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Siegfried Lenz über Helmut Schmidt Genugtuungen sind selten

aus DER SPIEGEL 19/1965

Siegfried Lenz, 39, lebt in Hamburg. Er schrieb Romane ("Stadtgespräch") und Theaterstücke ("Zeit der Schuldlosen").

Manches bietet sich bei Helmut Schmidt zu einem tauglichen Anfang an: man könnte den gleichnamigen unpolitischen Oberleutnant noch einmal 1945 in britische Gefangenschaft geraten lassen, ihn in ein Offizierslager verbringen und dort noch einmal all die unverzagten Vorträge, Lesungen, Diskussionen stattfinden lassen, mit denen wir Deutsche ja gern auf geschichtliche Miseren antworten. Dabei müßte vor unanfechtbarem Hintergrund, vor Stacheldraht, lässigen Wachen und tadelloser Trostlosigkeit die entscheidende Begegnung mit dem Pädagogen Professor Hans Bohnenkamp arrangiert werden, die unmittelbar bewirkte, daß Helmut Schmidt Sozialdemokrat wurde.

Man könnte aber auch, in diesem speziellen Fall, von einem halbgeöffneten Mund ausgehen, der zunächst gar nicht bestimmt ist, der dein oder mein Mund sein könnte, ein wenig scharf, ein bißchen spottbereit, mit Zähnen ausgerüstet, die den starken Raucher erkennen lassen. Dann aber müßte man den Mund sprechen lassen, nichts Verständliches, nichts Gesundheitsschädliches, einfach nur sprechen, und es müßte ein Auditorium ins Bild kommen, das schön entzweit ist in seiner Reaktion: hier, bei der Minderzahl, Frohlocken, Genugtuung, reine Geburtstagsstimmung, dort, bei der Mehrzahl, Entrüstung, begründete Unruhe, eindrucksvoller Zorn. Das wäre so ein wohlfeiles symbolisches Initial: die gefürchtete »Schmidt -Schnauze« hätte sich ohne Kommentar selbst eingeführt.

Als verlockendster Anfang schließlich böte sich natürlich der Befehlsstand der Hamburger Polizeizentrale an: die Hansestadt ist vom Hochwasser eingeschlossen, Innensenator Schmidt hat das Kommando übernommen, prüft die Lage und die Veränderungen der Lage, läßt sich Vortrag halten von Generalen und Admiralen und trifft seine Entscheidungen bei Zigaretten und Kaffee. Man könnte da die Sprache der Katastrophe sprechen lassen, könnte die Verwandlungen eines Gesichts in den Nächten der Entscheidung beschreiben, auch ließe sich auf unhamburgische Weise einträglich über Bewährung sprechen und eine zarte Verbindung vielleicht zu Wilhelm Tell herstellen: die dramatische Lage würde sich da schon selbst ernähren...

Helmut Schmidt, der Sprache weniger sorglos gebraucht als vergleichbare Politiker, der sich aber auch zum Selbstvertrauen nicht erst ermuntern muß, wurde im Jahre 1946 Mitglied der SPD. Das ist so das Jahr eins der Zuversicht, ein musterhaftes Datum, an das jeder schon mal gedacht hat. Die Chancen waren zumindest noch nicht versäumt. Und mühelos läßt sich die Zeit der schönen Not zurückholen, in der die Partei sich noch zur alten Farbenlehre bekannte. Wie stellt man sich da Helmut Schmidt vor? Er studiert in Hamburg Staatswissenschaften und Volkswirtschaft. Er ist Bundesvorsitzender des Sozialistischen Studentenbundes. Und an Abenden besucht er Versammlungen seiner Partei, die ja damals noch nicht davor zurückschreckte, sich Arbeiterpartei zu nennen. Solch ein Abend könnte als Kulisse dienen, eine Versammlung bei künstlichem Heißgetränk und unschuldiger Utopie. Da sagt man noch Genosse, da herrscht das brüderliche »Du«, und die ehrwürdige Ideologie braucht man nicht zu verschweigen. Nach kurzem Zuhören - Helmut Schmidt versteht rascher, als man gedacht hat -, nimmt das junge Parteimitglied das Wort, und sofort wird etwas Unerhörtes deutlich, etwas, das ihn von älteren Mitgliedern bemerkenswert unterscheidet: er kommt ohne das geheiligte Vokabular des Marxismus aus ... Er gebietet über einen neuen Wortschatz, der sich sozusagen in Stromlinie und Tropfenform zeigt.

Das wäre der Augenblick, in dem der folgenreiche Unterschied im Gebrauch der Sprache festgestellt werden müßte. Und nicht nur dies: es verdient untersucht zu werden, in welcher Weise die Partei die Sprache ändert und die Sprache die Partei. Das ließe sich wohl im Zusammenhang mit Helmut Schmidt demonstrieren, von dem man ja nun wirklich nicht nur allgemein sagen kann: ein guter Redner. Ich glaube, daß dieser Mann durch manches gesprochene Prosastück, in dem er überlegene Gedanken- und Sprachdressur anstellt, einfach schon verändernd gewirkt hat...

Helmut Schmidt ist kein Mann, bei dem man zweifeln könnte, ob es ihn wirklich gibt. Seine Ecken und Kanten gehören ihm allein. Seine Grundsätze sind nicht beliebig übertragbar. Sein Standpunkt erscheint als Standpunkt von Helmut Schmidt. Und was er mitunter tut, ist von ihm selbst zensiert: ob er bei der Einweihung eines Schießstands spaßeshalber zur Pistole greift, ob er mit Feuerwehrmännern um die Wette rutscht, ob er für Hamburg einen Schlager suchen läßt oder sich spaßeshalber einer Strömung anvertraut -, was ihm zu tun angebracht erscheint, davon rät er sich nicht ab.

Wie viele andere, wie alle, ist auch der Politiker mitunter auf die Gelegenheit angewiesen. Das sagt Helmut Schmidt offenherzig und bereitwillig mit seinen Worten. Um solch ein gelegenheitsgerechtes Verhalten zu verdeutlichen, ließe sich manches Beispiel zitieren. Man kann sich aber auch als Szene eine Wildwasserfahrt im Kanu vorstellen. Die Uferböschungen sind mit Zuschauern garniert, und jeder hat eine Wählerstimme. Die Strömung hat die lustigsten Einfälle. Wer nicht Helmut Schmidt als Vordermann im Boot hätte, wäre ganz schön entmutigt. Er aber winkt den Fernsehleuten zu, kämmt sich rasch den Schopf und lächelt nicht nur zuversichtlich, sondern auch ausdauernd: man muß an alles denken. Ein Politiker steht gewissermaßen immer zu Markte, auch im Trikot des Wildwasserkanuten.

Und dann ließe sich eine Fahrt denken, die Aufschluß über alles gewährt, was noch zu einem dramatischen Porträt fehlt: seine Hochachtung für qualifizierte Gegner, der empfindliche Sinn für Gelegenheiten zur Schußfahrt, das knappe aber teilnahmsvolle Achselzucken, mit dem alte Vereinskameraden passiert werden, seine virtuosen Manöver in Stromschnellen, bei denen er nicht nur an sich denkt, sondern auch an uns auf der Böschung. In der Aktion wird Helmut Schmidt besonders faßbar...

Aber die Ergänzung, eine Ergänzung fehlt noch, damit Helmut Schmidt wenn auch nicht vollkommene, so doch zufriedenstellende Deutlichkeit gewinnt. Ich denke, man kommt diesem Mann mehr durch eine Addition seiner Eigenarten näher als durch eine Untersuchung seiner angenommenen Verwandlungen. Vermutlich fühlt er sich so bequem in seiner Fassung, daß jähe Verwandlungen nicht angezeigt sind. Jedenfalls scheint es für ihn keine Wunschrolle Helmut Schmidt zu geben, die er sich gedrängt fühlte, zu spielen. Das läßt sich - wie so oft - überprüfen im Kreis der Familie. Es ist schon ein Unterschied: wie einer über sich selbst spricht in fremder Umgebung oder in Gegenwart von Frau und Tochter und sogar Freundin der Tochter. Helmut Schmidt - das sollte sich an einer häuslichen Szene zeigen - läßt in jeder Umgebung mit sich rechnen. Bei selbstgebackenem Topfkuchen spricht er mit der gleichen Freimütigkeit von sich wie in der geschmackvollen Kühle seines Büros.

Er gibt zu, daß er weniger einer politischen Utopie oder Vision folge, als Grundsätzen. Er empfindet Grundsätze als ausreichend - wenngleich er vorsorglich auch der Meinung ist, daß gewisse Grundsätze durch politische Tatsachen widerlegt werden können. Da wäre die Frage angebracht, ob er sich bereitwillig widerlegen läßt, und Frau Schmidt könnte die rasche Antwort aus näherer Kenntnis ergänzen, vielleicht lächelnd in Zweifel ziehen: es gibt schon Widerstände.

Der Kuchen ist wirklich sehr gut, und da möchte man sich noch gern nach den Genugtuungen eines Politikers wie Helmut Schmidt erkundigen. Sinngemäß erhält man darauf die Antwort: Genugtuungen sind selten, meist schwer erkauft, und außerdem sind sie so kurzlebig, daß man ihnen gar nicht nachhängen sollte. Das wäre ein zureichender Abschluß, obwohl Helmut Schmidt anzusehen ist, daß er bereit wäre, noch mehr über sich zu erzählen. Er ist aber nicht erstaunt, daß man gehen möchte. Er nimmt sich lediglich das Recht zu einigen Gegenfragen, und wer mit ihm spricht, sollte darauf gefaßt sein. Wie immer er einen Fragesteller einschätzt - ich glaube: er begleitet jeden zur Tür.

Minister-Kandidat Schmidt

Zarte Verbindung zu Wilhelm Tell?

Siegfried Lenz
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