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Schweiz Geröll und Geschiebe

Treibhausgase bringen Alpenhänge ins Rutschen. Das Leben in den Schweizer Bergen wird gefährlich - auch für Touristen.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Das Schicksal ist programmiert, dem kann niemand entrinnen«, glaubt Albin Brantschen aus dem 600-Seelen-Dorf Randa bei Zermatt. Vom Wegzug an einen sicheren Ort mag er nichts wissen.

Randa, zwischen steilen Felshängen gelegen, wird seit zehn Jahren von Naturkatastrophen heimgesucht. Überschwemmungen, die Druckwellen von Lawinen und heftige Unwetter zwangen Brantschen über ein dutzendmal zum Umziehen. Anderen Dorfbewohnern ging es ähnlich.

Am schlimmsten waren zwei Bergstürze und Überschwemmungen im vorigen Jahr. Sie begruben einen Weiler, Ställe wurden zerstört, Pferde, Schafe und Ziegen getötet. Meterhoch bedeckt seither Schutt und Geröll fast 200 000 Quadratmeter Wiesen, Weiden und Wald. Die Straße und die Trasse der Visp-Zermatt-Bahn mußten neu gebaut werden.

Katastrophen wie in Randa werden sich in den Alpen häufen, prophezeien Schweizer Klimaforscher. Und davon wird in zunehmendem Maß auch die Tourismusindustrie betroffen. Die Erwärmung der Erdatmosphäre durch das Treibhausgas Kohlendioxid führt nicht nur zu kontinentalen Klimaverschiebungen, auch im Ökosystem der Alpen nehmen die Veränderungen zu.

Als Schlüsselregion gilt die Permafrostzone - unbewachsene Steilhänge oder Geröllhalden mit Pioniervegetation über 2500 Meter Höhe, wo die tieferen Bodenschichten auch im Sommer nicht auftauen.

Zum Permafrost gehören die sogenannten Blockgletscher - von Geröll und Geschiebe bedeckte, zwischen 10 und 100 Meter mächtige Geländebänke, die aussehen wie versteinerte Lavaströme. Viele touristische Einrichtungen, Berghütten und Wintersportanlagen, auch Lawinenverbauungen und Schutzbauten gegen Hochwasser, stehen auf diesem dauerhaft gefrorenen Untergrund.

Taut das Eis in der Tiefe, das die Formationen zusammenhält, gerät das Lockermaterial ins Rutschen; es entstehen Schlammlawinen, die schon bei mäßigem Gefälle wie Güterzüge zu Tal donnern.

Im Katastrophen-Juli 1987 lösten Muren in Graubünden gewaltige Überschwemmungen aus. In Poschiavo tobte der Bach drei Meter hoch durchs Dorf, das Vorderrheintal wurde zum Notstandsgebiet. Einen Monat später traf die Katastrophe das Tessin, das Wallis und die Zentralschweiz.

Geht die Erwärmung der Atmosphäre aber im derzeit beobachteten Tempo weiter, werden die bisher vom Permafrost verfestigten Steilhänge gelockert - mit verheerenden Folgen für das Leben in den Berggebieten.

Der für die nächsten zehn Jahre vorausgesagte Temperaturanstieg von drei Grad wird den Wintersport in Gebieten unter 1500 Metern mangels Schnee unmöglich machen. Für Sonnenhänge wird das dann sogar bis auf eine Höhe von 2000 Metern gelten.

Schon die letzten Winter haben gezeigt, wie sehr die schweizerische Pistenindustrie vom Wetter abhängig ist. Tourismusfachleute schätzen, daß der schneearme Winter 1989/90 Einnahmeausfälle von 700 Millionen Franken verursachte. Skilehrer und Bergbahn-Arbeiter mußten Arbeitslosengeld in Anspruch nehmen.

Grüne Weihnachten und weiße Ostern ärgern aber nicht nur Hoteliers und Skilift-Betreiber samt Klientel, sie sind die am leichtesten sichtbaren Alarmzeichen für den Wandel in den Alpen. Schneefälle spielen dabei eine Schlüsselrolle. Kommt die weiße Pracht spät und schmilzt sie früh oder bleibt sie ganz aus, verwittern die Böden, der Regen fördert dann die Erosion.

Die Bergler von Randa sind verbittert. Touristisch war 1991 ein miserables Jahr. Die Gäste, klagt die Hoteliersfrau Ida Hauser, wollten vor allem Näheres über den Bergsturz wissen. Postkarten mit Katastrophenbildern verkaufen sich im Walliser Dorf am besten.

Das wird so bleiben. Denn der Berg und die Gletscherabbrüche oberhalb von Randa kommen nicht zur Ruhe. Das nächstemal, schätzt der Kantonsgeologe Jean-Daniel Rouiller, werden mindestens 300 000, wenn nicht eine halbe Million Kubikmeter Fels ins Tal stürzen.

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