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KIRCHE / BISCHOF PIKE Gespräche mit Jimmy

aus DER SPIEGEL 46/1967

Vor Millionen Fernseh-Zuschauern V suchte der amerikanische Bischof James A. Pike, 54, Kontakt mit dem Jenseits -- durch ein spiritistisches Medium in einer Tele-Sitzung.

Im gleißenden Licht des TV-Studios ließ sich Medium Arthur Ford, 71, die Augen verbinden und versank in Trance. Dann begehrte Bischof Pike Nachricht von seinem Sohn Jimmy, der sich voriges Jahr, kurz nach seinem 22. Geburtstag, in einem New Yorker Hotel erschossen hatte.

Via Ford versicherte der Verblichene den Vater ewiger Sohnesliebe. Und der prominente Prälat glaubte die Botschaft. Er habe, bekannte Pike, in den letzten Monaten wiederholt mit Jimmy medial gesprochen.

Es war das erste Mal, daß sich ein Kirchenfürst in aller Öffentlichkeit mit einem Medium einließ. Aber für James A. Pike war der Auftritt nichts Außergewöhnliches. Wie kaum ein anderer Bischof Christi erregt der zierliche Kalifornier schon seit Jahren Aufsehens.

An Publizität übertrifft Pike sogar den Evangelisten Billy Graham ("Das Maschinengewehr Gottes"). Im Gegensatz zu seinem Freund Graham weckt Pike jedoch Zweifel am Katechismus. Die offenbarten Lehren von Gottvater und -sohn lehnt er ab; dafür will er Glauben jetzt »empirisch« begründen -- etwa durch mediale Phänomene wie die Gespräche zwischen Pike-Vater und Pike-Sohn.

Dem »augenfälligsten Zweifler unserer Zeit« widmete das Nachrichten-Magazin »Time« eine Titelgeschichte »Ketzer oder Prophet?«. Bischöfe wollten den geweihten Kirchenrebellen als Häretiker verurteilt sehen. Aber bislang scheuten die Episkopalen vor einem Prozeß gegen jenen Mann zurück, der »die religiöse Unruhe des Jahrhunderts verkörpert« ("Christ und Welt").

Der unruhige Pike wuchs im Schoß der römisch-katholischen Kirche auf. Er wollte Priester werden -- nach zwei Jahren Jesuiten-Kolleg gab er Berufswunsch und Glauben auf. Er studierte Jus in Vale und wurde -- mit 25 -- einer der jüngsten der am Obersten Bundesgerichtshof in Washington zugelassenen Rechtsanwälte.

Erst im Zweiten Weltkrieg sah sich Pike -. er diente bei der Abwehr -- wieder »der großen Frage« nach dem Sinn des Lebens konfrontiert. Er wurde Mitglied der Episkopal-Kirche. ließ seine -- zweite -- Zivilehe nachträglich einsegnen und entschloß sich endgültig zum geistlichen Beruf. Als »Fernseh-Pfarrer Pike« erlangte er nationale Berühmtheit.

Pike gehört der Episkopal-Kirche an. einem Zweig der anglikanischen Kirche Amerikas.

Durch die TV-Röhre predigte der liberale Kleriker gegen den Kommunistenjäger Joe McCarthy und legte sich mit New Yorks Kardinal Speilman wegen der katholischen Filmzensur an. Pike propagierte die Geburtenplanung und verhöhnte die von Rom einzig zugelassene Verhütung durch periodische Enthaltsamkeit (Knaus-Ogino) als »römisches Roulette«.

Gewählt und geweiht zum Bischof von Kalifornien wurde Pike 1958; zwei Jahre später geriet er in den Bann der radikalen Theologie, die Bibel und Glauben von Mythen entrümpeln will. Pike entmythologisierte so gründlich, daß nur noch der »Glaube an eine kosmische Kraft, die unserer Entwicklung Sinn und Richtung gibt«, übrigblieb. Pike: »In meinen Gebeten gebe ich Gott keinen Namen.«

Dafür nannte er Irdisches beherzt beim Namen. Nackedeis und Philosophie des »Playboy« verteidigte Pike mit den Worten »Sex macht Spaß«. »Oben ohne«-Kellnerinnen in San Francisco lobte der Bischof mit einem Zitat aus dem Alten Testament: »Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, wie Zwillinge einer Ricke« (Hoheslied 7, Vers 4). Im Hippie-Kult sah er »irgend etwas Gutes«. Von Präsident Johnson forderte er die Veröffentlichung der geheimen Dokumente zum Kennedy-Mord. Pike wurde Amerikas Pop-Theologe.

Von seiner Kirche gedrängt, verzichtete Pike schließlich auf sein Amt -- nicht aber auf den Titel. In seiner Abschiedspredigt erklärte sich der Hirte ohne Herde außerstande, »die Existenz eines allmächtigen, allwissenden, allgütigen Gottes zu bestätigen«.

Auf der letzten Episkopal-Konferenz im September trug Pike sein Bekenntnis als Blech-Abzeichen im Knopfloch: »I believe in life after birth« -- ich glaube an ein Leben nach der Geburt.

Doch so kleingläubig war der Bischof schon längst nicht mehr. Pike glaubt an Geister, denn nur so kann er sich eine Reihe spukhafter Vorfälle erklären, die sich unmittelbar nach dem Tode seines Sohnes Jimmy in des Bischofs Wohnung ereigneten.

Aufgezogene Uhren blieben stehen -- die Zeiger standen auf 8.19 Uhr. Morgens fand Pike überall im Zimmer seltsam verbogene Sicherheitsnadeln -- wie Zeiger um 8.19 Uhr. Messer und Gabel lagen im Zeiger-Winkel von 8.19 -- der Todesstunde Jimmys.

Pfarrer David Barr, der bei Pike wohnte, bestätigte die »ungeklärten Phänomene": »Entweder spielte uns ein Verrückter einen Streich, oder das alles geschah wirklich.«

Für Pike geschah es wirklich. »Jimmy«, so sagte er im Fernsehen, »will uns offenbar davon überzeugen, daß es ein Weiterleben nach dem Tode gibt.«

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