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Gerechtigkeit für Egon K.?

Der letzte Staatsratsvorsitzende der DDR, Egon Krenz, rühmt sich, die Mauer ohne Blutvergießen geöffnet zu haben - doch kaum einer glaubt ihm.
Von Hans-Joachim Noack
aus DER SPIEGEL 32/2001

Am Ende reicht es selbst im vormaligen Leib- und Magenblatt nur noch zur kleinen Form. Bescheiden und auf engstem Raum, aber an Details verwirrend überladen, veröffentlicht im Juni dieses Jahres das einstige Zentralorgan »Neues Deutschland« einen Leserbrief des letzten Staats- und Parteichefs der DDR. Unterschrift: Egon Krenz, Justizvollzugsanstalt Plötzensee.

Der Ex-SED-Generalsekretär, der nach seiner Verurteilung zu sechseinhalb Jahren Haft in einem Berliner Gefängnis als Freigänger geführt wird, nimmt da zur Kritik am PDS-Spitzenfunktionär Peter Porsch Stellung. Er bestärkt ihn in seiner Deutung, der Mauerbau 1961 habe dem Frieden gedient.

Auf gerade mal 34 Druckzeilen analysiert der »ND«-Leser Krenz die damalige Weltlage. Mit Willy Brandt und Egon Bahr nennt er nicht nur zwei Schlüsselfiguren aus der Alt-BRD, die das angeblich genauso bewerteten, wie er es sieht. Der ehedem oberste Einheitssozialist führt außerdem den US-Präsidenten John F. Kennedy und selbst dessen Kollegen, den als ignorant geltenden Ronald Reagan, ins Feld.

Alle, so sein Fazit, hätten zwischen Propaganda und Politik sehr wohl zu unterscheiden gewusst. Es sei folglich »grotesk«, heute für globale Entwicklungen der Nachkriegszeit lediglich die kleine und abhängige DDR anzuprangern.

Es geht Krenz wieder mal um Krenz und seinen Platz in der Geschichte. Als Walter Ulbricht den berüchtigten »antifaschistischen Schutzwall« auftürmen ließ, machte der Sohn eines Schneiders aus Hinterpommern erst noch bei der FDJ Karriere. Umso nachdrücklicher möchte er seine Rolle gewürdigt wissen, die er während der traumhaften Tage des Zusammenbruchs dieses Bauwerks gespielt haben will - aber kaum einer glaubt ihm.

Ganz im Gegenteil: Seit im März der in Straßburg ansässige Europäische Gerichtshof für Menschenrechte den Schuldspruch bestätigte, ist der Fall erledigt. Dass der Musterschüler des Erich Honecker den an Mauer und Stacheldraht praktizierten Schießbefehl mitsamt seiner Konsequenzen unmittelbar zu verantworten hat, behauptet nun nicht mehr bloß die von ihm heftig angegriffene »bundesrepublikanische Siegerjustiz«.

Juristisch sind damit alle Möglichkeiten ausgeschöpft, doch einen Typus von der Unbeirrbarkeit des Egon Krenz scheint das kaum zu erschüttern. Er habe »ein Urteil bekommen, aber kein Recht«, kritisierte er die einhellige Entscheidung der letzten Instanz und arbeitet wieder wie eh und je an seinem Selbstbild als Retter.

Sollen die Gerichte, die er vom langen Arm einer skrupellos eingesetzten Berliner Machtpolitik beeinflusst glaubt, ihre Sichtweisen pflegen - der so genannte Diplom-Gesellschaftswissenschaftler aus Pankow hält stoisch an seiner Wahrheit fest: Wenn sich der waffenklirrende Arbeiter-und-Bauern-Staat anno '89 aus der Geschichte verabschiedete, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen, sei das nicht zuletzt ihm zu danken.

Alles nur Gerede? Immerhin avancierte der Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrats, Egon Krenz, in seinem maroden SED-Politbüro nach den ersten großen Montagsdemonstrationen wenigstens für einige Wochen zum Dreh- und Angelpunkt. Und dass er da eine womöglich folgenschwere Schießerei scheute, lässt sich jedenfalls nicht bestreiten.

Er habe aus Bammel vor der Volkswut die Truppen in den Kasernen gelassen, mutmaßen vorgebliche Kenner der Krenzschen Psyche, während er selbst sein eindrucksvolles Verantwortungsbewusstsein lobt. Der kurzfristige SED-Generalsekretär probte - wie er zumindest behauptet - mit dem Großen Bruder Michail Gorbatschow das »neue Denken«.

Einmal Gefolgsmann, immer Gefolgsmann. Allen, die deshalb mit heiler Haut davonkamen, dürfte es egal sein, welche Motive den gewendeten DDR-Staatschef leiteten, als er auf ein deutsches Tiananmen verzichtete. Können sich nicht auch Menschen, denen in wichtigen Augenblicken die vorher stolz geschwellte Brust schrumpft, objektiv historische Verdienste erwerben?

Manches spricht dafür, dass dem bulligen, zunehmend schrulligen und manchmal ziemlich naiven Egon K., der sich gern als »Kind der DDR« empfand, kaum in allen Belangen Gerechtigkeit widerfuhr. Wenn er darauf beharrt, es habe als Folge des Kalten Krieges und der Teilung der Welt in zwei Blöcke auf östlicher Seite keine wirkliche Alternative zum herrschenden Zwangssystem gegeben, ist das gewiss nicht nur eine Lebenslüge.

Geschichtsklitterung aber wäre, wenn er sich einbildete, den Fall der Mauer angestrebt zu haben.

Die zu schleifen, gab es in den turbulenten Tagen vor dem 9. November 1989 weder bei Freund Gorbi noch bei Krenz einen Gedanken. Beide kamen zu spät - und was dann daraus folgte, hatte der Mann aus Moskau ja schon einige Wochen vorher mit einer inzwischen berühmten Spruchweisheit prophezeit. HANS-JOACHIM NOACK

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