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Personalien Gerhard Flämig, Makarios III., Rudolf Werner, Herbert Wehner, Helmut Schmidt, Josef Neckermann

aus DER SPIEGEL 39/1972

Gerhard Flämig, 52, SPD-MdB aus Hanau, unterschlug seinen Genossen jahrelang einen lohnenden Nebenverdienst: Für die »Wibau Westdeutsche Industrie- und Straßenbau-Maschinen-Gesellschaft mbH« in Rothenbergen wertete der ehemalige Kommunalbeamte seit 1968 »das in Europa gängige und aktuelle Schrifttum über Klär- und Umweitschutzanlagen« aus. Monats-Salär: 1200 Mark brutto. Flämig, der noch im April dieses Jahres eine Satzung des SPD-Bezirks Hessen-Süd mitbeschlossen hatte, die »sozialdemokratischen Mandatsträgern« untersagt, »Abmachungen mit einem außerparlamentarischen Interessenten« zu treffen. »die mit persönlichen Vermögensvorteilen für sie« verbunden sind, über seinen Arbeitsvertrag: »Ich wollte nur etwas für meine Altersversorgung tun.«

Makarios III., 59, Zyperns Staatspräsident, »hofft, daß während meiner Abwesenheit kein Putsch passiert«. Als der Erzbischof, der am 8. März 1970 einem Attentat nur knapp entkam, vorletzten Freitag zu einem Urlaubs-Trip auf die Seychellen (wo er 1956 von den Briten interniert worden war) startete, wurde er von Journalisten befragt, ob die innenpolitische Situation nicht einen Umsturz befürchten lasse. Makarios: »Sollte er kommen, ziehe ich es vor, außer Landes zu sein.«

Rudolf Werner, 52, CDU-MdB, weiß es eigentlich besser: »Je harmloser man sich darstellt, desto erfolgreicher ist man.« Weil er sich jedoch »selbst in Frage stellen« mag und im Wahlkampf ein »doppelbödiges Ziel« verfolgen will ("Nicht nur gegen Abgase, sondern auch gegen falsche ideen"). jettete der niedersächsische Textilkaufmann vergangenen Montag nach London, um sich vom Düsseldorfer Lichtbild-Exzentriker Charles Wilp photographieren zu lassen (Photo l.). Zwei Stunden lang posierte er im »warmgelben« Wilp-Anzug für sein Wahlplakat (Slogan: »Gib der Zukunft eine Chance«; Auflage: 10 000) und fühlte sich umringt von neun nackten Kindern (Honorar: je 70 Mark) »wie beim Pferderennen: Wenn die zufällig auf einer Linie standen, mußte er abdrücken«. Während Wilp »die Wähler durch einen Schock trainieren« möchte, hat sich Werner »noch nicht ganz entschieden": Schließlich hatte schon einmal ein Wilp-Werk in seinem Wahlkreis Hannover II bei Parteifreunden Mißfallen erregt und war nicht ausgehängt worden (r.). Das ficht Wilp nicht an: »Denken ist Essig. der Mensch wird zum Sehen erzogen.«

Herbert Wehner, 66, SPD-Zuchtmeister, soll bleiben -- wollen. Der (zuckerkranke und diät lebende) Partei-Patriarch, der wohl eine Zeitlang erwogen hatte, die SPD-Fraktionsführung abzugeben, wird -- so Kanzler Brandt -- vermutlich gebeten werden, »den Vorsitz wieder zu übernehmen, und ich würde nicht ausschließen, daß er das für die nächsten vier Jahre tun wird«. Brandt: »Jedenfalls würde das seinen Neigungen entsprechen.« Während seines Norwegen-Urlaubs sei Wehner zu Besuch gekommen -- »gut in Form« wie seit Jahren nicht mehr: »Er wirkte kerngesund.« Beweis: »Er ist fast geduldig bei der Erörterung all der anstehenden Fragen.«

Helmut Schmidt, 53, Doppel-Minister, hatte Verständigungs-Schwierigkeiten. Als der Vize-Präsident der EWG-Kommission Raymond Barre auf der Wirtschafts- und Finanzminister-Konferenz in Rom Anfang voriger Woche ein Do kument in französischer Sprache vorlegte, protestierte Schmidt laut, »vom Französischen« verstehe er nur »Moulin rouge«. Und: »Das kommt hier nicht vor.«

Josef Neckermann, 60, Dressurreiter für Deutschland, ließ sich als Olympia-Kämpfer gebührend feiern -- von seiner Belegschaft. Vergangenen Dienstag, zwölf Uhr mittags, fuhr der Versandhaus-Chef am Sitz der Frankfurter Neckermann-Zentrale vor, wo etwa 3500 Mitarbeiter postiert worden waren; man hatte ihnen eine Stunde Arbeitsruhe verordnet und pro Person eine Flasche Sekt (Marke: »Reichsfreiherr Schloßauslese") zugesagt. Während Reporter auf einem eigens errichteten Podest Position bezogen, setzte Neckermann-Sohn Peter unter einem Transparent ("Wir gratulieren") zur Laudatio auf den Patriarchen an: »Hochverehrter Chef und lieber Vater.« Der Geehrte, überwältigt vom Empfang, dankte: »Ich freue mich, daß es mir gelang, Gold und Silber zu erringen.« Zurufe. die leise korrigierten: »Silber und Bronze«, ignorierte Neckermann: »Man kann aus seinem Herzen keine Mördergrube machen. Für Gold trat ich in München an.«

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