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Indien Gepanzerte Fresser

Der heilige Fluß Ganges soll gesäubert werden - mit Schildkröten als Wasserpolizei.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Für 700 Millionen Hindus ist sie Hort des Lichts und der Erlösung, eine der heiligsten Städte Indiens: Varanasi am Ufer des Ganges, während der britischen Kolonialzeit Benares genannt.

Jeden Morgen wiederholt sich hier ein Massenritual. Lemmingen gleich steigen an die 70 000 Menschen über Steintreppen hinab zum Fluß, vorbei an Tempeln und alten Palästen, um in den Fluten Körper und Geist zu reinigen.

Das Wasser des Flusses, so lehrt der Hindu-Glaube, spüle Sünden hinweg, die Banalität der Existenz und mit ihr die Mühsal des Lebens. »Es genügt, Mutter Ganga zu rufen«, erläutert der Hindu-Gelehrte Harendra Dwivedi, »dann erhält man Gottes Segen.«

Die Badenden bekümmert nicht, daß sie in einer fahlen Brühe von Abwässern waten. Die Frommen verdrängen auch die Gefahr von Diarrhöe und ansteckenden Krankheiten, putzen sich die Zähne mit dem Gangeswasser und füllen es in Flaschen ab, um es in ihren Dörfern in die Brunnen zu träufeln.

Denn das Wasser aus dem Ganges ist für Hindus gleichbedeutend mit dem Inbegriff für Sauberkeit. »Ein Tropfen Gangeswasser genügt, um jede Krankheit, jede Infektion zu besiegen«, glaubt C. L. Pandey, ein Priester des Kashi-Vishwanath-Tempels in Varanasi.

Auch eine makabre Besonderheit wird von den Badenden klaglos in Kauf genommen: Leichen und Leichenteile, die an ihnen vorbeitreiben. Sie kommen von Scheiterhaufen, auf denen verstorbene Hindus verbrannt werden. Auch von den Feuerstätten führen Steintreppen zum Fluß hinab, dem die verkohlten Reste übergeben werden. Die Leichen von Kindern und heiligen Männern werden dagegen unverbrannt dem Wasser zugeführt.

Die Hindu-Mystik besagt, daß dem ewigen Kreislauf des Sterbens und der Wiedergeburt nur im Ganges entkommen werden könne, aber erst nach dem letzten Glaubensakt auf einem der Scheiterhaufen am Ufer.

Doch dieser Brauch - allein in Varanasi werden jährlich 30 000 Tote in den Fluß bugsiert - kollidiert mit Plänen der indischen Regierung, den verschmutzten Ganges von den Quellflüssen im Himalaja bis zum Delta im Golf von Bengalen zu säubern. Das sogenannte Ganges-Aktionsprogramm, 1986 vom damaligen Premier Rajiv Gandhi konzipiert, sieht 140 Millionen Dollar für den Bau von Kläranlagen vor.

Als jüngste Maßnahme, die 32 Millionen Dollar kostet, ist die Beseitigung von Flußleichen angelaufen: Schildkröten sollen die verkohlten und unverkohlten Körper verschlingen.

Zuständig für diese Aktion ist Veer Bhadra Mishra, ein Wasserbau-Professor an der Hindu-Universität Varanasi. Mishra hat bisher 24 400 Schildkröten gezüchtet, die alle in den Fluß entlassen wurden. Sie werden einen Meter lang und wiegen ausgewachsen 33 Kilogramm.

Mishra setzt auf die Effizienz der gepanzerten Fresser. Sie werden im Zuchtzentrum zunächst mit toten Fischen gefüttert, um sie an Verwesungsgeruch zu gewöhnen. Das mache sie später so gierig, daß sie manchmal an Land kriechen würden, um sich schon nahe der Scheiterhaufen zu bedienen.

Für fromme Lebende im Wasser bestehe dagegen keine Gefahr. »Ich nehme jeden Tag ein Bad im Fluß, und sie haben mir nicht einmal in den Fuß gebissen«, erzählt Mishra.

Andere Ganges-Kenner bezeichnen das Aussetzen der Schildkröten als Flop. Shyam Lal, der Besitzer eines Ausflugsboots: »Wir sehen viele Schildkröten, aber noch mehr Leichen, die im Wasser treiben. Im wesentlichen hat sich nichts verändert.«

Streit gibt es mit den Leichenverbrennern. Baryar Chowdhury betreibt die größte Verbrennungsstätte in Varanasi. Er behauptet, daß es im Fluß gar nichts zu fressen gebe, weil die Leichen vollständig eingeäschert würden.

Dem widersprechen Umweltschützer mit dem Hinweis, daß die Kosten für einen kompletten Holzstoß den meisten Hinterbliebenen zu hoch seien: Für 265 Kilo müssen 12 Dollar bezahlt werden, das entspricht zwei Wochenlöhnen. Ein elektrisch betriebener Verbrennungsofen, den die Regierung aufgestellt hat, erfährt nur geringen Zuspruch, obwohl dort nur zwei Dollar verlangt werden.

Der Hindu-Gelehrte Dwivedi geht davon aus, daß mit dem Fluß alles in Ordnung ist: »Was auch geschehen mag, Mutter Ganga bleibt Mutter Ganga.«

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