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KOLLABORATEURE Gestatten, Hochverräter

aus DER SPIEGEL 43/1968

Am 50. Tag der Besetzung sammelte sich das, was die Besatzer »die gesunden Kräfte der Partei« nannten. Prags Kollaborateure trafen sich, unter dem Schutz von vier Sowjet-Panzerfahrzeugen, im Gasthaus »Cechie des Arbeiterviertels Prag-Liben. Erst bezeichneten sich die Versammelten als »Altkommunisten von Prag-Liben«, dann -- nachdem sie trotz strenger Kontrolle der Eintrittskarten auf über 300 gewachsen waren -als »Altkommunisten von Groß-Prag«. Am Vorstandstisch saßen vorwiegend Ehemalige: Ex-Landwirtschaftsminister Mestek, 61, der Ex-Generaldirektor der Prager Maschinen-Fabrik CKD, Kapek, 46, Ex-Parteiverlagsdirektor Innemann, dazu der Kunstmaler Emanuel Famira, 68, und ZK-Mitglied Jodas, Einberufer des Altgenossen-Treffens und Verfasser jenes Briefes, mit dem 60 Arbeiter der Autofabrik Praha im Juli die Sowjet-Manövertruppen zum Verweilen in der CSSR eingeladen hatten. Für die Verwehenden saß Oberstleutnant Korolenko mit drei weiteren Sowjetoffizieren am Vorstandstisch. Jodas eröffnete das Treffen in einer von Tschechoslowaken nur noch selten verwendeten Sprache -- in Parteichinesisch: »Gegen die Hysterie des nationalen Chauvinismus«, »gegen Konterrevolution«, »für die rote Fahne des proletarischen Internationalismus mit den ewigen Symbolen Hammer und Sichel«. Der Hauptreferent des Abends, Kapek, beklagte den Prager Reformkurs:

* die erstmals in der KPC-Geschichte vollzogene Abkehr von der UdSSR;

* die Zerstörung der CSSR durch die geplante Föderation zwischen Tschechen und Slowaken;

* die zügellose Pressefreiheit und

* den Gesinnungsterror gegenüber realistischen Politikern.

Realist Kapek: »Niemand von uns wünscht eine Rückkehr zu den Verhältnissen, die vor dem Januar bestanden« -- vor der Reform. Und: »Niemand von uns darf sich einen Konservativen nennen lassen, denn wir sind weit progressiver als alle anderen.«

Erst Maler Famira brachte den Saal in Stimmung. »Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle: Ich bin ein Konservativer, Kollaborateur und Hochverräter« (Beifall). »In 20 Jahren hat die alte Führung nicht so viel Blödsinn gemacht wie die neue seit Januar« (Beifall). »Das Parteipräsidium hat wohl das Parteistatut zur freien Benutzung auf dem Klo ausgelegt« (Beifall).

Da entschloß sich auch Sowjetgenosse Korolenko, Politruk des Prager Kommandanten der Sowjetarmee die versammelten Panzerfreunde anzusprechen: »Liebe Genossen Kollaborateure«, begann sein Grußwort.

Der Kollektiv-Auftritt von Besatzungshelfern kann kaum einen Staatsstreich gegen die Reformer vorbereiten, sondern soll vermutlich nur psychologischen Druck erzeugen: als Zeichen, daß der geschlossene Widerstand gegen die Intervention -- deren Opfer in Preßburg demonstrativ durch Gedenktafeln geehrt wurden -- zerbröckelt.

Eine 15-Seiten-Meldung über das Kollaborations-Kolleg verbreitete am 11. Oktober um 17 Uhr die Sowjet-Agentur Tass. Eine halbe Stunde später zog Tass die Nachricht zurück -- in Moskau war aufgefallen, daß die Prager Konservativen ein Verbrechen begangen hatten, das auf Sowjetorder streng untersagt ist: Fraktionsbildung.

Dennoch haben die »Genossen Kollaborateure« schon ein zweites Meeting vorbereitet -- für den 21. Oktober. Dafür bat die Ehemaligen-Fraktion den Großen Saal der Prager »Lucerna« mit 3000 Sitzplätzen gemietet.

* An der Universität und der Hauptpost, mit der Inschrift, an dieser Stelle habe sich cm »tragischer Unfall« ereignet.

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