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BUNDESWEHR / NPD Geteert und gefedert

aus DER SPIEGEL 8/1968

Bonns Kanzleramt hält eine wissenschaftliche Untersuchung über das demokratische Bewußtsein in der Bundeswehr geheim. Grund: Der Bundesregierung ist es unangenehm, daß fast jeder vierte Bürger in Uniform ein potentieller NPD-Wähler ist. So jedenfalls steht es in einer 110 Seiten umfassenden Analyse des »Wahlverhaltens der Bundeswehr«, die der Politologe Heribert Schatz, 31, und seine Frau Marianne, eine Doktorandin der Soziologie, unter der Anleitung des Mannheimer Polit-Professors Rudolf Wildenmann erarbeitet haben.

Bezahlt aus dem Sechs-Millionen-Titel 309 ("Öffentlichkeitsarbeit in Verteidigungsfragen") des Kanzleramts, durchforschte das Ehepaar 28 Wahlbezirke mit Bundeswehrgarnisonen -- von Flensburg bis Fürstenfeldbruck, von Koblenz bis Cham.

Bei ihrer bereits im März vergangenen Jahres vorgelegten »empirischen Untersuchung« der Bundestagswahl 1965 stellten die Mannheimer Wissenschaftler fest, daß deutsche Soldaten anders wählen als deutsche Zivilisten.

So lagen zum Beispiel in Kasernen-Wahlbezirken die Stimmanteile der CDU rund 60 Prozent über, die der SPD rund 35 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt beider Parteien; die FDP schätzten Soldaten und Zivilisten gleich gering.

Der Christenunion besonders gewogen zeigten sich die Berufssoldaten, deren Sympathien für die CDU mit dem Dienstgrad steigen. Die Sozialdemokraten fanden fast nur bei den Wehrpflichtigen Zuspruch.

Diese Ergebnisse, so ermittelte das Ehepaar Schatz durch Umfragen in den Kasernen und Analysen der Landtagswahlen, werden sich bei der Bundestagswahl 1969 nicht wiederholen. Grund: das Aufkommen der Nationaldemokraten.

Für 1969 prophezeien Heribert und Marianne Schatz, daß die CDU in der Bundeswehr nur noch 20 Prozent mehr Stimmen als in der Gesamtbevölkerung und die SPD bei den Soldaten nur noch 25 Prozent weniger Stimmen als im Bundesdurchschnitt haben wird. Die CDU-Abtrünnigen werden 1969 zusammen mit jenen Bürgern in Uniform, die bislang notorische Nichtwähler waren, aller Voraussicht nach bereit sein, für die NPD zu stimmen -- etwa 100 000 bis 120 000 Soldeten.

Als braune Kerntruppe unter den Feldgrauen machten die Verhaltensforscher »ältere Unteroffiziers- und Feldwebelgrade« aus. Zu diesen Soldaten, die »sich durch die Vergangenheit geteert und gefedert fühlen und Anpassungsschwierigkeiten haben« (so ein Celler Luftwaffenhauptmann zu Heribert Schatz), stießen in den letzten Monaten auch zahlreiche jüngere Offiziere.

Als Gründe für die Rechtsschwenkung ermittelten die Wahl-Prüfer Schatz

»Unsicherheit im Bündnissystem«; »Unklarheiten in der Aufgabenstellung«;

> das atomare Patt der Großmächte«;

>"die abschreckende Vorstellung, als Deutscher hüben gegen Deutsche drüben zu stehen«.

»Vielfältige Spannungen und Konflikte in der Bundeswehr, vor allem eine deutliche Unzufriedenheit mit der politischen Führung«, so das Resümee der Mannheimer Wissenschaftler, »lassen befürchten, daß sich die NPD-Erfolge noch vergrößern.«

Angesichts dieser Ergebnisse mochten die Auftraggeber der Schatz-Studie deren Inhalt -- ursprünglich für die Öffentlichkeitsarbeit der Regierung bestimmt -- nicht einmal den Mitgliedern des Bundestags-Verteidigungsausschusses bekanntgeben, die um vertrauliche Einsichtnahme baten.

Wehrminister Schröder ließ den Ausschuß in geheimer Sitzung wissen, die Wahlanalyse könne erst nach gründlicher Überarbeitung ausgefolgt werden. Regierungssprecher Diehl präzisierte vor Parlamentariern: Die Studie stoße auf »Bedenken hinsichtlich der angewandten Methode«.

Überarbeitet wird die Schatz-Studie derweil im Planungsstab des Bundeskanzleramts. Bearbeiter: der von Professor Wildenmann zu Kanzler Kiesinger übergewechselte Heribert Schatz.

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