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Briefe

GERSTENMAIER-GEDANKEN
aus DER SPIEGEL 13/1958

GERSTENMAIER-GEDANKEN

Sieben SPIEGEL-Seiten lang sprachen Ihre Redakteure mit dem Bundestagspräsidenten Dr. Gerstenmaier über die Wiedervereinigung. Es fielen gewichtige Worte aus dem Munde Dr. Gerstenmaiers von der »Klärung der Grundbedingungen eines gesamtdeutschen Status«, von den zu klärenden »wesenhaften Umrissen eines gesamtdeutschen militärischen und politischen Status«. Ganze 44 Worte galten dem sozialen Status: »Wir sind nicht bereit, unter das Denk- und Gesellschaftssystem des Marxismus-Leninismus zu kriechen.« Schön und gut - aber glaubt man, dieses System überwinden zu können durch das westliche, das zwischen Krisenfurcht und Rüstungskonjunktur hin und her taumelt?

Hamburg J. SCHUMANN

Der Bundeskanzler ist eben aus Vence zurückgekehrt, und schon werden die »kritischen Anregungen« einiger CDU-Prominenter auf den Nato-Nenner gebracht. Auch Dr. Gerstenmaier soll sich - laut Pressemeldungen - wieder auf der Kanzler-Linie befinden. Sagt Dr. Gerstenmaier zum Schluß des SPIEGEL-Gesprächs: »Ich finde nicht, daß man Gedanken dazu hat, um sich möglichst schnell von ihnen zu trennen.«

In seiner Stellungnahme zum Rapacki-Plan äußert sich Dr. Gerstenmaler einmal so: »Ich will damit gar nichts sagen.« Diese Bemerkung scheint sehr beziehungsreich zu sein und erinnert fatalerweise an eine kleine Episode, durch die der Nato-Generalsekretär Henri Spaak auf der letzten Nato-Konferenz in Paris von sich reden machte. Zu Beginn einer Pressekonferenz flüsterte er seinem Nebenmann zu - nicht ahnend, daß die Mikrophone bereits eingeschaltet waren: »Was ich jetzt sagen werde, hat keinerlei Bedeutung.«

Mülheim (Ruhr) KARL GRÜTER

stud. rer. pol.

Gerstenmaier: »Der Nato-Vertrag sagt nicht, daß wir atomar bewaffnet werden müssen. Das steht nicht im Vertrag.« Wir brauchen also nicht! Wenn von den verantwortungsbewußten Männern im Parlament jetzt kein wirksamer, Gegendruck einsetzt, gehen wir deutschen Bundesbürger genau wie 1933 in eine prekäre Lage hinein.

Duisburg HANNA KORBMACHER

Dr. Gerstenmaier, bezeichnet die westdeutsche Remilitarisierung als Defensivhandlung, begründet sie kurz darauf aber noch als sittlich notwendig. Vor ein paar Jahren hörte ich ihn sagen, als wir im Kreise einer Studentengruppe in Bonn von ihm empfangen wurden, daß die Wiederbewaffnung keinen militärischen Wert habe, sondern den, Deutschland und Frankreich durch die gemeinsame Armee einander näherzubringen (ein Argument, das seinerzeit häufig laut wurde). Ob dieses Durcheinander von Argumenten Vertrauen einflößt? Und schließlich: Dr. Gerstenmaier will, daß die Siegermächte des letzten Krieges daran erinnert werden, eigene Anstrengungen in der Deutschlandfrage zu machen. Gleichzeitig preist er aber die Leistung Dr. Adenauers, die Bundesrepublik auf eigene Füße zu stellen, um »die Füße einigermaßen frei zu bewegen«. Wenn die russischen Vorschläge jetzt die Frage der Wiedervereinigung an Bonn und Pankow verweisen, so erkennen sie damit doch nur an, was Dr. Gerstenmaier gewürdigt wissen will und was auch offiziell seinerzeit in den höchsten Tönen gepriesen wurde: die Selbständigkeit der Bundesrepublik (die von Moskau - das konnte sich jeder an den fünf Fingern abzählen - mit der Souveränität der DDR beantwortet wurde).

Gütersloh (Westfalen) DIETER SCHELLONG

Pfarrer

Ist nicht die Einstellung: »Geschieht denen ganz recht, daß sie gesiegt haben; jetzt sollen sie sich mal den Kopf über uns zerbrechen«, selbst für Bonner Verhältnisse ungewöhnlich frivol?

Da es auch dem Herrn Bundestagspräsidenten bekannt ist, daß die Russen bestimmte Vorstellungen über die militärische Sicherung ihres Machtbereiches haben, so könnte er an das Präsidium des Obersten Sowjets ein Schreiben richten mit der Versicherung, daß der Bundestag sich dafür einsetzen will, nach der Wiedervereinigung den russischen Truppeneinheiten im Gebiet der heutigen DDR dieselben Rechte einzuräumen, die die Truppen der Westmächte im Gebiet der heutigen Bundesrepublik haben und nach der Wiedervereinigung behalten werden.

Berlin-Wilmersdorf ALFRED SCHAEFER

Wenn Sie finden, Gerstenmaier vertrete zur Frage der Wiedervereinigung eine vielleicht fruchtbarere Auffassung als die Bundesregierung, muß ich doch fragen, ob es nicht sozusagen diplomatischer gewesen wäre, Gerstenmaier nicht zu zwingen, ausdrücklich zuzugeben, daß seine Konzeption von der Konzeption der Regierung nicht unwesentlich abweicht?

Berlin ERHARD HANISCH

stud. phil.

Dank für Ihr sehr aufschlußreiches SPIEGEL-Gespräch mit Elefantenjäger Gerstenmaier. Dazu eine Frage: Wann wird man endlich aufhören, von den Russen »freie Wahlen« zu verlangen? Freie Wahlen in der Sowjetzone würden bedeuten, daß sich 95 bis 97 Prozent für die westliche Lebensform entschließen. Und das wäre doch das Todesurteil für den Kommunismus oder, besser gesagt, für den Stalin-Faschismus, mit nachfolgendem Erdrutsch in Polen, Ungarn usw. Wer freie Wahlen verlangt, will keine Wiedervereinigung.

Wiesbaden KARL LINNMANN

Wenn Dr. Gerstenmaier einerseits betont, seine Gedanken seien im Kreise seiner Partei nichts Neues, andererseits den Vorwurf der Neuartigkeit gern dafür in Kauf nimmt, scheint das - wie auch seine Taktik, sich nach allen Seiten hin abzusichern - dafür zu sprechen, daß Dr. Gerstenmaier sich für die spätere Kandidatur auf den Posten des Bundeskanzlers keine Chancen verderben möchte.

Stuttgart ERNST DEIMEL

Nach Ihrem interessanten Interview mit dem zweithöchsten Prominenten der Republik sind Sie - in Verbindung mit dem

einige Zeit vorher erfolgten Gespräch mit dem künftigen Reichsverteidigungsminister - nunmehr völlig hoffähig geworden. Meinen Glückwunsch! Hoffentlich erfolgt bald ein SPIEGEL-Gespräch mit dem Bundeskanzler und daraufhin die Ernennung Ihres Chefredakteurs zum Ehren-Eulenspiegel des Deutsch-Katholischen Ritterordens.

Glücksburg (Ostsee) HEINZ TROST

Westdeutsche Allgemeine

Nachsitzen

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