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SPIONAGE Geradezu geschwätzig

aus DER SPIEGEL 53/1979

Ein Schweizer Agent schnuffelte in Österreich. Er war auch schon in der Bundesrepublik und in Italien.

Dreitausend abgekämpfte Soldaten

defilierten durch die Hauptstraße von Amstetten in Niederösterreich: Das größte Manöver der Donaurepublik seit dem Zweiten Weltkrieg ging zu Ende.

Während die Soldaten vorbeimarschierten, stürmten 14 Beamte der militärischen Abwehr und der Staatspolizei die Halle des Hotels Weissenberger und nahmen den Gast von Zimmer 6 fest -- einen älteren Herrn, den der Hotelbesitzer für einen »ruhigen und angenehmen Touristen« gehalten hatte.

Doch die Abwehr wußte es besser: Der Mann war ein Spion. Schon vier Stunden nach Manöverbeginn war er einem Wachsoldaten aufgefallen, als er in St. Pölten den Innenhof der Kaserne »Prinz Eugen« photographierte. Der Soldat machte Meldung, und von da an leisteten einige Herren der Abwehr dem Verdächtigen diskret Gesellschaft.

Zum Staunen der Überwacher zog der Unbekannte in den folgenden Tagen und Nächten durch die Sperrgebiete und zu den Gefechtsständen der österreichischen Truppen. Dort erkundigte er sich nach Mannschaftsstärken, verlangte Auskunft über die Munitionsbestände und die Gefechtslage.

Zudem »photographierte er wie ein Verrückter«, fiel den Österreichern auf -- offenkundig ein dummdreister Spion, wenngleich ein im Grunde harmloser Anfänger. Für die Untersuchungsrichterin Gertrud Hahn in St. Pölten war der Fall klar: »Der Mann ist ein Ostagent«, gab sie nach der Verhaftung bekannt.

Die Richterin irrte. Der Spion entpuppte sich als Kurt Schilling, 58, ausgemusterter Oberleutnant der Schweizer Miliz, der im Auftrag des eidgenössischen Militär-»Spezialdienstes« seine Spionagetour unternommen hatte.

Zum erstenmal seit dem Zweiten Weltkrieg war die Berner Regierung in einen Spionagefall verwickelt -- und dies ausgerechnet gegenüber den friedliebenden, ebenfalls neutralen Nachbarn, mit denen sich die Schweizer freundschaftlich verbunden fühlen.

Schon drohte die Beziehung zwischen beiden Alpenstaaten in die Krise zu geraten. Die Österreicher ärgerten sich über den »Spion, der aus dem Emmental kam« ("Die Presse") -- und der Sprecher des Eidgenössischen Militärdepartements in Bern drückte sich: »Die Affäre ist so peinlich, daß mir ganz schleierhaft bleibt, wie man so etwas inszenieren kann.«

Erst als dann endlich der oberste Schweizer Militär, Bundesrat Rudolf Gnagi, erklärte, sein Amt habe »keine Aufträge für Spionage im Ausland erteilt, weder in Österreich noch anderswo«, waren die Nachbarn beruhigt.

Doch am Mittwoch vor Weihnachten, als Kurt Schilling in St. Pölten vor acht Geschworenen und drei Berufsrichtern stand, kamen die Schweizer Heereschefs wieder ins Zwielicht: Staatsanwalt Peter Hoffmann stellte in der Anklageschrift fest, daß Schilling nach eigenen Angaben »unter anderem in der Bundesrepublik Deutschland militärische Beobachtungen durchgeführt habe und auch in Italien im Rahmen nachrichtendienstlicher Tätigkeit eingesetzt« war.

Vor allem: Auftraggeber dieser Agenteneinsätze war immer der -- inzwischen beurlaubte -- Oberst Albert Bachmann, 50, Chef des »Spezialdienstes«.

Bachmann hatte sich schon früher als übereifriger Landesverteidiger hervorgetan, vor allem als Verfasser von Aufklärungsliteratur für Wehrmänner (Soldatenbuch). 1969 löste Bachmann einen Skandal aus, als er das »Zivilverteidigungsbuch« unters Volk brachte.

Diese Schrift, in Bachmanns eigenem Miles-Verlag für die 2,1 Millionen Schweizer Haushaltungen produziert, sollte den schlappen Verteidigungsgeist der Eidgenossen gegen die vermeintliche kommunistische Subversion wiederaufrichten.

Obwohl Bachmanns Vorgesetzte seine »Neigung zu Übertreibungen« rügten, machten sie den »blitzgescheiten« Offizier zum Chef jener Dienststelle, die derart heikle Aufgaben zu bewältigen hat, daß sie nicht einmal im offiziellen Telephonverzeichnis der Bundesverwaltung erscheint.

Ob es auch zu jenen heiklen Aufträgen Bachmanns gehörte, Spione mit monatlich 4000 Franken zu besolden und ins benachbarte Ausland zu schicken, wie das offenbar im Fall Schilling geschah, ist bisher nicht geklärt: Oberst Bachmann tauchte nach Bekanntwerden der Schilling-Geständnisse unter.

Bachmanns Lehrling im Knast von St. Pölten zeigte sich dagegen »überaus kooperativ, ja geradezu geschwätzig«, wie Peter Hoffmann erklärte. Die Richter dankten dem Schweizer die Offenheit mit einem weihnachtlich milden Urteil: Knapp eine Woche vor dem Fest kam Schilling mit fünf Monaten Gefängnis auf Bewährung davon. ·

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