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Briefe

Gesunder Menschenverstand
aus DER SPIEGEL 47/1971

Gesunder Menschenverstand

(Nr. 45/1971, SPIEGEL-Titel: »Das Geschäft mit der Pornographie")

Es muß heiß, heißer, ja tolldreist und mitunter wohl explosiv zugehen unter Deutschlands Steppdecken, wenn man vernimmt, 40 Prozent der Bürger würden da wie benommen, ja wild vor Neu- und Begierde. im Vorgeschmack des süßen Taumels, in diverse Sex-Shops stolpern und torkeln. Sportlich, sportlich, wie man sich so gibt, und in der Tat, auf diese Weise kann dem Herzinfarkt oder etwa dem Kreislaufkollaps auf wirksame, elegante und zudem noch sympathische Weise vorgebeugt werden. Von Sex-Olympiaden bis zum interfamiliären Wochenend-Bordell, zu Nudelhölzern -- die Kultur hält nicht inne, der Menschheit Wonne und Erleichterung, eben Segen zu bringen. Man braucht nicht mehr Zuckerbrot, nicht die Peitsche. Genialisch ist doch, wie da auf Bundesebene bisweilen der »homo erectus genitalis« beschworen wird.

Wann schlagen staatlich geprüfte und auch anerkannte Porno-Therapeuten cleveren Süßwarenfabrikanten die Herstellung von Schleckstengeln im Originalformat vor, die dann, in den Pausen, vom Lehrpersonal an frustrierte Volksschul-Mädels beispielsweise gratis abgegeben werden sollen?

Wann endlich bereichern wir unsere öffentlichen Anlagen mit sogenannten zoologischen Lustgärten, in denen jene (gar nicht mehr so seltenen) putzigen Leutchen ihre Textilien und ihr Mensch-Sein abstreifen können, bereit zur gruppendynamischen Kopulation?

Lausanne (Schweiz) ALEX HANUSCH

Ich weiß nicht, ob Ihre sämtlichen Behauptungen über die täglichen Vorgänge in der Villa Gehl den Tatsachen entsprechen. Mich interessiert auch nicht, wer die täglich eintreffende Post am Vormittag mit Elfenbein-Brieföffner in zwei verschiedene Körbe einordnet, damit Sohn Amadeus die Pornopost einwandfrei beantwortet. Ich weiß nur. daß Amadeus Gehl mit Axel Springer, der auch Pornozeitungen druckt, sich eigentlich in ganz guter Gesellschaft befindet.

Mit anderen Worten: »Porno« interessiert heute auch Leute, die vorgeben, das Christentum gepachtet zu haben, und die für die CDU Reklame machen. Es ist also nicht nur die SPD, die laut SPIEGEL an »Porno« verdient.

Neustadt (Bad.-Württ.) RUDOLF STEIMER

In einer Gesellschaft, deren Erziehungsziel (bedingt durch Moralauffassung Religion und entsprechende Gesetzgebung) der Neurotiker ist, wird das Porno-Geschäft nicht untergehen. Ailingen (Bad.-Württ.) HELMUT SCHÖNLEBER

Nicht die Pornographie, das Geschäft mit ihr ist schmutzig. Doch warum soll es auf diesem Sektor christlicher zugehen als in jeder anderen Branche?· Das ist systemimmanent. Und trotzdem: Lieber das schmutzigste Geschäft mit dem Sex als das »sauberste« mit Waffen und Munition. Die Aufforderung »Seid nett aufeinander« ist mir allemal sympathischer als die, für einiger Leute Wohl zu morden und zu sterben. Für Krisenherde empfehle ich darum tonnenweise Josefine Mutzenbacher.

Hückeswagen (Nrdrh.-Westf.) ERNST DITTRICH

»Der Verlust der Scham ist der Anfang des Schwachsinns« (Freud).

»Unsere Aufgabe liegt darin ... diese unverantwortliche pornographische Affäre taktisch zu unterstützen und sie als höchstes Ziel der absoluten künstlerischen Freiheit zu erklären. So erreichen wir die wirksame Beschleunigung des Verfaulens des Bürgertums« (Kommunistische Partei Italiens).

»Wenn wir eine Nation vernichten wollen, so müssen wir zuerst ihre Moral vernichten. Dann wird uns die Nation als reife Frucht in den Schoß fallen« (Lenin).

St. Symphorien (Belgien) ALFRED REUTHER

Ihr Ressort »Graphische Gestaltung« scheint eine Vorliebe für zerschnippelte 1000-Mark-Scheine zu haben. Einmal verwendet (SPIEGEL 32/1971), dürfte für ein Titelbild wohl reichen. Angesichts der Teuerungswelle kann so ein 1000-Mark-Schein einem weh tun.

Langeoog Nieders.) RALPH-ANDRE ZIDANIB

Es ist kein Zufall, daß mit der äußeren »Umweltverschmutzung eine innere -- die Pornowelle -- einhergeht. Beiden gemeinsam ist das rücksichtslose Profitdenken, die Wahrnehmung einer Chance, Millionengeschäfte mit der »Aufklärung« nach dem »Fortschritt« zu machen. Die primitivste Auslegung des Begriffs der Freiheit (jeder kann machen, was er will) ließ unsere äußere und innere Umwelt verschmutzen. »Schweinkram« (Willy Brandt) und giftige Abgase sind die Zeichen unserer Zeit.

Berlin WERNER STERNBERG

ich würde sagen: Thema verfehlt, zumindest nicht erschöpfend behandelt. Sie schreiben nur von den Millionen, die mit Porno umgesetzt werden (übrigens hei Handelsspannen, die auch in vielen anderen Branchengang und gäbe sind). Wo bleibt aber der Hinweis auf die Millionen« die zur Zeit dadurch vergeudet werden, daß in manchen Teilen der Bundesrepublik von Strafverfolgungsbehörden eine wahre Hexenjagd gegen Porno-Erzeugnisse entfacht wird. Einerseits verkündet der Bundesjustizminister, daß es nicht Sache des Staates sein könne, dem erwachsenen Bürger seine Literatur vorzuschreiben, und der Gesetzesentwurf zur Abänderung der hundert Jahre alten obrigkeitsstaatlichen Vorschrift soll demnächst zur 2. und 3. Lesung in den Bundestag kommen. Auf der anderen Seite sind tagtäglich Hunderte von Beamten damit beschäftigt, erotische Literatur zu beschlagnahmen (mit oder ohne Ergötzen), zu sichten und dem Zerreißwolf zuzuführen. Das verteuert nicht nur die erotisch-pornographische Literatur, sondern erleichtert auch nicht unbeträchtlich den Steuersäckel. Wo bleibt der gesunde Menschenverstand?

Frankfurt DR. KLAUS HARTUNG

Dr. Müllers Buch-Boutique

Wir sind darüber empört, daß Sie uns unter die Porno-Presse einordnen, Offensichtlich haben Sie die »St. Pauli Zeitschrift« nicht sehr genau gelesen. sonst müßte Ihnen der im Impressum eingedruckte Untertitel »Kampf blatt der Deutschen Sex Partei« aufgefallen sein.

Bei der »St. Pauli Zeitschrift« handelt es sich einwandfrei um das Organ einer ordentlichen politischen Partei, die zwar die sexuelle Freiheit auf ihre Fahne geschrieben hat, nichts gegen Porno hat, deshalb aber noch lange kein Porno macht.

Weiter schreiben Sie, daß sich an der »St. Pauli Zeitschrift« gegenüber der »St. Pauli Zeitung« nichts geändert habe. Wir sind aufmerksame SPIEGEL-Leser, Sie sollten aufmerksame »St. Pauli Zeitschrift«-Leser werden!

Allein der Fortfall der gewerblichen Sex-Anzeigen müßte Ihnen da doch zu denken geben.

Hamburg JOACHIM DRIESSEN

Verleger der »St. Pauli Zeitschrift«

Spekuliert der SPIEGEL selbst mit dem »Geschäft der Pornographie«?

Saarbrücken ROLF BROCKSCHMIDT

Bravo« jetzt wissen wir es endlich: Jeder bundesdeutsche Mann gibt im Jahr genausoviel Geld für Porno aus als für Unterwäsche. Frage an die CDU, die doch für 1973 so dringend Wählerstimmen benötigt: Warum unterstützen Sie nicht endlich den Gesetzesentwurf für ·die (beschränkte) Freigabe der Pornographie.

Es wäre immerhin, nicht ausgeschlossen, daß Sie dann neben den Unterhosenverkäufern auch noch die Stimmen einiger Pornofreunde gewinnen könnten.

Michelbach (Hessen) GUNTHER HOFFMANN

Nach westdeutschen Pressemeldungen wird in der DDR die Einfuhr von Pornographie mit Gefängnis bis zu fünf Jahren bestraft, wieder ein Beweis dafür, daß »drüben« das anständige, bessere Deutschland ist! Und vor allem: Wie gut, daß sich die DDR durch die Mauer geschützt hat!

Hamburg WERNER DIETZ

Auf Seite 116 dieser Ausgabe stellen Sie ganz richtig fest: »Pekings Weg in die Uno, Londons Schritt nach Europa ließen die vorige Woche zu einer »historischen Woche« werden.« Gerade deshalb habe ich mir den SPIEGEL gekauft, um über diese wichtigen Ereignisse informiert zu werden. Doch was bringt der SPIEGEL in dieser Woche?

Berlin GEORG LÖW

Mal sehen, ob Ihnen im nächsten Jahr wiederum etwas dazu einfällt.

Garbsen (Nieders.) PETER RICKMANN

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