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Sowjetunion Gesicht verloren

Drei Millionen Sowjetbürger sind obdachlos, acht Millionen arbeitslos, 43 Millionen leben in Armut. Und es werden immer mehr.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Witalij Bojko, 48, promovierter Biologe, lebt seit drei Jahren auf einer Mülldeponie. Er hat ein halbes Hundert Flaschen auf den Straßen von Minsk gesammelt, für die er bei der Annahmestelle für Leergut zehn Rubel Pfand bekommt. Das reicht ein paar Tage zum Leben.

Ein Obdach hat er sich aus Holzkisten, Brettern und weggeworfenen Möbelstücken gebaut: knapp drei Meter lang, eineinhalb Meter breit und so niedrig, daß er nur auf Knien seine Schlafstätte aus Lumpen erreichen kann.

Bojko ist einer jener 43 Millionen Sowjetbürger, die nach amtlicher Statistik am Rande der Armutsgrenze oder darunter leben. Bettler bevölkern die Straßen sowjetischer Großstädte, darunter auch Kinder. Laut Albert Lichanow, dem Vorsitzenden des sowjetischen Kinderfonds, werden jährlich 900 000 heimatlos herumstreunende Minderjährige von der Miliz aufgegriffen.

Menschen übernachten in U-Bahnhöfen und Belüftungsschächten, sogar abgemusterte Offiziere wurden dort schon gesichtet. In der UdSSR gibt es schätzungsweise drei Millionen Obdachlose, jeder fünfte ist eine Frau, zwei Prozent haben einen Hochschulabschluß wie Bojko.

Galt das 1902 von Maxim Gorki literarisch verewigte »Nachtasyl«, wo man für fünf Kopeken auf einer nackten Pritsche übernachten konnte, im amtlichen Verständnis der letzten sieben Jahrzehnte als kapitalistisches Übel, so fehlt Tausenden, die allnächtlich in Moskaus Bahnhöfen auf einer ausgebreiteten Zeitung schlafen, selbst diese bescheidene Herberge.

»Armut ist eine Realität, unsere nationale Tragödie«, schrieb die Komsomolskaja prawda. 15 Prozent der 287 Millionen Sowjetbürger haben mit einem Monatseinkommen von 75 Rubel nicht genug zum Leben, berechnete das Reformblatt Moskowskije nowosti. In der Baumwoll-Republik Tadschikistan an der sowjetisch-afghanischen Grenze betrifft dies 58,6 Prozent der Bevölkerung.

Ein Drittel der Aserbaidschaner lebt unter dem Existenzminimum. In der Russischen Föderation sind es gut sechs Prozent, im Baltikum immerhin drei. Die tatsächliche Bilanz könnte noch negativer ausfallen, denn eine genaue Berechnungsgrundlage - der Warenkorb - fehlt in der sowjetischen Statistik.

Angesichts solcher Zahlen stuften in einer Meinungsumfrage drei Viertel aller Befragten ihren Staat nur noch als Entwicklungsland ein. Schon gibt es 8 Millionen Arbeitslose, aber keinerlei Unterstützung; bis zur Jahrtausendwende können 17 Millionen Menschen durch Rationalisierung ihren Arbeitsplatz verlieren.

Die Verelendungstheorie von Karl Marx findet ihre Bestätigung im Sozialismus sowjetischer Prägung, doch die Behörden fühlen sich machtlos. Wiktor Kasnatschejew, Sozialminister der Russischen Föderation, erklärte jüngst, Rentenzahlungen verschlängen 97 Prozent seines Budgets - nur der Rest bleibt für soziale Einrichtungen.

Die Not einzugestehen fällt besonders denen schwer, die sie von Amts wegen verwalten müssen. Soziales Elend »gibt es bei uns nicht, weil es so etwas nicht geben darf«, trifft ein Mitarbeiter der Abteilung für Sozialversorgung beim sowjetischen Arbeitskomitee eine in der Öffentlichkeit verbreitete Stimmung.

»Viele Jahre hat man den Leuten eingeredet, Obdach- und Mittellose seien selbst schuld an ihrem Zustand«, klagt Natalja Djatschenko, Vorsitzende des erst vor zwei Jahren gegründeten Wohlfahrtsverbandes »Milosserdije« (Barmherzigkeit) - ein Name, der in der Parteisprache nicht vorkommt. Der private, gemeinnützige Verein hat in vielen sowjetischen Städten Suppenküchen eingerichtet.

Mittlerweile liegt dem Obersten Sowjet der Antrag vor, kostenlose Mahlzeiten für »inflationsgeschädigte Menschen« auszugeben. Zu den Suppenküchen sollen nur Rentner Zutritt haben, so wollen es vorerst die Behörden - und sei es auch nur, um das Ausmaß des sozialen Mißstandes optisch zu relativieren.

Die Alten in der UdSSR trifft die Unterversorgung in der Tat am stärksten: Auf 100 Menschen im arbeitsfähigen Alter kommen 37 Rentner, 59 Millionen im ganzen Land, fast ein Fünftel der sowjetischen Bevölkerung. In den wenigen Altenheimen fehlen oft Kanalisation und fließendes Wasser. Das Leningrader Fernsehen schockte die Zuschauer mit einem Bericht über ein Pflegeheim, in dem eine Krankenschwester 25 Bettlägerige zu versorgen hat.

Am 1. Oktober wurden die Alters- und Invalidenrenten auf mindestens 70 Rubel im Monat (offiziell: 200 Mark) erhöht. Renten für Personen, »die aus unterschiedlichen Gründen nicht gearbeitet haben«, wurden erstmals vorige Woche beschlossen. Das betrifft vor allem Frauen; in der UdSSR gibt es keine Hinterbliebenenrente. Feofanija Pleschko, 88: »Wir haben das Land aufgebaut. Nicht einmal im Alter dankt uns einer, daß wir uns dafür kaputtgeschunden haben.« Sie bezog bislang 35 Rubel (100 Mark) im Monat, soviel kosten drei Kilo Tomaten auf dem Markt.

Sie meidet die Öffentlichkeit, wie der Minsker Müllkippenbewohner Bojko: Nach anhaltendem Streit mit Angehörigen in der kleinen Zweizimmerwohnung griff er zur Flasche, verlor seine Arbeit, seine Frau warf ihn aus der Wohnung.

Bojko hat keinen Anspruch auf ein eigenes Zuhause. Das Meldegesetz aus dem Jahre 1932 zwingt die Bürger bis heute, dort zu leben, wo sie arbeiten. Folglich verletzte Bojko nach seiner Übersiedlung auf die Halde die polizeiliche Meldeordnung und landete für Monate im Gefängnis.

Laut Statistik kommen zwei von drei Obdachlosen irgendwann ins Gefängnis, sind mithin »Kriminelle": Das System greift die Schwächsten an, um seine eigene Unzulänglichkeit zu verschleiern. Der stellvertretende Innenminister von Usbekistan, Didorenko, widerspricht der Statistik: Meist hätten »tragische Umstände« zum Verlust des »sozialen Gesichts« geführt, und »selten kommt es zu echten Straftaten«.

Solche tragischen Umstände, die in die Armut führen, fürchten viele, die noch über Lohn und Brot und Wohnung verfügen, wenn demnächst die Preise freigegeben werden und die Massenarbeitslosigkeit um weitere Millionen zunimmt.

»Zwischen dem Durchschnittseinkommen und dem Existenzminimum liegt nur eine Handbreit«, meint der Journalist Witalij Krawtschuk, »wer weiß, wen es morgen trifft.«

Jüngstes Umfrage-Ergebnis: Mehr als die Hälfte aller Sowjetbürger wagten es nicht mehr, Zukunftspläne zu machen. f

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