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Martin Morlock GERÜCHTE

aus DER SPIEGEL 32/1964

Männer und Kinder finden mich immer gut. Nicht nur als Eisiduferin. Marika Kilius

Einerseits ist sie über die Maßen

blond, kann sich trefflich auf Gefrorenem fortbewegen und zählt zu jenem Teil der deutschen Frauenschaft, den das Nachrichtenmagazin »Time« unlängst als »Fräuleinwunder« bestaunte.

Andererseits kündet die Nachrede, sie sei unkollegial, karrieresüchtig, nehme von Männern Geschenke an, bezeichne Punktrichter als voreingenommen und ziehe bei der Wahl ihrer Freizeitpartner deren veräußerliche Werte über Gebühr in Betracht.

Zwar konnte »Quick« ("Wir über uns") manches häßliche Gerücht zerstreuen. »Tatsächlich«, ließ das Wochenblatt Fräulein Kilius klarstellen, »habe ich viel mehr Geschenke von unbekannten Verehrern erhalten als von engeren Freunden.« Auch sei ihr Arndt von Bohlen und Halbach nur mit einer Rubinbrosche gefällig gewesen.

Nicht kalter Ehrgeiz ermögliche ihr immer neuen Ruhm, sondern die Gabe, »meine Gefühle dem Willen unterzuordnen«.

Und dem Konkurrenz-Paar Göbl -Ningel habe sie gar niemals Neid oder Feindschaft entgegengebracht, sie war nur »ein paarmal richtig sauer auf Margret und Franz«.

Aber dennoch war da ein Rest von öffentlicher Mißempfindung, den auszuräumen mir gerade im olympischen Jahr verdienstvoll erschien.

Ich traf Marika Kilius, 21, im »Palast-Hotel« zu Villars bei Montreux, wo sie, beschattet von ihrem Verlobten Werner Zahn, 23, Außenaufnahmen für den Film »Die große Kür« absolvierte.

Daß die Langbeinigkeit einer Eiskunstläuferin sich auf dem Trockenen zumindest um Schlittschuhkufenhöhe verringern würde, darauf war ich gefaßt. Nicht gefaßt war ich auf Marikas Make-up, das den Eindruck erweckte, als sei die Friseurstochter heimlich an Mutters Puderdose und - vor allem - Wimperntusche gegangen. Warum ein Krupp-Erbe, ein Karim Aga Khan, ein Thomas Fritsch, ein Manfred Schnelldorfer es verabsäumten, von der Weltmeisterin im Paarlauf erhört zu werden - hier bot sich eine Chance, es zu ahnen.

»Sie stehen«, eröffnete ich, »in dem Ruf, ein ,eiskaltes Biest' zu sein.«

»Ja, leider. Aber das stimmt nicht.«

»Haben Sie Gegenbeweise?«

Sie geriet ins Grübeln, schüttelte bedauernd den Kopf: »Daddy, das kannst du besser sagen.«

Der Feuerzeugfabrikant, wachsamen Besitzerstolz im Blick, sprang bei: Marika lasse sich, im Gegenteil, »viel zu sehr von Gefühlen beeinflussen«. Auch gegenüber Journalisten. So sei es oftmals zu Mißverständnissen und schließlich zu einer ungünstigen Presse gekommen.

Ihn, Zahn, verdrieße das nicht weiter. Einzig das Gerede von »den vielen Liebhabern« habe ihm, als Junior-Chef der Firma Ibelo, »innerbetrieblich sehr geschadet«.

Wir plaudern über »die deutsche Haßliebe zu Marika Kilius« (Marika: »Die Deutschen mögen einen nicht, wenn man nicht immer große Leistungen bringt") und über der Kunstläuferin Verhältnis zu Kollegen von Eisstadion, Schallplatte und Film.

Alle sind »sehr, sehr reizend": die Chorsängerin Leonie Brückner, die »so freundlich war, für mich die Oberstimme zu singen«, der Franz Ningel, sogar der Russe Oleg Protopopow - »wenn er gewonnen hat«. Dem Regisseur Franz Antel ist

sie »sehr dankbar«, daß er ihren Filmpart synchronisieren lassen will. »Dabei klingt meine Stimme gut. Nur der Hans-Jürgen (Bäumler) spricht leider zu langsam.«

Auch auf die Zukunft kommt unser Gespräch. Will sie, nach zwei Jahren Eisrevue, als Hausfrau und Mutter auf allen Ruhm verzichten?

»Das brauche ich doch nicht. Denken Sie an Max Schmeling, der ist immer noch beliebt.«

Was hält sie vom eissportlichen Nachwuchs?

»Es gibt keinen.«

Erschrocken nennt Werner Zahn ein paar Namen, findet jedoch keine Gnade: »Die können alle nicht heben.«

Auch der Rollschuhsport, dem sie Valet gesagt hat, erhält eine düstere Prognose. Schließlich ist vom »cart-wheel«, der von Marika geschöpften Paarlauf-Figur, die Rede. Bräutigam Zahn bedauert, daß man sie nicht den »Kilius -Bäumler-Sprung« getauft habe. Denn solchenfalls hätten die hinterbliebenen Amateure, ähnlich wie bei Vollführung des »Axel Paulsen« oder des »Rittberger«, der Abgetretenen Renommee fortgepflanzt.

Doch dies zu wünschen, ist Marika Kilius zu bescheiden: »Die werden den 'cart-wheel' so und so nachmachen«, sagt sie und berichtigt: »Sie werden's versuchen.«

Da sieht man, wie trügerisch Gerüchte sein können.

Marika Kilius

Martin Morlock
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