Zur Ausgabe
Artikel 33 / 50

Briefe

GESCHASSTER KNABE (Nr. 47/1957, Bundeswehr)
aus DER SPIEGEL 50/1957

GESCHASSTER KNABE (Nr. 47/1957, Bundeswehr)

Arme Bundeswehr! Wie muß es um die Kameradschaft in dieser Institution bestellt sein, wenn ihr Chef einen im Kriege hochbewährten Offizier - den Ritterkreuzträger Hauptmann Knabe - kaltlächelnd fallenläßt, weil einige Abgeordnete und Zeitungsschreiber das so wollen! Übrigens: Repräsentieren einige Abgeordnete und die »Frankfurter Neue Presse« die öffentliche Meinung?

Lieber alter Knabe! Ich hatte mich als Ihr einstiger Ausbilder bemüht, Sie mehr als das militärische Einmaleins zu lehren. Scheinbar ohne viel Erfolg, sonst hätten Sie wissen müssen, daß die Zeiten des Müllers von Sanssouci längst vorbei sind. Heute klagt man nicht mehr mit Erfolg gegen Majestäten!

Merzig (Saar) HEINRICH DRASEGER

Major a. D.

Dein Artikel »Der doppelte Entscheid« veranlaßt mich zu einer - wie mir scheint - sehr wichtigen Ergänzung:

- Das Ehepaar v. Massenbach war selbst an den Spruchkammern in Marburg tätig, die Knabe verurteilt haben. Herr v. Massenbach war Vorsitzender der Spruchkammer, und Frau v. Massenbach fungierte als Beisitzerin der Berufungskammer.

- Die Eheleute v. Massenbach haben nicht nur Herrn Knabe bei der Spruchkammer angezeigt, sondern auch in dem Spruchkammerverfahren gegen den heutigen Stadtrat der SPD-Stadtverordnetenfraktion Hermann Volk unrichtige Angaben gemacht. Herr v. Massenbach hat seine Unterschrift unter die von dem kommunistischen Professor Krauss entworfene Anzeige an die amerikanische Militärregierung gegen den angesehenen Verlagsbuchhändler und ehemaligen Ehrensenator der Marburger Philipps -Universität Gottlieb Braun-Elwert gesetzt. Wie später in der Spruchkammerverhandlung festgestellt wurde, war die Anzeige eine haltlose Denunziation.

- Die Schritte der auswärtigen SPD -Bundestagsabgeordneten wurden auf Veranlassung von Frau v. Massenbach ausgelöst, während die Marburger SPD auf Grund ihrer genauen Kenntnis des Falles ein Vorgehen ablehnte.

- Hauptmann Knabe erfuhr seine Entlassung schon am 9. Februar 1957 durch den Hessischen Rundfunk, während die Entlassungsverfügung vom 1. März 1957 erst am 7. März 1957 in seine Hände gelangte.

Marburg PETER MORHARDT

Buchhändler

Da Herr v. Massenbach in meinem und meines Vaters Entnazifizierungsverfahren eine gewisse Rolle gespielt hat, erlaube ich mir, Ihnen eine Stelle aus unserem Spruchkammerurteil zu zitieren. In der Begründung dieses Spruches vom 12. September 1949, der am 17. Dezember 1949 rechtskräftig wurde, heißt es in der Beurteilung eines den Amerikanern am 4. August 1945 zugegangenen Briefes: »Somit war die ganze Anzeige von Professor Krauss, Frau de Boor und Herrn v. Massenbach eine haltlose unverantwortliche Denunziation.«

Die Anzeige des Jahres 1945 hatte zur Schließung unseres Betriebes am 13. August 1945 und zum zwangsweisen Verkauf geführt. Erst 1950 konnten wir unseren Betrieb

zurückerwerben. Professor Krauss ist jetzt Professor in Leipzig, Frau de Boor und Herr v. Massenbach sind inzwischen verstorben. Trotzdem glaube ich, daß die Charakterisierung des Herrn v. Massenbach in unserem Spruchkammerurteil für die Beurteilung des von Ihnen geschilderten Falles von einer gewissen Bedeutung ist.

Marburg DR. WILHELM BRAUN-ELwERT

Aus den von Ihnen berichteten Tatsachen geht meiner Ansicht nach einwandfrei hervor, daß weder Frau Knabe mit ihrem Brief noch ihr Mann eine Denunzierung meines Vetters Massenbach und seiner Frau bei der Gestapo gewollt haben. Hauptmann Knabe - ohne Zweifel ein befähigter, tapferer Offizier - müßte man noch zugute halten, daß er 1933 erst 17 Jahre alt war und so den Einflüssen des Nazismus viel leichter erliegen konnte als Oberst Brauer, der die Meldung an die Gestapo machte. Daß Hauptmann Knabe persönlich sofort zur Marburger Gestapo fuhr, um die Meldung rückgängig zu machen, und sich nach Kriegsende bereit erklärte, meinem Vetter als Haftentschädigung 22 000 Mark zu zahlen, ist nur ein weiterer Beweis seiner im Grund anständigen Gesinnung. - Über die Rechtlichkeit von Spruchkammerurteilen, die oft in der Morgenthau-Atmosphäre gefällt wurden, will ich mich nicht weiter hier auslassen, aber mit der Strafe von zwei Jahren Internierung und Entzug von 75 Prozent des Vermögens hat Hauptmann Knabe für sein unbeabsichtigtes Verschulden schwere Buße leisten müssen. Ich kann mich daher nur voll dem (Herrn Knabe positiv bewertenden) Urteil des Ministeriums Blank vom 30. August 1956 anschließen, für das sich auch General Mueller -Hillebrand eingesetzt hat.

Murnau FREIHERR DR. V. MASSENBACH

Oberst a. D.

Der Empfang der Marburger Stadtoberen, Oberbürgermeister Gaßmann und dessen Vertreter Bürgermeister Dr. Schilling, durch den Herrn Minister erfolgte auf Veranlassung des Herrn Bundesverteidigungsministers Strauß, der die Genannten um eine Sachbesprechung gebeten hatte. Oberbürgermeister Gaßmann und Bürgermeister Dr. Schilling wurden von dem Herrn Bundesverteidigungsminister Strauß zur Sache und Person des Herrn Knabe gehört, und beide haben die ihnen hierbei vom Herrn Minister gestellten Fragen nach bestem

Wissen und Gewissen beantwortet, so daß von einem »Einsetzen« für Knabe keine Rede sein kann.

Marburg G. GASSMANN

Oberbürgermeister

DR. W. SCHILLING

Bürgermeister

Du bist an und für sich schon durch Deine objektive und durch Beweismaterial stets gut fundierte Berichterstattung beliebt, aber Dein Artikel von den zweierlei Bescheiden für unseren Mitbürger Knabe hat Dir durch seine Sachlichkeit bestimmt noch eine ganze Anzahl neuer Freunde unter den Marburger Bürgern gewonnen. Uns Marburger interessiert nun: Wer autorisierte den Herrn SPD-Bundestagsabgeordneten Ritzel dazu, die Marburger entgegen ihrem Willen beim Verteidigungsministerium zu vertreten und dort von Beunruhigung über die Einstellung Knabes in die Bundeswehr zu berichten, obwohl

- ein Offizier des Verteidigungsministeriums sich in Marburg vom Gegenteil überzeugen konnte und

- der Marburger SPD-Oberbürgermeister

Gaßmann in Begleitung des Marburger CDU-Bürgermeisters Dr. Schilling sich in Bonn für die Belassung Knabes inder Bundeswehr eingesetzt hatte.

Diese Panne hätte Herr Ritzel sich doch ersparen können, zumal es für ihn sehr leicht gewesen wäre, sich durch seinen Marburger Parteifreund Herrn Gaßmann eingehend zu informieren. Höchst unerfreulich für den Beschwerdeführer, für die Marburger Bevölkerung aber aufschlußreich dafür, wie man eine Entscheidung politisch beeinflussen kann. Und die Meinung der Marburger Bürger glaube ich als Stadtverordneter der SPD (seit 1952) genau zu kennen.

Marburg FRIEDRICH DIENSTBACH

Stadtverordneter

Dr. W. Braun-Elwert

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 33 / 50
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.