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»Geschicktes Spiel mit Angst und Gier«

SPIEGEL-Redakteur Dieter Kampe über den Schnellen Brüter und die Illusionen der Plutonium-Wirtschaft (I) Mit der Landtagswahl in Hessen wird auch über den künftigen Weg der Energiepolitik entschieden. Dabei geht es nicht nur um die Atomfabrik Alkem in Hanau, sondern um den Einstieg in die Plutonium-Wirtschaft - um die Fabrikation von Brennstäben, die Wiederaufarbeitung, den Schnellen Brüter. Die fast dreißigjährige Geschichte des Brüters belegt, wie leichtfertig Politiker bislang vor entschlossenen Technikern kapitulierten. _____« Geht mir weg mit euren Skrupeln, es ist so schöne » _____« Physik. » _____« Enrico Fermi, Erbauer des ersten Brutreaktors, 1942 » *
aus DER SPIEGEL 12/1987

Das soll die Zukunft sein: Billige Energie im Überfluß für alle deutschen Unternehmen und Haushalte, keine Angst vor den Launen der Ölscheichs, keine Sorge wegen der luftverpestenden Kohle - und das alles dank einer Technik »made in Germany«, die der deutschen Wirtschaft auch noch rauschende Exporterfolge bescheren wird.

Zu schön, um wahr zu sein, nur der Wahlkampf in Hessen macht''s möglich: Längst demontierte Utopien werden plötzlich wieder als neueste Errungenschaften angepriesen. Walter Wallmann, Helmut Kohls Umwelt- und Reaktorminister, möchte Ministerpräsident werden, und er versucht es mit den Illusionen der sechziger Jahre.

Für Wallmann gibt es nur eine Lösung aller Energieprobleme: die Plutonium-Wirtschaft. Strom aus dem Schnellen Brüter, Plutonium aus der Wiederaufarbeitungsanlage, Brennstäbe aus der Atomfabrik Alkem - das sind die drei Elemente, an denen angeblich Wohl und Wehe dieses Landes hängen.

Die Kürzel dieses Konzeptes sind seit Jahren allen Bürgern vertraut: Kalkar, Wackersdorf, Hanau. Den einen stehen diese Ortsnamen für Fortschritt, technische Meisterleistung und Zukunftsbewältigung. Den anderen symbolisieren sie technischen Größenwahn, Risikoverdrängung und politische Mauschelei.

Der Riß geht quer durch die Nation. Ob die Plutonium-Wirtschaft das Ende aller Energieprobleme bedeute oder den Anfang eines Weges, der im Polizeistaat oder gar in der nuklearen Katastrophe endet, darüber streiten seit mehr als zehn Jahren die Experten, die energiepolitisch Interessierten und die Politiker.

So heiße Eisen faßt Walter Wallmann, bekannt durch Zögern, Abwiegeln und Herunterspielen, natürlich nicht freiwillig an. Aber der Reaktorminister steht unter Druck: Er muß Entscheidungen fällen, und das unglücklicherweise noch vor der Hessen-Wahl.

Noch in diesem Jahr soll der Schnelle Brüter ans Netz gehen, deshalb müssen im April die fertigen Brennelemente eingelagert werden. Doch der für das Genehmigungsverfahren zuständige Düsseldorfer Wirtschaftsminister Reimut Jochimsen will die notwendige Teilerrichtungs-Genehmigung ablehnen.

So muß Wallmann entscheiden: Soll er die Inbetriebnahme des Brüters per Anweisung erzwingen? Oder soll er den Brüter-Konkurs riskieren, weil der Betreibergesellschaft - wieder einmal - das Geld fehlt?

In dieser Situation, von den politischen Gegnern unter Zugzwang gesetzt

und zugleich als Wahlkämpfer im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit, flüchtet der sonst lieber zögernde Wallmann zu den Grundpositionen des konservativen CDU-Lagers: ungebrochenes Vertrauen in den technischen Fortschritt, harte Linie gegen Kritiker, Gegner und Zweifler, Fakten schaffen in dynamischer Macher-Manier.

Für moderate Zwischentöne ist nun keine Zeit mehr. Der Wahlkampf verlangt ein klares Profil - und Wallmann gibt sich hart. Er werde Kalkar nicht stillegen, verkündete Wallmann in den Koalitionsverhandlungen vor drei Wochen überraschend eindeutig.

Am Dienstag vergangener Woche zeigte der Bundesumweltminister dann auch Flagge im Konflikt um »den gefährlichsten Schwarzbau der Republik« (Joschka Fischer): Er schickte dem hessischen Wirtschaftsminister Ulrich Steger eine Anweisung, der Firma Alkem eine zeitlich unbefristete Teilgenehmigung für den Umgang mit jährlich 2,5 Tonnen Plutonium zu erteilen. So macht der Wahlkampf aus dem ehemaligen »Polit-Softie Wallmann« ("Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt") den harten Verfechter des Plutonium-Pfades.

Der andere für das Herzstück der Plutonium-Wirtschaft verantwortliche Bundesminister, Heinz Riesenhuber, hat sich ebenfalls seiner Zweifel am Sinn des gefährlichen Energiepfades entledigt. Dem freidemokratischen Brüter-Skeptiker Gerhart Baum hielt Riesenhuber kürzlich wieder das alte Argument entgegen, ohne Brüter verschütte sich die Bundesrepublik die einzige Energiequelle, die im nächsten Jahrhundert Strom im Überfluß liefern werde.

Die Brüter-Herstellerfirma Interatom ging letzte Woche in die PR-Offensive. »Industriepolitisch schlimme Rückschläge« und »forschungspolitischen Glaubwürdigkeitsverlust« prophezeite Geschäftsführer Claus Berke der Nation für den Fall, daß auf Kalkar verzichtet würde.

Noch einmal öffnen Atomkraftgegner und Nuklearbefürworter ihre Argumentationsarsenale und gehen aufeinander los. Der Nation steht erneut eine Atomdebatte ins Haus, bei der es zwangsläufig immer wieder um den Kern der Plutonium-Wirtschaft, den Schnellen Brüter in Kalkar, geht. Denn nur der Brüter macht die Wiederaufarbeitungsanlage und die Brennstäbe-Fabrik Alkem auf lange Sicht nötig. Und während über Alkem bald die Gerichte entscheiden, hängt das Schicksal des Brüters von politischen Entscheidungen ab - und somit auch von Wahlen.

So wird die Hessen-Wahl, was die Bundestagswahl infolge christdemokratischer

Konjunktur-Jubelei und sozialdemokratischer Schläfrigkeit nicht wurde: eine energiepolitische Richtungswahl.

Setzen sich die Verfechter eines ewig wachsenden Stromverbrauchs durch, die gewillt sind, jene unüberschaubaren letzten Risiken zu tragen? Oder siegen die Gegner des Atomkurses, also jene, die auf bewußten, sparsamen Verbrauch setzen, um den atomaren Geist zurück in die Flasche zu zwingen?

Was da entschieden werden muß, scheint allen klar zu sein. Vierzehn Jahre schon dauert der Streit um das Kraftwerk »Schneller Brüter SNR 300«. Beide Lager haben in den letzten Jahren viel Munition bereitgelegt.

Die Härte der Positionen, die Schärfe der Debatten und der Aufwand an Propaganda und Engagement kommen zustande, weil es für beide Seiten um existentielle Fragen geht. Aber bereits hier zeigen sich die babylonische Sprachverwirrung und die vollkommen unterschiedliche Sichtweise: Nicht einmal beim Überleben, um das es beiden Lagern geht, ist dasselbe gemeint.

Die Verfechter des Atomkurses denken zuallererst an ihr eigenes wirtschaftliches Überleben. Die Wissenschaftler der Kernforschungsinstitute in Karlsruhe und Jülich fürchten um ihre berufliche Perspektive; die Firmen, die mit Nukleartechnik Milliarden umgesetzt haben, vor allem die Großen, KWU und Interatom, sehen mit dem Ende der Atombegeisterung ihr eigenes Ende nahen. Bei Alkem, wo die für den Brüter notwendigen Brennstäbe mit hohem Spaltstoffanteil produziert werden, stehen 560 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Das RWE, das in den letzten Jahren eine runde Milliarde Mark in den Brüter gesteckt hat, bangt um seine Investition.

Die politischen Sprecher dieses Lagers machen die Existenz der führenden Industrienation Bundesrepublik von der Realisierung des Plutonium-Brennstoffkreislaufs und speziell des Schnellen Brüters abhängig:

»Ein Scheitern würde international als Eingeständnis der Unfähigkeit der deutschen wissenschaftlichen und industriellen Fähigkeiten im Umgang mit komplexen modernen Technologien eingeschätzt«, formulierten 1982 Ulrich Däunert und Wolf Schmidt-Küster, Ministerialbeamte im Bundesforschungsministerium. Sie legten damit die Argumentationsrichtung fest: Nicht mehr auf den Sinn des Brüters kommt es an, sondern auf das Image der Macher, auf ihre Fähigkeit, das Projekt allen Kritikern und Widrigkeiten zum Trotz durchzuboxen.

Daß die Brüter-Befürworter nach der Begeisterung der frühen Jahre inzwischen in Bedrängnis geraten sind, beweisen die zuweilen abstrusen Argumente. »Wir können für die Zukunft nicht auf die Exportchancen im Bereich der Schnellen Brüter verzichten«, sagte Elmar Guthmann, Interatom-Projektleiter der Karlsruher Brüter-Anlage KNK.

Guthmann weiter: »Wir würden dann praktisch auf den wirtschaftlichen Stand eines Entwicklungslandes absinken.«

Solche Schwarzweiß-Bilder hatte der Atomminister Franz Josef Strauß bereits 1956 bemüht. Nur wer Atomanlagen liefern könne, so der aufstrebende Bayer damals, werde sich »in der vordersten Linie der Industrienationen behaupten können«. Heute spielt der Export von Atomkraftwerken in den deutschen Auslandsgeschäften so gut wie keine Rolle.

Aber das Argument überlebte trotzdem. Bundeskanzler Helmut Kohl prophezeite dreißig Jahre später seinen Landsleuten »totale wirtschaftliche Verelendung und Massenarbeitslosigkeit«, wenn man (nach Tschernobyl) aus der Atomenergie aussteige.

Albert Probst, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, machte deutlich, daß die Brüter-Fans die letzte Schlacht um den Reaktor nicht mit besseren Argumenten gewinnen wollen. »Die Bundesregierung«, schrieb Probst im Oktober 1985, »wird alle rechtlichen Möglichkeiten nutzen, um zu erzwingen, was wir aus gesamtstaatlicher Verantwortung für notwendig halten.«

Der Brüter wird zur Machtfrage. An Kalkar wird, falls Wallmann Hessen knackt, die Regierung ihre Tatkraft und Durchsetzungsfähigkeit beweisen.

»Wie viele unter uns begreifen schon die Grundlagen und die Abläufe moderner Nukleartechnik?« fragte Kanzler Kohl in seiner Regierungserklärung zum Tschernobyl-GAU. Die Frage, durchaus auch als Skepsis gegenüber dem Sicherheitsglauben der Atomtechniker interpretierbar, dient Kohl indes nur dazu, kritische Einwände gegen den gefährlichen Plutonium-Kreislauf abzuwimmeln. Weil es ohnehin keiner versteht - außer den Experten - und weil die Experten dafür sind, wird die Sache jetzt durchgezogen.

Kohls Frage macht deutlich, wie weit die Debatte aber die Plutonium-Wirtschaft mittlerweile aus der politischen Arena heraus- und in den psychologischen Bereich hineingerutscht ist. Den Politikern, die der Atomlobby gefolgt sind, geht es weder um bessere Argumente noch um Interessenausgleich. Es geht ihnen darum, das Gesicht nicht zu verlieren. Die Ingenieure, die den Schnellen Brüter bauen, die Chemiker, die bei Alkem Brennstäbe herstellen, die Baufirmen, die in Wackersdorf eine gigantische Fabrik errichten möchten, sie gelten als die einzigen ernst zu nehmenden Fachleute. Alle anderen werden als Träumer und Phantasten, Eiferer und Ideologen abqualifiziert.

Die lassen sich von solchen Anwürfen nicht beeindrucken. Die Plutonium-Gegner sehen im Schnellen Brüter und seinen Anhängseln auf andere Art eine existentielle Frage: Für sie ist der SNR 300 eine lebensgefährliche Bedrohung. Der Brüter »hat gegenüber Leichtwasserreaktoren viele sicherheitstechnische Nachteile«, urteilt Klaus Michael Meyer-Abich, Hamburger Wissenschaftssenator und Mitglied der beiden Bundestags-Enquete-Kommissionen »Zukünftige Kernenergiepolitik«. Besonders riskant scheinen dem Physiker und früheren Mitarbeiter des Physik-Professors Carl Friedrich von Weizsäcker vier Punkte: *___Ein »Durchgehen« des Reaktors, also eine ____unkontrollierte nukleare Kettenreaktion, die den Kern ____zerstört (der nach den Entdeckern benannte ____Bethe-Tait-Unfall), kann nicht ausgeschlossen werden. ____Der SNR 300 ist

nach Angaben der Hersteller zwar gegen eine »kernzerstörende Leistungsexkursion« ausgelegt - aber nur bis zu einer bestimmten Grenze der mechanischen Energiefreisetzung, die nach Meinung Meyer-Abichs im Störfall durchaus überschritten werden kann. *___Der Brüter erfordert ein aktives Abschaltsystem; obwohl ____zwei solcher Systeme installiert sind, können ____sogenannte Common-Mode-Fehler, d. h. ein ____Mehrfachausfall aufgrund gleicher, nicht erkannter ____Ursachen nicht ausgeschlossen werden. *___Das Kühlmittel Natrium, das beim Brüter eingesetzt ____wird, steigert die Gefährlichkeit der Anlage ____beträchtlich: Es ist leicht brennbar, explodiert bei ____Wasserkontakt und wirkt in Verbindung mit ____Verunreinigungen korrosiv. *___Der Brüter-Brennstoff Plutonium, der bei geschlossenem ____Brennstoffkreislauf in großen Mengen quer durch die ____Republik von Kalkar nach Wackersdorf und von dort nach ____Hanau transportiert werden muß, ist schon in geringsten ____Dosierungen hochgiftig und radioaktiv; außerdem genügen ____wenige Kilo, um eine Atombombe zu bauen.

Den Einwand, die Wahrscheinlichkeit der Störfälle sei extrem gering, läßt Meyer-Abich nicht gelten. Die versicherungsmathematische Risikoformel, die Wahrscheinlichkeit und Schadensausmaß multipliziert, sei Verseuchungskatastrophen nicht angemessen, meint der Brüter-Kritiker: Das Schadensausmaß großer - wenn auch seltener - Unfälle bedarf einer gesonderten politischen Bewertung.« Wenn die Todesfälle in die Hunderttausende gehen und die Bodenverseuchung Jahrhunderte andauert, so Meyer-Abich, dann sprengt das die traditionellen Berechnungen.

Ganz anders sieht das August Wilhelm Eitz. »Wir leben immer und überall mit Risiken«, wiederholt er die gängige Fatalisten-Formel der Atomkraftanhänger. Eitz ist Generalbevollmächtigter des Energiekonzerns RWE, jenes Konzerns dem zwei Drittel des Schnellen Natriumgekühlten Reaktors (SNR) gehören. Der 53jährige Westfale, Hausherr in der Kalkarer Anlage und Prototyp des dynamischen, offensiv argumentierenden Top-Managers, der schnell und präzise spricht, brillant formuliert und auf alles eine Antwort weiß, sieht im Brüter keine Gefährdung für Menschen und Umwelt. Selbst die Möglichkeit des schlimmsten Störfalls beunruhigt ihn nicht: »Unser Brüter-Gebäude könnte einen Bethe-Tait-Störfall aushalten.«

Zu anderen Urteilen gelangten zwei Risikostudien, die für die Enquete-Kommission »Zukünftige Kernenergiepolitik« verfaßt wurden. Die Studie der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS), die unerwünschte Eingriffe in die Kraftwerksanlage und seltene technische Unfälle nur am Rande berücksichtigt, rechnet beim Durchschmelzen des Reaktorkerns, das eben doch nicht auszuschließen ist, mit 40000 Todesfällen als Spätschäden. Das Parallelgutachten der Forschungsgruppe Schneller Brüter errechnete folgende Maximalwerte: frühe Todesfälle bis zu 1400, späte Todesfälle bis zu 2,7 Millionen, Fläche des auf mindestens 50 Jahre nicht nutzbaren Bodens 57000 Quadratkilometer.

»Insgesamt ergibt sich«, faßt Meyer-Abich zusammen, »daß der SNR 300 etwa zehnmal so gefährlich ist wie ein entsprechender Leichtwasser-Reaktor.«

Diese Ergebnisse haben mittlerweile auch bei ehemaligen Brüter-Befürwortern Bedenken ausgelöst. Johannes Rau teilte dem Bundeskanzler im Mai 1985 brieflich seine Zweifel mit, ob mit dem Brüter »ein zweckmäßiger und verantwortbarer Weg eingeschlagen« werde. Inzwischen ist die Brüter-Beerdigung Teil des SPD-Programms.

Die Grünen hatten nie Zweifel: Der Schnelle Brüter ist unwirtschaftlich, überflüssig und gefährlich, lautet seit Jahren ihr Verdikt. Die Grünen-Basis, die Bürgerinitiativen und Anti-Atom-Gruppen, will mit Großdemonstrationen und Blockaden den Widerstand gegen die Plutonium-Wirtschaft fortsetzen.

Die Anti-AKW-Bewegung, nach Tschernobyl ohnehin mit frischem Schwung versehen, bekommt neuen Zulauf - nicht nur von Hysterikern und Angsthasen, wie Forschungsminister Heinz Riesenhuber glauben machen will. Mit dabei sind viele nachdenkliche Mitmenschen, denen angesichts von Strom-Überkapazitäten einerseits und Tschernobyl andererseits eine so gefährliche Expansion der Atomwirtschaft unvertretbar erscheint.

Für sie alle symbolisiert der Brüter den Weg in den Atomstaat, in einen Staat also, in dem Lebensinteressen und Lebensformen den Zwängen einer Technik untergeordnet werden müssen. Deshalb ihr hartnäckiger Widerstand.

Daß der Koloß von Kalkar einmal ein derartiger politischer Sprengsatz werden und die Nation entzweien würde, war bei seiner Planung in den frühen 60er Jahren nicht abzusehen. Damals herrschte allgemeine Brüter-Begeisterung. Wachstum, Konsum und Wohlstand würden, so schien es damals, diesem Land auf ewig beschieden sein, weil das Geheimnis billiger Energieversorgung entdeckt worden war. Der Fortschrittsoptimismus hatte offensichtlich eine technische Basis

gefunden: der seinen Brennstoff selbst herstellende Schnelle Natriumgekühlte Brutreaktor, fortan kurz Brüter genannt.

Bereits zu Beginn wurde die Brüter-Entwicklung stärker durch psychologische Elemente als durch rationale Argumente vorangetrieben. »Die Kernforscher spielten geschickt mit den beiden Hauptantrieben des Menschen, Gier und Angst«, kommentiert Peter Kafka, Wissenschaftler am Münchner Max-Planck-Institut für Astrophysik, den Anfang der Brüter-Planungen.

Angst sei erzeugt worden mit dem Hinweis auf die drohende Energielücke und dem daraus folgenden Rückfall ins Mittelalter. Gier sei geweckt worden mit dem Ausblick auf billige Energie im Überfluß, die das Konsumparadies für alle ermöglichen würde.

»Genug Energie für mehrere hunderttausend, wenn nicht Millionen Jahre« prophezeite der Star-Verkäufer des Brüters, der Professor Wolf Häfele, 1963 dem gläubigen Publikum. Und noch 1974 warb Deutschlands führender Brüter-Experte mit diesem Glaubenssatz.

Für die Vernunft blieb angesichts solcher Verheißungen nicht mehr viel Raum. Eine Analyse der wirtschaftlichen Aussichten, erinnert sich der ehemalige Brüter-Manager Klaus Traube, habe es nie gegeben. Das Versprechen, daß alle Energieprobleme gelöst würden, schien solche Untersuchung überflüssig zu machen.

Der erträumte Weg ins Stromparadies fühlte über ein technisches Wunderwerk, das nicht nur dem alten Traum vom Perpetuum mobile nahekam, sondern auch noch einfach und billig zu haben schien. Ganze 310 Millionen Mark sollte so ein Brutreaktor kosten, rechnete die erste umfassende Brüter-Studie der Karlsruher Nuklearexperten 1965 der Öffentlichkeit vor. Nach drei Jahren Bauzeit sei er 1972 betriebsfertig und liefere neben dem begehrten Plutonium sogar noch 300 Megawatt Strom.

Das Wunderwerk sollte, so das ursprüngliche Versprechen, etwa 50mal mehr Energie aus Uran gewinnen als die herkömmlichen Leichtwasserreaktoren. Diese Energieflut kann in der Tat entstehen, wenn Natururan mit schnellen Neutronen beschossen wird. Dann entsteht Plutonium 239, ein leicht spaltbarer Stoff. Der Brutprozeß, also die Anreicherung von Natururan zu Plutonium, findet in jedem Kernreaktor statt. Aber in Leichtwasserreaktoren ist die Brutrate relativ gering, sie verbrauchen weit mehr Brennstoff, als sie gleichzeitig erzeugen.

Anders die Brutreaktoren: Außer Strom erzeugen sie noch Plutonium, und zwar im Laufe ihrer Gesamtbetriebsdauer (geschätzt auf rund 30 Jahre) theoretisch zehn bis dreißig Prozent mehr, als sie selbst in dieser Zeit verbrauchen.

Brennstoff aus der eigenen Asche. Das klang sensationell. Für manche begeisterten Zeitgenossen schien der Halbgott Prometheus zurückgekehrt, um den Menschen ein zweites Mal das Feuer zu bringen. Die damals grassierende Furcht vor dem Ende aller Energierohstoffe beflügelte die Phantasien.

Die Fähigkeit, mehr Plutonium zu erbrüten als zu verbrauchen, schien deshalb die endgültige Lösung der Energiefrage _(Strauß 1956 als Atomminister. )

zu sein. Offen blieb allerdings die Sicherheitsfrage. Plutonium erfordert besondere Sicherheitsvorkehrungen - nicht nur im Brüter, sondern auch bei der Wiederaufarbeitung, der Brennelemente-Fertigung und auf allen Transportwegen der heißen Ware.

Gefahren birgt auch das Natrium-Kühlsystem des Kalkarer Reaktors. Natrium entzündet sich sofort bei Luftkontakt; kommt es mit Wasser, zum Beispiel aus dem Turbinenkreislauf des Kraftwerks, zusammen, explodiert es.

Diese Gefahren, die seit Baubeginn immer wieder spürbar wurden, erforderten zusätzliche Sicherheitssysteme, erforderten Materialverstärkungen, Abschaltvorkehrungen und Verschlußmechanismen, die den Technikern immer wieder neue Probleme zu lösen gaben.

Je konkreter der Brüter wurde, desto häufiger gab es Überraschungen, desto klarer wurden die Grenzen des bisherigen Wissens spürbar. Die Techniker mußten das Wunderwerk immer wieder neu durchrechnen. Was den Brüterbau so verlängerte und so teuer machte, urteilte Kurt Rudzinski, Wissenschaftsredakteur der »Frankfurter Allgemeinen«, sei die »groteske Unterschätzung der durchaus vorauszusehenden großen technischen Schwierigkeiten durch die Experten«.

Die Vernunft holte die Euphoriker ein; es ging in Kalkar schon bald nicht mehr um die Erfüllung von Zukunftsträumen, es ging nur noch um die Bewältigung nicht vorhergesehener technischer Probleme. »Da tauchte zum Beispiel die unerwartete Frage auf, wieviel Wasser im Beton ist«, berichtet Peter Schneider-Kühnle, der im Brüter-Kraftwerk alle Überwachungsaufgaben leitet.

Wenn bei hoher Erhitzung Wasser aus dem Beton austritt und mit dem Natrium des Kühlsystems zusammengerät, kommt es zu Explosionen. »Solche unvorhergesehenen technischen Probleme gab es en masse«, sagt Schneider-Kühnle, und er findet das auch ganz in Ordnung: »Das ist doch gerade der Sinn einer Prototyp-Anlage, so etwas zu entdecken.«

Die ständigen Überraschungen führten zu Verzögerungen. Die Zeitpläne uferten aus, die Kostenkalkulation mußte in jedem Quartal erneuert werden.

Zunächst wurde der Baubeginn um drei Jahre verschoben, dann stieg der Geldbedarf wie eine Springflut: Von den ursprünglich 310 Millionen Mark war schon bald nicht mehr die Rede. Bei der Grundsteinlegung 1972 sprachen die Bauherren von 1,5 Milliarden Mark, fünf Jahre später sprachen sie von der doppelten Summe als Gesamtkosten.

1980 waren in Kalkar jedoch schon über drei Milliarden Mark verbaut, ohne daß ein Ende in Sicht war. Bis heute hat das Monstrum 6,5 Milliarden Mark verschlungen.

Soll das alles umsonst gewesen sein? Soviel Geld verbauen und dann einfach dem Protest der Nuklearangsthasen nachgeben? Den Brüter einmotten und damit Deutschlands teuerste Investitionsruine schaffen?

Bauherr Eitz will es nicht glauben: »Ich kann mir nicht vorstellen, daß man 20 Jahre Arbeit von Hunderten von Wissenschaftlern einfach in den Sand setzt«.

Der Glaubenssatz des Ingenieurs charakterisiert eine seltsame Situation. Die Brüter-Befürworter, einst die Statthalter der Logik und einer scheinbar unanfechtbaren Vernünftigkeit, argumentieren heute quasi aus dem Bauch. Die Gegner hingegen, einst die vermeintlichen Schwarmgeister, haben neuerdings die Ratio auf ihrer Seite.

Der Schnelle Brüter, das ist inzwischen klar, wird nicht benötigt, um eine drohende Energielücke zu schließen oder eine demnächst zu erwartende Uranknappheit zu überwinden. Weder droht eine Energielücke noch ein Versiegen der Uranlager. Beide Angstvisionen sind mehr als 20 Jahre alt. Sie stammen aus der Geburtsstunde des Schnellen Brüters. Und sie sind überholt (siehe Graphik). Denn 1979 endete der stetige Anstieg des Energieverbrauchs. Bereits die ersten Energiesparmaßnahmen führten zu deutlich sinkendem Verbrauch.

Doch nur auf der Grundlage der alten, heute unsinnig anmutenden Verbrauchserwartungen konnte die Mär von der drohenden Energielücke entwickelt werden. Die Leichtwasserreaktoren, die weltweit zu Tausenden entstehen sollten, so warben die Brüter-Propheten, konnten nur eine Übergangslösung darstellen. Die OECD sagte für das Jahr 2000 einen Bedarf von 2000 bis 2500 Gigawatt Kernkraftwerksleistung in der westlichen Welt voraus. Da würde soviel Uran verbraucht, daß der kostbare Stoff zunächst sehr teuer würde und dann rasch ausginge.

Bis zum Jahr 2000 würden insgesamt, so die OECD-Experten, 3,1 bis 3,8 Millionen Tonnen Uran verbraucht. Dem standen nach damaligen Schätzungen Uranvorräte von nur 3,5 Millionen Tonnen gegenüber. Das Ende der Atomwirtschaft schien also schon vor ihrem Anfang absehbar.

Statt aber andere Strategien und Energietechnologien nachzusinnen, die nicht eine Knappheit durch eine neue ersetzen würden, entwarfen die Nukleokraten den Brüter. Der sollte Brennmaterial zuhauf herstellen.

Die technokratischen Phantasien wurden bald von der Wirklichkeit eingeholt: Es gab statt der für das Jahr 2000 erwarteten Kernkraftwerksleistung von über 2000 Gigawatt 1980 nur 138 Gigawatt (einschließlich Ostblock), und es gab auf der Welt nicht, wie befürchtet, schnell versiegende Uranlager, sondern immer größere Lager wurden entdeckt.

Mittlerweile schätzen Experten, daß in den kommenden 50 Jahren insgesamt etwa vier Millionen Tonnen Uran verbraucht werden. Das wäre knapp ein Drittel jener 13 Millionen Tonnen Uranreserven in der Kostenklasse bis 130 Dollar pro Kilogramm, die von den OECD-Experten 1984 als untere Grenze der bekannten Vorratslager angesehen wurden. Daß die Erde in Wahrheit mehr Uran birgt, steht außer Frage. Geforscht wird nach neuen Lagern immer nur dann, wenn ein Bedarf absehbar ist.

Damit entfällt eine weitere wichtige Begründung des Brüter-Baus.

Doch das Projekt war, als die neuen Prognosen auftauchten, schon nicht mehr zu bremsen. Jedenfalls nicht mehr durch solche Kleinigkeiten wie eine veränderte Wirklichkeit, höhere Kraftwerkspreise oder neue energiepolitische Zielvorstellungen.

Das Überschallflugzeug Concorde wurde gebaut, obwohl es kaum einer haben wollte; der Rhein-Main-Donau-Kanal frißt Millionen, obwohl er vollkommen überflüssig ist. Warum sollte man also ausgerechnet mit dem Brüterbau aufhören und einige tausend Ingenieure und Wissenschaftler enttäuschen, die soviel Geist und Fleiß in dieses Projekt gesteckt haben? Von der Auftragslage der Firmen, den Arbeitsplätzen und dem schlechten politischen Eindruck ganz zu schweigen.

Kaufmännisch begründen läßt sich das Vorhaben schon lange nicht mehr. Das Ziel des Schnellen Brüters, billigen Strom zu liefern, bleibt unerreicht. Billig wäre der Brüter-Strom nur gewesen, wenn das Kraftwerk preiswert installiert worden wäre. Denn der früher in Erwartung drastischer Preissprünge gepriesene Vorteil des Brüters, kein Natururan als Brennstoff zu benötigen, wirkt sich preislich kaum aus: Die Brennstoffkosten machen nur ein Zwölftel der Gesamtkosten aus.

Die extrem hohen Anlagekosten machen den Brüter zum Luxusexperiment. Statt eines kostengünstigen Perpetuum mobile gibt es nun »die kostspieligste aller bisherigen technischen Entwicklungen im nichtmilitärischen Bereich« (Traube).

Zudem liegen die Uranpreise seit Jahren unter 30 Dollar pro Kilogramm. Das sind nur noch vierzig Prozent des Preises von 1978. Die Überkapazitäten der Uranbergwerke werden dafür sorgen, daß der Preis in Zukunft wohl noch weiter fällt. Kein Bedarf also

für teures Brüter-Plutonium. Die vielen Milliarden für den Brüter schlagen natürlich auf den Strompreis durch. Die Kosten pro Kilowatt installierter Leistung liegen beim Kalkarer Brüter etwa achtmal höher als bei einem gängigen Leichtwasserreaktor.

Auch die französische Atomenergiebehörde CEA muß inzwischen einräumen, daß Strom aus ihrem 1200-Megawattbrüter-Kraftwerk Super-Phenix, das 23 Milliarden Franc gekostet hat, doppelt so teuer ist wie der Strom aus einem gleichzeitig gebauten Leichtwasserreaktor. Statt gut 12 Pfennig pro Kilowattstunde kostet der französische Brüter-Strom 25 Pfennig.

Das Kostenargument versucht Brüter-Bauherr Eitz mit dem Hinweis auf die Pionierlasten des ersten Brutreaktors zu entkräften. Hier habe man Erfahrungen sammeln und Lehrgeld bezahlen müssen. Der nächste Brüter-Bau werde davon profitieren und erheblich billiger werden. »Vielleicht noch nicht der nächste, aber doch der übernächste.« Daß es den nicht mehr geben könnte, ist ein Gedanke, den Eitz nicht denkt.

Erst eine Serienproduktion von Brutreaktoren könnte sich wirtschaftlich lohnen. Mit vielen Brütern und Wiederaufarbeitungsanlagen aber wäre der Alptraum der Atomskeptiker Wirklichkeit: die Plutonium-Wirtschaft.

Sollte sich dann eines fernen Tages die Unwirtschaftlichkeit des ganzen Brüter-Systems auch den Brüter-Fans erschließen, gäbe es für eine Umkehr keine Chance mehr. Denn wohin dann mit dem strahlenden Plutonium?

Die Brüter-Propheten sind gescheitert. Für die Energieversorgung der halbwegs überschaubaren Zukunft werden Energiesparen, Sonnenenergie und umweltfreundlich getrimmte Kohlekraftwerke eine weitaus wichtigere Rolle spielen als der Schnelle Brüter.

Der aberwitzige Einsatz von Geld und technischer Intelligenz war weitgehend umsonst, die 14jährige Bauzeit des Kalkarer Brüters hat bewiesen: Die Plutonium-Technik ist nicht bis ins letzte beherrschbar. Folgeprobleme und unlösbare Langzeit-Aufgaben entstehen. Andere große Industrieländer haben daraus längst die richtigen Konsequenzen gezogen, in ihren Zukunftstechnologie-Programmen taucht der Schnelle Brüter nicht mehr auf. Amerika, das Vorzeige-Land des technischen Wagemuts, hat kein Brüter-Programm mehr.

Zieht man Energieangebot, Uranversorgung, Stromkosten des Brüters und technische Risiken der Plutonium-Wirtschaft zusammen, dann fehlt jegliche Begründung, den Brüter fertigzustellen und in Betrieb zu nehmen.

Diese Erkenntnisse sind nicht plötzlich nach Tschernobyl gekommen, sie sind während der sechziger und siebziger Jahre gereift. Doch der Brüter wurde immer weitergebaut. Damit stellt sich die Frage nach politischen Hintergründen: Wer schaltete die Kontrollinstanzen aus? Warum waren die Kräfte, die das Atomministerium rief, nicht mehr zu bändigen?

Im nächsten Heft

Das Kernforschungszentrum Karlsruhe diktiert die Atomzukunft- Euratom sucht ein Prestigeprojekt und findet den Brüter - Politiker werden mit Falschmeldungen manipuliert

Geht mir weg mit euren Skrupeln, es ist so schöne Physik. Enrico

Fermi, Erbauer des ersten Brutreaktors, 1942

[Grafiktext]

PRIMÄR-ENERGIEVERBRAUCH IN DER BUNDESREPUBLIK: DIE PROGNOSEN UND DIE WIRKLICHKEIT Angaben in Millionen Tonnen Steinkohleeinheiten (SKE) Prognose 1973 Studie der Europäischen Gemeinschaft tatsächlicher Verbrauch Prognose 1975 Bundesministerium für Forschung und Technologie tatsächlicher Verbrauch Prognose 1976 Bundesministerium für Forschung und Technologie tatsächlicher Verbrauch Prognose 1979 Kernforschungszentrum tatsächlicher Verbrauch Prognose 1980 Enquete-Kommission des Bundestages tatsächlicher Verbrauch Prognose 1980 Öko-Institut »Energiewende« tatsächlicher Verbrauch

[GrafiktextEnde]

Strauß 1956 als Atomminister.

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