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GRÄFIN LEHNDORFF Gern kindlich

aus DER SPIEGEL 37/1966

Am liebsten würde ich, wie schöne Frauen auf alten Bildern, immer im Sofa lehnen und hoheitsvoll in die Ferne starren ...« Doch Vera Gottliebe Anna Gräfin von Lehndorff, 27, ist zu schön, um in Sofas zu lehnen. Sie muß täglich vor ungewöhnlicherem Hintergrund posieren - für die besten Modezeitschriften der Welt an den attraktivsten Plätzen der Erde. Von drei deutschen Photomodellen, die in den letzten Jahren in New York Karriere machten, ist sie das teuerste, längste und erfolgreichste*.

Das aristokratische Fräuleinwunder ist nur in Superlativen zu beschreiben. Von der Schuhgröße (42) über die Körpergröße (1,78) bis zu sonstigen wichtigen Größen (86-56-87) ist alles an ihr super.

»Sie hat das gewisse Etwas!« schwärmt ihre Entdeckerin, »Vogue«-Chefredakteurin Diana Vreeland; sechs »Vogue«-Titel und rund 365 Magazinseiten waren

bisher »Veruschka« gewidmet. Doch nur wenige »Vogue«-Leser würden das Wunder bekleidet erkennen. Es wird am liebsten barfüßig bis zum Hals präsentiert:

- in azurblauem Meer mit dem neuesten

Augen-Make-up;

- am maisgelben Sandstrand des Libanon mit einem auf die Haut gemalten Leopardenmuster.

»Ich liebe es, mein Selbst zur Schau zu stellen«, sagt die barfüßige Gräfin. Die Liebe ist verständlich. Ihr Stundenlohn beim Schaustellen: 240 Mark. Ihr Erfolgsrezept: »Ich sehe sehr gern sexy aus

- oder sehr kindlich!«

Der Sex entstammt Deutschlands bester Kinderstube: den Gütern des ostpreußischen Adels. Vater Heinrich Graf Lehndorff wurde am 4. September 1944 als 20.-Juli-Verschwörer in Berlin-Plötzensee hingerichtet; Onkel ,und Chirurg Hans Graf von Lehndorff beschrieb in seinem Bestseller »Ostpreußisches Tagebuch« den Russen-Einfall ins heimatliche Ostpreußen; über Tante Karin ist das Photomodell mit der »Zeit«-Chefin Marion Gräfin Dönhoff verwandt.

Aus ihrer Kinderstube vertrieben, nahm Vera Lehndorff nach Schulabschluß Zeichenunterricht an der Hamburger Kunstakademie. Erste Versuche als Mannequin und Photomodell in,Mailand, Florenz und Paris scheiterten kläglich (die gräfliche Bohnenstange'war für Italiens und Frankreichs Geschmack und Modelle zu lang). Doch in New York wurde sie 1961 entdeckt. Und heute, fünf Jahre danach, hat sie eine zweite Karriere begonnen.

Soeben beendete sie in London ihren ersten Film. In »The Blow-Up« spielt sie sich selbst - ein internationales Cover -Girl. Ihr italienischer Regisseur Michelangelo Antonioni ("Liebe 1962") lobt: »Ich bin begeistert von ihrem Ehrgeiz und ihrer Energie.« Vera Lehndorff war selbstkritischer. Sie meldete sich in der New Yorker Schauspielschule Philip Burton an. Kommentierte Antonioni: »Bei der Figur ein Zeichen von Größe!«

* Außer Vera Lehndorff: Wilhelmina Behmenburg und Brigitte Bauer.

»Vogue«-Modell Vera von Lehndorff

240 Mark Stundenlohn

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