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»Genossen, haßt ihr nicht die Amerikaner?«

Im Auftrag des Pentagon erarbeitete die Rand Corporation in Saigon eine 281 Seiten starke Studie über die Indoktrinierung, über Organisation und Taktik des Vietcong. Schlußfolgerung: Amerikas Eingreifen in Vietnam war sinnlos, Amerikas militärische Aktionen waren von vornherein zum Scheitern verurteilt. Doch zur Zeit des Abzugs aus Vietnam kommt Amerikas Offiziellen eine solche Analyse denkbar ungelegen -- sie wurde eingestampft. Der SPIEGEL besitzt eine Kopie, aus der -- erstmals -- folgende Auszüge veröffentlicht werden:
aus DER SPIEGEL 47/1971

Der Vietcong hat eine völlig neue Sprache politischer und militärischer Begriffe entwickelt. Ihre genaue Bedeutung muß in den Zellen und Gruppen immer wieder diskutiert werden, bis jeder Soldat sie perfekt beherrscht und sie schließlich zum unbewußten Bestandteil seines täglichen Vokabulars wird. So sieht ein Vietcong-Soldat die Amerikaner etwa stets nur als »amerikanische Imperialisten«.

Jeder Einheit sind politische Kader zugeteilt, deren Aufgabe es ist, die Truppen ständig zu indoktrinieren, um zu gewährleisten, daß sie in ihrer ideologischen Ausrichtung niemals schwankend werden, ihre Moral auf einem ständig hohen Stand bleibt, ihre Beziehungen zum Volk nicht gestört werden und sie zur rechten Zeit einen hohen »Kampfgeist« aufweisen.

Der Kader ist die allschützende Mutter der Partisanen. Er löst ihre zwischenmenschlichen Spannungen, vermittelt in Auseinandersetzungen, berät sie bei persönlichen Problemen. Er muß seine Schützlinge betreuen wie Eltern ihre Kinder. In diesem Fall jedoch sind die »Kinder« kämpfende Erwachsene.

Ein ehemaliger Vietcong schildert die politischen Kader so:

Der Polit-Offizier ist für die Moral und das politische Denken der Männer verantwortlich. Er ist stets der eigentliche Chef jeder Einheit -- dar militärische Führer der Einheit muß die Befehle ausführen, die er von ihm erhält. Der Polit-Offizier empfängt seine Befehle von höherer Stelle und sorgt dafür, daß diese Befehle vom militärischen Kommandeur genau ausgeführt werden, Er muß gut reden können, intelligent und überzeugend. In unserer Armee haben die Polit-Offiziere die wichtigsten Posten. (Rand-Interview mit einem gefangenen nordvietnamesischen Unteroffizier.)

In ihrer Ausbildung wird den Rekruten sofort beigebracht, daß die politische Kraft der Bewegung die größte Stärke des Vietcong Ist. Sie werden ständig ermahnt, bei all ihren Aktionen an die Bedeutung des politischen Kampfes zu denken. Ihnen wird eingehämmert, daß der politische Bereich die größte Schwäche des Gegners ist.

Obwohl die Amerikaner aus den Fehlern der Franzosen einige politische Lehren gezogen haben, wird ihr genereller Mangel an politischer Bildung damit erklärt, daß

... die Amerikaner eine Invasionsideologie und nicht eine gerechte Sache verfolgen. Wer auf seiten des Volkes steht, begreift, daß alle Regierungen Südvietnams faschistische Diktaturen waren, die jeden, der nach Frieden und Unabhängigkeit rief, folterten und einsperrten. Überdies steht das Marionettenregime unter der Aufsicht der Amerikaner, die sich als Berater und Techniker ausgeben und von einer riesigen Armee unterstützt werden. Die Amerikaner haben keine überzeugende Politik, sonst würden sie nicht so hohe Summen ausgeben müssen, um Leute zu kaufen und zu bestechen. Sie wissen nicht, wie man Menschen respektvoll behandelt oder sie überzeugt. Wer kann schon glauben, jemand verfolge friedliche Absichten, wenn er die Leute mißhandelt« In der Volksarmee wird von jedem verlangt, daß er alle Menschen respektvoll behandelt und ihre Bräuche respektiert, so seltsam sie ihm such erscheinen mögen. Mich aber haben die südvietnamesischen Truppen bei der Gefangennahme geschlagen und getreten. Die Lakaien der Amerikaner müssen ihre Ideologie mit Schlägen und Fußtritten einbläuen. Gegen Unterdrücker, die sich wie Tiere gebärden, wird sich das Volk immer erheben. (Rand-Interview mit einem stellvertretenden Zugführer regionaler Vietcong-Streitkräfte.)

Damit die Partisanen in ihrer politischen Ausrichtung nie schwankend werden, wird unablässig politisch indoktriniert. Jede Gelegenheit wird genutzt, um die Wirksamkeit der zu erteilenden Lektion zu erhöhen. Das war auch der Fall in der nächsten Schilderung von der Geschicklichkeit politischer Vietcong-Kader:

Die Erziehungs- und Propagandazelle tat immer ihr möglichstes, die Moral dar Soldaten zu heben. Wenn wir an einem Feld vorbeikamen, wo die Amerikaner chemische Kampfstoffe versprüht hatten, um die Pflanzen abzutöten, veranstaltete die Propagandazelle an Ort und Stelle eine Unterrichtsstunde. Sie sagten dann etwa: »Die Amerikaner haben sogar die Bäume vernichtet, die der Reichtum unseres Landes sind. Immer, wenn wir an einem Ort vorbeikamen, der bombardiert worden war, wurde eine Versammlung einberufen, um den Haß zu schuren, die brutale Zerstörung durch die Amerikaner zu geißeln. Nach einer solchen politischen Indoktrinierungsstunde waren die Soldaten dann haßerfüllt -- und nicht etwa verschreckt durch die Zerstörungen. Solche Lehrstunden waren besonders wirksam, wenn wir an einen Ort kamen, der erst am Morgen bombardiert worden war, wo die Brände noch schwelten. Damit hatten wir überzeugende Beweise dafür, warum wir das Volk befreien müßten. (Rand-Interview mit einem übergelaufenen nordvietnamesischen Hauptmann.) Dieser Auszug veranschaulicht, wie der Politunterricht für viele Zwecke angewandt wird -- um den Kampfgeist der Männer zu mobilisieren, ihnen die Furcht vor der Zerstörungskraft moderner Waffen zu nehmen, die Männer zu ermutigen, alle Strapazen im Interesse der Revolution zu ertragen, die Moral der Truppen zu heben. Genau das meint der Vietcong. wenn er sagt, der Politisierungsprozeß sei alles.

Diese Politik verlangt freilich äußerste Sorgfalt und Berechnung auf allen Gebieten, so auch bei der Behandlung der Gefangenen. Wer das Recht auf seiner Seite hat, muß selbst den Feind würdig behandeln können, wie aus folgendem Zitat hervorgeht:

Gefangene oder Überläufer wurden anständig behandelt. Wir durften sie weder schlagen noch töten, weil das schlimme politische Folgen haben würde. Wenn südvietnamesische Soldaten erführen, daß wir ihre Gefangenen schlecht behandelten, dann würden sie sich nicht ergeben, sondern bis zum Letzten kämpfen. Das aber würde uns mehr eigene Opfer kosten und uns auch der Informationen und Rekruten berauben, die wir erhalten, wenn wir die Gefangenen freundlich behandeln. Wenn die Gefangenen verwundet sind, versorgen wir sie. Ebenso durften wir niemals das Eigentum des Volkes antasten, wenn wir die Armee des Volkes nicht entehren und das Volk der revolutionären Sache nicht entfremden wollten. (Rand-Interview mit einem übergelaufenen Vietcong-Leutnant der Stammtruppen.)

Amerikaner werden für gewöhnlich auf unbegrenzte Zeit gefangengehalten und zu Propagandazwecken gebraucht. Während die Gefangenen von der Nationalen Befreiungsfront politisch geschult werden, ist ihr Wohlergehen gesichert. Für gewöhnlich erhalten sie die gleichen Rationen wie die Vietcong-Soldaten. In den Schulungskursen werden sie gelobt oder belohnt, wenn sie Ideen oder Aktionen vorbringen, die mit der Politik der Befreiungsfront in Einklang stehen.

Durch eine solche Behandlung wurden viele Gefangene für die Sache der Befreiungsfront gewonnen. Manche Gefangene werden freigelassen, damit sie in ihren Einheiten als Agenten arbeiten können. Andere bleiben ganz einfach beim Vietcong und kämpfen mit ihm. Anderen Soldaten rät man. lieber zu desertieren als zu ihren Einheiten zurückzukehren.

Es hat den Anschein, als könne jede Armee der Welt, auch die modernste, von den Führern des Vietcong viel lernen, vor allem von ihren politischen Kadern. Der Vietcong hat erkannt, daß die Unterordnung politischer Erwägungen unter militärische Operationen ein Volk dem Gegner in die Arme zwingen kann. Deshalb behaupten ehemalige Vietcong sicher nicht ohne Grund, die Aktionen der Amerikaner und ihrer Verbündeten in Vietnam seien das wirksamste Rekrutierungsmittel, das der Vietcong besitzt.

Die Methoden und Lehren der Befreiungsfront wurden schon in die Schulen integriert, in denen Lehrer unterrichten, die speziell für diese wichtige Indoktrinierungsfunktion ausgebildet waren. Selbst einfachste Rechenaufgaben in den Schulbüchern werden mit politischer oder sozialer Moral verbunden. Beispiel: »Wenn die Amerikaner zehn Zivilisten als Geiseln festnehmen und zwei von ihnen töten, wie viele Geiseln bleiben dann übrig?«

Die politische Ideologie der revolutionären Befreiungsfront, eine einzigartige Mischung aus politischen Philosophien und Erfahrungen aus der Literatur verschiedener Nationen, wurde allmählich als Ersatz für die Religion des Volkes benutzt. Dabei hütete man sich davor, religiöse Bräuche des Volkes zu verletzen oder zu verbieten. Bekehrung wird stets der Repression vorgezogen.

Wann immer aber restriktive Praktiken angewandt werden mußten, wurde ihre Notwendigkeit dem Volk mit überzeugenden Argumenten erklärt. Das Volk lernte ein neues Vokabular, das Vokabular der Revolution -- so daß schließlich selbst die Bürger der niedrigsten Bildungsstufen das geistige Rüstzeug mitbringen, ihre neue politische Ideologie zu lernen, aber auch zu verteidigen.

Zucker zieht mehr Fliegen an als Essig.

Der Vietcong überzog das gesamte Leben der Leute, die unter seine Kontrolle kamen, also »von ihren Unterdrückern befreit« wurden, mit einem engmaschigen Netz. Dabei bediente er sich erstaunlich komplizierter psychologischer und soziologischer Methoden. subtiler wie brutaler. überzeugender wie zwingender, erzieherischer wie terroristischer -- obwohl er zunächst immer versuchte, seine Ziele mit milderen Methoden zu erreichen, und Zwang möglichst vermied.

Dieses System sozialer Konversion und Kontrolle beruht, banal gesagt, im wesentlichen darauf, daß Zucker mehr Fliegen anzieht als Essig. Wissenschaftlicher ausgedrückt: Ihre Praktiken basieren auf einem System, Anerkennung dosiert zu geben oder vorzuenthalten. Das Endziel dieses systematischen Prozesses ist die Aufnahme neuer sozialer Normen durch das Volk. so daß die neue Gesellschaftsordnung von selbst fortbesteht und von selbst ihre Früchte trägt -- mit oder auch ohne politische Kader.

In der Praxis sieht das dann so aus:

Frage: Auf welche Schwerpunkte stützte sich Ihre Ausbildung für die Volkspropaganda?

Antwort: Man lehrte uns, dem südvietnamesischen Volk die Augen für die Realitäten zu öffnen: Unter dem Druck des totalitären Regimes leben die meisten In Armut und Elend. Die Amerikaner haben die französischen Imperialisten abgelöst. Wären sie nicht hierhergekommen, so gäbe es keinen Krieg, keine Korruption. Die Amerikaner haben ihre Dollars mitgebracht und die Leute gekauft. Die Leute sind arm, sie müssen ihr Leben an die Amerikaner verkaufen. Der Vietcong kämpft für Ehre und Freiheit, nicht für Geld. Die Regierungssoldaten bestehlen das Volk und behandeln es respektlos. Der Vietcong beschützt das Volk und sein Eigentum. Die Armee des Volkes kämpft dafür, dem Volk zu seinen Rechten zu verhelfen, die Reichen auszurotten und allen Frieden, Freiheit und Unabhängigkeit zu bringen. Im Norden ist niemand reich oder arm, dort teilen sich alle alles nach den Früchten ihrer eigenen Arbeit. Im Süden dagegen sind nur wenige glücklich: Die Offiziere sind reich, während die Bauern arm sind.

Die Befreiungsfront lehrt uns, dem Volk diese Unterschiede aufzuzeigen und es zu ermuntern, sich gegen die amerikanischen Imperialisten zu erheben, sie aus dem Lande zu vertreiben und den Krieg zu beenden. (Rand-Interview mit einem nordvietnamesischen Feldwebel, der als stellvertretender Gruppenführer gefangangenommen wurde.)

Die Vietcong passen sich dem Volk an. Sie tragen den schwarzen Pyjama des Bauern, nicht nur um in der Bevölkerung unterzutauchen, sondern auch um ihre militärische Rolle herunterzuspielen -- in einer Gesellschaft. in der ein Soldat traditionell gering geachtet wird. Sie sind sich völlig darüber im klaren, -daß sie ohne die Unterstützung des Volkes nichts ausrichten können. Ihr Verhalten gegenüber den Dorfbewohnern, vor allem gegenüber Alten und Frauen, ist gemeinhin über jeden Tadel erhaben.

Sie borgen nichts, ohne es zurückzugeben, und nehmen nichts, ohne dafür zu bezahlen. Sie heben immer wieder den krassen Gegensatz zwischen ihrem Verhalten und dem der Regierungstruppen hervor. Arroganz wird verachtet und verurteilt, sie geben sich bescheiden und hilfsbereit. Sie arbeiten in der Gemeinde mit:

Wenn meine Soldaten ein Dorf betraten, halfen sie den Familien bei ihrer Arbeit. Sie taten alles für das Volk: Hatte eine Familie keine Schützengräben, um sich vor den imperialistischen Bomben und Granaten zu schützen, hoben sie die Gräben für sie aus. Die Soldaten wuschen die Kinder und fegten das Heus. Wir halfen den Leuten sogar bei der Ernte, wenn gerade Erntezeit war. (Randinterview mit einem nordvietnamesischen Überläufer, Parteimitglied und Artillerie-Ausbildungsoffizier bei einer Einheit der Vietcong-Stammtruppen.)

So waren die Aktionen des Vietcong stets darauf angelegt, mit dem Volk Freundschaft zu schließen. Sie übten die sogenannten »drei mit« -- mit dem Volk essen, mit ihm schlafen und mit ihm arbeiten.

Unglaubliche Zeit und Energie wurden einzelnen gewidmet, um jene Argumente zu ermitteln, mit denen sie am wirksamsten mobilisiert werden könnten.

Wenn junge Mädchen kämpfen, gibt es für Männer keine Entschuldigung.

So kam ein Rekrutenwerber fünfbis zwölfmal wieder, um einen einzelnen Jugendlichen zu überreden, der Be wegung beizutreten. Dabei arbeitete er jedesmal vor allem mit den persönlichen und privaten Anreizen, die -- wie er vorher eruiert hatte -- den Kandidaten mobilisieren und ihn veranlassen könnten, sich aktiv an der Revolution zu beteiligen: frühere Auseinandersetzungen mit korrupten Regierungsbeamten, Diebstahl durch Regierungssoldaten, Verlust von Angehörigen oder Eigentum durch Bomben oder Beschuß, Ernteverlust durch Entlaubungsaktionen. Stets wurde der intime, persönliche Kontakt von Angesicht zu Angesicht dem gedruckten Wort vorgezogen. Den Prozeß schilderte ein früherer Polit-Offizier wie folgt:

Die Kader lebten in den Dörfern, ja sie wurden womöglich aus den Dörfern selbst rekrutiert. Wenn es zum Beispiel vorkam, daß Regierungssoldaten bei einer Säuberungsaktion eine Frau festnahmen, sie während ihrer Gefangenschaft mißhandelten, gingen die Kader zu der Frau und kümmerten sich um sie. Sie schürten ihren Haß gegen ihre Folterknechte -- meist war sie dann bereit, für die Befreiungsfront zu arbeiten. (Rand-Interview mit einem übergelaufenen Hauptmann.)

Auf unschlüssige Dorfbewohner wird sozialer Druck ausgeübt. Wenn einige Dörfler sich für eine Aufgabe »enthusiastisch melden«, regt sich in den anderen Schuldgefühl -- als wollten sie alle Vorteile der Revolution genießen. ohne etwas dafür zu tun. Andere wiederum werden einfach im Zuge des von den enthusiastischen »Freiwilligen« ausgelösten Ansteckungseffekts mitmachen.

Eine gewiß noch überzeugendere Methode sozialen Drucks war die, eine Gruppe bewaffneter junger Frauen in das Dorf zu bringen und eine Versammlung abzuhalten. Dabei priesen die Kader die heroischen Taten der Mädchen.

Der Trick wirkte fast immer -- denn wenn hübsche junge Mädchen zu den Waffen greifen und für die Revolution kämpfen können, gibt es für Männer keine legitime Entschuldigung, diesen Dienst zu verweigern. Zuzulassen, daß Frauen für sie kämpfen, würde bedeuten, daß die Männer in einer Welt des Mannes das Gesicht verlieren.

»Keine Regierung könnte schlechter sein als unsere jetzige.«

Besonders viel Zeit und Geduld widmeten die Kader den Jugendlichen. So trugen alte Guerilla-Kämpfer zum Beispiel stolz ihre ausländischen automatischen Waffen zur Schau, erklärten sie den Jungen und ließen sie gelegentlich ihre Karabiner durchs Dorf tragen. Oder der Vietcong hob für das Volk Verteidigungsgräben aus und veranlaßte die Jugend, ihm »zu helfen«. Es konnte auch vorkommen, daß ein Junge gebeten wurde, einem Kader in einem anderen Teil des Weilers eine Nachricht zu überbringen. Nach einiger Zeit begannen die Dorfbewohner so, den Jugendlichen mit dem Vietcong zu identifizieren.

In Wahrheit freilich wollte der Junge wahrscheinlich nur eine der seltenen Gelegenheiten nutzen, soziales Prestige zu gewinnen, indem er sich Männern anschloß, die hohes Ansehen genossen. Erklärt sich der Junge dann tatsächlich bereit, dem Vietcong beizutreten, wird er herzlich aufgenommen, erhält Waffen und Ausbildung und wird von den Mitgliedern seiner neuen sozialen Gruppe voll anerkannt.

Diese Anerkennung, die er, meist nahezu Analphabet, als Sohn eines armen Bauern genießt, macht es ihm leicht, die Normen seiner neuen Gruppe zu akzeptieren und in sich aufzunehmen.

Tausende von Vernehmungsprotokollen von Überläufern und Kriegsgefangenen dokumentieren, daß die Aktionen der Amerikaner und ihrer Verbündeten den Rekrutenwerbern des Vietcong in die Hände arbeiten. Je mehr das Volk die Amerikaner wegen ihrer Bomben und ihres Terrors haßt, desto besser gelingt es dem Vietcong, die Unterstützung des Volkes zu gewinnen. (Kampfzellen-Führer mit siebenjähriger Dienstzeit.)

Ich selbst habe gesehen, wie sie vergewaltigten, raubten und alte Leute schlugen. Wenn man die Amerikaner bekämpfen will, gibt es keine andere Möglichkeit, als sich dem Vietcong anzuschließen. (Führer einer Nachhut-Abteilung in einem Dorf mit knapp zweijähriger Dienstzeit.)

Die Saigoner Regierung ist eine Regierung der Reichen, die den Krieg verlängern, um weiter Geld der Amerikaner auf Kosten des Volkes veruntreuen zu können. Keine Regierung könnte schlechter sein als unsere jetzige. Selbst wenn der Vietcong uns belogen hat, was könnte er schon Schlimmeres machen als unsere jetzigen Beamten? (Gruppenführer und Sanitäter der Vietcong-Stammtruppen mit einjähriger Dienstzeit.)

insgesamt gaben mehr als vier Fünftel der Befragten mindestens eine Antwort, aus der hervorging, daß sie dem Vietcong aus Gründen beitraten, die bei der Saigoner Regierung oder den Amerikanern lagen.

Interessant ist dabei, daß sich die Haßkampagnen der Vietcong immer mehr gegen die Amerikaner als gegen die südvietnamesische Regierung richten -- selbst noch vor der massiven US-Eskalation im Frühjahr 1965. Die Gründe dafür sind vornehmlich in der Geschichte Vietnams zu suchen.

Jeder Vietnamese, wie arm und ungebildet er auch sein mag. weiß, wie die Franzosen das Land regierten und das »Volk ausbeuteten. Da die Amerikaner für den Asiaten wie die Franzosen aussehen, glaubt der vietnamesische Bauer sogleich, wenn ihm gesagt wird, daß die Amerikaner die gleichen grausamen Barbaren seien wie die Franzosen. Ohnedies kann die Landbevölkerung für die amerikanische Präsenz keinen anderen Grund sehen als Kolonialismus und Ausbeutung. Für das Volk ist es unvorstellbar, daß die Amerikaner nur ins Land gekommen seien, um ihre vietnamesischen Brüder im Kampf für demokratische Rechte und Freiheiten zu unterstützen. Dagegen sprechen drei schlichte Tatsachen:

* Vietnamesen besitzen nicht viel an demokratischen Rechten und Freiheiten. Es ist daher sinnlos, zu behaupten, die Amerikaner beschützten etwas, was das Volk gar nicht hat.

* Niemand würde 20 000 Kilometer weit herkommen, viele Milliarden Dollar im Jahr ausgeben und Tausende und Abertausende junger Männer opfern -- für etwas, das in den Augen der Vietnamesen nicht existiert. Es muß also einen anderen Grund geben.

* Fast alle Vietnamesen, die mit Amerikanern in Berührung gekommen sind, haben schlimme Erfahrungen gemacht, haben erlebt, wie Vietnamesen gedemütigt, verletzt oder getötet wurden, oft offenbar nur zum Spaß der fremden Eindringlinge.

Viele solcher Zwischenfälle sind nach Ansicht von beteiligten Amerikanern normal und durchaus gerechtfertigt:

Die meisten US-Soldaten erhalten. um die Zahl der US-Opfer möglichst gering zu halten, täglich Informationen über Vietcong-Aktionen, in denen Amerikaner verwundet oder getötet wurden. Damit soll ein gewisses Maß an Vorsicht und Angst geweckt werden. Denn wenn sie Angst haben, werden sie wachsam sein -- und weniger leicht Anschlägen zum Opfer fallen.

Ein Vietcong ist alles, was gelb und tot ist.

Leider macht diese Angst sie aber auch sehr schießfreudig, so daß sie lieber schießen als fragen. Der Autor dieses Berichtes hat persönlich altgediente Berufsoffiziere gekannt und beobachtet, die während ihres ganzen Einsatzes in Vietnam nie die Stadtgrenzen Saigons verließen, die Straßen der Stadt im Gänsemarsch. jeweils 20 Schritt auseinander, entlangstelzten, um sicherzugehen, daß eine Granate nicht mehr als einen von ihnen erwischen würde.

In Gesprächen mit amerikanischen Soldaten im Feld hat der Autor oft die Definition gehört: »Ein Vietcong ist alles, was gelb und tot ist. Piloten von Flugzeugen und Hubschraubern pflegen auf alles zu schießen, was sich bewegt. Der Autor hat selbst beobachtet, wie Vietnamesen scheinbar gelassen auf ihren Feldern arbeiten, während nur zwei- oder dreihundert Meter von ihnen entfernt Bomben explodierten.

Nicht, daß diese Bauern keine Furcht kennen oder ihr Fatalismus sie gegen Gefahren immunisierte, nein, ihre Reaktion ist sehr natürlich. Sie wissen, wenn sie wegrennen, oder sonst etwas Auffallendes tun, sind sie innerhalb von Sekunden tot.

Besonders folgenschwer sind die zahllosen Verkehrsunfälle. Die Dauerausbildung hat in den Soldaten die Überzeugung geweckt, daß in Vietnam hinter jedem Baum ein Heckenschütze und hinter jedem Busch Gefahr lauert.

Die Folge davon ist, daß sie im 100-Kilometer-Tempo Wege entlangbrausen, die nur für Büffelkarren bestimmt waren. Ein 2,5-Tonnen-Lkw, der eine zerfurchte, praktisch nicht existente Straße mit einer solchen Geschwindigkeit entlangholpert, läßt sich kaum kontrollieren oder abbremsen. Kommt ihm etwas in die Quere. so bleibt es da nicht lange.

Die Fahrer rasen weiter, gleichgültig, was passiert, aus Angst, es könnte eine Falle gewesen sein oder ein Heckenschütze lauere in der Nähe. Sie haben das Gefühl, nicht anhalten zu können, wenn sie nicht getötet werden wollen. Das ist das einzige, worum es ihnen geht, gleichgültig, wie viele andere tot oder verletzt liegenbleiben.

Ohne solche Vorfälle allzusehr strapazieren zu wollen -- es könnten Dutzende allein aus persönlicher Erfahrung angeführt werden -, soll gezeigt werden, daß jeder Zwischenfall dieser Art dem entscheidenden Propaganda-Argument des Vietcong dient:

Dies ist ein nationaler Befreiungskrieg gegen die amerikanischen Imperialisten. Fremde, die in ein Land kommen. um einer Nation zu helfen, behandeln die Bewohner dieses Landes nicht so. So benehmen sich nur Kolonialisten und Imperialisten, weil das Volk ihnen nichts bedeutet.

Solange die Amerikaner sich weiterhin so aufführen, werden wir ein immer besserer Verbündeter des Vietcong als des vietnamesischen Volkes sein.

Die Ausbildungslager des Vietcong liegen meist in isoliertem Dschungelgebiet. das aus der Luft kaum entdeckt werden kann. Das Lagergelände wird durch Fallen, Minenfelder. Gräben und Bunker geschützt. Alle Zugänge werden scharf bewacht. Zuweilen, wenn die schützende Decke des Dschungels besonders dicht ist, dürfen die Rekruten aus Holz, Bambus und Stroh Hütten als Unterkünfte bauen. Auf jeden Fall müssen sie Gräben und Tunnel bauen, als Schutz und Versteck. Dies geschieht stets in absoluter Stille: ohne zu sprechen oder irgendein Geräusch mit den Werkzeugen zu verursachen.

Auch bei der militärischen Ausbildung spielt Psychologie eine große Rolle. Die meisten Vietnamesen, besonders jene aus den ländlichen Gebieten, sind Animisten. Da die Geister im Dunkeln am aktivsten sind, fürchten sich fast alle Vietnamesen vor der Dunkelheit.

Der Autor dieser Studie meint, daß dieser Geisterglaube einer der wichtigsten Gründe dafür ist, daß die südvietnamesischen Truppen so ungern während der Nacht patrouillieren.

Der Vietcong weiß das und nutzt es voll und ganz aus. Um den Angst-Faktor zu nutzen, startet der Vietcong die meisten seiner Operationen mitten in der Nacht, die sie noch dazu gegen Luftangriffe schützt.

Der vielleicht erstaunlichste Erfolg der Indoktrinierungsmethoden der Vietcong ist die simple Tatsache, daß sie ihre Truppen zum Nacht-Kampf drillen konnten.

In ihren schwarzen Uniformen, mit ihrer gelblich-braunen Hautfarbe, dem dunklen Haar und ihrem stets lautlosen Auftauchen können sie einem abergläubischen Milizsoldaten auf seinem einsamen primitiven Vorposten allzu leicht als furchtbare Rachegeister erscheinen. Aber auch die Amerikaner fürchten sich vor der Dunkelheit, wahrscheinlich, weil sie spüren, daß der Vietcong die Nacht beherrscht.

Außerdem können amerikanische Patrouillen nicht leise operieren -- schon wegen ihrer zahlenmäßigen Stärke. Der Vietcong kann sie kommen hören oder ihre Position ausmachen -- und hat damit den vollen taktischen Vorteil: Er kann von der Bildfläche verschwinden, aus dem Hinterhalt angreifen oder die Streife einfach an seiner Stellung vorbeitappen lassen.

Amerikanische Spähtrupps erhalten ihren Nachschub oft mit Hubschraubern. die jedem Vietcong meilenweit ihre genaue Position angeben. Der Autor dieses Berichtes beobachtete ein mal einen riesigen Lasthubschrauber. der einem amerikanischen Spähtrupp in Kompaniestärke warmes Abendessen brachte. Dies, obwohl die Kompanie nur 2000 Meter von der kambodschanischen Grenze entfernt war, in einem Gebiet. in dem starke Vietcong-Streitkräfte ausgemacht worden waren.

Von den Bergen auf der kambodschanischen Seite der Grenze konnten so sehr leicht Vietcong-Beobachter den genauen Standort des Trupps ausmachen. Mitten in der Nacht wurde die Kompanie angegriffen und nahezu aufgerieben.

Normalerweise erhalten die Vietcong-Rekruten keine Uniform. Die meisten Rekruten kommen aus der armen Bauernklasse, deren Kleidung gewöhnlich aus einem schlichten Anzug aus billigem schwarzem Kattun besteht.

Als »Schlafausrüstung erhält jeder Rekrut eine Hängematte und ein Stück Plastik oder Nylon als Schutz gegen den Regen. Wenn möglich, bemüht sich der Vietcong auch, ein Moskitonetz auszugeben, da die Malaria für die Guerillas ein großes Problem ist.

Sofern vorhanden, wird auch eine Decke geliefert. Sie besteht häufig aus einer oder mehreren Lagen Fallschirmnylon, das dem Vietcong von den amerikanischen und südvietnamesischen Einheiten sozusagen frei Haus geliefert wird. Die Alliierten setzen Zigtausende von Fallschirmleuchtkugeln ein. Wenn diese ausbrennen, gleiten die Fallschirme zum Boden oder landen auf Bäumen, wo der Vietcong sie nur einzusammeln braucht.

15 Pfennig Zuschuß zur täglichen Verpflegung.

40 Prozent der befragten 49 Überläufer berichteten, daß sie während ihrer Rekrutenausbildung zwei Mahlzeiten täglich erhielten. Etwa die Hälfte erhielt drei Mahlzeiten. Hauptbestandteil der Verpflegung ist wie bei den meisten Vietnamesen Reis, der mit kleinen Mengen gekochtem, getrocknetem oder konserviertem Fisch, Fischsauce (Nuoc Mam) oder Gemüse angereichert wird.

Jeder Mann erhielt täglich durchschnittlich 700 Gramm Reis. Sofern Geld vorhanden war, erhielten sie auch pro Person einen Tageszuschuß von ungefähr fünf Piastern. Dieses Geld wurde für den Kauf von Nuoc Mam, Fisch. Gemüse oder anderen Lebensmitteln zur Anreicherung der Reisverpflegung verwandt. Da dieser Betrag keine 15 Pfennig ausmacht und das in einem Land. in dem die Lebensmittelpreise etwa doppelt so stark angestiegen sind wie in den Vereinigten Staaten. kann man daran ersehen, daß kaum jemals etwas anderes als Reis gegessen wird.

in Gebieten, wo das Steueraufkommen der Befreiungsfront erheblich ist, erhalten die Rekruten Tabak-Geld bis zu 60 Piaster im Monat. Damit kaufen sie gewöhnlich inländischen Tabak. der in irgendein gerade vorhandenes Papier gedreht und so geraucht wird.

in manchen Einheiten fordern die Kader ihre Leute jedoch auf, zumindest einen Teil des Geldes für den Kauf billiger Notizblöcke zu verwenden, damit sie während der Unterrichtsstunden Anmerkungen machen können.

An einem »typischen Tag« müssen die Rekruten ungefähr um fünf Uhr aufstehen, sie haben dann 30 bis 35 Minuten Zeit für das Aufrufen der Namen, Körperpflege und Gruppenübungen. Um 5.30 Uhr erhalten die Rekruten eine Stunde Zeit für das Frühstück und die Erkundung der Umgebung.

in einem sicheren Gebiet beginnt um 6.30 Uhr der Unterricht. Meist wird der Indoktrinationsunterricht vormittags erteilt, der Militärunterricht am Nachmittag. Fast immer geht dem gesamten Ausbildungskursus eine politische Ausbildung von einer oder mehreren Wochen voraus. Die Polit-Erziehung dient dazu, dem Mann die Ideologie des Vietcong einzuimpfen, aber auch dazu. ihn geistig auf die bevorstehende Ausbildung vorzubereiten.

Um 14 Uhr beginnt der Nachmittagsunterricht. Die dritte Mahlzeit wird zwischen 16 und 18 Uhr ausgegeben. danach folgt gewöhnlich die tägliche Selbstkritik auf Zellen- oder Gruppenebene, die eine halbe bis zu einer Stunde dauert.

Wenn in dieser Zeit nicht alle zur Diskussion und Kritik anstehenden Themen erschöpft werden, wird die Aussprache verlängert, bis alle Schwierigkeiten geklärt sind. Die tägliche Kritik wird als eine der wichtigsten Aktivitäten angesehen. Sie wird deshalb nur selten gekürzt oder abgesetzt. Um 21 Uhr heißt es: »Licht aus.« Nach dieser Zeit darf sich außer den Wachen niemand mehr frei bewegen oder Licht verwenden.

Eines der erstaunlichsten Phänomene. das diese Studie enthüllt, ist, daß der gesamte Unterricht des Vietcong nach dem gleichen Schema erfolgt, unabhängig von Zeit, Ort, Thema. Schwierigkeitsgrad oder der Art des Kursteilnehmers.

Vor Unterrichtsbeginn versammeln sich die Teilnehmer zu einer kurzen Feier, gewöhnlich ein Flaggengruß und ein Unterhaltungs-Musikprogramm von 10 bis 15 Minuten. Häufig werden dazu populäre patriotische Lieder gesungen.

Dann beginnt der formelle Unterricht. aber wie so vieles im Leben des Vietcong beginnt er indirekt. Der Instrukteur gibt den Teilnehmern einen kurzen Überblick über das Weltgeschehen, vor allem über die Ereignisse, die zum Thema des Tagesunterrichts in Beziehung stehen. Meldungen aus den

sozialistischen Ländern, vor allem Erfolgsmeldungen, werden sorgfältig vorgetragen, um den Teilnehmern einen Vorgeschmack davon zu vermitteln, wie das Leben nach dem endgültigen Sieg aussehen wird.

Dies ist faktisch die einzige Information über die Geschehnisse der Außenwelt, da die Rekruten kein Radio hören -- auch nicht Radio Moskau oder Peking: Der Streit der roten Brüdermächte könnte sie ideologisch verwirren.

Wer einen anderen auslacht, wird bestraft.

Dem Überblick über das Weltgeschehen folgt ein Kurzbericht über die Ereignisse in Südvietnam, vor allem Meldungen über »glorreiche Siege« der Befreiungsfront und über die »bitteren Niederlagen« der Amerikaner und Südvietnamesen.

Da die Ereignisse in Vietnam die Männer direkter ansprechen als die Vorgänge in der Weit, wird wiederum die Gelegenheit benutzt, Haß gegen den Feind zu erzeugen: Den Männern wird klargemacht, sie brauchten nicht in der Armee zu sein, wenn es die amerikanische Invasion nicht gäbe. Sie müßten fleißig arbeiten, um den Kursus zu beenden und die verhaßten Amerikaner und ihre Marionetten zu töten.

Dann endlich geht der Instrukteur zum politischen Thema des Tages über. Jeder Teilnehmer wird ermutigt, zu jedem beliebigen Punkt Fragen zu stellen, gleichgültig wie lächerlich diese Frage erscheinen mag.

Wenn alle wichtigen Punkte der Lektion vom Instrukteur erklärt und von den Teilnehmern kurz diskutiert sind, wird die Klasse entlassen«, damit die Teilnehmer sich in Zelleneinheiten versammeln können. Auf Zellenebene muß jede Gruppe jedes Thema und jede Frage. die der Zellenleiter vorgetragen hat, voll durchdiskutieren. Jedermann muß seine Ansichten zu jedem Thema äußern. Jedes Zellen- oder Gruppenmitglied, das nicht mitmacht, muß der Ausbildungsleitung gemeldet werden.

Die Diskussionen auf Zellenebene sind wahrscheinlich die klügste und wirksamste Lernmethode im pädagogischen Arsenal des Vietcong. Die meisten Rekruten haben vorher noch nie vor einer großen Gruppe gesprochen; folglich sind sie schüchtern. Außerdem kommen sie aus einfachen Verhältnissen, mit geringer Bildung, niedrigem kulturellen und politischen Niveau, so daß sie sich aus Furcht vor einer Blamage nur ungern vor einer großen Gruppe äußern.

Es ist jedoch viel leichter, seine Ansichten vor nur zwei Personen zu äußern, vor allem, wenn die beiden das Alltagsleben mit einem teilen. Sobald der Neuling in der Diskussion auf Zellenebene einigermaßen sicher ist, diskutiert er auf Gruppenebene mit. Wenn er sich erst mal daran gewöhnt hat, im kleinen Kreis zu sprechen, läßt er sich durch die zehn in einer Gruppe auch nicht mehr einschüchtern.

Dann wird im Zug diskutiert, und so geht es weiter, bis der einzelne bereit ist, seine Ansichten vor einer gesamten Klasse von 300 oder 400 Teilnehmern darzulegen. Dabei wird größter Wert darauf gelegt, daß der Betreffende nie gedemütigt wird; wer einen anderen auslacht, wird bestraft, nicht derjenige, der den Fehler gemacht hat.

Alle werden ständig an die Worte Onkel Hos erinnert, der sagte, nur diejenigen, die im Grabe liegen, machen keine Fehler.

Zur Lern-Methode sagten Gefangene aus, daß der Instrukteur stets beide Seiten eines Standpunktes darlegt, wobei die Haltung der Befreiungsfront wie auch die des Feindes aufgezeigt wurde.

Der Instrukteur »impft« oder »immunisiert« offensichtlich die Teilnehmer gegen alle feindlichen Argumente, denen sie später begegnen könnten. Da die Argumente des Feindes entwickelt werden, die dann von den Teilnehmern selbst widerlegt werden müssen (mit Hilfe des Instrukteurs), erwerben die Rekruten eine Praxis, Gegenargumente automatisch zurückzuweisen, was letztlich dazu führt, daß jedes Argument gegen jede beliebige Vietcong-These von vornherein abgelehnt wird.

Hat die Ausbildung Erfolg -- und das hat sie meist -, werden die Teilnehmer so dogmatisch, daß sie keinerlei Argument gegen die Doktrin ihrer Ideologie akzeptieren, wie überzeugend oder vernünftig auch immer die Gegenargumente sein mögen.

Die wissenschaftliche Untersuchung des Phänomens der »immunisierenden Effekte« (Entwicklung der Widerstandsfähigkeit gegen Überzeugungsversuche, die dem eigenen ideologischen System zuwiderlaufen) ist eine relativ neue Entwicklung in der westlichen Psychologie (sie wurde erstmalig während des letzten Jahrzehnts untersucht). Diese Methode ist -- soweit der Autor dieses Berichtes feststellen konnte -- außerhalb wissenschaftlicher Kreise noch nicht angewandt worden, außer beim Vietcong.

Wann immer möglich, arbeitet der Vietcong mit einer Drei-Mann-Einheit. Wiederum liegt die Vermutung nahe, die Erfinder der Drei-Mann-Zelle seien mit modernen soziologischen Forschungsergebnissen vertraut gewesen. Psychologische und soziologische Untersuchungen haben bewiesen, daß eine Auseinandersetzung zwischen zwei Personen über einen strittigen Punkt meistens zu einem Unentschieden führt. Abgesehen von ungewöhnlichen Umständen (wenn etwa einer der beiden als Fachmann gilt) wird jede Person auf ihrem Ausgangsstandpunkt beharren.

Gleichermaßen lassen sich die möglichen Ergebnisse bei einer Auseinandersetzung zwischen vier Personen voraussagen:

* Die vier Personen sind einer Meinung, in diesem Fall gibt es keine Auseinandersetzung.

* Drei stellen sich gegen einen, in diesem Falle ist es wahrscheinlich, daß sich der Abweichler der Mehrheit unterwirft.

* Zwei Personen stehen den beiden anderen gegenüber, in diesem Falle ist wiederum ein Unentschieden das wahrscheinlichste Ergebnis. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, daß eine Gruppe aus drei Personen am ehesten dazu neigt, Einstimmigkeit zu erzielen. Es sind nur zwei echte Alternativen vorhanden:

* Alle drei sind sich völlig einig.

* Einer nimmt den »Pro« -- oder »Kontra«-Standpunkt ein, während die anderen beiden sich zusammenschließen, um den Standpunkt zu bekämpfen. im letzteren Falle muß der Abweichler entweder die Szene verlassen oder einen Kompromiß eingehen.

In einem Ausbildungslager des Vietcong kann der Abweichler offensichtlich nicht die Szene verlassen; die einzige echte Alternative ist daher für ihn ein Kompromiß oder eine Einigung mit seinen Gegnern.

Die zweite Art der politischen oder ideologischen Vorbereitung der Truppen vor dem Kampf ist vielleicht die ungewöhnlichste. Nach Vorlage der militärischen Planung fragen die Kader die Mannschaften nach Vorschlägen. die den Angriffsplan verbessern oder die Siegeschance steigern könnten. Man kann sich auf unserer Seite nur schwer vorstellen, daß ein Offizier sich von einem einfachen Soldaten in seinen Schlachtplan hineinreden läßt.

Daß diese Methode einen genau kalkulierten Zweck verfolgt, ist klar. Sie stimmt mit dem Vietcong-Dogma überein, daß alle Menschen gleich sind, ungeachtet ihres Ranges oder ihrer Position.

»Die Invasoren so lange bekämpfen, bis keiner mehr im Lande ist.«

Unmittelbar vor dem Kampf wird noch einmal systematisch der Haß gegen den Feind geschürt. Die politischen Kader berichten, daß amerikanische Flugzeuge Napalm auf ein unschuldiges Dorf abgeworfen haben, daß Bauern. die friedlich ihre Felder bestellten, von Granaten zerfetzt wurden, daß Entlaubungsmittel Ernten zerstörten und Krankheiten über die Bevölkerung brachten, daß die Verbündeten nur in die Dörfer kamen, um zu plündern, zu stehlen, zu betrügen, zu vergewaltigen und illegale Steuern einzutreiben.

Für die Vietcong-Soldaten sind solche Geschichten leider durchaus glaubwürdig, denn jeder von ihnen hat solche Zwischenfälle zur Genüge selbst gesehen.

Die Kader erinnern die Männer an ihre Freunde, die vom Feinde getötet wurden, und fragen sie: »Genossen, haßt ihr nicht die amerikanischen Imperialisten? Brennt ihr nicht darauf, den Tod eurer Genossen und die Grausamkeiten, die das Volk erlitten hat, zu rächen?«

»Danach fürchtet sich niemand mehr davor, im Kampf zu töten oder zu sterben, denn es ist seine Pflicht, die Invasoren so lange zu bekämpfen, bis keiner mehr im Lande ist« -- so ein Überläufer, vorher stellvertretender Gruppenführer der lokalen Vietcong-Streitkräfte.

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