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Fernsehen / Nannen / Loewenthal Gestatten Sie

aus DER SPIEGEL 52/1970

Sie sind ein Verleumder« -- »Aber das sind doch Mätzchen« -- »Immer sogenannte Halbwahrheiten« -- »Mir kommen die Tränen« -- »Politische Diffamierung« -- »Sie widersprechen sich doch« -- »Was Sie treiben, ist gemeingefährlich« -- »Das lass ich mir nicht gefallen« -- »Halten Sie den Mund jetzt.

Solche Wortfetzen, die einem melodramatischen Drehbuch entstammen könnten, drangen am Mittwochabend letzter Woche live in die westdeutschen TV-Stuben. Stegreif-Dispute über Mord und Totschlag, Verbalinjurien alle paar Minuten, Details aus braunen Biographien und Nachrichten über einen frischen Herzinfarkt -- das hätten Perry Mason, Eduard (»XY«) Zimmermann, Wim Thoelke und Eugen Ionesco kaum zusammen fertigbringen können,

Während das Erste Programm Quiz-Freunde mit »Wer dreimal lügt« zu animieren suchte, durften die Zuschauer des Zweiten Programms -- 15 bis 20 Millionen waren es an diesem Abend laut Infratest -- raten, wer denn näher an der Wahrheit sei: Henri Nannen, 56, Chefredakteur des »Stern«, oder Gerhard Löwenthal, 47, Moderator des »ZDF-Magazin«, nebst ZDF-Reporter Jürgen R. Meyer.

Das war nicht einfach. Mindestens zwei Dutzendmal bezichtigten die Kontrahenten einander, Unwahrheiten oder Halbwahrheiten verbreitet, falsch zitiert oder recherchiert, manipuliert oder verdreht zu haben --Floskeln wie »Sie verbreiten Gerüchte« nicht mitgerechnet.

Wenn Henri Nannen mit rollendem »R« italienische Originaldokumente vorlas, als sei er ein Lombarde, warf Löwenthal ein: »Wir würden vier Stunden brauchen«, um alle Unterlagen vorzulegen. Wenn Löwenthal Dokumente aus der NS-Zeit heranzog, meinte Nannen: »Ja, ja, Dokumente kann man viele machen.«

Ausreden ließ keiner keinen (»Sie nehmen mir die Sendezeit weg«, »Lassen Sie mich auch mal ausreden«), und die Akteure wußten sich bei verlängerter Sendezeit so zu steigern, daß die ZDF-Darbietung zum größten Magazin-Spektakel in der Geschichte des westdeutschen Fernsehens geriet: halb Groteske, halb Politikum.

Der 47-Minuten-Disput galt einerseits der Frage, ob der laut ZDF »selbsternannte Kämpfer für politische Sauberkeit Henri Nannen« davon gewußt habe, ob sein Mitarbeiter Hans Weidemann« 66, ehemals SS-Obersturmbannführer und zeitweise stellvertretender NS-Gauleiter, 1944 als Kriegsberichterstatter der Luftwaffe zumindest indirekt an Kriegsverbrechen im italienischen Bevilacqua beteiligt gewesen sei (wie Löwenthal und Meyer im »ZDF-Magazin« am 2. Dezember suggerierten); > andererseits der Frage, ob ZDF-Löwenthal und ZDF-Meyer sich dabei »vorsätzlicher Manipulation und Nachrichtenverfälschung zum Zwecke der politischen Diffamierung« bedienten (wie Henri Nannen behauptet).

Zumindest der Blick zuruck muß für Zuschauer der Nachkriegsgeneration gespenstisch gewesen sein -- ein Disput aus dem politischen Jenseits, der gerade deshalb, weil er so vehement ausgetragen wurde, die Abgestandenheit der Sache verdeutlichte. Die gleiche Vehemenz, das gleiche Engagement, die gleiche TV-Aktualität etwa bei einer Diskussion über Mitbestimmung oder über Umweltschutz -- wo hätte es das im westdeutschen Fernsehen je gegeben?

Was Wunder, daß die Studio-Sendung zu einem Streit nach dem Motto geriet: »Haust du meinen Nazi, bau ich deinen Nazi.« Löwenthal über den Nannen-Mitarbeiter Weidemann: »SS-Totenkopf-Division, SS-Polizei-Division, SS-Panzerdivision.« Nannen über den Löwenthal-Chef Karl Holzamer: »Soll ich Ihnen jetzt die Jubel-Artikel Ihres Intendanten, des Kriegsberichters Dr. Holzamer, vorlesen?«

Ein Leserbrief in der Mainzer »Allgemeinen Zeitung«, abgedruckt am Morgen vor der Sendung, trug dazu bei, die verquere Vergangenheitsbewältigung deutlich zu machen. Leser Carl Rost verwies auf ein Photo und schrieb: »Hier überreicht der Leutnant und Zugführer einer Luftwaffen-Propaganda-Kompanie namens Dr. Karl Holzamer, also der heutige Chef von Magaziner Löwenthal, einem Kriegsberichter namens Victor Schuller -- heute stellvertretender Chefredakteur des »Stern' -- das EK II für Fronteinsatz im Stuka über Malta.

Und was Wunder auch, daß die beiden Kontrahenten -- Nannen zur NS-Zeit PK-Mann, den die Nazis nicht haben wollten, obwohl er »jung und nicht gerade krumm gewachsen war«; Löwenthal während der NS-Zeit in Zuchthäusern und Konzentrationslagern -- Beifall auch von der falschen Seite bekamen.

Der konservative Löwenthal, der einst die FU mitbegründete und später im ZDF die linksliberale Regierung ins Visier nahm, löste bei rechten Zuschauern eher Aversionen aus -- etwa bei jenem Bundesdeutschen, der am Abend der Sendung beim SPIEGEL anrief und sich erkundigte, ob »denn der Löwenthal wohl ein Jude« sei. Und Henri Nannen, der Liberale, erwarb zwangsläufig Sympathien bei alten Kämpfern, als er gegen »diese Entnazifizierungsverhandlung« wetterte.

So mag Löwenthal manchen Zuschauern linker als konservativ, Nannen rechter als liberal vorgekommen sein -- eine verzerrte Perspektive, freilich ohne Bedeutung für jene politisch bewußten Zuschauer, die den Kern der Sendung in der Diskussion über TV-Manipulation sahen. Ihn traf Henri Nannen« als er sagte: »Wenn ich irgendein Behördenangestellter oder irgendein Privatmann gewesen wäre, und Sie hätten diese Sendung gemacht« wenn ich nicht die Möglichkeit gehabt hätte, eine Redaktion, Rechercheure, Dolmetscher und so was anzusetzen, dann wäre ich erledigt gewesen.

In der Tat macht die Affäre deutlich, daß sich das wichtigste und mächtigste Kommunikationsmittel von heute folgenlos gegen jeden Bürger richten kann, der wehrlos ist. Ein Beamter etwa« der mit einer Vergangenheit à la Weidemann einer TV-Attacke à la Löwenthal ausgesetzt worden wäre, hätte außer einem Protestbrief kaum etwas unternehmen können. Ehe eine Klage vor ordentlichen Gerichten durch alle Instanzen gelaufen wäre, hätte er Renommee und womöglich Existenz verloren.

Henri Nannen, wohlhabender Chef der bedeutendsten westdeutschen Illustrierten (Auflage: 1,7 Millionen), war da besser dran. Unmittelbar nach der ersten inkriminierenden ZDF-Sendung mobilisierte »Stern«-Produktionschef Jochen von Lang die Korrespondenten des Blattes in Rom und Mailand. Für die Bevilacqua-Recherchen wurden gleichzeitig fünf Reporter und Rechercheure aus der Redaktion eingesetzt, vier Dolmetscher standen zur Verfügung.

Im Bevilacqua-Nachbarort Montagnana entdeckte Mailand-Korrespondent Hans Hausmann das Todesurteil von Bevilacqua -- ein Fund, der sich für Nannen als hilfreich erwies. Denn nicht Nannen-Freund Weidemann hatte das Dokument unterschrieben, sondern ein Ex-Hauptmann Willi Lemke, Regimentsführer in Este und heute Handelsvertreter im niedersächsischen Heidedorf Häcklingen. Und diesen Lemke wiederum spürten »Stern«-Reporter in Oldenburg auf: Er hatte nach der ersten ZDF-Sendung über Bevilacqua einen Herzinfarkt erlitten und lag im Krankenhaus. »Stern«-Photographen knipsten ihn im Bett.

Nach einer Pressekonferenz am Vormittag präparierte sich Nannen im Bonner Hotel »Tulpenfeld« auf die Sendung: Mit blauem Filzstift machte er sich Notizen auf Hotelbriefbogen und probte mit »Stern«-Korrespondent Peter Koch vom Bonner Büro einen Monolog von elf Minuten. Mehr Sprechzeit glaubte der »Stern« -Chef im Studio-Disput kaum zu erlangen.

Im Leih-Mercedes fuhr Nannen, mit von Lang und Koch, von Bonn nach Mainz, machte Im »Mainz Hilton« Quartier und war um 19.10 Uhr im ZDF-Studio Unter den Eichen zu Wiesbaden. Dieter Riwola, Regisseur der Live-Sendung, fand den »Stern -- Chef »sehr nervös und aufgeregt«. Löwenthal: »Gestatten Sie, daß ich Sie als Gastgeber trotz allem begrüße.«

»Stern«-Chef Nannen, an dessen Revers (blauer Anzug) das Komturkreuz des »Commendatore al Merito della Repùbblica Italiana« blinkte, interessierte sich vor allem für ein sendetechnisches Problem: die Einblendung der von ihm eingebrachten Dokumente. »Stern«-Laboranten hatten Bevilacqua-Unterlagen vergrößert. ZDF-Graphiker zogen die Kopien auf Pappe auf. »Stern«-Koch übernahm im Regieraum das Kommando über die Einblendung der Dokumente.

Bei der Sitzordnung tauchten Probleme auf. Nannen mochte sich nicht entscheiden. Am Tisch links vor der Kamera kamen ihm bei der Sitzprobe Zweifel: »Ist das eigentlich meine bessere Seite?« Riwola: »Ich kenne Ihre bessere Seite nicht.«

Die komplizierten Präliminarien beendete erst der Studiolautsprecher: »Ruhe!« Nannen beobachtete das ZDF-Duo am Tisch gegenüber: Löwenthal, in braungemustertem Sakko mit gelblichem Hemd, wirkte anfangs gelassen, doch bald begann der Magazin-Chef zu schwitzen -- und zwar um so mehr, als Nannen, ein in der TV-Geschichte bis dahin noch nie dagewesener Vorgang, die Sendung immer entschiedener an sich riß.

Im Studio 2 saßen und standen während der Sendung etwa 40 TV-Schaffende am Rande der Lichtkegel: »Heute«-Redakteure« Schminkdamen, Beleuchter. Aus dem Dämmer hinter den Kameras registrierte Nannen plötzlich, nach erstem Disput mit den Kontrahenten, eine Bewegung: Der Daumen eines Kabelträgers richtete sich nach oben.

»Einer blinzelte mir mit den Augen zu«, erzählte der »Stern«-Chef später, »und dann hoben sich noch ein paar Daumen.« Nach der Sendung stürzte einer der jungen Männer, ein Student, auf Nannen zu und schüttelte ihm die Hand: »Und wenn ich meinen Job verliere, ich muß Ihnen gratulieren.«

»Stern«-Mann Koch, der »die Sendung im Regieraum auf dem Monitor kontrollierte, fand die -- über Kopfhörer der Kameraleute geführte -- Bildregie von »Riwola sehr fair«. Doch ein ZDF-Redakteur bemängelte später, der Regisseur habe »Nannen besser verkauft«. »Magazin«-Produktionsielter Christoph von Hermet nahm seinen Mitarbeiter in Schutz: »Das war wie bei einem Fußballspiel, bei ·dem der Bildregisseur auch nicht versucht, das Spiel zu beeinflussen.«

Überspielt fühlte sich Nannen dagegen von Aushilfs-Moderator Wolfgang Weinert, in dem er zunächst einen Diskussionsleiter vermutet hatte. Weinerts Ansage fand auch bei einigen Vorgesetzten ebensowenig Anklang wie sein einseitiger Schlußkommentar.

Der Hilfsmoderator räumte nachträglich ein: »Sicher war das nicht ganz richtig.« Nannen aber gab seinem Unmut sofort lautstark Ausdruck. Es war ein für die starren Riten deutscher Fernsehgestalter unerhörter Vorfall, als der »Stern«-Chef -- für die Zuschauer unsichtbar und akustisch nicht ganz verständlich -- in die Weinert-Schlußansage brüllte: »Das also ist das neutrale Forum~« Und gleich darauf, als der Löwenthal-Kollege von einem »Fall Weidemann« und einem »Fall Nannen« sprach, skandierte der »Stern«-Chef noch einmal: »Das ist ein Fall Löwenthal!«

Erst nach Sendeschluß, als mit 32 Minuten Verspätung im Studio die Scheinwerfer erloschen, verflog die Spannung, verwandelte sich der Streit zwischen den beiden Magazin-Chefs in ein scheinbar kollegiales Gespräch. Riwola: »Ein Gespräch zwischen dem Landser Nannen und dem Antimilitaristen Löwenthal.«

Während sich die Neugierigen im Studio langsam verliefen, begleitete Produktionsleiter Hermet die »Stern«-Gäste in sein Dienstzimmer, wo er Bier und Gin spendierte. Und während Nannen mit seiner Frau Martha in Hamburg telephonierte, fand in Löwenthals Vorzimmer ein lautstarkes Palaver statt, wer das Match gewonnen habe.

Löwenthal zog sich zurück: Seiner Frau daheim hatte ein unbekannter Telephon-Anrufer einen Mordanschlag auf den TV-Mann angekündigt. Der Bedrohte forderte Polizeischutz an und fuhr in Begleitung eines Streifenwagens nach Hause. Stündlich lösten sich während der Nacht uniformierte Wächter vor der Löwenthal-Wohnung ab.

Nannen flog am nächsten Vormittag von Frankfurt nach Hamburg zurück und fand in der »Stern«-Redaktion stapelweise Telegramme vor »Dreiviertel sind für mich«, schätzt der Kombattant. So hatte Lale Andersen (»Lili Marlen") »im Namen aller weiblichen Zuschauer« Glückwünsche für Nannens »größten Erfolg als Mann und Journalist« gekabelt; Regisseur Bernhard Wicki (»Die Brücke«) fand »Ihre Haltung ganz großartig«. Auch beim ZDF war abends zuvor »die Tendenz der Anrufe eindeutig pro Nannen« gewesen (so ein ZDF-Mitarbeiter).

Zur gleichen Zelt, da der »Stern«-Chef in Hamburg seinen TV-Erfolg pries, eilte in Mainz Kontrahent Löwenthal mit wehendem grauen Mantel und einem Stoß Akten unter dem Arm in das Büro von ZDF-Intendant Holzamer. Ein ZDF-Mann: »Da ist dicke Luft drin.«

Sie klärte sich erst gegen 14.00 Uhr, als sich die ZDF-Führung auf ein Konferenz-Kommuniqué geeinigt hatte. »Eine Dokumentation«, so der Beschluß, solle noch in dieser Woche Nannens Vorwürfe gegen Löwenthal und Meyer »widerlegen«. Intendant Holzamer aber, den die Mainzelmänner mehrfach telephonisch im Brüsseler ZDF-Studio konsultierten, zögerte bis 16.30 Uhr, bevor er sein Plazet zur Veröffentlichung gab.

Denn die Folgen solcher Defensiv-Strategie für die bundesdeutschen TV-Anstalten liegen auf der Hand. Abgesehen von Löwenthal-Querelen im ZDF selber -- Holzamer-Sprecher Paul Friedrich Weber. »Die Sendung führt ganz eindeutig zur Polarisierung quer durch das eigene Haus« -, könnte sich Löwenthais Attacke nach Nannens Gegenoffensive als juristisches Debakel für Politik im Fernsehen erweisen.

Für die Rundfunk-Anstalten, die sich bislang -- im Gegensatz zur Presse -- mit Erfolg vor pressegesetzlichen Gegendarstellungen drücken konnten, stellt sich nunmehr die Frage, ob das ZDF nicht durch Nannens Fernseh-Auftritt einen Präzedenzfall geschaffen hat, der zur Folge haben könnte, daß in Zukunft jeder im Fernsehen gegen ihn erhobene Vorwürfe im Fernsehen zurückweisen kann -- eine Konsequenz, die vor allem den häufig kritisierten Parteien und Verbänden seit langem gelegen kommen muß.

Nur wenige Stunden nach der Nannen-Löwenthal-Kontroverse im Zweiten Kanal meldete sich bereits die erste Interessentin -- die CSU. Kommentar der Münchner Landesleitung: »Was Herrn Nannen recht ist, muß anderen billig sein.«

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