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Geschichte retuschiert

Wie Politiker-Photos gefälscht werden *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Das Bild, im November 1976 veröffentlicht, fällt durch seine Lücken auf. Vier fehlen bei der Gedenkfeier zu Maos Tod in Peking. In der Bildunterschrift amtlicher chinesischer Publikationen heißen die Wegretuschierten allesamt XXX. Knapp zwei Monate vorher war die Reihe der chinesischen Führungsspitzen auf dem gleichen Photo noch dicht geschlossen.

Dann aber hatte der neue Parteisekretär Hua Guofeng die Führung übernommen und die Mao-Witwe Tschiang Tsching sowie ihre drei Mitverschworenen, die »Viererbande«, ins Gefängnis geworfen. Die Kunst des Weglassens, seit alters in der chinesischen Malerei geübt, visualisiert hier den politischen Akt: Rivalen im Kampf um die Macht werden ausradiert und ausgeixt.

Was hier auffallen sollte, geschieht in anderen Fällen insgeheim und technisch so perfekt, daß der Betrachter,

sieht er nur die zweite Version, die Fälschung nicht bemerkt. Schaufelt auf dem 1958 veröffentlichten Bild der Pekinger Bürgermeister Peng Tschen noch Seit an Seit mit dem Großen Vorsitzenden auf der Baustelle für den Ming-Gräber-Stausee, so ist er später - in der Kulturrevolution 1966 geschmäht und entmachtet - vom Retuschierpinsel des staatlichen Zensors wie weggezaubert.

Mehr Eifer als Geschick verwandte der Retuscheur, der den Wortführer des »Prager Frühlings« von 1968, Parteichef Alexander Dubcek, aus der Mitte seiner Genossen Smrkovsky und Svoboda riß. In der Version von 1969 sind die Perspektiven des Platzes vor dem Veitsdom auf dem Hradschin verzerrt, und von Dubcek blieb zu dieser Zeit, nach dem sowjetischen Einmarsch und seiner Degradierung, noch eine Schuhspitze.

Weil Geschichte das ist, was von ihr in den Geschichtsbüchern übrigbleibt, gehört es seit Lenins Zeiten zum Repertoire linker wie rechter Diktaturen, die photographierte Realität nach ihrem Gusto zu gestalten. Geklittert wird nicht nur mit dem Wort. Auch bei Kubas Fidel Castro nicht,

der seinen früheren Kampfgefährten und Chefpropagandisten Carlos Franqui von der Platte putzen ließ, als dieser sich - 1968 vom Maximo Lider lossagte und nach Italien emigrierte. Franqui ist der einzige unter den aus der Geschichte Wegretuschierten, der sein Verschwinden literarisch verarbeitet hat. Er schrieb ein Gedicht über seinen »photographischen Tod": »Ich bin nur ein bißchen Kack/ auf Genosse Fidels Frack.«

Der französische Schriftsteller Alain Jaubert hat in einem Buch ("Le commissariat aux archives«, Editions Bernard Barrault) über 300 solcher photographischer Manipulationen dokumentiert. Daß Hitler nach 1934 beziehungsweise 1941 seine alten Weggenossen Röhm und Heß auf Photos nicht mehr neben sich sehen wollte, versteht sich fast von selbst, sein Photograph Heinrich Hoffmann hatte pingelige Verdrängungsarbeit im Labor zu leisten.

Aber nicht immer liegen die Motive der Fälscher so offen zutage. Rätselhaft bleibt zum Beispiel ein Photo, das sich als Original und Fälschung im Hoffmann-Archiv fand. Aufgenommen 1937 in Leni Riefenstahls Garten in Berlin-Dahlem, zeigt die erste Version Hitler und Goebbels im betont lockeren Gespräch mit der umschwärmten Filmgröße und deren Familienclan. Auf dem Falsifikat ist Propagandaminister Goebbels, selbst ein As im Inszenieren getürkter Wirklichkeit, aus dem Bild gesetzt. Bis heute ist ungeklärt: Wer hat ihn warum verschwinden lassen?

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