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Gesamtdeutscher März

aus DER SPIEGEL 19/1965

Die Krisen sprießen, Knospen knallen,

in Passau will ein riedermann

den Föhn verhaften, Strauß beteuert, daß er nicht schuld ist, wenn es taut; in Bayern wird viel Bier gebraut.

Der Schnee verzehrt sich, Ulbricht dauert.

Gesamtdeutsch blüht der Stacheldraht.

Hier oder drüben, liquidieren wird man den Winter laut Beschluß: die Gärtner stehn Gewehr bei Fuß.

In Schilda wird ein, Hochhaus fensterlos

das Licht verhüten; milde Lüfte sind nicht gefragt, der alte Mief soll konservieren Würdenträger und Prinz Eugen, den Großwildjäger. Im Friedenslager feiert Preußen das Osterfest, denn auferstanden sind Stechschritt und Parademarsch; die Tage der Kommune sind vorbei, und Marx verging im Leipz'ger Allerlei.

Bald wärmt die Sonne und der greise schon legendäre Fuchs verläßt zum Kirchgang-Wahlkampf seinen Bau;

der Rhein riecht fromm nach Abendland

und Globke lächelt aus dem Zeugenstand.

Heut gab es an der Grenze keinen Toten.

Nun langweilt sich das Bild-Archiv.

Seht die Idylle: Vogelscheuchen sind beiderseits der Elbe aufmarschiert:

jetzt werden Spatzen ideologisiert.

O Deutschland, Hamlet kehrte heim: »Er ist zu fett und kurz von Atem und will, will nicht, auf kleiner Flamme

verkocht sein Image: Pichelsteiner Topf;

die Bundesliga spielt um Yoricks Kopf.

Bald wird das Frühjahr, dann der Sommer

mit all den Krisen pleite sein. - Glaubt dem Kalender, im September beginnt der Herbst, das Stimmenzählen;

ich rat Euch, Es-Pe-De zu wählen!

Günter Graß
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