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COSTA RICA Geringer Spielraum

Der letzten Demokratie Mittelamerikas droht das typische Schicksal der Region - die Herrschaft von Militärs und Privatarmeen. *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Manchmal wünsche ich, wir hätten ein paar Kommunisten mehr in Costa Rica«, klagte Jose Figueres, in der Vergangenheit dreimal Staatspräsident des Landes, »dann könnten wir sagen, sie stellten eine Bedrohung dar, und wir erhielten etwas mehr Geld aus Washington.«

Zwar hat sich die kleine Nation (2,5 Millionen Einwohner) jahrzehntelang als lobenswerte demokratische und antimilitärische Ausnahme in der unruhigen Region erwiesen; zwar unterschied sich Costa Rica durch eine nahezu makellose Bilanz über die Einhaltung der Menschenrechte erheblich von seinen Nachbarstaaten. Dennoch erhielt das angesehene, aber hochverschuldete Land nur spärlich Hilfe.

Mit über vier Milliarden Dollar Auslandsschulden weist Costa Rica die dritthöchste Pro-Kopf-Verschuldung Lateinamerikas auf und ist daher auf ausländische Unterstützung angewiesen.

Die fließt jetzt reichlich, vor allem aus dem Norden. Zwar gibt es immer noch kaum Kommunisten, doch inzwischen geben die Linken im benachbarten Nicaragua den USA Anlaß genug, Costa Rica erhöhtes Interesse und somit auch Geld

zukommen zu lassen - über 400 Millionen Dollar in den letzten zwei Jahren, doch keineswegs nur zu zivilem Gebrauch.

Im Widerspruch zur US-Gesetzgebung, die technische Hilfe für ausländische Polizeikräfte untersagt, errichteten US-Armee-Ingenieure im Norden Costa Ricas, nahe der Grenze zu Nicaragua, Kasernengebäude für die Landpolizei und die Zivilgarde.

Im Atlantikhafen Limon luden GIs Jeeps, Maschinengewehre, Mörser und Hubschrauber aus. Die »Sea Bees«, Pioniere der US-Marine, bohren im Nordwesten des Landes Brunnenschächte.

Vorigen Monat landeten 24 amerikanische »Green Berets« in der Hauptstadt San Jose mit dem Auftrag, vier Kompanien der costaricanischen Zivilgarde zu einem »Schnellen Einsatz-Bataillon« auszubilden. Der Traum von der zivilen Oase in einer von Bürgerkriegen erschütterten Region ist wohl vorerst beendet.

1949 hatte Präsident Figueres die Armee des Landes abgeschafft und statt dessen eine rund 1000 Mann starke Polizeitruppe aufgebaut. Und noch vor wenigen Monaten ergab eine Umfrage, daß 83 Prozent der Bevölkerung auch weiterhin keine Armee wünschen.

Doch jetzt verlangte die einflußreiche rechte »Patriotische Union« die Bildung eines regulären Heeres, »um angesichts der kriegsähnlichen Situation in Mittelamerika unser Territorium verteidigen« zu können.

Dem widersprach Präsident Luis Alberto Monge, ein Protege von Figueres, mit einer »Proklamation der immerwährenden aktiven und unbewaffneten Neutralität Costa Ricas«.

Jahrelang lehnte Monge alle Angebote der US-Regierung ab, seine Sicherheitskräfte in Honduras ausbilden zu lassen, an Karibikmanövern teilzunehmen oder Beobachter in den mittelamerikanischen Verteidigungsrat zu entsenden. Doch sein Spielraum gegenüber den USA wurde angesichts der angespannten Wirtschaftslage geringer.

So fragte die »Washington Post« schon vor einem Jahr, wie lange Monge noch »ökonomisch auf die USA zählen und sich gleichzeitig den US-Bemühungen, Nicaragua militärisch einzukreisen, entziehen kann«.

Noch 1981 erhielt Costa Rica für seine Sicherheitskräfte keine Unterstützung aus den USA, 1984 aber sind bereits zehn Millionen Dollar als Militärhilfe ausgewiesen. Das »International Institute for Strategic Studies« in London registrierte eine rasante Aufrüstung in Costa Rica: Statt 5000 Zivilgardisten im Jahre 1979 werden heute 12 000 Mann Sicherheitskräfte gezählt, davon knapp ein Viertel in paramilitärischen Einheiten.

Mit US-Dollar wird auch der Aufbau von mobilen Kommandos bezahlt, die in strategisch wichtigen Gebieten Costa Ricas operieren. 184 Zivilgardisten bilden die berüchtigte »Chorotega-Kompanie«, die Costa Ricas Nordgrenze sichern soll. Berichte über Entführungen und Morde nehmen in dieser Region seither zu.

Zwei weitere, jeweils fast 300 Soldaten zählende Einheiten, das Süd- und das Atlantikkommando, werden hauptsächlich in den Bananenanbaugebieten im Südwesten und Osten des Landes eingesetzt, in denen bereits die Landgarde, 3000 Mann stark, gegen illegale Landbesetzungen und Streiks vorgeht.

Die Justizpolizei mit über 600 Mitgliedern, die in den USA, in Taiwan und Chile ausgebildet wurden, bezeichnet sogar ihr eigener Chef Eduardo Aguilar als »Repressionsinstrument«. Daneben gedeihen einige kleinere Polizeiverbände wie die Nationale Sicherheitspolizei, das Nachrichten- und Sicherheitsdirektorat und die Einheit für Verbrechensvorbeugung.

Bei Bedarf können die 12 000 Mann Sicherheitskräfte, denen US-Experten jetzt militärischen Drill beibringen, durch 10 000 Mann der »Organisation für nationale Notfälle« (Open) verstärkt werden. Die Mitgliedschaft in dieser 1982 gegründeten paramilitärischen Truppe, die wöchentlich vier Stunden trainiert, verlangt eine »nachweisbare demokratische Gesinnung«. Linke dürfen nicht in die Organisation eintreten.

Open debütierte Ende 1982, als sie gegen Demonstranten knüppelte, die gegen den damaligen Reagan-Besuch in Costa Rica protestierten. Seitdem ist der Verband zur Stelle, wenn es gilt, Arbeitskämpfe auf den Bananenplantagen niederzuschlagen.

Zusätzliche Gefahr droht Costa Ricas Demokratie durch Privattruppen von Parteien und Verbänden, die sich in

einigen Gegenden des Landes durch Morde und Folter bemerkbar machen.

Längst sind Teile der Polizeikräfte Costa Ricas auch in den Krieg der »Contras« gegen die Sandinisten Nicaraguas verwickelt. Erst in der vergangenen Woche forderte ein militärischer Zwischenfall einen Toten und neun Verletzte.

Nach schweren Guerilla-Angriffen auf die nicaraguanische Atlantikstadt Bluefields gingen sandinistische Truppen zum Gegenangriff über und beschossen bei der Verfolgung der Rebellen, die sich nach Costa Rica zurückzogen, eine Polizeieinheit auf costaricanischem Gebiet.

Costa Rica fror die diplomatischen Beziehungen zum Nachbarland vorläufig ein und forderte, ebenso wie Nicaragua, eine ständige internationale Kontrollkommission im Grenzgebiet zu stationieren.

Ein weiterer Polizist aus Costa Rica, ein Offizier der Landgarde, der in seiner Freizeit auf seiten der antisandinistischen Freischärler kämpfte, fiel in einem Gefecht. Andere betätigen sich nebenberuflich als Kuriere oder Transporteure für die Rebellen. Bis in »hohe Regierungskreise«, so ein Justizbeamter, ist die Guerilla vorgedrungen. »Die Beamten werden geschmiert, und sie wissen, daß es CIA-Gelder sind, die sie erhalten.«

In einem Weißbuch, »Costa Rica: Zwischen Neutralität und Krieg«, warnten Costa Ricas Sozialisten bereits vor den Aktivitäten der antisandinistischen Rebellen: »Sie stellen für die demokratischen Institutionen unseres Landes eine größere Gefahr dar als für die Stabilität des sandinistischen Regimes.«

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HONDURAS NICARAGUA Managua Bluefields Nicaragua-See Penas Blancas COSTA RICA Limon San Jose PAZIFIK PANAMA 200 Kilometer

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