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AFFÄREN Geplündertes Barock

Mit einem 13-Millionen-Defizit endete im Westerwald der Versuch eines Kaufmanns und eines Provinzpolitikers, eine Ruine in ein Schloßhotel zu verwandeln.
aus DER SPIEGEL 7/1974

Die Kulisse war barock, der Vorsitzende wurde feierlich. Unter schweren venezianischen Lüstern sprach der Mainzer Freidemokrat Hermann Eicher, 62, den neuen Herren auf Schloß Hachenburg im Westerwald »Dank und Anerkennung« aus.

Letzte Woche, ein Jahr nach seiner Laudatio, offenbarte sich dem ehemaligen rheinland-pfälzischen Finanzminister »eine furchtbare Tragödie": Schloßherr Alois Kosinski, 53, mußte für seine »Schloß Hachenburg Betriebs- und Verwaltungsgesellschaft mbH«, der Eicher mehr als zwei Jahre lang als Verwaltungsratsvorsitzender gedient hatte, Konkurs beim Amtsgericht Montabaur anmelden.

Doch während der Minister a. D. noch »das Versagen eines erfolgreichen Managers« bedauerte, sprach der Koblenzer Erste Staatsanwalt Hans Seeliger schon von einem »handfesten Wirtschaftsverbrechen": Seeliger ließ Eicher-Proteg~ Kosinski in Köln verhaften, »weil er widerrechtlich Geschäfts- und Privatinteressen miteinander verquickt« habe.

Gescheitert war damit das ehrgeizige Projekt eines Provinzpolitikers« aus einer Schloßruine im Westerwald Deutschlands Luxushotel Nummer eins zu machen. Die Konkursfirma« in deren Verwaltungsrat der Ex-Finanzminister die Finanzlage prüfen sollte, blieb beim Land Rheinland-Pfalz, bei Banken, Handwerkern und Hachenburger Bürgern mit 13,3 Millionen Mark in der Kreide.

Gewinn hatte das 230 Jahre alte Schloß -- einst Sitz der Grafen Sayn -- noch nie abgeworfen, als es 1970, nur noch als Obdachlosenasyl genutzt, für 400 000 Mark in private Hände kam: in den Besitz des Kölner Kaufmanns Alois Kosinski und des Düsseldorfer Architekten und Vorsitzenden der Deutschen Burgenvereinigung, Hans Spiegel. Noch bevor die Rheinländer freilich die erste Rate bezahlt hatten, ging beim Mainzer Finanzministerium ein Bittbrief ein, in dem die Gesellschafter von »großen Schwierigkeiten« und »stark gestiegenen Baukosten« berichteten. Kosinskis Parole: »Durchhalten oder umkippen.«

Die Gelder, die das in finanzielle Bedrängnis geratene Unternehmen bei der Deutschen Hypothekenbank in Hannover (5,3 Millionen) und der Frankfurter Bank für Brau-Industrie (3,2 Millionen) aufgenommen hatte, waren bald verbraucht -- Miteigentümer Spiegel meint, weil das Gebäude »bis zur Einsturzgefahr verrottet war«. Da brachte Hermann Eicher, damals bereits nicht mehr Finanzminister im rheinland-pfälzischen Kabinett, seine alten Mainzer Beziehungen ins Spiel.

Mal vermittelte der Finanzminister a. D. seinen Geschäftspartnern »großes Wohlwollen auf seiten des Mainzer Wirtschaftsministeriums«, mal machte er sich »in mehreren Gesprächen mit Finanz-Staatssekretär Heinrich Schreiner« (Eicher) für eine Bürgschaft des Landes Rheinland-Pfalz über 2,5 Millionen Mark stark. Auch in Verhandlungen mit dem Kultusministerium, dem die Denkmalpflege obliegt, half der Freidemokrat mit »außerordentlichen Bemühungen« (Kosinski) weiter: CDU-Staatssekretärin Hanna-Renate Launen gewährte dem kriselnden Unternehmen 275 000 Mark Zuschuß.

Kosinski kaufte Kronleuchter zum Stückpreis von 25 000 Mark, im Iran orderte er Teppiche für 80 000 Mark je Exemplar. »Da war«, so befindet Staatsanwalt Seeliger heute, »der Ludwig II. wieder auferstanden.« Und arglos bestellte Johann Wilhelm Gaddum (CDU), Nachfolger Eichers im Mainzer Finanzministerium, am 6. Januar 1973 bei der pompösen Eröffnung des Schloßhotels unter strahlenden Lüstern »herzliche Glückwünsche« von Ministerpräsident Helmut Kohl.

Seit der Eröffnung, weiß der einstige Hoteldirektor Horst Schmidt, »begann Besitzer Kosinski auf den Konkurs hinzuarbeiten«. Der Schloß-Eigner verbot seinem Direktor, Werbekampagnen zu starten, deren das über 30 kurvenreiche Kilometer von der Autobahn entfernte Hotel dringend bedurft hätte. Das 85-Betten-Hotel wurde von nur zwölf Angestellten bewirtschaftet. Der Bau von Schwimmbad, Sauna und Solarium zog sich hinaus. Bei Preisen von 150 Mark für ein Doppelzimmer mit Frühstück kamen denn auch kaum mehr als vier Übernachtungen in einem Monat zusammen.

Weil die Kasse nicht stimmte, entließ Kosinski nach und nach sein Personal, nach und nach verschwand auch das Hotelmobiliar. Mal fuhr eine Mercedes-Kolonne Barockmöbel ab, mal stapelte sich das Inventar auf einem Laster aus Bochum. Der Hachenburger Antiquitätensammler Wilhelm Richter vermißt seither rund hundert kostbare Leihgaben, die einem Heimatmuseum im Schloß noch vor Eichers Zeiten die letzte historische Würde verliehen hatten.

Das ausgeplünderte Hotel schloß am 31. Dezember 1973, kaum ein Jahr nach seiner Eröffnung, das Tor. Am 1. Februar beschlagnahmte Staatsanwalt Seeliger bei Kosinski in Köln eine barocke Zimmereinrichtung und tief gefrorene Erdbeeren aus der Hachenburger Hotelküche. Auch nahm der Fahnder 200 Aktenordner mit, aus denen er sich Aufschluß über Kosinskis übrige fünf Bankrott-Unternehmen in Köln, Düsseldorf und Michelstadt/Odenwald erhofft, Schon bei erster Durchsicht der Papiere fand der Staatsanwalt Anhaltspunkte dafür, daß Minister Eichers Protegé Gelder aus Hachenburg auf fremde Konten verschoben haben könnte.

Ex-Minister Eicher, seit 1971 auf der Seite der Opposition, zeigt sich geknickt: »Wenn man einem Menschen jahrelang so vertraut hat wie ich, da tut so was schon weh -- das ist bitter.«

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