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CHILE / ATTENTAT Geschosse vor der Wahl

aus DER SPIEGEL 44/1970

Über Chile ist seit Donnerstag der Ausnahmezustand verhängt -- warum, das erfuhren deutsche Fernsehzuschauer aus erster Hand.

In einer Pressekonferenz wurde der designierte chilenische Staatspräsident Dr. Salvador Allende gefragt, ob er -- getreu dem chilenischen Wappenspruch »Vernunft oder Gewalt« -- notfalls auch Gewalt anwenden würde.

Allende, der erste Marxist, der in Lateinamerika durch legale Wahlen an die Macht kommt, zögerte: »Ich glaube schon, daß wir auf Gewalt verzichten können. Aber unsere politischen Gegner von rechts wollen sie nutzen.«

Fast zur selben Stunde liefen in Europa die ersten Meldungen ein, die das Allende-Wort bestätigten: Am Donnerstag, 8.15 Uhr Ortszeit, wurde der Oberbefehlshaber der Armee, General René Schneider, 56, im blauen Mercedes auf der Fahrt ins Büro, von drei Privatwagen gewaltsam gestoppt. Ein Seitenfenster des Mercedes wurde eingeschlagen, der General durch drei Schüsse lebensgefährlich verletzt.

Die Täter entkamen unerkannt. Über ihre Zahl gibt es widersprüchliche Augenzeugenberichte; die einen sprechen von »vielen gutangezogenen jungen Männern, mit Revolvern bewaffnet«, andere wollen nur »zwei Täter« gesehen haben.

Kaum Meinungsverschiedenheiten aber gibt es in Santiago über die Motive der Tat. Das Parteibüro des noch amtierenden Staatspräsidenten Frei, der am selben Tag den Ausnahmezustand verhängte und Armee und Polizei die Alarmbereitschaft befahl, sprach von einem »Überfall faschistischer Elemente«.

Allendes »Unidad Popular« machte »anti-patriotische Gruppen der extremen Rechten in Zusammenarbeit mit ausländischen Elementen« für das Attentat verantwortlich.

Die politische Logik Spricht für rechte Täter: Schon acht Tage nach seinem überraschenden Sieg in den Präsidentschaftswahlen präsentierte Allende eine Namensliste von Leuten, »die planen, mich für 300 Millionen Dollar zu ermorden«. Ein bisher unentdeckter Rundfunksender meldete sogar, Allende sei erschossen worden.

Ende September verhaftete die Polizei vier Jugendliche, die gestanden, als Mitglieder einer rechten Jugendgruppe Bomben im Haus eines Industriellen gezündet zu haben. Die Aktion war als linker Anschlag getarnt.

Am vorigen Montag nahm die Polizei den Ex-Major Arturo Marshall fest und beschlagnahmte bei ihm ein Gewehr mit Zielfernrohr. Er steht im Verdacht, er habe Allende am Tag vor der Stichwahl im Kongreß im »Kennedy-Stil« aus dem Weg räumen wollen.

Über die Möglichkeit eines Militär-Putsches nach dem Vorbild Brasiliens und Argentiniens verhandelte die militante Rechte bereits mit dem im vorigen Jahr zwangspensionierten General Roberto Viaux Marambio.

Einem Aufstand der Streitkräfte stand aber bislang deren Oberbefehlshaber General Schneider im Wege. Die Armee, so hatte er versichert, werde die demokratische Entscheidung des Volkes respektieren.

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