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SOZIALDEMOKRATEN Gestrichen voll

Eine Dokumentation über Herbert Wehner schockiert die SPD: Herausgeber und Kommentator ist Professor Arno Klönne, SPD.
aus DER SPIEGEL 41/1975

Auf der Titelseite des schwarzen Paperbacks zeigt ein grimmig verzerrtes Gesicht krumme Zähne, darunter wird die Mißtrauensfrage gestellt: »Machte Wehner die SPD kaputt?« -- der SPD-Fraktionsvorsitzende als Frankensteins Bruder, jetzt in Schaufenstern zu besichtigen.

Auf dem Umschlag steht der Name eines »Sozialdemokraten aus Überzeugung« (Verlags-Vorbemerkung), der als Herausgeber und Kommentator seine Parteifreunde mit einer »Dokumentation über den Identitätsverlust der bundesdeutschen Sozialdemokratie« aufschreckt: Arno Klönne, 44, Soziologie-Professor in Münster, bis 1974 Vorstandsmitglied des SPD-Bezirks Ostwestfalen-Lippe.

Das Konvolut des Dr. Klönne ist ein 276 Seiten starkes Stück mit Debattenreden, Aufsätzen und Interviews von Wehners KPD-Zeit im sächsischen Landtag, 1930/31, bis zu seiner Moskau-Reise im September 1973. Das Gesammelte soll beweisen, daß Wehner »den traditionellen Charakter der SPD Zug um Zug austilgte« und die Partei »in ihrer vorgegebenen politisch-ethischen Bestimmung zerstörte«, daß er durch »Machtmißbrauch« die »parteipolitische Manipulation«, die »politische wie die materielle Korruption förderte und vor allem die Integration der jungen Generation verhinderte«.

Allein schon die Mixtur von Verfasser, Verlag und Vorlage-Termin des Buhmann-Buches sorgt für Unmut bei der SPD-Führung. Denn Genosse Klönne, für den kommenden SPD-Bundesparteitag in Mannheim -- noch -- als Delegierter aufgestellt, verbündete sich mit einem Erbfeind seiner Partei und speziell Herbert Wehners: mit dem Dossier-Sammler Hans Frederik, der in Landshut den »Verlag politisches Archiv« (vpa) betreibt.

Seit bald 15 Jahren schon hat sich Frederik auf die SPD-Führung eingeschossen -- mit Büchern und Pamphleten. Auftakt waren die Bekenntnisse der zeitweilig von Willy Brandt favorisierten Ex-Journalistin Susanne Sievers. Zum Bundestags-Wahlkampf 1961 erschien das Buch »Die Kandidaten« (Autor: Sozialdemokrat Hans Frederik), mit dem vor allem der SPD-Kanzler-Aspirant Brandt durch verzerrende Beleuchtung seiner Emigrantenzeit als vaterlandsloser Geselle abgestempelt werden sollte. Dann folgte Tiefschlag auf Tiefschlag:

* 1972 »Deutschland, deine SPD« (Untertitel: »Die Frustrierten und die Manipulierten"), abermals eine bösartige Abrechnung mit der heutigen SPD-Spitze, wobei sich hinter dem Autorennamen »Peter Kohnen« angeblich eine Gruppe von »Beobachtern aus der SPD-Baracke« (Frederik) in Bonn verbarg;

* 1973 »Sozialismus ist das Ziel«, eine SPD-Historie des Wehner-Widersachers und langjährigen Ostbüro-Funktionärs Rudolf Maerker, mit der »die Legende von der »liberalen Reformpartei"« widerlegt werden sollte;

* 1974 »Von Grotewohl bis Brandt«. eine verbitterte Bilanz des Berliner Altgenossen Karl J. Germer, der das Verhalten führender Sozialdemokraten gegenüber der SED als »naiv und fahrlässig« verurteilte;

* ebenfalls 1974 »Sein Freund, der Spion«, eine gegen Brandt, Verfassungsschützer Nollau und Wehner gerichtete hämische Schilderung des Falles Guillaume, nach deren Erscheinen Brandt mit Erfolg auf Änderung des diskriminierenden Titels klagte; nächster Termin gegen vpa ist am 15. Oktober vor dem Landgericht Bonn.

Kaum war publik, daß sich nun Klönne Frederiks Anti-SPD-Trip mit einer neuen Wehner-Verdammung angeschlossen hat, da konferierte Bundesgeschäftsführer Holger Börner mit dem SPD-Bezirksgeschäftsführer Helmut Wulfmeier in Bielefeld. In dieser Woche nun wird der Bezirksvorstand über den Autor und sein Werk zu Gericht sitzen.

Damit gerät ein Genosse in die Zwickmühle, mit dem sich die SPD schon öfters schwergetan hat. Klönne war ein Wortführer der ehemaligen »Außerparlamentarischen Opposition« und Mitglied des Offenbacher »Sozialistischen Büros« von linken Gewerkschaftern und Sozialismus-Strategen.

Der intelligente Linksaußenseiter, bislang toleriert, muß nun erstmals mit Strenge oder gar Sanktionen von der Partei rechnen. Klönne distanzierte sich denn auch bereits mit einem weitschweifigen Erklärungsbrief an einige Freunde und Funktionäre in der SPD von einem Text, »der in wesentlichen Teilen tendenziell und massiv meinen Einschätzungen ... zuwiderläuft«; es sei nicht erkennbar, »welche kommentierenden Passagen von mir und welche vom Verlag stammen«.

Klönne bestreitet nicht, ausgerechnet mit Frederik einen regulären Vertrag über eine »kritische Dokumentation« abgeschlossen und einen »eher reißerischen Titel« akzeptiert zu haben. Dabei war er ursprünglich nur um ein Vorwort zu dem Wehner-Buch gebeten worden, das Klönnes langjähriger Mitstreiter Nikolaus J. Ryschkowsky für Frederik zusammenbrauen sollte. Aber Klönne wollte Wehner selber entlarven, er wurde alleiniger Herausgeber.

Mit Ryschkowsky, der in Frankfurt linkssozialistische Gazetten und Zirkulare herausgibt ("Die linke Linke«, »Interfact"), sortierte und formulierte Klönne zwei Tage lang in Frederiks -- zeitweilig vom Verfassungsschutz observierter -- Villa in Vilsheim bei Landshut.

Die Endbearbeitung überließ er dann Ryschkowsky, Korrekturfahnen und Umbruchexemplare, die Frederik an Ryschkowsky geschickt hatte, will er nie gesehen haben. Weil Ryschkowsky letzte Woche im Urlaub war und den Freund nicht entlasten konnte, bemühte sich Klönne über einen Rechtsanwalt um Kennzeichnung jener Abschnitte in den noch nicht ausgelieferten Exemplaren (Auflage zunächst 10 000), die er nicht verfaßt haben und nicht verantworten will.

Frederik aber, der auf Briefe und Abmachungen pochen kann, registriert genüßlich die Angst des Autors vorm Partei-Gezeter: »Herr Klönne hat die Hosen gestrichen voll -- aber er muß seine Aussagen vertreten.«

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