Zur Ausgabe
Artikel 52 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Gericht entscheidet: Stalin war Tyrann

aus DER SPIEGEL 40/1988

Ein sowjetisches Gericht hat entschieden, daß Josef Stalin ein »Tyrann« genannt werden darf. Geklagt hatte der Rentner Iwan Schechowzow, der Stalin als Vize-Staatsanwalt diente und selbst unter dem Diktator gelitten hatte: Seine Familie war 1929 wegen Besitzes von mehr als drei Kühen nach Sibirien verbannt worden, durfte jedoch nach einem Stalin-Artikel gegen Übergriffe wieder zurück ins Heimatdorf. Dankbar engagierte sich Schechowzow als Strafverfolger für seinen Gönner und focht für ihn noch aus dem Ruhestand: In 16 Leserbriefen nahm er Partei für »den Mann, der sich selbst nicht erklären und nicht verteidigen kann«. Darauf nannte der belorussische Schriftsteller Ales Adamowitsch den grollenden Alt-Stalinisten einen »triumphierenden Verteidiger der Henker«. Schechowzow verklagte Adamowitsch wegen Beleidigung. Vor dem Volksgericht des Swerdlowsk-Bezirks von Moskau hielt ihm der als Sachverständiger geladene Historiker Polikarpow 393 von Stalin mit Bleistift abgezeichnete Namenslisten ("1« = erschießen, »2« = zehn Jahre Lager) entgegen; Schechowzow verlangte Vorlage der Originale. Auch ohne diese Dokumente lehnte das Gericht die Klage ab und folgte dem Argument des Beklagten Adamowitsch, man dürfe ja auch den Mongolenherrscher Tamerlan »einen blutigen Tyrannen nennen«.

Zur Ausgabe
Artikel 52 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.