Zur Ausgabe
Artikel 24 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Geschäfte mit zwielichtigsten Gestalten«

Sollte die hannoversche Spielbank als Geldwaschanlage des internationalen Waffenhandels dienen? Nach dem jähen Tod von Marian Felsenstein, der Schlüsselfigur der hannoverschen Spielbank-Affäre, tauchen neue Rätsel auf: Wollte ein persischer Waffenhändler vor vier Jahren mit Hilfe eines Strohmannes das Skandal-Kasino aufkaufen? Die Aufsichtsbehörde, das Landesinnenministerium, hätte womöglich nichts dagegen gehabt.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Seine letzte Reise unternahm Marian Felsenstein, 64, in Sachen Spielbank.

Am Mittwoch letzter Woche fuhr der ehemalige Kasino-Chef mit dem Zug von Hannover nach Schleswig-Holstein, um einen Bekannten aus besseren Zeiten zu treffen. Mit dem Kieler Anwalt und Notar Gerold Onken, 50, sprach er bei Seezunge in einem Yachthafen-Restaurant über ein vor knapp vier Jahren geplantes Geschäft, aus dem nie etwas geworden war.

Der präzise Inhalt des Gesprächs bleibt vorerst unbekannt: Onken schweigt dazu, und Felsenstein kann keine Auskunft mehr geben - er starb am Tag darauf im hannoverschen Siloah-Krankenhaus an seinem dritten Herzinfarkt.

Klarheit herrscht immerhin über den Grund seiner Reise nach Kiel, bei der ihn SPIEGEL-TV-Reporter filmten. Ende vorletzter Woche hatte Felsenstein erfahren, daß Onken offensichtlich als Strohmann fungierte, als er, 1985/86, den Löwenanteil an der niedersächsischen Spielbank Hannover/Pyrmont kaufen wollte - für 21,6 Millionen Mark. Darüber verlangte Felsenstein Aufklärung.

Die hat er von Onken kaum bekommen. Womöglich wird sich für den Gesprächsinhalt jedoch der Untersuchungsausschuß des niedersächsischen Parlaments interessieren. Seit nunmehr anderthalb Jahren versuchen die Abgeordneten, die Hintergründe der von Felsenstein ausgelösten ersten deutschen Kasino-Pleite zu erkunden.

Im November 1987 entzog die niedersächsische Landesregierung dem einstigen Multimillionär die Kasino-Lizenz, nachdem er, wegen manischer Spielleidenschaft und ruinöser Geschäfte mit seiner Textilfirma, Bankrott gemacht hatte. In der Folge geriet die CDU/ FDP-Regierung des Ernst Albrecht voriges Jahr in eine schwere Krise, der damalige Innenminister Wilfried Hasselmann verlor sein Amt (SPIEGEL 23/1988 bis 1/1989).

Viele Details sind, nach 113 Ausschuß-Sitzungen mit rund 140 Zeugen, noch immer nicht geklärt. Bislang unbekannte Dokumente deuten jetzt auch noch auf eine völlig neue Dimension der Affäre, die allerdings, nach dem Tode Felsensteins, schwer zu erhellen sein wird.

Die Abgeordneten werden, als gäbe es nicht schon genug Unklarheiten, der Frage nachgehen müssen, ob das hannoversche Kasino eine Zeitlang als Geldwaschanlage des internationalen Waffenhandels vorgesehen war - und was das CDU-geführte niedersächsische Innenministerium angesichts dieser Gefahr getan und unterlassen hat.

Was in jenen Tagen geschah, wirkt so exotisch und bizarr wie ein persisches Märchen. Beteiligt waren, unter anderem, ein schwerreicher Waffenhändler aus dem Morgenland und ein gerissener deutscher Krimineller mit internationalen Kontakten, Niedersachsens höchster Polizeibeamter und eine Hamburger CDU-Politikerin.

Einen ersten Eindruck von einigen der damals handelnden Personen könnten sich die hannoverschen Parlamentarier verschaffen, wenn sie eine Verhandlung verfolgen, die gegenwärtig vor dem Landgericht Hamburg läuft. Dort kämpft ein mehrfach vorbestrafter Betrüger namens Martin Engler, 52, um sein Recht und um viel Geld.

Das Geld will er von der Hamburger Rechtsanwältin Susanne Rahardt-Vahldieck wiederhaben, die von ihrem Mandanten Engler mehr als 60 000 Mark Vorschuß erhalten und ihm fast zwei Drittel in Rechnung gestellt hat: als Beratungsgebühr in Höhe von »38 839,- DM« in »Angelegenheit Casino (Felsenstein), Gegenstandswert DM 42 190 000,-».

Anwältin Rahardt-Vahldieck, 36, die wie ihr Vater Friedrich Rahardt, 69, und Ehemann Heino Vahldieck, 34, für die CDU als »juristische Hausmacht« ("Hamburger Abendblatt") in der Bürgerschaft sitzt, dem Parlament der Hansestadt, hat in einem Schriftsatz vorgetragen, warum sie eine derart hohe Kostenrechnung für angemessen hält. Engler, so die Anwältin, habe sie aus seiner Zelle im Hamburger Gefängnis Fuhlsbüttel ("Santa Fu") heraus in abenteuerliche Geschäfte verwickeln wollen.

Ihr Mandant, trug sie dem Gericht vor, habe erklärt, er sei beauftragt, als Treuhänder »einer Gruppe« erhebliches Vermögen gewinnbringend anzulegen:

Klar war aus seinen Ausführungen jedenfalls, daß es sich um schwarzes Geld handelte, das auf illegalem Wege erworben worden war. Quelle dieses Geldes war Waffenhandel bzw. Computerschmuggel.

Eine Geldanlage im hannoverschen Kasino sei Engler sinnvoll erschienen, notierte die CDU-Anwältin, weil »sich eine Spielbank ideal als Geldwaschanlage für weitere illegale Gewinne aus weiteren ebenso illegalen Tätigkeiten« eigne. Außerdem sei der »Anteilseigner Felsenstein ein Bankrotteur und ,Quasi-Krimineller', der Geschäfte auch mit den zwielichtigsten Gestalten machen werde, solange er sein Geld bekomme« und »solange die Sache nach außen in Ordnung« sei. Er brauche das Geld dringend.

Von Engler sei sie deshalb als weiblicher »Strohmann« auserkoren worden, schrieb die Anwältin, weil ihr Mandant sie »aufgrund ihrer Tätigkeit innerhalb der Hamburger CDU« und wegen ihrer persönlichen Bekanntschaft mit der niedersächsischen Finanzministerin Birgit Breuel (CDU) für »besonders gut geeignet« gehalten habe. Geplant gewesen sei eine »Konzessionsübertragung« auf sie persönlich.

Selbstverständlich habe sie, beteuert die CDU-Anwältin, den »Vorschlag, als Strohfrau einer Bande krimineller Waffenschieber ein ganzes Kasino zu erwerben« und dies dann »unter Ausnützen persönlich/politischer Beziehungen auch noch besonders ruhig über die Bühne zu bringen . . . rundheraus abgelehnt«.

Unklar bleibt, warum die Christdemokratin - wenn sie den Fall wirklich so einschätzte, wie sie es im nachhinein darstellt - als Beratungsgebühr fast 40 000 Mark berechnet und dabei den Gegenstandswert des Felsenstein-Kasinos zugrunde gelegt hat. Unklar bleibt vorerst auch die Identität der von ihr genannten kriminellen Hintermänner.

Zugute kommen könnte der CDU-Politikerin Rahardt-Vahldieck in ihrem Streit mit Engler, daß es sich bei ihrem ehemaligen Mandanten und jetzigen Prozeßgegner um alles andere als einen seriösen Geschäftsmann handelt. Engler, dem ein psychologisches Gutachten eine »Pseudophilie, d.h. einen Hang zum Lügen«, attestiert, ist ein vielfach vorbestrafter Betrüger; zur Zeit sitzt er sogar in Sicherungsverwahrung.

Das hindert ihn freilich nicht daran, aus seiner Zelle heraus Geschäfte zu machen, einen Stab von Anwälten zu beschäftigen und, wie im Falle Rahardt-Vahldieck, großzügig zu bezahlen. Überhaupt scheint Engler, der ständig mit blendenden Kontakten zu Kriminellen, gekrönten Häuptern und Kapitalisten protzt und deswegen als Hochstapler gilt, nie in Geldnot zu sein. Erst vor kurzem wurden in seiner Zelle 117 000 Mark Bargeld gefunden.

Die Polizei ermittelte gegen Engler wegen verbotenen Handelns mit Kampfhubschraubern und Panzermotoren. In seinen Handakten im Hamburger Knast finden sich Briefe von Konsuln und Kriegsgewinnlern.

Hochstapelei oder nicht - unstreitig ist, daß Engler seiner Anwältin jede Menge authentisches Material aus dem hannoverschen Kasino übergab, das er in seiner Gefängniszelle gelagert hatte: Bilanzen, Geschäftsberichte, Briefverkehr mit Anwälten. Das habe sie lediglich weiterleiten sollen - an den Kieler Anwalt Onken, behauptet Engler.

In Wirklichkeit sei dieser und nicht die Anwältin Rahardt-Vahldieck in dem Kasino-Deal tätig gewesen. Als Hintermann stellte Engler einen »Bekannten« hin, den »Iraner Herrn Cyrus Hashemi«, der »sich mit größeren Summen an einem Spielcasino in Deutschland beteiligen« wollte. Er, Engler, sei - aus dem Knast heraus - lediglich bei der Suche nach einem »Steuerfachanwalt« behilflich gewesen, »mehr nicht«. Rechtsberater Hashemis sei Notar Onken aus Kiel gewesen.

Bei dem Iraner handelt es sich unstreitig um den internationalen Waffenhändler Cyrus Hashemi, zu Lebzeiten ein schwerreicher Mann, der wegen seiner zentralen Rolle in der Irangate-Affäre bekannt wurde, die den Ajatollahs in Teheran amerikanische Waffen im Austausch gegen US-Geiseln eingebracht hatte.

Mysteriös wie das Leben war der Tod des Persers, der im Juli 1986 unter ungeklärten Umständen in London starb. Vorher jedoch muß sein Blick bei der Suche nach einer Waschanlage für sein illegales Geld ausgerechnet auf die Spielbank in Hannover gefallen sein. Zu beweisen wird das nicht mehr sein, weil auch hier der Hauptzeuge nicht mehr lebt.

Der Name Onken jedoch taucht tatsächlich in den Akten des Untersuchungsausschusses in Hannover auf. Von Dezember 1985 bis Februar 1986 hatte der Anwalt nachweislich über einen Erwerb von Spielbank-Anteilen verhandelt - mal mit Felsenstein persönlich, meist aber mit dessen hannoverschem Anwalt Arno Böx. Damals ging es um den Ankauf von »48 Prozent des gesamten Kommanditkapitals der Spielbank KG« im Wert von 21,6 Millionen Mark.

Der Kaufvertrag war bereits aufgesetzt und ein Notar-Anderkonto schon eingerichtet, auf das Onken 16 Millionen Mark einzahlen sollte. Das hannoversche Innenministerium, die Kasino-Aufsichtsbehörde, der Felsenstein seine Verkaufsabsicht vorgetragen hatte, überprüfte Onken, wie vorgeschrieben, auf seine »persönliche Zuverlässigkeit«. Das Ergebnis hält ein Vermerk vom 3. Dezember 1985 fest:

Am 02.12.1985 teilte Herr K. (Kriminaldirektor Kunkel, d. Red.) mit, das Ergebnis der Überprüfung sei negativ; d. h. O. (Onken) ist strafrechtlich o. ä. bisher nicht in Erscheinung getreten.

Der Ministerialdirigent Hans-Peter Mahn, Niedersachsens oberster Polizist, zeitweilig Spielbankenaufseher und durch diverse Polizeiaffären mittlerweile schwer belastet (SPIEGEL 27/1989), hatte gegen einen Verkauf an Onken nichts einzuwenden.

Das muß verwundern. Denn Indizien weisen darauf hin, daß Onken nicht auf eigene Rechnung mit Felsenstein verhandelt hat, sondern vielmehr als Strohmann tätig geworden ist - was der Konzessionsvertrag eindeutig verbietet.

In einem Brief an den Häftling Engler, geschrieben am 27. Februar 1987, dessen Echtheit Onken weder bestätigen noch dementieren will, erläutert der Kieler Anwalt:

Im Jahre 1985 erhielt ich von Herrn Cyrus Hashemi den Auftrag, Verhandlungen zu führen über den möglichen Ankauf von Anteilen an der Spielbank Hannover. Hierauf wurden von mir mehrere Verhandlungen mit Herrn Felsenstein . . . geführt.

Später habe Hashemi mitgeteilt, er könne »aufgrund von momentanen Schwierigkeiten« nicht weiterverhandeln.

Brieflich erläuterte Onken auch, woran der Verkauf der Kasino-Anteile aus Hannover an den internationalen Waffenhandel am Ende gescheitert ist: »Schließlich erhielt ich die Mitteilung, mein Mandant sei verstorben.«

Zur Zeit ist Onken weniger mitteilsam. Nach seiner Rolle in der Affäre befragt, erklärte der Anwalt letzte Woche, kurz vor Felsensteins Tod: »Dazu erkläre ich mich nicht.« #

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 24 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.