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Ungarn Gestank des Satans

Vor der feierlichen Rückführung des toten Kardinal Mindszenty nach Ungarn tobt ein erbitterter Konflikt um seinen letzten Willen.
aus DER SPIEGEL 15/1991

Tibor«, ermahnte Kardinal Primas Jozsef Mindszenty seinen Sekretär Monsignore Meszaros, »meine sterblichen Überreste sollt ihr nur dann nach Ungarn bringen, wenn auch der letzte Sowjetsoldat meine Heimat verlassen hat.«

Der unbeugsame Antikommunist Mindszenty, 1956 nach dem Zusammenbruch des Volksaufstandes für 15 lange Jahre in die amerikanische Botschaft in Budapest geflüchtet und im Mai 1975 in Wien gestorben, gilt den gläubigen Ungarn bis heute als Märtyrer; Zehntausende pilgern jedes Jahr nach Österreich an sein Grab im Dom von Mariazell.

Doch nun, am 3. Mai, soll die Gruft geräumt, sollen die Überreste des populären Kirchenmanns mit größtem Pomp im Heimatboden neu bestattet werden - nur einen Monat bevor, laut Staatsvertrag mit den Sowjets, der letzte russische Soldat Ungarn verlassen hat.

Wer den Termin festlegte, ist unklar. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz beruft sich auf einen Beschluß der Mindszenty-Stiftung im liechtensteinischen Vaduz, die den Ertrag aus den Kardinals-Memoiren verwaltet. Und die Stiftung verweist auf das schriftliche Testament vom 17. November 1973: _____« Wenn über dem Land Marias und des heiligen Istvan der » _____« Stern des Moskauer Unglaubens untergegangen ist, soll » _____« mein Leichnam in die Gruft der Basilika von Esztergom » _____« gebracht werden. »

Der große rote Sowjetstern auf dem Parlament in Budapest, argumentieren die Heimschaffer, sei schon vor Monaten abmontiert worden, mithin untergegangen; der letzte Wille des Kardinals sei nun also zu erfüllen.

Sekretär Meszaros, mittlerweile 74 und im Schweizer Exil gelegentlich als Spitalseelsorger aktiv, nennt die geplante Umbettung dagegen - weil sie die ihm gegenüber gemachte mündliche Testaments-Ergänzung mißachte - ein »pietätloses Vergehen, in der Nähe einer Leichenschändung«.

Die ungezügelte Wut des Geistlichen richtet sich nicht nur gegen die Mindszenty-Stiftungsräte, die sich, bis auf einen, über alle Einwände gegen die vorzeitige Überführung hinwegsetzten. Sie zielt auch auf den Regisseur des Zeremoniells, den derzeitigen Kardinal Primas von Ungarn, Laszlo Paskai, 63.

Der inszeniert nämlich schon den zweiten Versuch, Mindszenty heimzuholen. Am 6. Juni letzten Jahres, berichten Mitglieder der Meszaros-Gruppe angewidert, sei Paskai unangemeldet mit drei Wagen in Mariazell vorgefahren: »Wo liegt er?« habe er gefragt und verkündet: »Wir nehmen ihn gleich mit.« Doch der forsche Ton verfehlte seine Wirkung; Paskai samt Begleitung mußten unverrichteter Dinge umkehren.

Nicht erst seit diesem Vorfall ist Paskai für die erzkonservativen Mindszenty-Getreuen ein »Verräter«, der sich mit dem Regime arrangierte. Sie kreiden ihm besonders an, daß er den verstorbenen Kardinal öffentlich für das jahrzehntelange tiefe Zerwürfnis zwischen Kirche und Staat in Ungarn verantwortlich machte. Der verhaßte KP-Chef Matyas Rakosi, gab Paskai 1986 in einem Interview zum besten, habe in _(* Vier Tage bevor der Kardinal in die ) _(Budapester US-Botschaft flüchtete. ) den fünfziger Jahren »den Dialog mit dem Vatikan« aufnehmen wollen: _____« Aber Mindszenty war der Meinung, das kommunistische » _____« Regime wäre nur eine Frage der Zeit und nach ein paar » _____« Jahren wieder aus der Machtposition gedrängt. . . . » _____« Dieser folgenschwere Irrtum hat die katholische Kirche » _____« Ungarns fast alles gekostet, fast alle Orden und Schulen » _____« und die meisten Institutionen.« »

Tatsächlich trieb die Sturheit des Kardinals seinerzeit auch den Vatikan zur Weißglut. Sein freiwilliges Exil in der Budapester US-Botschaft, eine Provokation für das Regime, verließ er erst 1971 - auf ausdrücklichen Befehl des Papstes. Kaum in Rom, legte er sich mit Vatikan-Außenminister Casaroli an, der sich um ein Arrangement mit den Kommunisten bemühte. Schließlich zog er sich verbittert nach Wien zurück. Den Exil-Ungarn in aller Welt, die er fortan fleißig besuchte, verbot er ausdrücklich zurückzukehren, solange die »Zerstörer der Nation« am Ruder seien.

Nach dem Tod des Patriarchen arbeiten seine Vertrauten im gleichen Geist weiter. In ungarischen Exil-Schulen und in Emigranten-Zirkeln, in Zeitschriften und auf Wallfahrten nach Mariazell pflegten sie gleichermaßen die Treue zum rechten Glauben wie den Stolz auf die ungarische Nation - das rumänische Siebenbürgen, ein Teil der Ukraine und ein schönes Stück Slowakei ("Oberungarn") selbstverständlich inbegriffen.

Die Magyaren, so predigen die ausgewiesenen Gottesmänner unentwegt, müßten »wieder ein christliches Bollwerk gegen die slawischen Barbaren« werden. Kardinal Mindszenty, als Primas traditionell eine Art Vizekönig, wurde zum überlebensgroßen Vorkämpfer dieses chauvinistischen Konzepts. Und die Habsburger zu seinen Hoffnungsträgern.

Daß nun ausgerechnet eine Durchlaucht, Erzherzog Rudolph von Österreich, als Vorsitzender der Mindszenty-Stiftung führend am Umbettungs-Zirkus beteiligt ist, stürzt die Kardinals-Bewunderer in schwere Konflikte: Die einen möchten »schonend mit dem unbegabten Menschen Rudolph« umgehen und ihn »zum freiwilligen Rücktritt bewegen«, andere wollen ihn und weitere Stiftungsräte, darunter zwei Cousins und einen Neffen des Erzherzogs, Prinz Michael von Liechtenstein, per Gerichtsbeschluß aus dem Amt kippen.

Als Hebel soll die undurchsichtige und anscheinend auch statutenwidrige Geschäftsführung dienen.

So ist es nicht ungewöhnlich, obwohl nach Ansicht von Mindszentys einstigem juristischen Berater »vollkommen unzulässig«, daß Stiftungsräte stellvertretend für abwesende Kollegen votieren.

Unseriös wird, so der 92jährige Rechtsanwalt, der bis vor kurzem die Buchhaltung besorgte, auch mit den Finanzen jongliert. Mit dem Stiftungszweck sei »nicht zu vereinbaren«, Einzelpersonen zu unterstützen. Mindszenty habe seine Memoiren-Tantiemen und weitere Mittel - insgesamt bisher rund 1,5 Millionen Schweizer Franken - dem »seelischen Wohl der ungarischen Jugend« gewidmet.

Als Bankier in Brüssel ohne enge Verbindungen zu Ungarn und deshalb bei seinen guten Werken ziemlich ratlos, vertraute der Stiftungspräsident einen großen Teil des Geldes der Einfachheit halber Pater Janos Szöke an. Dieser Mitarbeiter der Ostpriesterhilfe des hochdekorierten Antikommunisten und Mindszenty-Stiftungsrates »Speckpater« Werenfried van Straaten, rechnete über die Franken jährlich nur »mündlich gegenüber dem Präsidenten« ab. Nach vergeblichen Protesten stellte der langjährige Buchführer sein Amt zur Verfügung.

Über den richtigen Gebrauch des Geldes gibt es 1991 erstmals seit langem keine Verlegenheit. »Auf Bitten der Ungarischen Bischofskonferenz« setzt der Stiftungsrat alles für Mindszentys Heimschaffung ein. Und wenn das nicht reicht, soll der Vorsitzende auf »Reserven aus den Einkünften der zwei vorhergehenden Jahre« zurückgreifen, heißt es im Protokoll.

Das brachte die Mindszenty-Getreuen so in Rage, daß sie jetzt den Liechtensteiner Staatsanwalt auf die hochadligen Stiftungsräte und ihre geistlichen Helfer hetzen wollen.

In Ungarn warnen sie derweil die »lieben ungarischen Geschwister« nach der Messe zehntausendfach per Handzettel vor den »Friedensbischöfen« um Paskai. Und sie rufen mit mächtigem Pathos dazu auf, deren »schändlichen Absichten« entgegenzutreten.

Am 28. April will Tibor Meszaros in Mariazell, vor der, wie er hofft, versammelten Weltpresse, zum letzten Gefecht für seinen ehemaligen Vorgesetzten antreten, um die neuen dunklen Wolken zu vertreiben, die sich »über unserer Nation türmen«.

Die ungarische Regierung, wiewohl seit Wochen von protestierenden Ausland-Ungarn bedrängt, mag sich in die »rein kirchliche Angelegenheit« nicht einmischen.

Wie auf den Krach um den toten Kardinal gemünzt, schrieb Mindszenty-Stiftungsrat van Straaten im März in seinem frommen Traktat »Echo der Liebe": »Für die jetzt erforderlichen Exorzismen braucht niemand eine Sondergenehmigung . . . Niemand braucht deswegen nach Rußland zu reisen, der Gestank Satans vergiftet die Seelen ebensosehr im Westen wie im Osten.« o

* Vier Tage bevor der Kardinal in die Budapester US-Botschaftflüchtete.

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