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FRANKREICH Gesicht verändert

Eine Legende starb: Revolutionsheld Drouet, der angeblich Ludwig XVI. fing, steht als Versager da. *
aus DER SPIEGEL 12/1988

Der kleine Postmeister war ein großer Patriot. Generationen junger Franzosen lernten aus ihren Geschichtsbüchern, wem das Land es zu verdanken hatte, daß der Bourbonenkönig Ludwig XVI. im Juni 1791 auf der Flucht geschnappt wurde, so daß man ihn zwei Jahre später köpfen konnte: dem Bürger

Jean-Baptiste Drouet, Postmeister im Argonnenstädtchen Sainte-Menehould.

Der vorbildliche Republikaner Drouet soll den inkognito reisenden Monarchen beim Pferdewechsel an Hand eines Vergleichs mit dem Königs-Konterfei auf den Geldscheinen identifiziert haben; zwei Stationen später, in Varennes-en-Argonne, konnte er dann gefaßt werden.

»Monsieur Drouet, Sie haben das Gesicht der Welt verändert«, so würdigte später der große Napoleon den Königsfänger, und er meinte damit: Wäre Ludwig XVI. die Flucht geglückt, hätte das dem Kampf des alten Europa gegen die Revolution Aplomb gegeben. So aber wurde der Königsmord zum Blutsiegel der neuen Zeit.

Napoleon beförderte den Postmeister Drouet denn auch zum Chef der Unterpräfektur von Sainte-Menehould und erhob ihn zum Ritter der Ehrenlegion.

Der Ruhm, den Gang der Weltgeschichte mitbestimmt zu haben, blieb dem Postmeister erhalten. Erst jetzt, da sich Frankreich mit Hunderten von Publikationen auf eine Orgie von Festlichkeiten zum 200. Jahrestag der Großen Revolution von 1789 einstimmt, enthüllt ein Forscher, daß die Tat des wackeren Drouet eine Legende, er ein Feigling und Versager war, den nicht patriotischer Eifer, sondern banale Existenzangst beflügelte.

Michel de Lombares, ein Historiker und früherer Generalstabsoffizier, hat die Flucht der Königsfamilie von Paris in den Osten des Landes, wo königstreue Truppen sie erwarteten und ins rettende Ausland geleiten sollten, Stunde für Stunde nachgezeichnet _(Michel de Lombares: »Enquete sur l''echec ) _(de Varennes«. Librairie Academique ) _(Perrin, Paris; 240 Seiten; 120 Franc. ) . Warum, so fragt er, haben Historiker noch nicht »aufgeschrien, daß Drouet frech gelogen hatte«?

Als nämlich die beiden Kutschen mit dem König, der Königin Marie-Antoinette, dem Thronfolger und wenigen Begleitern am 21. Juni 1791 gegen acht Uhr abends vor dem Posthaus von Sainte-Menehould zwecks Pferdewechsel anhielten, erkannte Drouet, damals 28, die Königsfamilie mitnichten. Er gab den Reisenden frische Pferde, elf Stück.

Die Kutschen fuhren sogleich weiter, die Flüchtlinge waren guter Dinge. Denn der Ort Varennes, wo in einem Versteck 100 loyale Husaren ihrer warteten, lag nur noch ein paar Wegstunden östlich, die Flucht schien geglückt.

Unmittelbar nach Weiterfahrt brach über Sainte-Menehould und dem armen Postmeister Drouet die Welt zusammen: Postillions aus Paris berichteten über Gerüchte, in den Kutschen säßen flüchtige Aristokraten, womöglich gar die Königsfamilie - und Sainte-Menehould hatte sie entkommen lassen!

Der Postmeister wurde gerufen. Er versuchte, sich herauszureden: Er sei erst kurz vor Weiterfahrt der Fremden von der Feldarbeit heimgekommen und habe die Reisenden gar nicht richtig gesehen - was nicht zutraf: Er war beim gesamten Pferdewechsel dabeigewesen, er hatte den Passagieren ins Gesicht geblickt.

Ob er sich denn die Pässe nicht habe zeigen lassen, wie die Vorschrift es verlange, fragten ihn Gemeinderäte.

Nein, die Pässe hatte er sich nicht zeigen lassen und dennoch frische Pferde zur Verfügung gestellt, also Beihilfe zur Flucht geleistet, ein eindeutiges Dienstvergehen, angesichts der begünstigten Personen aber mehr: ein Staatsdelikt.

Drouet mußte auf Bestrafung gefaßt sein, sofern es ihm nicht gelang, sein Versagen wiedergutzumachen. Da er noch frische Pferde in seiner Station hatte und als früherer Dragoner gut reiten konnte, warf er sich in den Sattel.

In Varennes veranlaßte er die Behörden zu tun, was er selbst in Sainte-Menehould versäumt hatte: sich die Pässe der Reisenden zeigen zu lassen. Die Angst vor der erwarteten Strafe »macht ihn sehr ''patriotisch''«, schreibt Lombares.

Obschon die - auf falsche Namen ausgestellten - Pässe gültig schienen, reichte Drouet die Strafdrohung, unter der er selbst stand, gleich an die Leute von Varennes weiter: »Wenn ihr sie fahren laßt, macht ihr euch des Verrats schuldig.«

Die Reisenden werden gezwungen, ihre Fahrt zu unterbrechen, die Einwohner von Varennes laufen zusammen, die Sturmglocke wird geläutet. Die wartenden Husaren erhalten aufgrund verschiedener Versäumnisse und Irrtümer keinen Befehl, die Flüchtlinge herauszuhauen, die Flucht ist gescheitert.

Die Königsfamilie muß unter Bewachung nach Paris zurück. Als sie Sainte-Menehould wieder passiert, ist Drouet schon da, läßt sich als Held feiern, der die Flucht gestoppt hat, und spielt diese Rolle, von seiner Gemeinde unterstützt, fortan für 200 Jahre in allen Geschichtsbüchern der Nation. Was Wunder, daß _(Im geschmückten Wagen rechts: Drouet. )

es sich Drouet nicht nehmen läßt, selbst seine Beute nach Paris zurückzueskortieren. Ein zeitgenössischer Stich zeigt ihn, wie er in girlandenumkränztem Wagen hinter der Königskutsche in die Hauptstadt einzieht. Spontan beschenkt die dankbare Nationalversammlung den Triumphator mit 30 000 Livres in Gold.

Zum Chef der Nationalgarde von Sainte-Menehould und Abgeordneten des Pariser Nationalkonvents aufgestiegen, stimmte Drouet 1793 für die Hinrichtung Ludwigs XVI. - doch dann verließ ihn das Glück. Die Österreicher nahmen ihn gefangen, im Verhör sagte er die - ihm nunmehr nützliche - Wahrheit: Er habe den König gar nicht erkannt, vielmehr habe eine Botschaft aus Paris die Identität der Reisenden enthüllt. Und die Verhaftung in Varennes habe er den dortigen Behörden überlassen.

So erklärt es sich, daß Jean-Baptiste Drouet unbeschadet seiner Legende als Revolutionsheld bei der Restauration der Monarchie 1814 ungestraft davonkam. Er verlor lediglich seine Unterpräfektur, Napoleon gab sie ihm - für seinen Schwiegersohn - zurück, als der Korse 1815 noch mal für 100 Tage Kaiser war.

Autor de Lombares über Drouet: »Seine ganze Persönlichkeit läßt keinen Zweifel zu: Der Instinkt, seinen Kopf zu behalten, hatte ihm die Flügel gemacht, die ihn nach Varennes trugen.«

Michel de Lombares: »Enquete sur l''echec de Varennes«. LibrairieAcademique Perrin, Paris; 240 Seiten; 120 Franc.Im geschmückten Wagen rechts: Drouet.

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