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»Gesellschaft der Wahnsinnigen«

Von Peter Schille
aus DER SPIEGEL 32/1990

Vor Gefängnis, Heilanstalt und leerem Geldbeutel gibt es keinen Schutz.

So lange hatten sie Mangel gelitten, bis sie ihr Elend nicht mehr spürten. Ihre Gedanken, sogar ihre Träume hatten sich dem Bedarf der Gesellschaft angepaßt, notgedrungen, denn es fehlte ihnen an allem, an Nahrung, Kleidung, Wohnung und Hoffnung. Leere Regale, leere Seelen. Und Herzen so grau wie die Bäume, die Häuser und die Luft.

Die Sowjetmenschen wußten nicht einmal mehr, wer sie waren, denn sie lebten in höherem Auftrag und redeten sich nur ein, morgen oder übermorgen würden sie endlich selber leben. Ihr Leben gehörte nicht ihnen, längst war es in den Besitz der Kommunistischen Partei übergegangen; auch ihren Geist hatten sie an die Führung abgeliefert.

Sie waren verwechselbar. »Unsere Menschen waren Schrauben«, sagt Boris Karwassarski, Psychiater in Leningrad, »Schrauben in der Maschine des Staates.« Sie hatten zu funktionieren, jeder an seinem unverrückbaren Platz, sie mußten sich nur an die Regeln des Ersatzteillagers halten.

Karwassarski, 59, bearbeitet das sowjetisch-kollektive Unbewußte seit Jahrzehnten, und Sigmund Freud steht ihm so nahe wie Karl Marx. Noch Mitte der siebziger Jahre war Sympathie für die Psychoanalyse strafbar, der tote Freud ein politischer Gegner, Vorlesungen über ihn mußten, als »Kritik der Lehre Freuds« getarnt, vom KGB genehmigt werden.

Als er 1979 im georgischen Tiflis am »Kongreß über das Unbewußte« teilnahm, beobachtete Karwassarski gerührt, wie Freuds Geist ungehindert die sowjetische Grenze überschritt. Damals las ein französischer Analytiker dem Kongreß die Leviten: Ob die verehrten Kollegen denn nicht wüßten, daß alle Menschen subjektive Bedürfnisse verspürten? Auch die Sowjetmenschen! Daß sie gar das Recht hätten, Individuen zu sein!

Sie wußten es natürlich, doch ihr Wissen war ihnen verboten worden, und Karwassarski empfand heftiges Unbehagen: Wenn die Menschen endlich sie selber wären, »hätte die Partei ja keinen Zugriff mehr auf sie«.

Er fürchtete, »gleich geht die Tür auf, und zwei Männer stürzen sich auf den Franzosen und schleppen ihn fort«. Doch das KGB, dem das Unbewußte ein Rätsel ist, ließ sich nicht blicken.

Inzwischen ist ein Mangel wenigstens behoben: Zwar sind Nahrung, Kleidung und Wohnung knapper denn je, auch Freiheit und Hoffnung gibt es noch lange nicht im Überfluß. »Doch heute wird dem Menschen immerhin eine Seele zugebilligt«, sagt Karwassarski; wer die Kraft dazu aufbringt, darf er selber sein.

Die Lage der Psychiatrie erreicht allmählich das Niveau der vorrevolutionären Zeit. Wie einst unter den Zaren des 19. Jahrhunderts werden in Leningrad wieder Menschen geheilt, nicht Geisteskrankheiten. Allerdings verordnete das Sowjetsystem seinen Psychiatern eine Gesinnung, von der sie sich bis heute nicht erholt haben.

Seit fünf Jahren ist Psychotherapie Pflichtfach für alle Medizinstudenten der Sowjetunion, und noch immer bekämpfen Heilanstalten die pathologischen Symptome des Patienten mit Chemie, »die Seele wird weiter vernachlässigt« (Karwassarski). Die künftigen Sowjet-Ärzte lernen in sechs Studienjahren, 8000 Stunden lang, den Körper kennen, aber nur »40, höchstens 45 Stunden die Seele«.

Karwassarski, Professor für Psychotherapie und Chefpsychotherapeut der Russischen Föderation, ist Leiter der »Abteilung für Neurosen und Psychotherapie« am Leningrader Bechterew-Institut, einer kleinen autonomen Republik der Humanität.

Es vereinigt, in einem düsteren Park am Stadtrand, ein Forschungszentrum, dazu Ausbildungslabors für Wissenschaftler und Praktiker, mit einem psychiatrischen Krankenhaus (450 Betten) und einem Arbeitskombinat für 350 ambulante Patienten, zu 70 Prozent Schizophrene, das 200 000 Rubel Profit jährlich erwirtschaftet. Nachbar zur Linken ist das Institut für Pharmazeutische Experimente; Tag und Nacht heulen die Versuchshunde in ihren Zwingern.

Der Gehirnanatom und Neuropathologe Wladimir Bechterew gründete sein Institut 1907. Er hatte ein Modell ganzheitlicher Therapie im Sinn, das organische, psychologische und soziale Elemente bedachte. Er stritt für Lenin, warf sich in die Oktoberrevolution und wurde 1927 von Stalins Schergen umgebracht.

Stalin hatte ihn wegen seines schmerzenden linken Arms in den Kreml bestellt. Bechterew erschrak. Der Mann leide unter Größenwahn, teilte er dem wartenden Ärztekollegium mit - das war sein Todesurteil. Karwassarski und seine Kollegen verwalten das Erbe eines Märtyrers.

Stalin, die sowjetische Katastrophe, herrscht über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und er lebte noch, als der Student Karwassarski 1950 in die KP eintrat, mit einem Stalin-Stipendium ausgezeichnet, 100 Rubel monatlich, alle übrigen mußten mit zehn Rubel auskommen. »Ich bin zwei Jahre länger KP-Mitglied als Gorbatschow«, sagt er, was für ein Glück, »wäre ich parteilos, säße ich nicht hier«.

Die psychische Verfassung seiner Genossen, ihr Kult der eisernen Überzeugungen, »widerstrebt eigentlich den Methoden der Psychotherapie«; Befehlsempfänger verlieren allmählich die Fähigkeit zur Selbstverantwortung. Sie haben gelernt, eine Schraube zu sein, und der Aufruf zur Perestroika, zur Umgestaltung, klang wie ein Märchen - schön, aber nicht von dieser Welt.

Perestroika deutet Karwassarski auch als Entlassung der Menschen aus der stalinistischen Zucht, als einen Appell: »Wir dürfen uns und unsere eigenständige Persönlichkeit jetzt ernst nehmen.« Leider ist dieses Konzept dem »sowjetischen Imago« fremder als der Mond.

Das Imago - in der Psychologie das Bild, das sich einer von sich selber macht - ist, gemäß Karwassarski, zutiefst hoffnungslos. »Wir sind und bleiben unglücklich« - von dieser Gewißheit bringen den Sowjetmenschen auch die lebenslangen Zuversichtspredigten nicht ab. »Unser Imago zwingt uns, alle Energie und alle Disziplin der Arbeit zu widmen, obwohl die Erfahrung uns lehrt, daß sich das nicht lohnt.«

Wer darüber nicht krank wird, ist ein Faulpelz und ein schlechter Kommunist dazu. So schuf sich die Partei, die Elite der Gesellschaft, eiserne Menschen mit eisernen Nerven und Gefühlen. Das Bewußtsein, so lehrte es das »Handwörterbuch der Philosophie«, war »eine Eigenschaft der Materie, nämlich des Gehirns«. Stalin, »der beste Freund der Psychiatrie«, hatte sie gleichzeitig neu erfunden:

Geistesstörungen rühren von kranken Hirnen her, und Neurosen oder Psychosen verstoßen gegen den guten Ton. Hingegen gelten Herzinfarkte oder Magengeschwüre als Tüchtigkeitsnachweise und tragen öffentliche Hochachtung ein.

Und das ist der Zwiespalt im sowjetischen Menschen, sagt Karwassarski: »Er redet anders, als er denkt, er fühlt nicht, was er redet und denkt, und er handelt nicht so, wie er redet, denkt und fühlt« - eine anerzogene Bewußtseinsspaltung, die auf alle sozialistischen Länder, die DDR zumal, übertragen wurde.

Das Imago beeinflußt die Krankheitsbilder, sexuelle Faktoren treten zurück. Vielen seiner Patienten ist heute »ein spezifisch nationaler Defekt eigen: Sie können ihre soziale Rolle nicht richtig einschätzen, sie wissen nicht, wer sie sind und was sie taugen«. Sie wissen bloß, daß sie ihre Existenz nicht ihren Talenten, sondern der Gnade der KP verdanken. Karrieren hinter dem Rücken der Partei enden im Nichts.

Kein Parteiarzt durfte einem Parteifunktionär jemals seelische Behinderungen bescheinigen. Gestern noch ließ ihnen die Partei in Parteisanatorien von Parteihypnotiseuren klarmachen, daß sie gesund zu sein hatten. Und heute?

Heute behandeln etwa 1000 Psychotherapeuten die als Herzbeschwerden maskierten Neurosen als Neurosen, wobei sie die Krankheit als Folge von Lebenskonflikten betrachten. »Sie bemühen sich, die unbewußten Motive des Patienten zu verstehen.«

Gerade 1000 von 25 000 sowjetischen Psychiatern! Die orthodoxe Mehrheit weigert sich starrsinnig, in psychologischen Hintergründen nach den Ursachen psychiatrischer Krankheiten zu suchen.

In der Neurosenabteilung des Bechterew-Instituts liegen oft 70 Patienten in 60 Betten, doch keiner klagt. Karwassarski schaffte die Anstaltsuniform, »gestreift wie im Gefängnis«, ab, die Räume vergrößern konnte er nicht.

Die Zimmer sind alt und verschwitzt und eng, und sie riechen nach Menschen, denen ihr Geruch gleichgültig ist. Sie kommen aus der ganzen Sowjetunion, sie haben begriffen, daß sie Hilfe brauchen, und irrten lange durch das medizinische Labyrinth, ehe sie schließlich, da ihnen niemand sonst helfen konnte, bei Karwassarski landeten.

Sein wichtigstes Arbeitsprinzip ist die therapeutische Gemeinschaft. Im »Rat der Kranken«, gebildet aus den zehn Stubenältesten - alle Patienten müssen diese Rolle einmal übernehmen -, üben sie das verlorene Selbstbewußtsein wieder ein.

Sogar im Arbeitskombinat treffen sich jeden Montagnachmittag um halb drei die Schizophrenen zu literarischen Debatten und Lichtbildervorträgen. Mittwochs lesen die Debilen sich und einander »Die Abenteuer des Huckleberry Finn« vor, oder sie machen, von Ärzten begleitet, Ausflüge bis nach Nowgorod.

Ein junger Psychologe der Neurosenstation entdeckte bei diesen Streifzügen durch die Wirklichkeit, daß sich die »kollektive Mentalität der Sowjetmenschen, ihre Beziehung zueinander, verändert hat. Die jüngeren vor allem nehmen viel aktiver am gesellschaftlichen Leben teil und drücken ihre Persönlichkeit viel aggressiver aus«.

Die älteren dagegen vergraben sich in der Vergangenheit und wiegen sich in Erinnerungen an früher: Früher, da war alles besser, da waren wir arm, aber stolz. Jetzt sind wir ohne Stolz und nur noch arm. »Passiv leben sie dahin und warten auf Erlösung, am liebsten durch ein Wunder samt Wundermann.«

Die zehn »schweren Neurotiker« (Karwassarski), die sich viermal wöchentlich bei ihm zur Gruppentherapie versammeln, in einem kleinen Raum, in dessen schweren Sesseln sie es sich mit ihren Erinnerungen unbequem machen, widersprechen diesem Befund.

»Das Gefühl des Kollektivismus steckt noch zu tief in uns drin, und deshalb wagen wir nicht, über unsere eigenen Probleme zu sprechen«, lamentiert ein junger Mann in blauem Pullover. »Wir sagen zu oft wir und nicht ich.« Schweigen. Auch die beiden jungen Psychologen sinnen seinen Worten nach. Niemand will damit anfangen, von sich und seinen Leiden zu erzählen.

»Die Gruppe hilft uns auch nicht«, klagt der Mann weiter, »alle tun so, als genüge es, dazusitzen und auf Heilung zu hoffen.« Seine Stimme zittert, gleich weint er, beschwert von unerfüllten Wünschen.

Es antwortet ihm niemand. »Wir haben nicht gelernt, einander zu helfen. Wir scheinen alle die gleiche Krankheit zu haben. Wir schauen nur zu, mitmachen kommt nicht in Frage.« Er ist verzagt und beleidigt, ohne Echo versinken seine Worte im Schweigen.

Trotzig setzt er seinen Monolog fort: »Die Menschen kümmern sich mehr um sich als um andere. Vertrauen ist gefährlich, Offenherzigkeit sinnlos. Man muß vorsichtig sein. Ich behalte meine Geheimnisse lieber für mich, seit ich betrogen wurde. Bisher war mein Prinzip, zu geben statt zu nehmen, jetzt leide ich.«

Er heißt Andrej und ist Arzt, neben ihm sitzen Lehrer, Künstler und Ingenieure, Arbeiter sind nicht unter ihnen, keiner ist älter als 40. Wenn sie könnten, würden sie sagen, was sie denken und fühlen?

Ihre stumme Mißbilligung verletzt Andrej, sie scheinen sich immer tiefer in ihre Trauer zu träumen. Die gesamte Sowjetunion scheint gekränkt vor sich hin zu schmollen.

Die Gruppe in Karwassarskis Station zweifelt an ihrer Macht, Mitmenschen aus der Patsche zu helfen. »Nicht mal mit Anteilnahme wäre das möglich«, sagt eine junge schöne Frau. Ganz zart versuchen die beiden Psychologen, die Blockade zu durchbrechen, vergebens.

»Ich glaube Andrej kein Wort«, sagt eine streng blickende Frau mit roten Haaren: »Schweigen ist Gold.«

»Können Sie uns was davon geben?« fragt der bärtige Psychologe. »Zu hohen Zinsen?«

»Nein«, sagt die Frau, »das ist mein Gold, mit dem lebe ich schon lange zusammen. Ich spreche lieber mit meinem Herzen.« Wahrhaftig, keiner kann dem anderen helfen. Verzweiflung verdunkelt das kleine Zimmer.

Alle Gruppentherapien werden nach zwei Monaten abgebrochen »und die Patienten sich selber überlassen«, sagt Karwassarski. Sie wagen sich wieder ans Leben, kommen ohne Medikamente durch den Tag und fürchten sich nicht mehr vor den Asylen.

Die Wunder, auf die im Bechterew-Institut alle hoffen, müssen nun die Psychiater vollbringen. An einem Leningrader Sommermorgen, grau, nicht blau, erörtern junge Ärzte die brennende Frage: Ist die russische Seele noch zu retten?

»So offen und eloquent, wie ich sie noch nie erlebt habe« (Karwassarski), werfen sich seine Schüler in die Diskussion; eine skeptische Reise ins Wunderland.

»Die Menschen wollen Wunder sehen, weil sich das Wunder Perestroika nicht erfüllt hat« - ein blonder Neurologe.

»Wir warten doch seit 72 Jahren auf ein Wunder, die Menschen sind wie im Schlaf« - ein Psychiater mit muskulösem Lächeln.

»Die russischen Menschen rechnen lieber mit einem Wunder, als die Dinge selber anzupacken« - ein glänzender blauer Anzug, Internist.

»Was früher richtig war, gilt heute als falsch. Deshalb werden auch wir Psychiater verdammt und die Schamanen wieder angebetet. Und wenn sie uns trotzdem vertrauen, dann nur deshalb, weil sie die Wunder von uns fordern« - ein Psychologe mit roten Backen.

Weise saugt Karwassarski das Gift aus den offenen Wunden: »Der russische Mensch neigt eben zum Wunderglauben.« Offensichtlich ist der Sowjetmensch, diese handlungsunfähige, unterdrückte und hörige Existenz, im Aussterben begriffen. Dem russischen Menschen, wie dem ukrainischen, dem baltischen oder georgischen, werden zur Seele auch Eigenschaften zugestanden, sogar nationale Mythen und Phantasien.

»Der einzige Ort für Menschen, die an Gott glauben, ist die psychiatrische Anstalt«, dieser Ordnungsruf des emeritierten Psychiaters Kurakin, früher Chefarzt des Leningrader Krankenhauses Nummer 5, empfinden die jungen Ärzte im Karwassarski-Seminar bloß noch als fossile Dummheit, sie lachen darüber: »Da müßte ja das ganze Volk in die Klinik.« Mehr haben sie dazu nicht zu sagen.

Das Jüngste Gericht der Säuberung ist vorüber, die Vergangenheit noch nicht.

Professor Ruslan Wowin, 62, Chef der Abteilung für biologische Therapie, glaubt nicht an Gott, sondern an die Götter der medizinischen Technik, beispielsweise an die Gewalt von Elektroschocks als eine der »wirksamsten Methoden zur Behandlung von Depressionen«. Sowohl die Depressionen als auch die Gehirnzellen sind nach den Elektroschocks nicht wiederzuerkennen.

Wowin sieht aus, als sei er bei sich selbst in Behandlung, so argwöhnisch lauert sein Blick auf Pannen und Fehler. Seine Fortschrittsbegeisterung wirkt ein wenig brüchig. »Nur selten« verordne er noch Elektroschocks, behauptet er plötzlich, und »nur auf Bitten der Patienten«.

Gewöhnlich kuriert er die 60 Männer und Frauen in seiner mit dicken Balkentüren verschlossenen Station, Menschen mit schweren Psychosen in offenen Formen, mit noch schwereren Neuroleptika, psychotropen Arzneien, »die das Nervensystem beeinflussen«. Wann immer sie außer sich sind, werden ihre Fluchtversuche in ein anderes Sonnensystem mit Psychopharmaka bekämpft, der Wahnsinn wird mit allen Mitteln zur Strecke gebracht.

Und so sehen sie auch aus, sie sehen überall so aus, wo man Menschen für gaga erklärt und einsperrt. Ein Junge im blauen Anstaltskittel stampft, steifer als ein Baumstamm, die toten Augen hinter den dicken Brillengläsern stumpf wie schwarze Spiegel, durch den Korridor. Depression? »Das Gegenteil: Wahnsinn.«

Ist er aus Holz? Er stampft durch die anderen Patienten hindurch, als stünden sie ihm nicht im Weg, als seien sie gar nicht vorhanden. Sie lassen sich rempeln ohne Regung. Sie betrachten den mit Menschen gefüllten Raum um sich und sind doch mit sich allein, sie spielen Schach mit einem Gegenüber, der so aussieht wie sie, und spielen doch nur mit sich selbst.

Da die Bilder, die sie ihren Ärzten liefern, nicht in deren Programm stehen, werden sie mittels Chemie ausgelöscht. Die »schweren Medikamente« legen ihr Leben still, schneiden sie ab von ihrer Biographie. Sie werden gehandhabt wie Maschinen, und Wowin ist ihr Maschinist.

Wowin spricht mit Leidenschaft von der »Erfüllung des wissenschaftlichen Plans«, seine Patienten müssen ihm helfen, den Plan zu erfüllen. Der Plan wurde vom Unionszentrum für Psychische Gesundheit und vom Moskauer Gesundheitsministerium bewilligt und sieht vor die »Erforschung von Fehlerzuständen, die sich im Entwicklungsprozeß endogener Psychosen bilden«. Die Fehlerzustände sind seine Patienten.

Wowin schüttelt seine weiße Mähne und läßt seine Augen funkeln - er kennt alle Tricks der Beeinflussung - und sagt: »Alles ist so stark politisiert heutzutage, sogar der Wahnsinn.« Anders als in »der schweren Zeit des Stalinismus« wüßten die Menschen heute nicht, was ihnen der nächste Tag beschert. Er klingt wehmütig; hat er Sehnsucht nach der schweren Zeit?

Auch das Bechterew, diese Insel der Seligen und Irren, schwimmt im Meer der Sowjetmacht. Auch im Bechterew-Institut behandeln Reformer und Dogmatiker gegeneinander.

Die Reformer verdammen Elektroschocks. Wowin wendet sie trotzdem an, »als letztes Mittel der Therapie«. Und mitten im Bechterewschen Reich öffnen Psychochirurgen sogar die Schädeldecken ihrer Patienten, »um das Gehirn zu verändern, obwohl das fragwürdig ist«. Doch auch Jurij Popow, Psychiater und künftiger Direktor, kann die Erfüllung des wissenschaftlichen Plans nicht aufhalten. 1908 verfaßte sogar der Gründer, Über-Ich des Instituts, eine »Chirurgie bei Geisteskranken«.

Der Chefarzt der Neurochirurgie, Professor Wladimir Schustin, 64, ist wie Wowin alte Schule, die Kranken unter seinem Besteck sind organisches Material. Schustin behauptet, das Leben der psychisch Kranken müsse »erleichtert werden, und sei es mit dem Messer«. 20 bis 40 Prozent aller Kranken seien mit Medikamenten nicht zu heilen, ein Zehntel dieser Minderheit wird bei ihm operiert.

Doch die beiden Epileptiker in ihren Betten auf seinem Flur fragen, »ob solche Operationen auch im Westen vorgenommen werden«. (Natürlich, auch Elektroschocks und andere Torturen.) Morgen sind sie an der Reihe, sie beteuern »auf eigenen Wunsch«.

Schustin operiert 20 Epileptiker jährlich, »sehr schwere Fälle«, er attackiert ihre Gehirne, trennt lebende Zellen ab, nach »60 bis 70 Prozent der Eingriffe« verschwinden die Anfälle; was vom Geist der Patienten übrigbleibt, geht ihn nichts an.

Gelegentlich operiert er auch psychische Störungen weg, fixe Ideen etwa oder Obsessionen wie peinigender Waschzwang, doch nie, »niemals befreien wir kriminelle Gewalttäter von ihrer Aggressivität. Das ist tabu in der ganzen Sowjetunion«.

Ehe Gorbatschow im März 1985 mit seiner Perestroika-Therapie in den sowjetischen Staatskörper eingriff, waren auch Depressionen tabu. »Das administrative Kommandosystem bestimmte sogar, welchen Geisteskrankheiten das Monopol zustand. Aus Depressiven wurden einfach Schizophrene gemacht.«

Professor Wladimir Kaschkarow, 56, zuständig für die Rehabilitierung der Kranken, erinnert sich genau, es passierte ja erst gestern: »Die Einführung der schleichenden Schizophrenie in die psychiatrische Praxis öffnete dem politischen Mißbrauch Tür und Tor.« Obwohl alle Psychiater sahen, daß die Hälfte der Schizophrenen nur »leichte Deformationen des affektiven Zustandes zeigten«.

Damals, unter Zar Leonid Breschnew, hielt die Sowjetunion den Rekord an Schizophrenen. Auf einen affektiv Kranken kamen 39 Schizophrene. (In den USA 1:13). Die Zentrale gab den Ton an: In Moskau waren 80 Prozent der Geisteskranken schizophren, in Leningrad nur 20 Prozent - »bei Patienten mit vergleichbaren Symptomen«.

Kaschkarow seufzt zufrieden: »Die Neigung, auf Schizophrenie zu erkennen, hat nachgelassen.« Heute, sagt er, »wird kein Fluch mehr über die Wahnsinnigen verhängt, heute werden sie ihrem sozialen Milieu wieder angepaßt«.

Im Bechterew weigern sich die Reformer unter den Psychiatern, Schizophrene in den für die lokalen Gesundheitsbehörden bestimmten Akten Schizophrene zu nennen, »um sowohl die Kranken als auch die Krankheit zu rehabilitieren«. Eingetragen werden statt dessen affektive Stimmungsschwankungen oder Zyklotemie. Oder, völlig unverfänglich, leichte organische Gehirnerkrankungen - wer mag schon eine Schizophrene heiraten?

Da psychische Krankheiten soziale Kontakte und Funktionen behindern, eine unauffällige gesellschaftliche Existenz also, wird dem Patienten bewiesen, daß er sich trotz seiner Behinderung, von der er weiß und die seine Verstörung noch verstärkt, erhobenen Hauptes in die Öffentlichkeit wagen kann.

Bei Museumsbesuchen am hellichten Tag, bei Exkursionen über Land inmitten gewöhnlicher Verkehrsteilnehmer erfährt er, ohne sich als Irrer zu erkennen zu geben, daß er nicht auffällt unter den sogenannten Normalen.

Die Station für rekreative Therapie ist Kaschkarows Labor: 60 Patienten, unter ihnen nur 15 Männer. Die Frauen sitzen auf ihren Betten, sie stricken oder starren aus dem Fenster, wehrlos überschwemmt von ihren Erinnerungen und Phantasien. Ihr Ich hat den Kampf aufgegeben.

An einem Tisch vor dem Speisesaal malen sich vier junge Frauen ihre Wahnbilder von der Seele, ein buntes Chaos aus Wasserfarben, schön anzuschauen. Alle vier sind schon durch viele Kliniken getaumelt, alle vier erzählen von verfehlter Liebe. Eine ältere Frau im bunten Kittel, seit 18 Jahren Lehrerin, versteht ihren Jammer nicht mehr. Sie hat, nach sechs Monaten bei Kaschkarow, ihre Depressionen überwunden, an denen sie seit drei Jahren leidet. »Jetzt geht es mir nicht wunderbar, aber gut.«

Auch die vier unglücklichen Liebenden sind Opfer ihres Wahns, sagt Kaschkarow, ihre Liebschaften sind »Phantome eines gestörten Nervensystems, Zwangsneurosen, die Ursachen liegen im Organismus begründet. Ihre Seelen sind krank, weil ihr Organismus krank ist«. Medikamente helfen, sie zu beschwichtigen; sogar bei ihm wird also mit Chemie gekämpft.

Selektiert und eingesperrt werden die »sozial unruhigen Kranken nicht mehr, dank Perestroika«, sagt Kaschkarow.

Jurij Popow, 50, ist der Perestroika-Psychiater im Bechterew-Institut, und also hat er den Entwurf eines neuen Psychiatriegesetzes schon drucken lassen. Popow, dessen große blaue Augen nichts von seiner Hartnäckigkeit wissen wollen, besteht darauf, »daß politische Abweichungen fortan keine Einweisung mehr rechtfertigen und psychiatrische Gutachten den Patienten nicht mehr benachteiligen dürfen«.

Dem Kranken, sagt Popow, »muß nach Maßgabe der Menschenrechte begegnet werden«.

Der Kranke soll »gesellschaftlich aufgewertet werden. Gewöhnlich ist die psychiatrische Diagnose sein sozialer Tod«. Popow kennt die Vergangenheit, er ist Kommunist und Volksdeputierter des Leningrader Newski-Bezirks. Bei den Wahlen im März 1989 schlug er den Ersten Parteisekretär Solowjow.

Jetzt muß er, was tausendmal schwieriger ist, auch noch Georgij Morosow besiegen, den Ehrenvorsitzenden des Sowjetischen Psychiaterverbands. Schafft er das, wird sein Entwurf womöglich diskutiert. Bis heute hemmen Morosow und seine orthodoxen Freunde in Moskau »künstlich die Beratungen im Obersten Sowjet«.

Nichts ist verächtlicher, als wenn Kommunisten Kommunisten Kommunisten nennen, und dennoch gestattet sich Popow Zweifel am Kommunismus.

»Vor der Revolution waren Geisteskranke geachtet, nie wurden sie mißhandelt oder beiseite geschafft. Nach der Revolution hieß die Losung, die alte Welt zerstören und eine neue aufbauen.«

Popow: »Wir haben alles zerstört und nichts aufgebaut.«

Die Politik gab vor, was geschehe, sei gut so. Kranke hätten da nicht ins System gepaßt. »Das führte dazu, daß der eine Teil des Volkes in Lagern verreckte und der andere Lieder über die Wunder des Sozialismus schmetterte. Alles Negative wurde von der Gesellschaft abgetrennt.«

Selbst Modest Kabanow, 64, Popows alter Direktor, saß wegen »antisowjetischer Agitation« fünf Jahre im Archipel Gulag gefangen. Von 1949 bis 1954, ein Jahr nach Stalins Tod. »Und dabei war ich überzeugter Kommunist«, sagt Kabanow.

Am Ende einer langen Laufbahn, 25 Jahre Herr über Bechterew, vermag er nur noch zu klagen, Hölderlin- und Nietzsche-Zitate leisten ihm Beistand. Er ist ein tragischer Tenor, der seine letzte große Arie singt: »Das Volk ist belogen worden und hat jegliches Vertrauen verloren. Überall Defizite, an Krankenzimmern, Ärzten, Medikamenten und an Moral.«

Er holt Atem, setzt sich zurecht und bereitet die vernichtende Diagnose vor: »Das Volk beherrscht nicht die Situation, die Situation beherrscht das Volk. Das Volk denkt, es fühlt vielmehr« - aber ist, was es fühlt, denn auch falsch? -, »es fühlt, nicht die Menschen, sondern die Psychiater sind schuld an seiner seelischen Not.«

Das Volk glaube nicht mehr an sich, zerstörerische Wut fresse die russische Seele auf, Nachwirkung, sagt Kabanow, der marxistischen Losung: Man muß das Geraubte noch einmal rauben.

Aus Neid, aus gemeiner Mißgunst - »lieber alle arm als einige reich« - zerstören Kolchosbauern den Besitz ihrer unabhängigen Nachbarn, brennen deren private Höfe ab und töten ihre Kühe.

Weltuntergang in den Augen, prophezeit Kabanow Anarchie und Terror im Land. »Die Sittlichkeit steckt im Sumpf!« Immer mehr debile Kinder würden geboren, trotz hemmungsloser Abtreibungspraktiken. Immer mehr Alkoholiker. Immer mehr Neurosen. Undsoweiter im apokalyptischen Text.

Und immer weniger Heilanstalten: In Leningrad wurde nach Kriegsende »nicht eine einzige« neue psychiatrische Klinik gebaut. Das Hochsicherheitshospital in der Arsenal-Staße 9, mitten in der Stadt, ist eine braunrote Backsteinburg der Zarenzeit. Anfangs Gefängnis, seit 1951 Krankenhaus »unter strenger Aufsicht«, Asyl für kriminelle Geisteskranke, lauter Männer, die Verbrechen verübten, ohne zu wissen, was sie taten.

130 Soldaten (und Soldatinnen) des Innenministeriums schützen sie und Leningrad voreinander. Bis zum 1. Juli 1989 bewachte das KGB Ein- und Ausgang der Patienten, seitdem befinden sie sich unter der etwas sichereren Obhut des Gesundheitsministeriums.

Vor Zeiten, also vor fünf Jahren, wurden 1100 Männer zwischen die dicken Mauern gezwängt, heute sind es nur noch 600. Die meisten Eingeschlossenen im blauen Drillich haben Morde begangen; 40 Prozent schwere Körperverletzungen, die übrigen Sexualdelikte, Brandstiftungen, Diebstähle.

Politische, die einmal »höchstens rund ein Prozent der Insassen stellten«, sagt Wiktor Stjaschkin, 44, der Chefarzt, Politische seien nicht mehr unter ihnen. Er spielt nervös mit seinem dicken Schlüsselbund.

In der Anstalt, er ist seit 1. Januar 1987 ihr Direktor, legte das KGB gern Dissidenten ab, erledigte Fälle, »eine Schweinerei«. Den widerspenstigen General Pjotr Grigorenko beispielsweise, vom 18. Juni 1964 bis zum 20. April 1965. Die Akte auf Stjaschkins Tisch beweist, daß Grigorenko gesund war. Seine Zelle, anderthalb mal zwei Meter, dient heute einem Psychologen als Büro.

Die letzten zwei Dissidenten entließ Stjaschkin auf Rat einer Gutachterkommission im Frühjahr 1990; sie waren mit Psychopathie und schleichender Schizophrenie eingeliefert worden. Danach kandidierte der eine für den Obersten Sowjet, der andere trat der Demokratischen Union bei, entschlossene Antikommunisten sind sie beide. Indem er diese sozialistischen Karrieren mit einem Lächeln kommentiert, zeigt Stjaschkin seine Gesinnung vor.

Alle seine Schutzbefohlenen erwarben den Jagdschein, so wird auch in der Sowjetunion das Zurechnungsunfähigkeitszeugnis genannt. 75 Prozent sind schizophren. Sie liegen durchschnittlich dreieinhalb Jahre bei ihm, und nur »sechs bis acht Prozent werden rückfällig und kehren zu uns zurück«.

Da Stjaschkin den neuen Kurs vertritt, fördert auch er die Eigenverantwortung der Kranken. Sein stärkster Widersacher, Georgij Morosow, der Psychiater der Psychiater, Chef des Moskauer Serbski-Instituts, glaubt hingegen, »daß alle Menschen krank sind und daß deshalb die Grenzen zwischen krank und gesund nicht bestimmbar sind«.

Er hat Courage, der Dr. Stjaschkin, er gewährt sogar, als einziger russischer Klinikchef, seinen Patienten den Zuspruch orthodoxer Priester, »wenn sie es wünschen«. Sie wünschen den geistlichen Trost, wann immer er sich ihnen bietet.

Dank der modernen Leningrader Gesinnung - und der Kunst der Chemie - regiert in der bedrängenden Enge der schmalen Zellen und der mit Betten gepflasterten Beobachtungsräume nicht Aufruhr, sondern heitere Gelassenheit. Weder fürchten die Wärter, sie sind unbewaffnet, die Patienten, noch kriechen die Patienten vor den Wärtern im Staub. Die Kranken nehmen sich die Freiheit, die Wärter als ihresgleichen zu betrachten.

Im schlammigen Klinikhof genießt eine Gruppe den Kontakt mit Himmel und Erde. Ein paar Männer spielen ein Gemisch aus Fuß- und Volleyball, andere füttern Tauben mit vom Regen aufgeweichtem Brot, einer betet einsam einen Fliederstrauch an.

Ein rotgesichtiger Blaukittel wirft einen Brief ins offene Fenster, er bittet um politisches Asyl. Das macht er jeden Tag. Stjaschkin sagt sanft: »Ein schizophrener Mörder, er will seine Tat nicht wahrhaben.«

Die Treppenhäuser sind vergitterte Fallen, die Schlösser dicke verrostete Antiquitäten, in alle Türen sind Gucklöcher gebohrt. Die Kranken werden nur nachts eingeschlossen, tags empfangen sie nach Belieben Besucher - »wir sind eine Klinik, kein Straflager«, sagt ein junger Psychiater.

»Unsere Patienten sind Kranke, keine gewöhnlichen Kriminellen. Vielleicht simulieren etwa 30 von ihnen irgendwelche auswendig gelernten Psychosen, die werden wir aber bald überführen.« Der Jagdschein entscheidet über Leben oder Tod, denn Mörder ohne psychiatrische Diagnose werden erschossen.

Ein älterer Mann tritt vor und erklärt seine Unschuld, blicklos, stimmlos, ichlos, seinen Vorwurf kann er nur flüstern: »Sie behaupten, ich hätte zwei Frauen getötet. Das ist Lüge. Ich bin seit sechs Jahren bei Ihnen, nehme meine Arznei und fühle mich wohl.« Noch ein Schizophrener, der aus seiner ersten Heilanstalt floh und zwei Frauen erstach, sagt der junge Arzt.

Der seit 22 Jahren eingesperrte siebenfache Mörder und achtfache Vergewaltiger wird vorgeführt: Seine Opfer waren alle blauäugig und verkrüppelt. Deshalb mußten sie sterben, sie waren unwürdig und behinderten die Verbesserung der menschlichen Natur.

Der kleine Mann, 51, mit struppigen Haaren und schweren Tränensäcken unter blauen Augen, seine Haut ist weiß und mehlig wie die Haut eines Bäckers, dieser zarte, empfindliche Mensch hält sich für einen Sendboten Gottes. Auf dem Tisch neben seinem Bett stapelt er die Intellektuellenzeitschrift Fragen der Philosophie. Seit 22 Jahren baut er an seinem eigenen Denkgebäude, einer »einheitlichen Philosophie, die ein globales logisches Feld erzeugt«.

Er will Gorbatschow behilflich sein, er ist der erste und einzige Mensch, der daran glaubt, daß Menschen einander helfen können. »Der Marxismus in den richtigen Händen ist eine starke Kraft«, sagt er, »aber ohne mein System des höheren Willens und der höheren Vernunft muß er scheitern.«

Ruhig, mit leiser Stimme entwickelt er seine Gedanken, er hat Ordnung in seinen Wahnsinn gebracht, seine eigene Ordnung; der junge Psychiater nennt das paranoide Schizophrenie.

Auf dem finsteren Flur kleben schwatzende Männer Dia-Schachteln zusammen, hinter ihnen, vor den vergitterten Fenstern, schwatzt der Fernsehapparat. Ein Dieb, ein Diebchen mit Froschaugen, den noch immer seine Kindheit im Waisenhaus gefangenhält, tritt vor. Er ist mit 31 Jahren ein Bub geblieben, debil, aber gutmütig. Nun versucht er, sich an sich zu erinnern. Demnächst wird er in ein gewöhnliches Krankenhaus nach Archangelsk entlassen und sicher bald frei sein.

Was wird er dann machen? fragen Stjaschkin und Kollegen. Was soll er arbeiten? Wo wohnen? Er hat Angst vor dem Leben jenseits der Gitter der Anstalt, die Gitter schützen ihn vor der Freiheit, der er nicht gewachsen ist. »Er wird«, sagt der junge Psychiater, »sofort wieder einbrechen und stehlen und wieder geschnappt werden und wieder bei uns landen.« Nicht der Kranke ist wahnsinnig, sondern die Gesellschaft, in der er lebt.

Das psychiatrische Krankenhaus Nummer 6, gleich neben den roten Türmen des Leningrader Alexander-Newski-Klosters gelegen - morgens und abends bimmeln die hellen Glocken -, hat in den asketischen Räumen einer Herberge für Mönche unterkriechen müssen. Der Speisesaal ist auch Behandlungsraum, in den Zimmern bleibt zwischen den Betten nur ein Spalt, 20 Zentimeter Privatheit.

Die Krankenschwestern, dicke Frauen mit Konditormützen auf den grauen Locken, verdienen im Monat 105 Rubel, für die es auf dem Kolchosmarkt höchstens fünf Kilo Tomaten gibt. Sie versuchen trotzdem, ihre Patienten zu lieben.

Dr. Alla Gurina, die vom Personal gewählte Chefin, eine junge Frau ohne politischen Makel, sagt stolz: »Wenn wir unter diesen armseligen Bedingungen sogar Kranke heilen können, heißt das doch was.« Nämlich? »Wir sind keine schlechten Psychiater.« *HINWEIS: Im nächsten Heft Das Ur-Paradox der Sowjetmenschen: Sie liebten Stalin, obwohl er ihre Verwandten töten ließ - Konjunktur für Wundertäter und Scharlatane - »Ihr müßt euren Charakter ändern, damit die Welt sich ändert«

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