige Regierung gebildet, die der Exilregierung das Recht bestritt, für Jugoslawien zu sprechen, und die König Peter eine Rückkehr verbot.

Stalin war über diese »Eigenmächtigkeit« äußerst erbost. Er nannte sie einen »Dolchstoß gegen die UdSSR und die Konferenz von Teheran«.

Trotz allem konnte der sowjetische Diktator den Jugoslawen Tito nun nicht mehr ignorieren. Im Februar 1944 traf endlich auch eine sowjetische Militärmission unter Leitung des Generals Kornejew im Partisanen-Hauptquartier ein.

Einen Monat später schickte Tito eine eigene Abordnung nach Moskau - geleitet vom General Terzic und dem Politbüromitglied Milovan Djilas, der darüber in seinem Buch »Gespräche mit Stalin« ausführlich berichtet. Die Mission wurde in brandneue Uniformen gesteckt - geschneidert aus denen gefangener italienischer Offiziere - und erhielt von Tito unterschriebene Pässe des neuen jugoslawischen Staates. Als Geschenk für Stalin nahm sie eines der ersten selbstgefertigten Partisanen-Gewehre mit.

Der russophile und überzeugte revolutionäre Kommunist Djilas bekam viele Wochen keinen Termin bei Stalin.

Als es dann nach fast zwei Monaten soweit war, wurde er mitten aus einem Vortrag geholt. Stalin, in weißer Marschallsuniform mit einem einzigen Ordensstern, eine englische Dunhill-Pfeife in der Hand, beeindruckte die Jugoslawen mit seinem demonstrativ gezeigten Interesse für ihre Bewegung und deren Personen sowie mit seiner Geringschätzung für die Westalliierten und mit seinem trockenen Witz.

Djilas: »Stalin wollte wissen, wo der jugoslawische König Peter II. eine Frau gefunden habe. Als ich ihm sagte, daß er _(Nach einem Guerilla-Überfall auf einen ) _(deutschen Panzerzug verfolgen deutsche ) _(Soldaten die Partisanen. )

eine griechische Prinzessin geheiratet hatte, wandte er sich an Molotow: ''Wie wäre das, wenn einer von uns eine ausländische Prinzessin heiratet, Wjatscheslaw Michailowitsch? Vielleicht käme etwas Gutes dabei heraus!«

Das zweite Mal empfing Stalin die Gäste auf seiner Datscha im Südwesten von Moskau. Bei viel Wein und Wodka ließ er sich über die Alliierten aus: _____« Vielleicht glauben sie, daß wir, nur weil wir die » _____« Verbündeten der Engländer sind, vergessen haben, wer die » _____« sind und wer Churchill ist. Sie tun nichts lieber, als » _____« ihre Bundesgenossen übers Ohr hauen. Während des Ersten » _____« Weltkrieges haben sie ständig die Russen und die » _____« Franzosen geprellt. Und Churchill? Churchill ist der Typ, » _____« der einem eine Kopeke aus der Tasche zieht, wenn man » _____« nicht aufpaßt. Roosevelt ist nicht so. Er macht nur lange » _____« Finger, wenn es sich um größere Münzen handelt. Aber » _____« Churchill, der tut das schon wegen einer Kopeke! »

Dann sagte er den Jugoslawen, sie sollten die Engländer nicht verprellen, »worunter er verstand«, so Djilas, »daß wir alles vermeiden müßten, was ihnen den Gedanken eingeben könnte, es sei in Jugoslawien eine Revolution oder der Versuch einer kommunistischen Machtergreifung im Gange«.

Stalin hörte nicht auf, die Jugoslawen vor den »doppelzüngigen« Briten und deren Geheimdienst zu warnen - auch was Leben und Sicherheit Titos betreffe. Stalin: »Sie waren es, die General Sikorski (den polnischen Exilregierungschef) in einem Flugzeug getötet und dann das Flugzeug sauber abgeschossen haben - kein Beweis, keine Zeugen.« (Autor Rolf Hochhuth übernahm diese Stalin-Version für ein Theaterstück über den mysteriösen Absturz der Sikorski-Maschine bei Gibraltar im Juli 1943.)

Das war der gleiche Stalin, der Tito vier Jahre später selbst nach dem Leben trachtete, sogar öffentlich das jugoslawische Volk aufforderte, sich seiner Führer zu entledigen.

Während des Essens wurden Depeschen für Stalin hereingereicht. Eine betraf ein Gespräch des jugoslawischen Exilregierungschefs Subasic in London im US-Außenministerium. Stalin gab sie Djilas zu lesen, der ein verblüfftes Gesicht machte, weil er nicht wußte, wie dieses Telegramm in Stalins Hand kam. Der lachte: »Sie stehlen unsere Depeschen, wir stehlen ihre.«

Das zweite Telegramm kam von Churchill. Der teilte mit, daß die alliierte Invasion in Frankreich am nächsten Tag beginnen werde.

Stalin: »Ja, die Landung wird stattfinden, wenn kein Nebel kommt. Bis jetzt kam immer etwas dazwischen. Morgen wird es wohl etwas anderes sein. Vielleicht begegnen ihnen ein paar Deutsche, was dann?«

Zum Abschied gab Stalin den jugoslawischen Genossen die Mahnung mit auf den Weg, sich mit dem königlichen Exil-Partner Subasic in London zu einigen.

Tito handelte in seinem Hauptquartier auf der dalmatinischen Insel Vis dann in der Tat ein provisorisches Abkommen über eine gemeinsame Regierung mit dem Briten-Schützling Subasic aus.

Im August 1944 traf der jugoslawische Partisanenmarschall in Neapel mit dem Briten-Premier Winston Churchill zusammen, der ein sentimentales Verhältnis zu den Bauernrebellen aus den Balkanbergen zu haben schien. »Wenn ich jung genug wäre, um mit dem Fallschirm abspringen zu können, würde ich in Jugoslawien kämpfen«, beteuerte er.

Tito: »Aber Sie haben uns doch schon Ihren Sohn geschickt!« Da glänzten, wie Tito-Biograph Dedijer schreibt, »Tränen in Churchills Augen«.

Drei Wochen später trafen an der Donau erstmals jugoslawische Partisanen-Einheiten und die durch Rumänien vorrückende Rote Armee aufeinander. Da endlich flog Tito auch selber nach Moskau. Er bat Stalin um eine Panzerdivision, die bei der Befreiung Belgrads helfen sollte, das Hitler zur »Festung« erklärt hatte.

Stalin, der Tito nach seinem Komintern-Decknamen »Walter« nannte, versprach: »Ich werde Ihnen nicht nur eine Division, sondern ein ganzes Panzerkorps schicken.«

Doch Tito bestand auf räumlichen und zeitlichen Beschränkungen des Einsatzes der Roten Armee in Jugoslawien. Dies fand auch im gemeinsamen Kommunique seinen Niederschlag, das am 28. September 1944 in Moskau veröffentlicht wurde: _____« Im Hinblick auf die Weiterentwicklungen der » _____« Operationen gegen die deutschen und ungarischen Truppen » _____« erbat das sowjetische Oberkommando vom Nationalen » _____« Befreiungskomitee in Jugoslawien die Zustimmung dafür, » _____« daß die sowjetischen Truppen vorübergehend jugoslawisches » _____« Gebiet an der Grenze von Ungarn betreten dürfen. Das » _____« sowjetische Oberkommando erklärte bei dieser Gelegenheit, » _____« daß die Sowjettruppen nach Erfüllung ihrer Aufgabe aus » _____« Jugoslawien zurückgezogen würden. »

Es dürfte das einzige Mal gewesen sein, daß sich die Rote Armee bei ihrem Vormarsch etwas »erbat«.

Tito selbst empfand sein erstes Zusammentreffen mit Stalin als »recht kühl": _____« Hauptgrund dafür waren meiner Meinung nach die » _____« Telegramme, die ich während des Krieges gesandt hatte, » _____« vor allem das eine, wo ich verlangt hatte, uns wenigstens » _____« nicht zu behindern. Kominternsekretär Dimitroff » _____« bestätigte meine Vermutung: »Walter, Walter, der Alte war » _____« schrecklich wütend mit Ihnen wegen dieses Telegramms. Er » _____« stampfte vor Wut mit den Füßen.« »

Stalin empfahl dem Partisanenrevolutionär, König Peter wieder in seine Rechte einzusetzen.

Tito: »Mir schoß vor Empörung das Blut in den Kopf. Ich suchte mich zu beherrschen und erklärte ihm, daß dies unmöglich sei, weil der König in Jugoslawien ein Sinnbild des Verrats geworden sei, als er entfloh und sein Volk mitten im Kampf verließ.«

Stalin: »Sie brauchen ihn ja nicht für immer zurückzunehmen. Setzen Sie ihn vorübergehend wieder ein, dann können Sie ihm noch immer einen Dolchstoß in den Rücken geben.«

Während dieser Unterhaltung kam Molotow mit der Nachricht, die Briten seien in Jugoslawien gelandet.

Tito: »Das ist unmöglich!«

Stalin: »Wieso unmöglich? Es ist eine Tatsache!«

Tito erklärte, wahrscheinlich seien drei Batterien schwerer Artillerie eingetroffen, um die sein Oberkommando die Engländer gebeten habe. Stalin dachte nach, dann fragte er: »Sagen Sie, Walter, was würden Sie denn tun, wenn die Briten tatsächlich eine Landung in Jugoslawien erzwingen würden?«

Tito: »Wir würden entschlossen Widerstand leisten.«

Daraufhin schwieg Stalin. Einen Monat später hakte er jenen infamen Teilungszettel für den Balkan kommentarlos ab, auf dem Churchill den Sowjets ost-westliche »Einflußsphären« in Südosteuropa vorschlug. Für Jugoslawien hatte der Brite eine Einfluß-Teilung von 50 zu 50 aufgeschrieben.

Kurz nach Titos Rückkehr kam es zur Entscheidungsschlacht um die Hauptstadt Belgrad. In dreiwöchigen schweren Kämpfen rieben neun Partisanen-Divisionen zusammen mit dem sowjetischen Vierten motorisierten Gardekorps unter General Wladimir Schdanow die 22 000 deutschen Verteidiger unter den Generälen Felber und Schneckenburger auf.

Am 20. Oktober 1944 war Belgrad befreit. Die Rote Armee blieb nur wenige Monate in Nordostjugoslawien. Ihre letzten Einheiten räumten im März 1945 das Land. Sie ließen eine aufgestaute Bitterkeit zurück, die vom einfachen Partisanen bis hinauf in die Führungsspitze reichte und die zwar noch nicht zum Bruch mit dem Großen Bruder führte, in den Jugoslawen aber die Überzeugung verstärkte, daß sie von den sowjetischen Genossen nichts Gutes erwarten dürften.

Als im Sommer 1948 dann Moskaus Bannfluch auf die widerspenstige Belgrader KP-Führung niederfiel, gab die beim Verlag der Volksbefreiungsarmee in Belgrad eine Dokumentation über das Benehmen der Roten Armee während der Besatzungszeit in Auftrag.

Sie wurde unter dem Namen »Untaten unter dem Mantel des Sozialismus« im September 1953 in 8000 Exemplaren gedruckt. Doch dann befahl das Belgrader Politbüro plötzlich, das Weißbuch zu

vernichten. Stalin war gestorben. Die neue Moskauer Führung streckte erste Fühler nach Jugoslawien aus, Nikita Chruschtschow unternahm 1955 einen Canossagang nach Belgrad - da waren die gesammelten Missetaten der Roten Armee nicht mehr opportun.

Einige Exemplare aber blieben erhalten. Der Kölner Publizist Hendrik van Bergh veröffentlichte das geheime Weißbuch unter dem Titel »Genosse Feind«.

Darin berichten stets namentlich genannte Augenzeugen von Feuergefechten zwischen sowjetischen und jugoslawischen Einheiten während der Befreiung Belgrads, da die regulären Sowjettruppen die Jugoslawen offenkundig als nicht ernst zu nehmende Bandenkrieger verachteten.

»Wir befreien euch, und ihr regt euch noch auf«, beschimpfte ein sowjetischer Batteriekommandant, der eine jugoslawische Einheit beschossen hatte, deren protestierenden Major.

Ein Kapitel beschreibt die Vergewaltigungs-Orgien, »für die man in der Zeitgeschichte vergebens nach Analogien suchen wird«, so das Weißbuch: _____« Die Angehörigen der Roten Armee vergewaltigen » _____« gleichsam organisiert. Während der Kämpfe an der » _____« Srem-Front hat ein sowjetisches Divisionskommando » _____« angeordnet, daß sich alle männlichen Bewohner, die älter » _____« als zehn Jahre waren, an einem bestimmten Platz » _____« sammelten, um eine militärische Aufgabe zu erfüllen. Als » _____« die Männer ihre Häuser verlassen hatten, fiel ein » _____« sowjetisches Regiment in das Dorf ein. Alle Frauen und » _____« viele Mädchen wurden vergewaltigt. »

Das Weißbuch zieht aus den breit geschilderten Greueltaten den Schluß: _____« Oft rechtfertigen die Angehörigen der Sowjetarmee » _____« ihre brutalen Übergriffe mit den Worten »Krieg ist » _____« Krieg«. Nach ihren Ansichten von Krieg waren die » _____« Massenvergewaltigungen von Frauen, Schwestern und » _____« Töchtern der Verbündeten erlaubt. Von den höchsten » _____« Offizieren bis zu den einfachen Soldaten waren alle » _____« gleichmäßig beteiligt. Sie vergewaltigten Frauen vor den » _____« Augen ihrer Männer. Sie schändeten Töchter vor den Augen » _____« ihrer Väter und Schwestern vor denen ihrer Brüder. Auf » _____« Plätzen, in Kaffeehäusern und Kinos, auf Straßen und in » _____« Parks. Überall vergewaltigten sie Frauen, als wenn dazu » _____« ein allgemeiner Befehl erlassen worden wäre. »

Im Februar 1945 in Jalta wurden die jugoslawischen Kommunisten dann auch noch politisch mißhandelt: Die Großen Drei, Stalin, Churchill und Roosevelt, verordneten ihnen ein Koalitionsregime unter Einschluß der Exilregierung.

So war im Gegensatz zu allen anderen von Jalta betroffenen osteuropäischen Staaten, vielleicht mit Ausnahme Polens, Jugoslawien das einzige Land, wo eine bereits unumstritten an der Macht befindliche KP-Regierung mit Moskaus Segen bürgerlich verwässert wurde.

Dennoch gehorchte Tito, wenn auch nur, um die Form zu wahren. Er wurde am 8. März 1945 Ministerpräsident und Verteidigungsminister einer »Provisorischen Regierung«, der auch acht nichtkommunistische Mitglieder angehörten. Exil-Premier Subasic erhielt den Posten des Außenministers.

Anfang April 1945 reisten beide nach Moskau, um dort nach dem Beispiel Polens und der Tschechoslowakei einen Freundschaftsvertrag mit der Sowjet-Union zu unterzeichnen - und das blieb ziemlich die einzige Amtshandlung, zu der Subasic je kam.

Tito nahm auch Milovan Djilas mit, obgleich der durch harte Kritik an den Übergriffen der Roten Armee in Jugoslawien unterdessen Stalins höchsten Zorn erregt hatte.

»Eine solche Armee ist ausgerechnet von Djilas beleidigt worden«, empörte sich Stalin. »Von Djilas, einem Mann, den ich so freundlich empfangen habe! Und eine Armee, die um euretwillen ihr Blut vergoß.«

Nun erlebte Djilas in Moskau einen Stalin, der ihn kalt schnitt, den der Jugoslawe deshalb auch mit anderen Augen beobachtete als beim ersten Besuch. Später, in seinen »Gesprächen mit Stalin«, schilderte er das Phänomen des roten Papstes so: _____« Ein linkischer Zwerg von einem Mann, bewegte er sich » _____« durch die vergoldeten und marmorverzierten kaiserlichen » _____« Säle, und eine Gasse tat sich vor ihm auf, strahlende, » _____« bewundernde Blicke folgten ihm, während die Ohren der » _____« Höflinge sich bemühten, seine Worte aufzuschnappen ... » _____« Seine Armeen und Marschälle, beladen mit Fett und » _____« Medaillen und trunken von Wodka und Sieg, hatten bereits » _____« halb Europa zu Boden getrampelt, und er war überzeugt, » _____« daß sie in der nächsten Runde auch noch die andere Hälfte » _____« unter den Stiefel bekommen würden. Er wußte, daß er eine » _____« der grausamsten und despotischsten Persönlichkeiten in » _____« der Geschichte der Menschheit war. Aber dies störte ihn » _____« nicht im geringsten, denn er war überzeugt, daß er das » _____« Urteil der Geschichte vollstreckte. »

Der Empfang endete in einem allgemeinen Besäufnis, was Tito nachher zu der Bemerkung veranlaßte: »Ich weiß nicht, was mit diesen Russen los ist, daß sie soviel trinken - die reine Dekadenz!«

Nur Wochen später fühlte sich Tito von den dekadenten Moskauer Genossen im Stich gelassen:

Seine Partisanenarmee besetzte in den letzten Kriegstagen die italienischen Städte Triest und Görz - kurz bevor dort eine unter britischem Befehl operierende neuseeländische Division eintraf. Tito wollte beide Städte behalten und verlangte den Abzug der Westalliierten. Die wiederum forderten den sofortigen Rückzug der Jugoslawen.

Es kam zu Schießereien und gegenseitigen Ultimaten, sogar zu einer Konfrontation zwischen zwei jugoslawischen Armeekorps und einer britisch-indischen Division an der griechischen Grenze. Tito wies die amerikanischen und britischen

Militärmissionen aus Jugoslawien aus. Der britische Feldmarschall Alexander verglich das Benehmen Titos mit dem »Hitlers, Mussolinis und Japans« - »und um solche Handlungen zu verhindern, haben wir diesen Krieg geführt«.

Noch am 22. Mai 1945 beharrte Tito darauf, daß »die Geschichte es uns niemals verzeihen würde, wenn wir unsere slawischen Brüder dem Terror der italienischen Faschisten auslieferten«. Doch zwei Tage später, am 24. Mai, gab er plötzlich nach: Seine Partisanen zogen sich auf eine vom Briten-General Morgan gesteckte Demarkationslinie zurück.

Den Hintergrung enthüllte Tito selbst sieben Jahre später. Die Briten hatten mit Krieg gedroht, und Stalin hielt sich aus dem Konflikt heraus. Tito: »Ich habe ganze Nächte am Telephon verbracht, in der Hoffnung, wenigstens einen Rat aus Moskau zu bekommen. Aber da kam nichts, und so blieb uns nichts anderes übrig, als Triest zu räumen.«

Dafür gingen die jugoslawischen Kommunisten zu Hause nun um so radikaler vor. Die geheime Staatspolizei OZNA verhaftete, folterte und liquidierte alles, was nach Opposition aussah. Alle Entscheidungen im Staat wurden im Politbüro oder Zentralkomitee der KP gefällt. Die nichtkommunistischen Minister wußten überhaupt nicht, was passierte.

Einer nach dem anderen trat zurück - Subasic im Oktober 1945. Zu den Wahlen am 11. November trat eine nennenswerte Opposition erst gar nicht mehr an. So erhielt die »Nationale Front«, identisch mit der KP, 88,6 Prozent der Stimmen. Ohne die früher versprochene Volksabstimmung beschloß das neugewählte Parlament am 29. November 1945 auch die Absetzung der Dynastie der Karadjordjevic-Könige. Jugoslawien war Föderative Volksrepublik.

Und was für eine: Belgrad übernahm fast buchstabengetreu die sowjetische, die sogenannte Stalin-Verfassung. Marxismus-Leninismus wurde Pflichtfach an Schulen und Hochschulen. Eine radikale Verstaatlichung enteignete allen Privatbesitz, eine Bodenreform das Land. Die alten Lenin-Schlagworte von »Industrialisierung und Elektrifizierung« als Symbole für den Sozialismus bestimmten die Wirtschaftspolitik.

Schauprozesse liefen nach sowjetischem Muster ab. In einem davon wurde der monarchistische Partisanen-Führer Mihajlovic mit zehn Mitangeklagten zum Tode verurteilt und am 17. Juli 1946 erschossen. Stalin hätte mit seinen südslawischen Musterschülern sehr zufrieden sein können.

Er was es aber nicht. Die jugoslawischen Genossen mochten noch so lupenreine Kommunisten sein, in Stalins Augen hatten sie einen entscheidenden Fehler: Ihre Führer waren nicht von ihm eingesetzt, nicht von der Sowjet-KP oder der Roten Armee abhängig.

Also beschloß die sowjetische Führung, Jugoslawien auf einem Gebiet an die Kette zu nehmen, wo das Land schwach war - auf dem der Wirtschaft.

Besatzung und Krieg hatten in Titos Republik schlimme Zerstörungen angerichtet. Der Ehrgeiz der jugoslawischen Kommunisten ging dahin, ihr Agrarland möglichst rasch zu industrialisieren - auch da folgten sie nur Stalins Beispiel.

Doch die Russen sahen darin, wie ihre Unterhändler Jugoslawien mitteilten, »Größenwahn« und »utopische Industrialisierungssucht«. Sie wünschten sich Jugoslawien als billigen Rohstofflieferanten: »Wozu braucht ihr eine Schwerindustrie, wir haben am Ural alles, was ihr braucht« - so ein Argument Stalins.

Als Instrument der Kontrolle und Ausbeutung der jugoslawischen Wirtschaft diente den Sowjets, was sie zuvor schon mit Rumänien, Bulgarien und Ungarn erfolgreich ausprobiert hatten: sogenannte »Gemischte Gesellschaften«, in denen stets der sowjetische Partner das Sagen hatte.

Stalin selbst schlug ihre Gründung im Frühjahr 1946 Tito vor, als dieser wieder zu Besuch in Moskau war. Die Jugoslawen stimmten zu - falls dies der Industrialisierung ihres Landes diene. Stalin: »Das ist doch in Ordnung.«

Gleichzeitig erkundigte er sich eingehend nach den jugoslawischen Rohstoffvorkommen - nach Bauxit, Kupfer, Blei -, machte sich sogar Notizen über die Auskünfte der Jugoslawen.

Daß die Sowjets vor allem an diesen Bodenschätzen interessiert waren, stellte sich heraus, als die konkreten Verhandlungen über die Gründung gemeinsamer »Aktiengesellschaften« begannen. Der Sowjet-Vertreter Jatrow »machte kein Hehl daraus, daß er Befehle hatte, eine Form zu finden, die der Sowjet-Union ein Monopol in gewissen Wirtschaftszweigen, wenn nicht in unserer Gesamtwirtschaft überhaupt, verschaffen würde«, so Tito-Genosse Wladimir Dedijer.

Für eine gemeinsame Gesellschaft für die Ölförderung schlugen die Russen vor, den Wert der jugoslawischen Ölvorkommen nicht als Anteil Jugoslawiens zu rechnen - schon Marx habe gesagt, der natürliche Reichtum eines Landes besitze keinen direkten sozialen Wert.

Für alle gemischten Gesellschaften forderte Moskau Exterritorialität, sie sollten auch außerhalb des Wirkungsbereichs jugoslawischer Gesetze stehen - Bedingungen, die damals für die Beziehungen

zwischen kapitalistischen Ländern und ihren Kolonien typisch waren« (Dedijer).

Schließlich schlugen die Russen noch die Gründung einer Bank vor, die nicht mal mehr gemeinsam geführt werden sollte, sondern als rein sowjetisches Institut vorgesehen war. Dabei sollte sie sämtliche Geldgeschäfte aller gemeinsamen Gesellschaften sowie das gesamte Verrechnungswesen im Handel zwischen der Sowjet-Union und Jugoslawien abwickeln. Diese sowjetische Bank hätte damit praktisch Jugoslawiens Währung und Wirtschaft kontrolliert.

Die Jugoslawen lehnten ab - was die Russen als »feindseligen Akt« ansahen. Nach langem Feilschen kamen am 4. Februar 1947 schließlich Verträge über zwei gemeinsame Gesellschaften zustande: die »Justa«-Fluggesellschaft und die »Juspad«-Flußschiffahrtsgesellschaft.

Die Justa übernahm alle Verbindungen Jugoslawiens mit dem Ausland und dazu die lukrativsten Inland-Flüge - wodurch die rein jugoslawische JAT faktisch lahmgelegt wurde. Den Justa-Gewinn transferierte der sowjetische Generaldirektor zu neun Zehntel nach Moskau.

Im Fall der Juspad übernahmen die Sowjets, die kein einziges Donauschiff stellten, einfach die jugoslawische Donauflotte.

Derlei Erfahrungen mit Moskau machten die Belgrader Kommunisten zunehmend mißtrauisch, zumal auch außenpolitische Meinungsverschiedenheiten sich mehrten. Tito verlangte, aus Triest vertrieben, beharrlich einen Teil Kärntens von Österreich. Die UdSSR weigerte sich, die jugoslawischen Ansprüche bei den Staatsvertragsverhandlungen mit Österreich zu unterstützen.

Und: Die Jugoslawen betrachteten den ganzen Balkan als ihren eigenen Garten, betrieben dort eine Außenpolitik, die Stalins Interessen zuwiderlief.

Belgrad wollte, sowenig es dies auch nach dem Bruch mit Moskau zugestehen mochte, auf dem Balkan durchaus das sein, was Moskau für ganz Osteuropa war: Vormacht mit imperialistischen Tendenzen.

Darüber kam es letztlich auch zum Konflikt, keinesfalls über ideologische Differenzen, wie die offiziellen Geschichtsschreiber es gern darstellen.

Die Jugoslawen, die keine Ahnung hatten, daß Stalin dem Churchill-Vorschlag einer Halbe-halbe-Einflußteilung für das Land zugestimmt hatte, wußten auch nichts von dem sowjetisch-britischen Deal über Griechenland, wo Stalin den Briten 90 Prozent Einfluß eingeräumt hatte.

Daher unterstützte Tito die griechischen Kommunisten im Bürgerkrieg mit allen Kräften, während Stalin sich weitgehend heraushielt.

Jugoslawien tat auch mit einem kleinen Nachbarn genau das, was es der Sowjet-Union in ihrem Benehmen gegenüber Jugoslawien vorwarf - es behandelte Albanien wie einen Satelliten.

Dazu fühlten sich die jugoslawischen Kommunisten freilich von Stalin selber ermuntert, der mit den ihm unbekannten Skipetaren ("sind die nicht einmal ein bißchen slawisch?") nichts anfangen konnte und den Jugoslawen empfahl, »Albanien zu schlucken«.

1939 hatte Mussolini den Albanerkönig Zogu vertrieben und das Land auf der anderen Seite des »Mare nostro« besetzt, als das die Italiener die Adria betrachteten.

Unter Führung jugoslawischer Kommunisten entstand eine Widerstandsbewegung gegen die Besatzer. Die benachbarten Genossen waren auch Geburtshelfer bei der Gründung einer Kommunistischen Partei. Ihr Chef wurde der bis dahin unbekannte Französisch-Lehrer und Gutsbesitzersohn Enver Hodscha.

Nach jugoslawischem Vorbild gründete Hodscha 1943 eine »Nationale Befreiungsbewegung«, die 1944 die Hauptstadt Tirana eroberte. Freilich gab es - wie in Jugoslawien - auch albanische Kollaborateure. Die Deutschen hatten sogar moslemische Albaner für eine SS-Division »Skanderbeg« rekrutiert und gegen die eigenen Landsleute eingesetzt. _(Skanderbeg führte einen ) _(Skipetaren-Aufstand gegen die Türken im ) _(15. Jahrhundert und wurde zum ) _(Nationalhelden der Albaner. )

Der Konflikt mit dem Nachbarn Jugoslawien, der Albanien wie eine Kolonie behandelte, war vorprogrammiert. Serbokroatisch wurde Pflichtfach an albanischen Schulen. 1500 albanische Jugendliche studierten an jugoslawischen Gymnasien und Hochschulen. Über zwei Dutzend Verträge verknüpften die Wirtschaft der beiden Länder miteinander.

Mit Albanien gründeten die Jugoslawen auch jene berüchtigten »Gemeinsamen Gesellschaften«, die sie sich selber von den Russen nicht aufdrängen ließen.

Dafür finanzierte Belgrad die Hälfte der albanischen Staatsausgaben. Albanien sollte keine eigene Industrie entwickeln, sonden nur Rohstoffe liefern, die dann in Jugoslawien verarbeitet werden sollten, klagte Enver Hodscha. Die KPJ vertrat die albanische KP bei internationalen Konferenzen - auch in der 1947 gegründeten Allianz der europäischen kommunistischen Parteien »Kominform«.

Die albanische Verfassung war eine Kopie der jugoslawischen. Fast zugleich mit den Genossen in Belgrad veranstaltete die albanische KP Wahlen, »gewann« sie mit über 90 Prozent und rief danach ebenfalls die Republik aus.

»Auf Ersuchen Albaniens« schickte Jugoslawien Anfang 1948 Kampfflugzeuge nach Albanien und bereitete auch die Entsendung von Bodentruppen vor.

Dies aber ging Stalin, der vom albanischen Parteichef Enver Hodscha informiert worden war, nun zu weit. Für bewaffnete Interventionen fühlte er sich im Block allein zuständig. Er verlangte von Belgrad ultimativ, sich aus Albanien zurückzuziehen.

Überhaupt verlor der allmächtige Führer des Weltkommunismus mit den lästigen jugoslawischen Genossen die Geduld. Bei der Kominform-Gründung war die jugoslawische KP noch an erster Stelle genannt worden. Der Sitz der neuen kommunistischen Weltorganisation wurde auf Stalins Befehl hin Belgrad, nicht das von mehreren Teilnehmern vorgeschlagene Prag. Damit wollte

Stalin die Jugoslawen enger an die Bruderparteien binden.

So zeigten sich die jugoslawischen Kommunisten völlig verdattert, als die KPdSU plötzlich mit schneidender Schärfe gegen ihre Föderationspläne auf dem Balkan Stellung nahm.

Anlaß war ein Interview des bulgarischen KP-Führers Georgi Dimitroff, in der er einen jugoslawisch-bulgarischen Staatenbund in Aussicht stellte, dem sich später seiner Meinung nach alle osteuropäischen Länder samt Griechenland anschließen könnten.

Wenige Tage später urteilte die »Prawda«, die von Dimitroff genannten Länder hätten eine »derart fragwürdige und künstlich erzeugte Föderation nicht nötig«. Erschrocken widerrief der altbewährte KP-Veteran Dimitroff, der acht Jahre lang die Komintern geleitet hatte.

Stalin war das nicht genung. Er mißtraute der Idee einer starken kommunistischen Macht im Südosten Europas zutiefst - noch dazu mit einer unabhängigen, charismatischen Führerfigur wie Tito, die nicht sein Geschöpf war. Er bestellte die Führer der beiden betroffenen Kommunistischen Parteien nach Moskau. Tito ließ sich jedoch nicht in den Kreml befehlen. Er schickte seine Politbüromitglieder Kardelj und Bakaric. Djilas befand sich zu der Zeit gerade noch in Moskau.

Stalin empfing die Genossen an der Spitze eines hochrangigen Gremiums - Außenminister Molotow, Kominform-Spezialist Andrej Schdanow, Malenkow, Ideologe Suslow und Putsch-Experte Sorin, der kurz danach in Prag der KP zur alleinigen Macht verhalf.

Molotow erklärte, die aufgrund des jugoslawisch-bulgarischen Verhaltens entstandenen Differenzen seien »unzulässig«.

Stalin unterbrach: »Hier waren die Polen zu Besuch. Ich frage sie: Was halten Sie von Dimitroffs Erklärung? Sie sagen: eine gute Idee. Ich sage ihnen, daß es keine gute Idee ist. Da erwidern sie, daß auch sie es nicht für eine gute Idee halten - wenn das die Ansicht der Sowjetregierung sei.«

Der sowjetische Diktator drosch zunächst auf Dimitroff und seine Bulgaren ein, er wußte, die würden sich eher unterwerfen als die Jugoslawen: »Ihr habt uns nicht konsultiert! Wir erfahren von eurem Tun und Treiben aus der Zeitung! Ihr schwatzt laut hinaus wie Weiber, was euch gerade in den Sinn kommt.«

Dimitroff: »Gewiß, wir haben uns geirrt. Aber durch Irrtümer lernen wir, welchen Kurs wir in der Außenpolitik einzuschlagen haben.«

Stalin: »Lernen! Sie stehen doch seit 50 Jahren in der Politik - und jetzt korrigieren Sie Irrtümer! Das sind keine Irrtümer, Sie nehmen einfach eine andere Haltung ein als wir!«

Aus Stalins Darlegungen zog Djilas den Schluß, daß Tito mit seinen Föderationsplänen noch größere Pläne des Sowjet-Diktators gestört hatte: »Es schien, als ob die Sowjetführer mit dem Gedanken einer Reorganisation der Sowjet-Union durch Angliederung der ''Volksdemokratien'' spielten. Die Ukraine sollte mit Ungarn und Rumänien, Belorußland mit Polen und der Tschechoslowakei, die Balkanstaaten mit Rußland vereinigt werden!«

Dedijer ging später (in seinem Buch »Stalins verlorene Schlacht") so weit zu sagen, daß der jugoslawische Widerstand diese Stalin-Pläne vereitelt und somit »Osteuropa vor dem Anschluß an die Sowjet-Union bewahrt« hätte.

Der jugoslawische Delegationsführer Kardelj wies nach, daß Belgrad die Sowjets detailliert über den Pakt mit Bulgarien unterrichtet und sogar einen sowjetischen Änderungsvorschlag, die Pakt-Dauer auf 20 Jahre zu begrenzen, berücksichtigt habe.

Stalin: »Und was sagen Sie zu Albanien? Sie haben uns nicht konsultiert in der Frage des Einmarsches Ihrer Armee in Albanien! Sie konsultieren uns überhaupt nicht! Das ist nicht ein Fehler, der Ihnen passiert ist, sondern Ihre Politik - jawohl, Ihre Politik!«

Dann wandte sich der sowjetische Führer gegen den kommunistischen Aufstand in Griechenland, der »demnächst in sich zusammenfallen« werde. Kardelj widersprach auch dem. Der Aufstand könne durchaus erfolgreich sein.

Stalin: »Glauben Sie denn, daß Großbritannien und die USA - die USA, der mächtigste Staat der Welt - zulassen werden, daß Sie ihre Verbindungen im Mittelmeer unterbrechen? Unsinn! Und wir haben keine Kriegsmarine. Der Aufstand muß aufhören, und zwar so schnell wie möglich!«

Der Streit im Kreml ereignete sich im Februar. Einen Monat später begann die KPdSU, die jugoslawische KP offen zu attackieren, und alle Satelliten zogen mit.

Am 28. Juni schloß das aus Belgrad nach Bukarest verlegte Kominform die jugoslawischen Genossen aus - übrigens die einzige konkrete Amtshandlung der Organisation während ihres ganzen Bestehens. Der offene Bruch war da, eine weltpolitische Sensation.

Er war unvermeidlich, weil der allmächtige Stalin, die strahlende »Sonne« des Kommunismus, einfach nicht glauben konnte, daß es Genossen geben sollte, die ihm widersprachen oder gar seine Befehle mißachteten.

Er hatte, wie Dedijer schreibt, von Anfang an »systematisch und mit kühler Überlegung daran gearbeitet, Jugoslawien als das zentrale Land in Südosteuropa in seine Gewalt zu bekommen«. Und er wollte nicht einsehen, daß diese Strategie, die bei allen anderen osteuropäischen Ländern Erfolg hatte, gerade im Fall Jugoslawien versagen sollte.

»Schon mit dem Eintreffen der ersten sowjetischen Missionen hatten die Versuche einiger Offiziere begonnen, Jugoslawen zur Arbeit für den sowjetischen Geheimdienst zu gewinnen«,

schreibt Dedijer und bringt vielfältige Beispiele.

Der dickste Fisch, der dem NKWD ins Netz ging, war Andrije Hebrang, Mitglied des Belgrader Politbüros sowie Planungschef in Belgrad. Er war 1942 von der faschistischen Ustascha-Polizei verhaftet und gefoltert worden, bis er einwilligte, für sie zu arbeiten. Seine Akte ging an das Gestapohauptquartier in Berlin. Dort fanden die Russen sie nach dem Krieg und erpreßten damit den prominenten Politiker zur Spionage für Moskau.

Ihr Hauptargument beim Rekrutieren jugoslawischer Kommunisten: jene seien der Zentrale des Weltkommunismus mehr verpflichtet als ihrer Führung in Belgrad.

General Soldatow, sowjetischer Instrukteur beim Stab der 4. jugoslawischen Armee, sagte zu derart Angeworbenen im Sommer 1947: »Jugoslawien ist ein kleines Land, das nur durch die Sowjet-Union existieren kann. Wir Russen allein haben Jugoslawien befreit und niemand sonst. Daher sind wir berechtigt, von euch zu verlangen, daß ihr tut, was wir euch befehlen.«

Doch nun taten die jugoslawischen Spitzengenossen, von Stalin oft als »naive Dummköpfe« verspottet, partout nicht das, was die Russen wollten. Das durfte nicht sein.

Als im Februar 1948 der sowjetischjugoslawische Handelsvertrag zur Erneuerung anstand, beschied der Moskauer Vizeminister für Außenhandel, Krutikow, die Jugoslawen, sie brauchten keine Delegation zu schicken. Das bedeutete praktisch eine Wirtschaftsblockade, da Jugoslawien mehr als die Hälfte seines Außenhandels mit der UdSSR und ihrem osteuropäischen Vorfeld abwickelte. Jugoslawien bekam über Nacht kein Öl und keine Baumwolle mehr.

Tito berief daraufhin eine ZK-Sitzung ein, auf der er die »Sackgasse« in den Beziehungen mit der Sowjet-Union schilderte. Kardelj beklagte sich, Stalin habe die jugoslawische Delegation in Moskau abgekanzelt, »als ob wir die grünsten Komsomolzen wären«.

Drei Wochen später zog die Sowjet-Regierung - wie zwölf Jahre später in China - über Nacht ihre militärischen und zivilen Berater ab, »da sie in Jugoslawien feindselig behandelt werden«. Dies wies Tito in einem Brief zurück.

Die Antwort aus Moskau war ein Donnerschlag, der die Jugoslawen ins Mark traf. Der sowjetische Botschafter Lawrentjew überbrachte sie persönlich Tito, der sich in seiner Villa in Tuskanac bei Zagreb aufhielt.

»Wir halten Ihre Antwort für unaufrichtig und daher für absolut unbefriedigend«, begann das acht Seiten lange Schreiben. Darin hagelte es Vorwürfe an die Jugoslawen - sie behinderten sowjetische Experten bei ihrer Arbeit und »überwachten sie wie sonst nur in bürgerlichen Ländern«.

Der Brief kritisierte die jugoslawische KP, deren Zustand »noch immer halbgesetzlich sei« und in der ein »schändliches, terroristisches Regime« herrsche.

Jugoslawische KP-Führer, namentlich Djilas, Rankovic und andere, wurden als »zweifelhafte Marxisten« abqualifiziert - und dann drohte das Schreiben unverhohlen mit dem Schicksal eines Mannes, der auf Stalins Befehl hin im Exil mit dem Eispickel erschlagen worden war: »Wir halten Trotzkis politische Karriere für lehrreich genug« - gezeichnet W. M. Molotow und J. W. Stalin.

Tito war aufs äußerste erregt. Er entwarf unter dem Briefkopf »Präsident des Ministerrates, Minister für Nationale Verteidigung, Marschall Jugoslawiens Josip Broz Tito« sofort handschriftlich eine 33 Seiten lange Antwort. Das Politbüro stand geschlossen hinter ihm. Es berief eine Sitzung des Zentralkomitees für den 12. April 1948 ein.

Dabei war die Lage Jugoslawiens gerade zu jenem Zeitpunkt außerordentlich gefährlich. Belgrads Verhältnis zum Westen war auf einem Tiefpunkt angelangt. Die Westalliierten hatten im Friedensvertrag mit Italien Triest den Italienern zugestanden, obwohl Tito noch immer Anspruch auf die Hafenstadt erhob.

Alle Ambitionen auf Teile Österreichs waren abgeschmettert worden. Amerikanische Flugzeuge drangen wiederholt in jugoslawischen Luftraum ein, Titos Luftabwehr hatte zwei davon abgeschossen. In Griechenland tobte ein Bürgerkrieg, in den Jugoslawien tief verstrickt war. Und nun fiel Stalin und damit der gesamte kommunistische Block Belgrad in den Rücken.

Unter solchen Umständen wurde die ZK-Tagung in Belgrad zu einer leidenschaftlichen

Auseinandersetzung. Tito rief: »Genossen, unsere Revolution verschlingt ihre Kinder nicht. Die Kinder dieser Revolution bleiben aufrechte Menschen!«

Arbeiterdelegierte sagten, sie fühlten sich, als hätten »sie eins mit dem Hammer über den Kopf bekommen«. Nur Sreten Zujovic, der Finanzminister, sprach sich gegen den Antwortbrief Titos an Stalin aus, da dies »ungeheure Folgen« haben werde: »Wie können wir Pygmäen es überhaupt wagen, der Sowjetpartei zu widersprechen.«

Die »Pygmäen« wagten es. Sie wiesen die sowjetischen Beschuldigungen zurück und drehten den Spieß um: »Wir können unmöglich zulassen, daß der sowjetische Geheimdienst ein Netz von Verbindungen in Jugoslawien errichtet.«

Es folgte eine Welle von Aktionen gegen Jugoslawien. Moskau hatte Stalins Brief an Tito allen Mitgliedern des Kominform zugeleitet - mit der Aufforderung, sich zum Konflikt zu erklären. Die verstanden, was von ihnen erwartet wurde.

Als erster bewarf eilfertig der ungarische Parteichef Rakosi die jugoslawischen Genossen mit Schmutz. Es folgten die Tschechoslowaken (Autor: Slansky, der später als Titoist hingerichtet wurde) und die rumänischen Kommunisten. Albaniens Hodscha nannte Tito einen »bösartigen Antimarxisten, Nationalisten, Agenten des Imperalismus«, ein »Trojanisches Pferd im Lager des Sozialismus«.

Bulgariens Politbüromitglied Tscherwenkoff schickte einen giftstrotzenden Brief nach Belgrad - etwa die Behauptung, daß sich Jugoslawien selbst befreit habe, sei »unwahr und verderblich«.

Die Jugoslawen ("16 gegen 280 Millionen«, so Dedijer) beantworteten jeden Brief mit zunehmender Schärfe. Die Keilerei unter Genossen wurde immer schlimmer, der Briefwechsel erreichte Töne wie zwischen keifenden Verwandten in einem Erbstreit:

Das ZK der KPdSU behauptete, die nationale Befreiungsbewegung in Jugoslawien habe sich in einer schweren Krise befunden, »bis die Sowjetarmee dem jugoslawischen Volk zu Hilfe gekommen ist, Belgrad befreit hat und damit die unerläßlichen Voraussetzungen dafür schuf, daß die Kommunistische Partei an die Macht kommen konnte«. Interessant für das Denken der Moskauer Führung in jener Zeit: »Unglückseligerweise hat die Sowjetarmee den französischen und italienischen kommunistischen Parteien eine solche Hilfe nicht geben können.«

Die Schelte schloß: »Die Verdienste und Erfolge der Jugoslawischen Kommunistischen Partei sind unbestreitbar, aber es muß gesagt werden, daß die Verdienste und Erfolge der Kommunistischen Parteien von Polen, der CSR, Ungarn, Rumänien, Bulgarien oder Albanien nicht geringer sind. Doch die Führer dieser Parteien sind bescheiden und machen keinen großen Lärm um ihre Erfolge, im Gegensatz zu den jugoslawischen Führern, die mit ihren übertriebenen Prahlereien allen Leuten die Ohren volldröhnen.«

Die Jugoslawen, von den Sowjets als »faschistische Strolche« geschmäht, verhafteten im Mai Finanzminister Zujovic, dem sie nachweisen konnten, daß er über vertrauliche ZK-Gespräche an den Sowjetbotschafter Lawrentjew berichtet hatte, sowie den Agenten Hebrang. Die Sowjets versuchten vergeblich, ihre beiden Vertrauten per Flugzeug aus Jugoslawien herauszuholen.

Zweiseitige Besprechungen der beiden betroffenen Parteien über den Konflikt lehnte Moskau strikt ab. Es verlangte eine Kominform-Sitzung, an der auch Tito persönlich teilnehmen sollte. Dies wiederum lehnte das jugoslawische ZK ab - »man war sich klar darüber, daß keine Garantie dafür bestand, Tito nach einer solchen Sitzung lebend wiederzusehen« (Dedijer).

Moskaus Antwort: Die Kominform-Tagung werde stattfinden - mit oder ohne Jugoslawien, um über das Verhalten der jugoslawischen KP zu urteilen.

Darauf beschloß Tito, einen außerordentlichen Kongreß seiner Partei für Juli einzuberufen - in Belgrader Sicht ein »Volksentscheid« über den Konflikt.

Am 21. Juni trat das Kominform in Bukarest zusammen. Nicht dabei waren zwei KP-Chefs, die bis dahin Tito noch nicht öffentlich kritisiert hatten: Dimitroff aus Bulgarien und Gomulka aus Polen. Die Sowjetdelegierten Schdanow, Malenkow und Suslow verlangten strengste Maßnahmen gegen die jugoslawischen Genossen. Als sich verschiedene Stimmen gegen einen so radikalen Schritt wie Ausschluß wandten, erklärte die sowjetische Delegation: »Wir sind im Besitz von Informationen, daß Tito ein imperialistischer Spion ist.«

Da wurde der Bann beschlossen. Noch mehr: Die Jugoslawen wurden offen aufgefordert, ihre Regierung zur Unterwerfung unter Moskau zu zwingen. Andernfalls solle das Volk sie absetzen und eine neue Regierung wählen.

Die jugoslawischen KP-Führer ließen den Kominform-Beschluß ungekürzt veröffentlichen - so sehr zur Verblüffung kommunistischer Zensur-Gehirne, daß Sowjet-Botschafter Lawrentjew, wie Mitarbeiter berichteten, minutenlang keines Wortes mächtig war, als er die Belgrader Zeitungen sah.

In Belgrad erlitt Tito beim Lesen der Kominform-Resolution eine Gallenkolik. Im Westen kursierten wilde Gerüchte, daß der Marschall bereits entmachtet sei, die Russen an der Grenze stünden. Moskau verbreitete, Tito würde binnen drei Wochen »kapitulieren oder verschwinden«.

In so aufgeheizter Stimmung versammelten sich am 21. Juli 1947 in der

ehemaligen Gardekaserne in Belgrad zum 5. Parteitag der jugoslawischen Kommunisten 2344 Delegierte, die fast 470 000 Mitglieder vertraten. Tito sprach acht Stunden lang. Er wurde in geheimer Abstimmung mit ganzen fünf Gegenstimmen wiedergewählt, zur Wut der Moskauer »Prawda«, die von einem »Terrorkongreß« sprach. So aber konnte ein glanzvoll bestätigter Tito es sich leisten, seine Schlußrede mit den Worten zu beenden: »Lang lebe die Sowjet-Union, lang lebe Stalin.«

Denn Tito wußte, wie er seinem Biographen Dedijer anvertraute: »Der Konflikt war ein furchtbarer Schlag für unsere Leute ... Ich habe selbst gesehen, wie unsere Partisanen mit Stalins Namen auf den Lippen in den Tod gingen.«

Am 12. August wurde der frühere jugoslawische Generalstabschef Arso Jovanovic beim Versuch, nach Rumänien zu flüchten, von Grenzwachen erschossen. Angeblich hatte die rumänische Außenministerin Ana Pauker, die sich zu jener Zeit zu einer Donaukonferenz in Belgrad aufhielt, Jovanovic zur Desertion überredet. Ana Pauker sagte der »Tito-Clique« einen raschen Zusammenbruch voraus - und: »Die Liquidierung dieses Regimes ist eine Frage von Leben und Tod.«

Dann übernahmen die Sowjets sogar ein Gerücht, das antikommunistische Jugoslawen in die Welt gesetzt hatten, und verbreiteten es nun über Radio Moskau: Tito sei gar kein Jugoslawe, sondern ein in Rußland geborener Jude: »Dieser Bourgeois aus Odessa, dessen Vater als Fellhändler die Leute betrog, dieser Abenteurer, der sieben Pässe besitzt, ist heute dabei, den Werktätigen Jugoslawiens das Fell über die Ohren zu ziehen.«

Doch zum Unterschied von jedem anderen Ostblockstaat hatte die UdSSR keine gemeinsame Grenze mit diesem Bruderland, was eine rasche Intervention erschwerte. Stalin versprach Ungarn und Rumänien große Teile Jugoslawiens, wenn Titos Staat zerschlagen werde, in deren Grenzgebieten fuhren darauf sowjetische Truppen auf (laut US-Geheimdienst-Informationen »12 Divisionen und 500 Flugzeuge").

Wie Marschall Schukow später dem Prager Verteidigungsminister Cepicka erzählte, hatte die Sowjetarmee tatsächlich bereits konkrete Pläne zur Intervention in Jugoslawien - und alle Marschälle waren dafür. Doch Stalin plädierte für »revolutionäre Geduld": Er war sicher, daß Tito zu Kreuze kriechen würde.

Stalin bekam Wutausbrüche, wann immer von Tito die Rede war. Der war für ihn ein »Zwerg«, »Agent«, »Verräter«, den zu vernichten er nur »mit dem Finger zu schnipsen brauchte«.

Doch der Zwerg erhielt Hilfe von seinen bisherigen Todfeinden im Westen.

Die USA, die sich von Stalin auf dem Balkan stets hatten ausmanövrieren lassen, erkannten trotz anfänglichen Mißtrauens und Zögerns die Chance, die ihnen der Konflikt der roten Brüder bot. US-Botschafter Schoenfeld wertete in einem »Geheim«-Telegramm den Bruch im Ostblock »als potentiell wichtigstes Ereignis seit der Kapitulation Japans«.

Washington unterstützte den Nationalkommunisten Tito gegen den kommunistischen Zaren Stalin - und rettete damit gleichzeitig den letzten nichtkommunistischen Balkanstaat Griechenland.

Ein kommunistischer Ketzer kam Amerika im eben begonnenen kalten Krieg durchaus zupaß. Die US-Botschaft in Belgrad freute sich denn auch in einem Geheimbericht ans Außen- und Verteidigungsministerium, daß »der Bruch viel dramatischer ist, als wir je hoffen konnten«, daß die »plumpe« sowjetische Behandlung des Konflikts auf »böse Schnitzer« des Moskauer Geheimdienstes schließen lasse.

Folgerung: »Der ungeheure sowjetische Druck zwingt Tito zur Annäherung an den Westen und zu einem Modus vivendi mit der nichtkommunistischen Welt.«

So kam es auch. Tito verschwand nicht, und er kroch auch nicht zu Kreuze. Zum erstenmal leistete ein Land des Sowjetblocks Widerstand gegen die Kommandozentrale des Weltkommunismus.

Dem ersten Schisma folgte lange nach Stalins Tod das zweite - der Bruch mit China. Alle anderen Abfall-Versuche verhinderte die Sowjetmacht mit militärischer Gewalt - in der DDR, in Ungarn, in der Tschechoslowakei, ja sogar im fernen Afghanistan.

Jugoslawien aber behielt seine Unabhängigkeit, obgleich die Russen noch jahrelang daran dachten, den Titoismus mit Panzern niederzuwalzen. Sowjetmarschall Schukow prahlte noch 1957 bei einem Belgrad-Besuch zu Tito: »Weißt du, Genosse, daß wir euch 1951 erledigen wollten?«

Tito: »Weißt du, Genosse, das hatte Hitler auch gewollt.«

Im nächsten Heft

Griechenland: Bürgerkrieg in drei Runden - Churchill macht es Stalin nach - Dezember-Schlacht um Athen - KZ-Inseln und Kinder-Verschleppung - Der legendäre General Markos - Die USA greifen ein

Rechts: Außenminister Molotow.Nach einem Guerilla-Überfall auf einen deutschen Panzerzug verfolgendeutsche Soldaten die Partisanen.Skanderbeg führte einen Skipetaren-Aufstand gegen die Türken im 15.Jahrhundert und wurde zum Nationalhelden der Albaner.

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